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Kunst der Eingeborenen (s.a. Farbige Tafel Kunst und Schmuck in
Deutsch-Melanesien).
Als eine der Wurzeln, aus denen die K. erwuchs, ist der Spieltrieb
erkannt;
unter seinem Einfluß schafft der Mensch Werke als Äußerungen seines
inneren
Lebens. Eine lange, in ihren Stufen noch wenig erforschte
Entwicklungsreihe
führt von der primitiven K. der Naturvölker zu der der Kulturvölker,
aber
schon zu Beginn erscheint die K. in zwei Formen; von den Zeitkünsten
(Tanz,
Musik, Dichtung, Mimik) sind die Raumkünste (Plastik, Malerei) zu
unterscheiden.
Den Werken aller K. gemeinsam ist die Wiederholung als ordnendes
Prinzip,
die als Harmonie, Symmetrie, Ähnlichkeit, Gleichheit usw. auftritt und
vor allem in den Zeitkünsten und von den Raumkünsten bei der Ornamentik
deutlich erkennbar ist. Rhythmisch ist der Tanz (s.d.), mag er als
feierlicher
Reigen bei den religiösen Maskentänzen (s. Masken) oder als bewegter und
selbst anscheinend zügelloser Tanz einem Gefühl Ausdruck geben oder
mimisch
Bewegungen von Tieren, Jagd- oder Kriegsszenen usw. nachahmen; Harmonie
und Melodie kennzeichnen auch die primitive Musik (s.d.); Metrik, Reim
und Parallelismus sind der Dichtkunst der Naturvölker eigen, die als
Lyrik
und Epos auftritt. - Den Zeitkünsten stellt die Völkerkunde die Raumkunst als K. im engeren
Sinne gegenüber. Unter Malerei werden gewöhnlich alle Kunstarten
zusammengefaßt,
bei denen die Wirklichkeit auf einer glatten Fläche durch Einritzen oder
durch Auftragung von Farben nachgebildet wird. Die Ritztechnik begnügt
sich meist mit der Darstellung der Umrisse, die durch Einreiben einer
Farbe noch betont werden können oder schon dadurch stärker hervortreten,
daß in den Ritzen die unter der glatten Rinde liegende rauhere und
anders
(heller) gefärbte Unterschicht sichtbar wird (Kürbisse
u.a. Früchte, Leder). Eine eigentümliche Flächenkunst besitzen die
Buschmänner
(s.d.), die zur Darstellung von Tieren usw. die von dem Umriß
eingeschlossene
Fläche mit einer flachen und leinen Körnung ausfüllen, so daß auf dem
glatten Stein eine Art Silhouette mit rauher Oberfläche entsteht. Die
Auftragung von Färben nimmt ihren Ursprung vielleicht von der
weitverbreiteten
Bemalung des Körpers oder von der Herstellung von Abdrücken der Hand
oder
des Fußes, deren Flächen zufällig eine Farbe trugen (Australien). Als
Farben dienen Kalk, Kreide, Ocker, toniger
Roteisenstein, Mangan usw., ferner Kohle, verschiedene Pflanzensäfte,
Blut usw.; soweit die Farbe nicht von selbst haftet, ist die Verwendung
von Fetten und Ölen, auch Pflanzensäften als Bindemittel bekannt. Eine
Verbindung beider Techniken stellt die Brandmalerei dar; hier werden mit
einer glühenden Holz- oder Metallspitze auf hellen Flächen (Bambus, Kürbis u.a.) vertiefte Zeichnungen
hergestellt,
die gleichzeitig eine braune Färbung erhalten und überdies nachträglich
noch mit weiteren Farben versehen werden können. - Die Plastik, d.h. die
körperliche Wiedergabe natürlicher oder phantastischer Vorbilder ist
technisch
ein Beschnitzen oder Behauen fester Massen (Mark, Holz, Horn, Knochen,
Elfenbein, Stein usw.) oder ein Formen
weicher, später erhärtender Stoffe (Lehm, Metalle, Harz u.a. Pflanzensäfte). - Dem Zwecke
nach
kann die K. frei, d. h. um ihrer selbst willen da sein oder als unfreie
mit einem Nebenzweck verbunden werden und vor allem als Ornamentik der
Verzierung eines Gegenstandes dienen. An Umfang und Bedeutung tritt bei
den Naturvölkern die freie K. weit hinter die unfreie zurück. Als freie
K. sind wahrscheinlich die Malereien der Buschmänner
aufzufassen, die mit überraschender Naturtreue Menschen, Wild und
ganze Szenen aus Krieg und Jagd darstellen, bei denen auch die
Bewegungen
der Figuren mit großer Sicherheit und sehr guter Beobachtung ausgedrückt
werden. Auf gleicher Höhe stehen die in südeuropäischen Höhlen
überlieferten
Bilder des diluvialen Menschen, der in ihnen auch ausgestorbene Tiere,
wie Mammut, Bison, Renntier, Wildpferd verkörperte. Ob hier indessen
stets
zauberische Zwecke oder die Absicht der Überlieferung eines Vorganges
ausgeschlossen werden müssen, mag ebenso dahingestellt bleiben, wie bei
Plastiken der Arktier aus Knochen und Zahn, die Menschen und Tiere
darstellen.
Als unfreie K. sind die Malereien anzusehen, die z.B. von Eskimos als
Ritzzeichnungen auf Knochen und Elfenbein, von Westafrikanern auf
Kürbissen,
von nordamerikanischen Indianern als Farbzeichnungen und Brandmalerei
auf Leder oder Fell, von Ozeaniern als reine Brandmalerei auf
Bambusstücken
als Bilder-Schriften angebracht werden und dazu bestimmt sind, die
Erinnerung
an eine Begebenheit festzuhalten. Verwandte Bedeutung haben die Reliefs
der Westafrikaner, die in Togo z.B. Sprichworte und Märchen darstellen oder
illustrieren,
zum Teil auch wohl die zu kleinen Szenen zusammengestellten Rundfiguren
aus Messing; Nebenzwecke können auch bei den sog. Bronzen aus Benin
(Rundfiguren
und Reliefs) nicht ganz ausgeschlossen werden. Weitaus die wichtigste
Beziehung hat die unfreie K. zur Magie und Religion (s. Religionen
der Eingeborenen). Zum Zweck zauberischer Beeinflussung werden
Menschen
und Tiere gemalt oder plastisch hergestellt, geformte Amulette, manistische und animistische Idole gefertigt; die Sonne, vor allem der Mond und
das Siebengestirn (Kamerun) werden aus
religiösen Gründen verwertet, und selbst die Farben können, z.B. in
China,
magische Beziehungen haben, insofern sie Glück oder Unglück bringen.
Kunstwerke,
die sich selbst rechtfertigen, sind demnach bei den Naturvölkern selten,
meist ist die K. unfrei und berechtigt zu der Frage nach der Bedeutung
des Dargestellten. - Das gilt zumal von der Ornamentik, der geläufigsten
Form der unfreien K. Hier tritt die Nachahmung der Natur völlig zurück;
die Ornamentik ist im wesentlichen eine Neuschöpfung. Außer seinem
eigenen
Körper versieht der Eingeborene
jedes
Erzeugnis seiner Hand, mag es sich um Teile der Tracht, Gerät, Waffen,
Haus oder Boot handeln, mit Ornamenten und verfährt dabei meist so, daß
er nicht den fertig verzierten Gegenstand in Gebrauch nimmt, sondern ihn
während der Benutzung in gelegentlich jahrelanger, oft unterbrochener
Tätigkeit verziert; ausgenommen sind hiervon nur vielfach Teile der
Tracht
und wohl regelmäßig die religiösen Geräte. Die bedeutungslosen Ornamente
beschränken sich im wesentlichen auf die geometrischen Verzierungen, die
den Linien und Formen des Gegenstandes folgen; hierher gehört etwa die
Verzierung von Beilgriffen durch eingelegtes Metall (Westafrika), der
Besatz von Lederstreifen mit Muscheln
(Ostafrika) oder mit Eisenperlen (Herero), der Rand von bunten Federn an den Schurzen
aus Muschelgeld (Admiralitätsinseln), die Verzierung
der Keramik durch eingedrückte Schnüre oder aus Strichen und Punkten
zusammengesetzte
Rand- und Flächenmuster. Zur Vorsicht in der genetischen Auffassung
solcher
Ornamente mahnt indessen die Tatsache, daß z.B. anscheinend
bedeutungslose
Gefäßformen erst durch Vergleichung in ihrer wahren Bedeutung erkannt
werden; so gehen die langhalsigen und weitbäuchigen Holzflaschen aus
Kamerun
auf ebenso geformte Kürbisse zurück. Systematisch unterscheidet man seit
langem die geometrischen von den figürlichen Ornamenten. So klar diese
Gegenüberstellung erscheint, so wenig entspricht sie der Entwicklung,
die wiederum durch die Bedeutung beeinflußt wird. Aus der Technik des
Flechtens oder aus der verwandten Weberei
ergibt sich ohne weiteres ein Muster des Werkstücks; durch Verwendung
bunter Streifen und Fäden, durch Komplikationen der Technik kann es
erheblich
weiter entwickelt werden. Erregt es die Aufmerksamkeit hinreichend, so
wird leicht die Phantasie dazu angeregt, in das Muster eine Figur
hineinzusehen,
und der Arbeiter wird sich nun von selbst bemühen, das
Muster
der gedachten Figur möglichst anzunähern. Damit entwickelt sich ein
zunächst
bedeutungsloses technisches Muster zu einem bedeutungsvollen Ornament,
dessen Sinn schließlich auch der Fremde erkennt. Dieser Entwicklung
steht
die umgekehrte gegenüber. Die Absicht, eine Figur wiederzugeben, findet
rasch an technischen Schwierigkeiten ihre Grenze. Sie können in der
Person
des Arbeiters oder in seinen unvollkommenen Werkzeugen liegen, die
unzweifelhaft
einen Grund für das Übergewicht der Ornamentik gegenüber der freien K.
darstellen, viel häufiger sind sie aber in dem Material zu finden. Die
Spaltungsrichtung von Stein oder Holz kommt hier in Frage, Flechterei und Weberei zwingen ohne weiteres zur
Auflösung der Figur in regelmäßige Viel- oder Vierecke. Damit erliegt
die Figur dem Zwange des Stoffs und wird schließlich zum geometrischen
Ornament, dessen Herkunft nur noch der Eingeweihte zu erkennen vermag.
Indessen verlaufen die Reihen, die ein geometrisches und ein figurales
Ornament verbinden, nebeneinander und durchkreuzen sich auch;
schließlich
ist gerade bei der Deutung von Zwischenstufen mit subjektiven Momenten
zu rechnen; ein und dasselbe Ornament kann von den verschiedenen
Individuen
desselben Dorfes verschieden aufgefaßt werden, so daß als zuverlässige
Quelle für die Bedeutung meist nur der Verfertiger übrigbleibt, der oft
seine K. gewerbsmäßig treibt, wie z.B. die Bootmaler der Tamiinsel. -
Den Motiven nach zerfallen die Ornamente in zwei große Gruppen. Zu den
skeuomorphen gehören die Übertragungen technisch gegebener Knoten,
Bindungen,
Wickelungen usw. auf Gegenstände aus anderem Material, an denen sie
technisch
nicht berechtigt sind. Dahin sind die aus Schnurmustern hervorgegangenen
geschnitzten Ornamente an ozeanischen Holzkeulen zu rechnen, die
gemalten,
auf geflochtene Matten zurückgehenden
Ornamente
samoanischer Tapa (s.d.) oder die auf dem
Muster geflochtener Körbe usw. beruhenden Ritzornamente an Töpfen usw.
Die weit größere zweite Gruppe umfaßt die natürlichen Ornamente. Unter
ihnen sind die physikomorphen (Wolken, Blitz usw.) zumal in Amerika
verbreitet
(in Ozeanien finden sich als Seltenheit
Landschaften), während die biomorphen zwar überall vorkommen, aber in
sehr ungleicher Verbreitung: das Pflanzenornament tritt weit hinter das
Tierornament zurück, und auch die Verwendung menschlicher Figuren ist
beschränkt. Die annähernd naturalistische Wiedergabe der Motive ist
jedoch
außerordentlich selten. Meist zeigen die Ornamente nur einzelne
eindeutige
Teile der Figuren, und oft genug kann die Bedeutung des Ornaments nur
aus einer größeren Reihe sicher erkannt werden (s. Abb. Ornamente von
Speeren der Salomoninseln, das sog. "tanzende Männchen"
in verschiedenen Formen darstellend, nach v. Luschan).

Der Grund liegt nicht in dem besonderen Reichtum der Motive, deren Zahl
vielmehr bei jedem Volke eine auffallend kleine ist, sondern in der
eigentümlichen
Behandlung, die die Figur erfährt. Zum Wesen des Ornaments gehört die
regelmäßige Wiederholung der Figur in linearer oder flächenhafter
Ausdehnung.
Die einzelnen Figuren werden hierbei verbunden, die Linien, aus denen
sie bestehen, vereinfacht und abgeschliffen. Sehr leicht überwuchert
dann
die Form den Inhalt, ursprünglich einfache Linien werden vervielfacht,
die Einzelteile der nebeneinander stehenden Figuren gegen einander
verschoben
usw.; man ändert die Proportionen der Einzelteile, kleine werden noch
mehr verkleinert und schließlich fortgelassen; große werden vergrößert,
so daß einerseits Kümmer-, anderseits Wucherformen entstehen; nicht
selten
zeigt sich das Bestreben nach einer künstlerischen Symmetrie (wie beim
Doppeladler) oder man erreicht groteske Formen, indem man eine Figur
halbiert
und die beiden Stücke umgekehrt wieder aneinandersetzt (Kämme von Neuguinea). Durch Kombination dieser Verfahren
ergeben sich dann oft sehr eigenartige Ornamente. Eine Raute (Leib),
z.B.
mit einem Punkt in der Mitte (Auge) und je zwei gleichgestalteten
Hakenfortsätzen
an zwei einander gegenüberliegenden Ecken (Arme und Beine) ist
ursprünglich
eine menschliche Figur (Ledertaschen der Haussa
[s.d.), die durch Verlagerung, Verkümmerung, künstliche Symmetrie.
verändert
wurde. Neben Stoff und Technik, die vorwiegend objektiv die Wandlung der
Figur bestimmen, bietet die Übertragung des Ornaments auf den Gegenstand
einen besonderen Anreiz für die Erfindungs- und Gestaltungsgabe des
Künstlers.
Zunächst pflegt er das Ornament nicht auf der ganzen Fläche zu
disponieren
und dann erst auszuführen, sondern beginnt an einem Ende das Ornament
fertigzustellen und arbeitet nach dem Augenmaß über die Fläche weiter,
wobei er dann die unvermeidlichen Fehler der Anordnung durch
entsprechende
Abänderung des Ornamentes verbessern muß. Besondere Aufgaben stellt ihm
auch die Form des Gegenstandes. Das Ornament soll die ganze, oft
unregelmäßig
begrenzte Fläche decken, und daher werden die Figuren hier verrenkt,
dort
zusammengezogen oder gedehnt. Soll ein (etwa aus religiösen,
totemistischen
u.a. Gründen) wichtiges Ornament auf einem gewölbten Gegenstande von
jeder
Seite her gesehen werden, so hilft sich der Künstler etwa wie der Afrikaner, der eine Eidechse auf einem
Kürbisboden
derart anbringt, daß Kopf und Schwanz verbreitert werden, der Leib aber
zu einem Ringe gestaltet wird, in dessen Mitte der auf der Unterlage
aufliegende
(also unsichtbare) Teil des Bodens oder die Kürbisspitze steht. Den
vielfachen
Umgestaltungen der Figuren zu Ornamenten gemeinsam ist die Zerstörung
des Sinnes durch die Form, d.h. die Stilisierung, und jedes Volk
bevorzugt
der Regel nach ganz bestimmte Arten, so daß das Ornament ein Mittel zur
Bestimmung der Herkunft eines Gegenstandes ist, da Sitte und Tradition
den einmal angenommenen Stil für längere Zeit festhalten. Indessen
finden
auch auf diesem Gebiete Wanderungen,
Entlehnungen und selbst plötzliche Veränderungen (in kleinen Gebieten
z.B. schon aus Anlaß des Aussterbens einer Künstlerfamilie) statt, auch
die Ornamentik ist daher nicht unabänderlich und spiegelt geschichtliche
Ereignisse wieder.
Literatur: A. C. Haddon, Evolution in Art. Lond. 1895. - H.
Schurtz,
Urgeschichte der Kultur. Lpz. 1900.
Thilenius. |