Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 354 f.

Kongokonferenz. Als die Association Internationale Africaine (s.d.) und die daraus hervorgegangene Association Internationale du Congo daran ging, eine zivilisierte Macht im Innern des tropischen Afrika zu errichten, war einer der Grundgedanken, daß allen Völkern dort gleiche Bedingungen eines möglichst freien Handels geschaffen werden sollten, ein Grundsatz, der auch Voraussetzung war, als sich aus den Unternehmungen der Association, oder richtiger des Königs Leopold II. von Belgien und seines Beauftragten, Henry Stanley (s.d.), von1882/84 ein anfangs noch sehr unbestimmtes staatliches Gebilde entwickelte. Dieser Grundsatz erschien gefährdet, als Portugal, dessen koloniale Handels- und Zollpolitik ihm wenig entsprachen, Ansprüche auf die Gebiete an der Kongomündung erhob und am 26. Febr. 1884 mit Großbritannien einen Vertrag abschloß, wonach dieses die portugiesische Herrschaft an der Küste bis 5° 12' s. Br. anerkannte und zustimmte, daß der Zolltarif von Mozambique dort eingeführt werde. Britische Schiffe und Waren sollten den portugiesischen gleichstehen, eine portugiesisch- britische Kommission die Schiffahrt an der Kongomündung überwachen. Gegen diesen Vertrag entstand in den beteiligten Handelsund Schiffahrtskreisen Deutschlands, der Niederlande, Frankreichs, ja selbst Englands eine lebhafte Agitation, die von dem in seinen Kongo- Interessen schwer bedrohten König Leopold in Europa und in den Vereinigten Staaten geschickt genährt, wurde. Die deutsche Regierung erhob im April 1884 in Lissabon und in London Einspruch gegen die Anwendung der englisch- portugiesischen Abmachungen auf deutsche Reichsangehörige und erklärte, daß sie eine Vorzugsstellung Portugals am Kongo nicht anerkenne. Sie trat in Verbindung mit den Regierungen anderer Staaten, insbesondere Frankreichs, um durch gemeinschaftliches Auftreten dem Grundsatz der Solidarität und der Gleichberechtigung, wie er in Ostasien Anwendung finde, Geltung zu verschaffen. Aus den Verhandlungen ergab sich der Plan einer internationalen Konferenz, zu der die deutsche Regierung einladen sollte. Als Programm der Verhandlungen war mit Frankreich vereinbart (Sept. 1884): Sicherung der bestehenden Handelsfreiheit im Kongogebiet gegen Einschränkungen zum Vorteil Einzelner, Anwendung der für die internationale Schifffahrt auf der Donau geltenden Grundsätze auf Kongo und Niger (letzteres auf Vorschlag Frankreichs), Aufstellung von Grundsätzen über die bei der Besitzergreifung herrenloser Gebiete zu beobachtenden Formen. Im Verlauf der Verhandlungen sind dann als weitere Gegenstände noch der Sklavenhandel und die Hebung der Eingeborenen hinzugekommen, beides dem ursprünglichen humanitären Programm der Association Internationale entstammend. Am 6. Okt. lud die deutsche Regierung zu der Konferenz nach Berlin ein, die von Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Spanien, den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Portugal, Rußland, Schweden und Norwegen und der Türkei beschickt wurde. Die K. trat in Berlin am 15. Nov. 1884 zusammen und schloß ihre Arbeit am 26. Febr. 1885 mit der Unterzeichnung der Kongoakte (s. d.). Die Association Internationale ließ am gleichen Tage ihren Beitritt zu den Abmachungen der K. erklären, was tatsächlich die Voraussetzung der Anerkennung des neuen Kongostaates gewesen war. Parallel mit den oben dargestellten Verhandlungen waren die der Association mit den einzelnen Staaten gegangen, welche die Anerkennung des Kongostaates enthielten. Der Vertrag mit dem Deutschen Reiche ist am 8. Nov. 1884 abgeschlossen und enthält in bezug auf den Handel und die Behandlung der deutschen Reichsangehörigen bereits die Grundsätze der Kongoakte. Besonders wichtig, seit dem Erwerbe von Neukamerun auch für uns, sind die Verträge der Association mit Frankreich vom 23. April 1884 und vom 14. Febr. 1885, durch welche sie ausgedehnte Gebiete zwischen dem rechten Kongoufer und dem Meere (Kwilugebiet) aufgab und Frankreich das Vorkaufsrecht an ihrem Gebiete einräumte. Auch gegenüber Portugal mußte sich die Association in Konzessionen finden, die zu der bestehenden verzwickten Abgrenzung am Unterkongo führten, aber dem Kongostaate den freien Zugang zum Meere sicherten.

Literatur: Weißbuch, dem D. Reichstage vorgelegt in der 1. Session der 6. Legislaturperiode (1885). - A. J. Wauters, Histoire politique du Congo, 1911. (Die beste Darstellung der Entstehung und Entwicklung des Kongostaats.)

Rathgen.