Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 386 ff.

Kuli. Unter K. (verstümmelte indische Bezeichnung für Tagelöhner) versteht man Farbige Kontraktarbeiter, die sich für längere Zeit, meist 35 Jahre, in fremde Länder zur Arbeit in Großbetrieben (namentlich Pflanzungen, Bergwerken, Eisenbahnbau) verdingen. Das K.wesen entstand aus dem Bedürfnis der Pflanzungsgroßbetriebe nach ständigen Arbeitern, als die Negersklaverei aufgehoben war und die befreiten Neger sich der Arbeit entzogen (s. Sklaverei). So wurde zuerst für Mauritius und Britisch-Westindien eine organisierte Arbeiterauswanderung in Vorderindien geschaffen. Später griff die Anwerbung auf Chinesen und andere Ostasiaten und Polynesier (Kanaken, s.d.) über. Die großen Mißbräuche, die bei der Anwerbung und Beschäftigung solcher unwissender und hilfloser Menschen sich entwickelten, führten zu staatlichem Eingreifen und fortlaufender Kontrolle sowohl in den Abwanderungs- wie in den Zuwanderungsländern (in Britisch-Indien seit 1857). Auf den Südsee-Inseln, die nicht unter europäischer Verwaltung standen, führten die mit der Anwerbung verbundenen Mißbräuche, die sich zuweilen vom Sklavenhandel nur dem Namen nach unterschieden, zum Eingreifen zunächst der Engländer, was dann einen wesentlichen Anstoß zu den Besitzergreifungen der Engländer und nachher der Deutschen gab. Von den jetzt deutschen Schutzgebieten waren der Bismarckarchipel und die Salomoninseln Rekrutierungsgebiete. Dort ist die Ausfuhr von Arbeitern alsbald nach Errichtung der deutschen Herrschaft (15. Aug. 1885) verboten, und die Anwerbung nur noch zur Beschäftigung innerhalb des Schutzgebietes selbst gestattet. Eine Ausnahme ist nur zugunsten deutscher Unternehmungen gemacht, die sich schon vorher von dort versorgten, was nur bei der Deutschen Handelsund Plantagengesellschaft der Südsee (s.d.) zutrifft, die auf ihren Pflanzungen auf Samoa 7-800 Melanesier (s.d.) verwendet (s. im übrigen Arbeiterverhältnisse). - Bei der starken Nachfrage nach Lohnarbeitern in den deutschen Schutzgebieten lag der Gedanke an Verwendung von K. nahe. So sind 1892 bei den ersten Pflanzungsunternehmungen in Deutsch-Ostafrika Malaien und Chinesen eingeführt, um nach dem Vorbilde von Sumatra die Tabakkultur einzuführen. Der kostspielige Versuch ist mißglückt. Die Malaien haben sich zwar im Gegensatz zu den Chinesen - bewährt, doch ist es bei der Haltung der holländischen und englischen Regierung aussichtslos, K. aus deren Besitzungen zu erhalten. Der Gedanke ist in Afrika aufgegeben, ebenso wie er im tropischen Westafrika nicht praktisch ist. In Deutsch- Südwestafrika sind beim Eisenbahnbau Kontraktarbeiter aus der Kapkolonie verwendet, bei dem tatsächlichen Mangel an Arbeitskräften beim Bergbau könnte dort die Einfuhr von K. in Betracht kommen. In der Südsee sind anfangs seitens der Neuguinea-Kompagnie (s.d.) Versuche mit chinesischen und malaiischen K. gemacht. Jetzt gibt es keine derartigen Pflanzungsarbeiter mehr. Die Chinesen (s.d.), Javanen (s.d.) usw. im Schutzgebiet sind freie Einwanderer, die als Handwerker, Dienstboten usw. tätig sind. Dagegen sind bei der Phosphatgewinnung auf Nauru und Angaur chinesische K. (neben Karolinern) beschäftigt. Auf Samoa sind seit 1903 chinesische K. auf den Pflanzungen beschäftigt, deren Zahl jetzt 1300 überschreitet (s. Arbeiterverhältnisse). - Im allgemeinen muß man wohl sagen, daß die Verwendung von K. ein bedenkliches Auskunftsmittel ist, dessen Benutzung nur durch vollständigen Mangel an Arbeitskräften gerechtfertigt wird. - Die Bedenken liegen zum Teil in den nationalen Eigentümlichkeiten der fremden Arbeiter und sind um so größer, je weniger sie sich der eingeborenen Bevölkerung anschließen und mit ihr verschmelzen, je größer der Kulturabstand ist, je mehr sie an ihren besonderen Gewohnheiten festhalten, was namentlich die Chinesen, trotz ihrer Arbeitsfähigkeit, unbeliebt macht. Eine dauernde Abhilfe für den Arbeitermangel bringt die Einfuhr von K. nicht, wenn sie ohne Frauen kommen und nach Ablauf ihrer Arbeitsperiode in ihre Heimat zurückkehren. Die Frauenlosigkeit führt auch zu bedenklichen sittlichen Folgen. Daß solche K. ihre Ersparnisse aus der Kolonie mitnehmen, ist kein so erhebliches Bedenken, da sie ja ihre Arbeit dafür geleistet haben. Bleiben aber die K. länger oder dauernd in der Kolonie, so bleiben sie meist nicht Landarbeiter, häufig nicht einmal Bauern. Ihre Konkurrenz als Handwerker und Händler wird dann oft von den übrigen Volkselementen in der Kolonie unliebsam empfunden (Inder in Südafrika). - Solche Arbeit ist regelmäßig, auch teurer als die der Eingeborenen. In der Südsee werden die Kosten für einen Chinesen auf jährlich 500-600 M angegeben. Ein wesentliches Bedenken liegt endlich darin, daß diese Quelle der Arbeitsversorgung nur fließt, solange die heimische Regierung der K. es zuläßt. Schon das ist unbequem, daß diese die Verwendung der Arbeiter überwacht. Mehr und mehr verhindern diese Regierungen aber überhaupt die organisierte Abwanderung in fremde Gebiete. So hat die britischindische Regierung allmählich die K.wanderung in fremde Kolonien gesperrt, die holländisch-indische ist ihr gefolgt. In China wird die nationalstaatliche Entwicklung wachsende Schwierigkeiten hervorrufen, hat in Samoa schon zur Einsetzung eines chinesischen Konsuls zum Schutze der dortigen K. geführt. Anwerbung von Chinesen in Südasien, außerhalb Chinas, wird dauernd keine großen Zahlen liefern können und recht kostspielig werden. Der beginnenden Abwanderung von Koreanern kann die japanische Regierung jeden Augenblick ein Ende machen. - So erscheint es bedenklich, zum Teil unmöglich, die Versorgung eines Wirtschaftsgebiets mit Arbeitskräften auf die Zufuhr von K. zu begründen, wenn man nicht im eigenen Herrschaftsgebiet über solche verfügt. Am unbedenklichsten ist die Verwendung von K. für vorübergehenden größeren Arbeitsbedarf (Eisenbahnbau u. dgl.). Schließlich wirkt nachhaltig nur das System der Arbeiterbeschaffung, das die Arbeiter aus dem Lande selbst nimmt. S.a. Arbeiter und Arbeiterverhältnisse.

Literatur: Sartorius von Waltershausen, Art. Kuli in Handwörterb. d. Staatswissenschaften V, 3. Aufl. - La Main d'oeuvre aux colonies, 3 vol. Bibliothèque Coloniale Internationale. - Die Arbeiterfrage in den Kolonien. Verhandlungen d. Vorstandes d. Kolonialwirtschaftl. Komitees 1912 Nr. 1.

Rathgen.