Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 400 ff.

Kusaie (s. Karte und Tafel 112). 1. Lage und Bodengestaltung. 2. Bevölkerung.

1. Lage und Bodengestaltung. K. oder Kuseie, auch Kussiu, Walang, Arao, Teyoa, Experiment, Armstrong, Hope, Strolig Island genannt, ist die östlichste Karolineninsel, zu Deutsch-Neuguinea gehörig, wischen 162° 58'-163° 6' ö. L. und 5° 15'23' n. Br. gelegen, mit 110 qkm Fläche, 1804 von Crozer, entdeckt. Die reichbewässerte Insel ist gebirgig und erreicht im zentralgelegenen Fenkol- oder Crozerberg 657 m Höhe, während der im Norden befindliche Buacheberg 582 m, der Eselsohrenberg im Südwesten 467 m Höhe besitzen. Zwischen Fenkol und Buache zeigt die Insel eine tiefe Einsenkung. Die Bergformen sind schroff und steil. Der Hauptteil der Insel besteht aus Basalt; im übrigen ist Korallenkalk vertreten; ein Riff umgibt fast die ganze Insel; der Coquillehafen im Nordwesten und der Lölöhafen im Nordosten sind leichter zugänglich als der Utwahafen im Süden. Auf der im Lölöhafen liegenden bergigen Insel Lölö befindet sich die deutsche Handelstation. Deutsche Seekarte Nr. 179. Über Klima, Pflanzenwelt, Tierwelt s. Karolinen.

Sapper.

2. Bevölkerung. Von der heimischen Kultur K.s ist nicht mehr viel übrig geblieben; sie ist durch eingeschleppte Krankheiten mit den alten Kulturträgern fast erloschen. Ein Aufflackern der alten Gebräuche und Sitten wurde von der Boston Mission (s. American Board) mehrfach energisch unterdrückt. Trotzdem zeigte es sich 1910 beim Besuch der Insel durch die Hamburger Südsee-Expedition (s. d.), daß bei einem winzigen Teil der Bevölkerung, welcher aus der alten Zeit übriggeblieben war, noch die Traditionen der Vorfahren schlummerten. Der betagte Oberhäuptling Tokoscha (gest. Sept. 1910) gab reichliche Auskünfte, die zusammen mit den Aufzeichnungen von Kittlitz, Lütké und Lesson ein Bild der alten Zustände erhalten, von denen die heutigen nur ein sehr schwacher Abglanz sind. Dazu sind fremde Einflüsse in der Bevölkerung assimiliert worden, solche der Guilbert-, Marshall- und Rotumaleute, die der Walfischfänger nicht mit eingerechnet. - So ist es nicht weiter auffallend, daß man in der Bevölkerung recht verschiedene Größenverhältnisse, Haar- und Hautfarben, Haarformen und Physiognomien antrifft. - Tatauierung und Schmuck sind verschwunden; nur junge Mädchen und Frauen tragen noch Blumenkränze im Haar. - Die Gesundheit der Eingeborenen bessert sich von Jahr zu Jahr; die Seuchen sind verschwunden, nur gelegentlich treten Influenza- und Dysenterieepidemien auf. Auch die Geburtenziffer hebt sich. - Das Mischvolk der Kusaier ist wirtschaftlich tüchtig; daher sind die K.leute in den Betrieben der Weißen als Vorarbeiter, Aufseher, Schiffsleute gern gesehen. Die soziale Organisation ähnelt der von Ponape; die scharfen Stände- und Titelgegensätze von früher sind jedoch völlig verwischt, die alte feudale Häuptlingsorganisation besteht nur noch dem Namen nach. Früher lag die Macht in den Händen bestimmter Sippen, aus denen der Oberhäuptling, der Tokoscha, erwählt wurde. Jede Sippe hatte ihr Totem. Das Mutterrecht herrschte. - Die Ehe wird nach europäischem Brauch geschlossen; die Leichenbestattung erfolgt nach christlicher Weise. Interessant ist die frühere Scheinbestattung, die bei den Vornehmen und Häuptlingen stattfand. Unter großem Prunk trug man, um die Geister zu täuschen, einen geschminkten Holzpfahl zu Grabe, während gleichzeitig der Leichnam, heimlich bestattet wurde. - Von den alten Religionsvorstellungen, dem Kultus der Vegetationsdämonen und der Totemtiere ist nur noch wenig in den Sagen und Geschichten erhalten. Heute ist jeder Eingeborene ein bigotter Christ, der vom Christentum eins besonders gern annahm: das Ruhen jeglicher Arbeit am Sonntag. - Von einem eigentlichen Haustyp kann auf K. keine Rede mehr sein. Jeder baut seine Hütte nach seinem eigenen Geschmack unter Anlehnung an das Verandenhaus des Europäers. Auch verwendet man lieber gekauftes Bretter- und Wellblechmaterial als das zweckmäßigere einheimische: Schilf, Matten und Palmblätter. Das alte K.haus erinnert mit seinen hohen, schrägen, vorn überragenden Giebeln und den nach innen sich senkenden Firsten an das melanesische Haus. Die Wände bestehen aus gespaltenen und untereinander verbundenen Rohrstäben; damit wird auch der Flur belegt, in dessen Mitte sich der Herdplatz befindet. Die Häuser zeichneten sich durch hübsche Bindungen aus, die in rot, schwarz und weiß gehalten waren. - Die vornehmen Eingeborenen wohnten in Gehöften, die zu einer großen Stadt auf dem westlichen Teil der Insel Lölö vereinigt waren. Zum Teil war diese Wohnstadt 1910 schon völlig in Vergessenheit geraten. Nur die am Wasser gelegenen Gehöfte, welche mit niederen Korallensteinmauern eingefaßt sind, werden noch bewohnt. Von den buschwärts gelegenen Wohnhöfen war nur die Festung "kiniair" dieser Stadt bekannt. Dieses Bauwerk besteht aus einem 5-10 m hohen Mauerwerk aus Basalt; es besitzt mehrere Tore und ist durch niedere Mauern in mehrere Abteilungen zerlegt. Außer dieser "Ruine" wurde von der Hamburger Expedition noch eine große Anzahl gleicher Bauwerke freigelegt, die zum Teil sehr imposant sind. Sie sind sämtlich aus Basaltblöcken errichtet und dienten zum Teil als Wohnhöfe, zum Teil als Grabstätten für die verstorbenen Vornehmen. Die Gesamtanlage ist von einem breiten Kanal durchzogen, der für die Eingeborenen K.s einst die einzig erlaubte Zufahrt zu den Höfen ihrer Häuptlinge und Priester bildete (s. Tafel 112 und 33). In den Ruinen fand sich eine große Menge Steingeräte, Axtklingen, Stößel, Kawaschalen, Kawastampfsteine; von den Gräbern lieferte nur eins Funde, die aus den gleichen Dingen bestanden, wie sie in Ponape gefunden worden sind (s. d.). - Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind in dem reichen Lande dieselben wie in Ponape. Bananen, Brotfrucht wachsen im Überfluß, dazu baut man Taro, Yams und pflanzt Palmen, um die Kopra an die Händler zu verkaufen und moderne Erzeugnisse an Kleidung, Geräten, Lampen, Petroleum usw. einzutauschen. -Der Landbau ist Männerarbeit, ebenso die Zubereitung der Speisen. - Frauen besorgen den größten Teil der Fischerei, die meist auf dem Riffe betrieben wird. Einige Familien halten sich Schweine, Rindvieh und Hühner, aber weniger zum eigenen Bedarf, als vielmehr um Schiffe damit lohnend zu verproviantieren. - Genußmittel sind seitens der Kirche verpönt; selten trifft man einen rauchenden Eingeborenen. Das alte Nationalgetränk, die Kawa, existiert schon lange nicht mehr. - K. ist das Zentrum einer kleinen Heimindustrie geworden. Aus Bananenbast werden hier farbenprächtige Bänder gewebt, die sich zu Hutbändern und Damengürteln eignen. - Die materielle Kultur ist infolge des europäischen Einflusses verarmt. Die alte Kleidung, der buntfarbene Maro der Männer und die ähnliche, schmale, gewebte Kleidmatte der Frauen hat europäischen Kleidern Platz gemacht. Allerdings hält der Eingeborene sie peinlich sauber und in Ordnung. -Schmuck und Körperbemalung sind bei Kirchenstrafe verboten; aus derselben Ursache ist der Tanz verschwunden. Das Hausgerät ist einfach und größtenteils europäisch. Manche ererbte Holzschale, die bisweilen Troggröße erreicht, ist noch in Gebrauch. Das Haus wird sauber gehalten und mit Matten belegt. Viele Häuser enthalten Bettstatten; Lampe und Nähmaschine vervollständigen den Hausrat. Gekocht wird im polynesischen Erdofen. - Das Handwerksgerät ist europäisch. Nur im Busch findet man noch die alten Muschelbeilklingen, Korallenfeilen usw. Wichtig ist der Webeapparat, der fast in keinem Hause fehlt; denn die buntfarbenen Bänder und Matten, welche die Muster der alten Kleidmatten wiederholen, sind begehrte Handelsartikel von Fremden. Verarbeitet wird die straffe, harte Faser der wilden Banane, die mit roten und schwarzen Erdfarben oder dem gelben Safte der Ingwerwurzel eingefärbt werden. Die Kette wird auf zierlichen, schmalen, buntbemalten und beschnitzten Kettenböcken hergestellt; das geschieht durch Verknüpfen verschiedenfarbener Fäden; und wird dann auf das Webebrett gespannt, wo das Band oder der Gürtel zu Ende gewebt wird. Waffen gibt es nicht mehr. - Die Fischerei wird auf dem Riffe mit Hand- und Streichnetzen, im Wasser mit Schleppnetzen betrieben. Auch betreibt man den Taubenfang mit Leimruten oder veranstaltet Jagden auf wilde Schweine. - Das alte K. besaß als Fahrzeug das Gabelschwanzkanu, das heute verschwunden ist. Man verwendet dafür die in Hawaii gebräuchliche Form, die am Bootkörper keine Aufsätze kennt und auch einen vereinfachten Ausleger besitzt. Die Seefahrtskunst der Kusaier, deren Fahrten einst nach den Marshall-, Guilbertinseln, Ponape, Truk, Jap führten, ist vergessen.

Literatur: E. Sarfert, Die Insel Kusae. Ergebnisse der Südsee-Expedition der Hamburg-wissenschaftlichen Stiftung. Hamb. 1914, Thilenius, Hambruch.