Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 349

Kommunismus. Der gemeinsame Anteil an den vorhandenen Nahrungsquellen ist eine Eigentümlichkeit primitiver Wirtschaft, die allen Gliedern der Gemeinschaft den Vorteil der gleichen Sicherung der notwendigen Nahrung gewährt. Indessen ist der K., wo er beobachtet werden kann, weder verstandesmäßig eingeführt worden, noch erstreckt er sich auf andre als wirtschaftliche Gebiete; überall besteht mindestens Privateigentum an Schmuck, Jagd- und Kriegsgerät der Männer, Arbeitsgerät der Frauen, und der hierauf beruhende "Reichtum" gewährt sozialen oder politischen Einfluß. Der Nachteil des K. liegt darin, daß er die Entwicklung und Betätigung der Individualität, den zu jedem Fortschritt unentbehrlichen sozialen Wetteifer verhindert. Wahrscheinlich hat die Erkenntnis von dem verschiedenen Wert der Kräfte und der Arbeit des einzelnen Individuums den K., falls er jemals ausschließlich herrschte, schon früh eingeschränkt. Die Ausdehnung des K. ist heute nach den Wirtschaftsformen verschieden. Bei den Jägervölkern ist das Jagdgebiet Gemeinbesitz, die Jagdbeute wird unter die Mitglieder der Horde gleichmäßig verteilt; wo die Jagd auf höheren Wirtschaftsstufen eine Rolle spielt, kann der Familie gegenüber die gleiche Sitte fortbestehen. Bei Hirten und Bauern pflegt ein Gemeinbesitz an Land zu bestehen, doch sind die Herden Privateigentum, und der Bauer kann sich außerhalb des in Gemeinbesitz befindlichen, unter die Gemeindemitglieder aufgeteilten Kulturlandes durch Arbeit Privatland schaffen (s. Wirtschaft der Eingeborenen).

Thilenius.