Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 363 f.

Koralleninseln. Riffkorallen- (s. Korallen) bilden, wenn sie längere Zeit weiterwachsen und sich knospend ausbreiten, eine feste aber poröse Kalkmasse, welche schließlich die Meeresoberfläche erreicht. Sobald die Korallenstöcke bei niedrigem Wasserstand längere Zeit unbenetzt den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, sterben sie ab. Die abgestorbenen Korallen zerfallen allmählich und bilden die Grundlage von niedrigen Inselchen. Durch angetriebene Baumstämme usw., die in Tropenmeeren nichts Seltenes sind, wird eine Humusschicht geliefert, und angespülte Strandpflanzensamen liefern eine einförmige Strandvegetation. - Schneller erfolgt die Verlandung, wenn eine schwache Hebung des ganzen Gebietes stattfindet. Namentlich in vulkanischen Gegenden kommt eine solche Hebung häufig vor. Frühere Korallenriffe, mit Schalen von Schnecken usw. durchsetzt, findet man häufig als Uferzone vulkanischer Inseln. Oft sind diese mehrere Meter hoch gehoben und mit üppigem Pflanzenwuchs bedeckt. Zahlreiche Inseln bestehen in Korallenriffgebieten ihrer ganzen Masse nach aus Korallenkalk. Man nennt sie dann K. Im einfachsten Falle sind diese Inseln durch Hebung entstanden. -Nachdem an flachen Meeresstellen die Korallen sich angesiedelt hatten und bis zur Oberfläche gewachsen waren, entstand durch Hebung die Insel. An den Ufern wuchsen die Korallen weiter, bis nach einiger Zeit eine neue Hebung eintrat und die Strandriffe über den Meeresspiegel hob. In dieser Weise ist z.B. die Inselgruppe Neulauenburg (s. d.) im Bismarckarchipel durch wiederholte Hebung entstanden. Geht man nämlich auf der kleinen Insel Mioko vom flachen, aber schon mit Bäumen bewachsenen Südufer aus, so trifft man nach wenigen Schritten einen früher von der Brandung unterwühlten Uferrand, der ganz aus Korallenkalk besteht. Ersteigt man diesen und geht weiter, so findet man, mitten auf der Insel, einen Korallenkalkfelsen, der ebenfalls noch heute den früher von der Brandung unterwühlten Uferrand erkennen läßt. Solche Inseln sind äußerst lehrreich, weil sie beweisen, wie sehr in vulkanischen Gebieten Hebung und Stillstand wechseln. Wie Stillstand mit Hebung wechselte, so konnten natürlich auch Senkungen mit Hebungen wechseln. Bei Senkungen waren wieder zwei Fälle möglich. Entweder der Meeresboden senkte sich schneller als das Riff wuchs. Es mußte dann das Riff in immer größere Meerestiefen gelangen und schließlich absterben, weil die Riffkorallen in größeren Tiefen nicht leben können. - Oder der Boden senkte sich nicht schneller als die Korallen wachsen konnten. Dann blieb das Riff immer in der Nähe der Oberfläche und konnte dauernd weiterwachsen. Die Kalkmasse nahm dann im Laufe der Zeit eine immer bedeutendere Mächtigkeit an. Korallenkalkmassen in einer Mächtigkeit von mehreren hundert Metern kann man tatsächlich auf gehobenen K. beobachten., und diese können nur durch eine frühere Senkung in der angegebenen Weise entstanden sein. Auf keinen Fall können die Korallen aus einer großen Tiefe herauf bis zur Oberfläche gewachsen sein, weil, wie gesagt, Riffkorallen in großen Tiefen nicht leben können. - Gehen wir von den hier genannten Erfahrungstatsachen und Erwägungen aus, um uns die außerordentlich weit verbreiteten ringförmigen K. oder Atolle (s. Abb.) zu erklären, so müssen wir uns der Erklärung Darwins anschließen. - Frühere Beobachter glaubten, daß die Atolle Ränder unterseeischer Krater seien. Diese Erklärung konnte nicht befriedigen, da das Nebeneinandervorkommen so zahlreicher Krater von genau gleicher Höhe - man vergleiche z.B. die Marshallinseln - im höchsten Grade unwahrscheinlich ist. Nach der Darwinschen Erklärung waren ursprünglich Inselchen von verschiedener Größe, je von einem Korallenriff umsäumt, vorhanden. Dann trat eine Senkung ein. Das Korallenriff, das die Insel rings umgab, wuchs weiter. Die Insel versank. An ihrer Stelle, d.h. innerhalb des Ringriffes, konnten sich keine Riffkorallen ansiedeln, weil der äußere Ring ihnen die Nahrung entzog. Die Ringform blieb also erhalten. Eine geringe Hebung, ja schon ein Stillstand in der Senkung konnte dann das ringförmige Riff in eine ringförmige Insel, ein Atoll, umwandeln. - Die sog. Barriereriffe, die durch einen Kanal, eine Lagune, vom Ufer einer Insel oder des Festlandes getrennt sind, hat man nach dieser Auffassung als ein Übergangsstadium anzusehen. Bevor die Insel ganz versunken ist, werden zunächst die Ränder unter den Meeresspiegel gelangen, und aus dem Saumriff ist ein Barriereriff geworden (s. Korallenriffe). Auf der Inselgruppe Neulauenburg befinden sich im Westen Barriereriffe, im Osten Saumriffe, und im Einklang mit dieser Tatsache lassen die von der Brandung unterwühlten Uferränder mit aller Klarheit erkennen, daß der Ostrand sich zurzeit noch hebt bzw. stillsteht, während der Westrand sich senkt. Einige Forscher (Semper [s.d.], Murray, Agassiz), die sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnten, daß in einem engumgrenzten vulkanischen Gebiet Hebungen und Senkungen derartig miteinander wechseln können, haben an die Stelle der Darwinschen Theorie eine neue zu setzen gesucht. Auch sie nehmen an, daß innerhalb des Riffes, besonders aus Nahrungsmangel, Riffkorallen nicht existieren können. Sie meinen aber, daß nach Absterben der Korallen die Lagunen lediglich durch Auswaschen entstanden sind. - Nachdem durch neuere Tatsachen sicher erwiesen scheint, daß Hebung und Senkung in vulkanischen Gebieten sehr wenig konstant sind und sogar nebeneinander vorkommen können, dürfte die Auswaschungstheorie, wenigstens in dem Umfange, in welchem jene Forscher sie annahmen, nur noch wenige Anhänger finden. - In unsern Kolonien kommen K. überall vor, wo es Korallenriffe gibt, also in Deutsch-Ostafrika und in der Südsee. In einigen Gebieten walten Atolle bei weitem vor, so in der Gruppe der Karolinen (s.d.) und Marshallinseln (s.d.). Die letzteren bestehen ausschließlich aus Koralleninseln. In anderen Gebieten findet man fast nur Strandriffe und einfache K., oft mit vulkanischem Kern. Dahin gehören die Inseln an der Ostküste Afrikas, Neuguinea, der Bismarckarchipel (s.d.) und die Marianen (s.d.).

Literatur: C. Darwin, Über den Bau und die Verbreitung der Korallenriffe, übers. v. Carus, 2. Aufl., Stuttg. 1899. - R. Langenbeck, Die Theorien über die Entstehung der Koralleninseln und Korallenriffe. Lpz. 1890. -F. Dahl, Zur Frage der Bildung von Korallenriffen in: Zool. Jahrb. Suppl.-Bd. 11, 1898, s. 141 ff u. S.-B. Ges. naturf. Fr., Berl. 1889, 2. 211 ff.

Dahl.