Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 427 ff.

Landwirtschaft. 1. Allgemeines. 2. Außennatur. 3. Kapital. 4. Arbeit. 5. Rente. 6. Arten der Bodennutzung. 7. Meliorationen. 8. Betriebseinrichtung. 9. Maßnahmen der Regierung zur Hebung der L. in den Schutzgebieten.

1. Allgemeines. L. ist die unter Benutzung der Sonnenenergie durch Kultur des Bodens bewirkte Erzeugung von Rohstoffen, vornehmlich zur Ernährung und Bekleidung des Menschen, und die Umformung der von der Natur gebotenen oder vom Landwirt erzeugten Rohstoffe, um diese zur Erfüllung ihrer Bestimmung geeignet oder der Wiedererzeugung nutzbar zu machen. Die landwirtschaftliche Produktion setzt wie jede Produktion einen Aufwand von Kräften und Stoffen, von Gütervermögen und Arbeitsleistung voraus. Die natürlich gegebenen Kräfte sind hier Wärme und Licht der Sonne, die von der Natur gebotenen Stoffe die anorganischen Bestandteile des Bodens und der Atmosphäre; die Arbeitsleistung kann menschlicher, tierischer oder mechanischer Art sein. Während die L. der Naturvölker sich im wesentlichen mit der Befriedigung der Bedürfnisse des eigenen Haushalts bescheidet ("Unterhaltswirtschaft" [s. a. Wirtschaft der Eingeborenen]), zielt sie bei den Kulturvölkern auf die Vermehrung des Vermögens und Einkommens ab ("Erwerbswirtschaft"). In diesem Falle muß der Wert der erzeugten Güter größer sein, als der Wert, der für ihre Herstellung erzeugten Mittel: Der Landwirtschaftsbetrieb muß also von denjenigen Einrichtungen und Maßnahmen geleitet werden, die zur Erzielung des höchsten Reinertrags (s.u.) führen. Die "Produktionsfaktoren" sind: Außennatur, Kapital und Arbeit. In der L. der Eingeborenen in den Schutzgebieten finden sich die verschiedensten Übergangsstufen zwischen und Kombinationen von Unterhalts- und Erwerbswirtschaft, u. a. hervorgerufen durch Bevölkerungsdichte, Vordringen der europäischen Kultur und Steigerung der Bedürfnisse. Von den drei Produktionsfaktoren ist das Kapital bei den Naturvölkern ausgeschaltet; die Grundlagen der Produktion bleiben bei ihnen nur die äußere Natur oder die von ihr spontan gelieferten Erzeugnisse - z.B. die Weidepflanzen für die Viehzucht der Hirtenvölker und Nomaden - und die Arbeit. Die einfachsten Formen der L. schließen sich eng an die okkupatorische Tätigkeit an, d.h. die unmittelbare Aneignung der von der Natur freiwillig gebotenen und jedermann zur freien Verfügung stehenden Stoffe (s. Ackerbau und Wirtschaft der Eingeborenen). Alle wirtschaftlichen Erfolge im höheren Sinne gründen sich auf das Zusammenwirken von Kapital und Arbeit. Derjenige von beiden Faktoren ist entscheidend für den Betrieb, der im Minimum vorhanden ist. - Allgemeine Voraussetzungen für die Erwerbswirtschaft, von deren Entwicklung und Gestaltung aber die Art des Betriebes (s.u.) sehr wesentlich beeinflußt wird, sind der Güterverkehr mit seinen wechselnden Formen und Einrichtungen, und der Markt (im weitesten Sinne des Wortes). Die ursprüngliche Form des Gütertransports in Afrika stellt der Trägerverkehr dar; sein "Rentabilitätsradius" nimmt ab mit dem Fallen des Marktwerts der Produkte. Für europäische Unternehmungen bleibt er nur noch beim Transport besonders hochwertiger Erzeugnisse rentabel, für die Produkte der Eingeborenenkulturen (s.u.) ist der Rentabilitätsradius größer (s.a. Trägerwesen). Für die Entwicklung der L. in den Schutzgebieten ist der Ausbau der Eisenbahnnetze und Wasserstraßen von grundlegender Bedeutung, da diese in vielen Fällen eine Bodennutzung im höheren Sinne erst ermöglichen und - bei entsprechender Gestaltung der Tarife (s. Eisenbahntarife) - zur Ermäßigung der Transportkosten und zur Beschleunigung des Güteraustausches beitragen. (Über Markt s. Handel.). Die L. muß mit dem Handel in engster Fühlung bleiben und die Preisbewegungen und Faktoren für die Preisgestaltung der Rohstoffe sowie auch die hierfür zum Teil maßgebenden Produktionsverhältnisse anderer Gebiete genau verfolgen. (Die Nichtbeachtung dieser Forderung hat u. a. zur jetzigen Kautschukkrise in Deutsch-Ostafrika [s. a. u.] geführt!)

2. Außennatur: Klima (s.d.) und Boden. Sie beherrschen das Pflanzenleben, ihr Zusammenwirken bestimmt in erster Linie die Ergiebigkeit des Landes, ihre Beschaffenheit setzt der landwirtschaftlichen Produktion überhaupt und jeder Kulturart die natürlichen Schranken. Je nach den Ansprüchen, welche die einzelnen Kulturpflanzen warmer Länder an das Klima stellen (Lit. Wohltmann, Fesca), spricht man von tropischen und subtropischen Kulturen, je nach der Ausübung der Landwirtschaft in den betreffenden Klimazonen von tropischer und subtropischer L. Kulturpflanzen mit besonders hohem Wärmebedürfnis, die sich außerhalb der Tropenzone nicht oder wenigstens nicht rentabel anbauen lassen, bezeichnet man als "exquisittropische" Gewächse. - Der Boden, entstanden durch Verwitterung der oberflächlichen Gesteinsschichten und mit mehr oder weniger in Zersetzung begriffener organischer Substanz vermischt, befindet sich entweder dem Muttergestein aufgelagert, am Ort seiner Entstehung ("Verwitterungsboden", "seßhafter Boden"), oder er wird durch Wasserkraft oder Wind vom Ort seiner Entstehung entfernt und an anderer Stelle abgelagert ("Schwemmland", "Alluvialboden" bzw. "äolischer Boden"). Der Boden ist der Träger eines wesentlichen Teils der Pflanzennährstoffe und beeinflußt die landwirtschaftliche Produktion unmittelbar oder mittelbar in tiefstgehendem Maße. Die Eignung des Bodens für den Pflanzenbau hängt in erster Linie von seiner physikalischen und chemischen Beschaffenheit ab. (Über Bodenbeschaffenheit, Bodenarten, Bodenuntersuchung usw. Mitscher1ich, Woh1tmann, v. Rünker, Fesca, Vagler).

3. Kapital. Das gesamte, in der L. wirksame Kapital teilt sich zunächst ein in: A. Stehendes oder Anlagekapital, umfassend diejenigen Sachgüter, die der Benutzung öfter oder fortgesetzt dienstbar sind, ohne daß sie mit jedem Akte der Produktion ihre ursprüngliche Beschaffenheit einbüßen, und von denen immer nur ein der Abnutzung entsprechender Teil ihres Wertes in dem Produkt wiedererscheinen kann; sie bestehen in unbewegbaren und bewegbaren Vermögensbestandteilen. B. Umlaufendes Betriebskapital (Betriebskapital im engeren Sinne), umfassend diejenigen Sachgüter, welche jeweils nur einmaligem Verbrauche unterliegen, während des Betriebes in ihrer ursprünglichen Beschaffenheit nicht erhalten werden können und in der Regel mit ihrem ganzen Wert in das betreffende Produkt übergehen. In der Praxis wird meist in folgender Weise unterschieden: A) immobi1es Kapital (Grundkapital im weiteren Sinne) und B) mobi1es Kapital (Betriebskapital im weiteren Sinne). Das immobile Kapital beruht in Grund und Boden (Grundkapital im engeren Sinne) und den zum Zweck seiner Bewirtschaftung mit ihm verbundenen bautechnischen Anlagen (Gebäude, Brücken, Meliorationsanlagen usw.), endlich in auf privatrechtlichen Verträgen usw. beruhenden dinglichen Rechten und Lasten aktiver und passiver Natur. Das mobile Kapital wird gebildet aus: a) dem stehenden Betriebskapital (Inventar, Inventarkapital), bestehend in Sachgütern, die einem langsamen Verbrauch unterliegen, also relativ formbeständig sind, wie Z. B. Werkzeuge, Geräte, Maschinen, Geschirr, Hausrat (totes Inventar), andererseits dem Viehstand an Arbeits- und Nutztieren (1ebendes Inventar); b) dem umlaufenden Betriebskapital (s. o.). Hierzu gehören z. B. Saatgut, Düngemittel, Material für Gebäude und Meliorationen, Nahrungsmittel für Personal und Arbeiter, Grundverbesserungen von vorübergehender Dauer, wie Roden, Tiefkultur, und endlich Bargeld zur Bestreitung der Arbeitslöhne, Reparaturen usw. (Näheres über Kapital in der L. bei Krämer.)

4. Arbeit. Die menschliche Arbeit im L.betrieb gliedert sich in die 1eitende des Unternehmers oder seiner Stellvertreter, die beaufsichtigende der Gehilfen (Assistenten, Aufseher) und die materielle Handarbeit der Lohnarbeiter (in Betrieben von Eingeborenen Afrikas vielfach noch Haussklaven, s. Sklaverei). In der angedeuteten Stufenfolge tritt das geistige (intellektuelle) Element absteigend zurück gegenüber dem körperlichen (mechanischen) Teil der Arbeitsleistung. Für die Schutzgebiete ist zu beachten, daß die physische Arbeit des Weißen vom Klima abhängig bleibt und von dessen Einwirkungen quantitativ begrenzt wird; um so größere Bedeutung gewinnen hier einerseits die leitende Tätigkeit der Europäer, andererseits die Qualität der farbigen Arbeiter. Letztere ist in den einzelnen Teilen der Schutzgebiete sehr verschieden zu bewerten und richtet sich u.a. nach Rasseneigentümlichkeiten, nach durchschnittlicher Körperkraft und nach der landwirtschaftlichen Veranlagung der zur Arbeitergewinnung herangezogenen Stämme. Die Arbeiterfrage ist zur zeit in allen Schutzgebieten eine der brennendsten Tagesfragen für die landwirtschaftliche Produktion (s.a. Arbeiter, Arbeiterverhältnisse, Kuli). - Man unterscheidet zwischen absolutem Bedarf an Arbeitern, wenn er sich auf den gesamten Umfang der innerhalb eines Jahres zu bewältigenden Arbeiten bezieht, und relativem, wenn er auf einzelne Perioden des Jahres bezogen wird. Der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch tierische ist in den Schutzgebieten nur teilweise möglich oder üblich. In weiten Gebieten des tropischen Afrikas, u. a. auch Deutsch- Ostafrikas, Kameruns und Togos, verbietet sich Großviehha1tung wegen des Vorhandenseins der Tsetse-Krankheit (Nagana, s.d.) und ihrer Überträger (s. Tsetsefliegen) von selbst. Aber auch in den übrigen, von Krankheit freien Gebieten hat die Pflugkultur bei den Eingeborenen der genannten Kolonien noch nicht Eingang gefunden; ihr gesamtes Wirtschaftssystem beruht noch auf dem Hackfeldbau (s. Ackerbau, Bodenbearbeitung). Die Anwendung der Pflugkultur beschränkt sich daher im wesentlichen vorläufig auf die Farmwirtschaft Deutsch-Südwestafrikas, auf Kiautschou und einige europäische Betriebe in den tropischen Schutzgebieten. Über den Gebrauch von Arbeitsmaschinen und den Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch Elementarkraft s. Landwirtschaftliche Geräte und Maschinen.

5. Rente. Man hat zu unterscheiden zwischen Rohertrag und Reinertrag. Ersterer wird gebildet durch die Summe der Werte der aus dem Umsatz hervorgegangenen Güter, letzterer stellt den Überschuß des aus dem Zusammenwirken von Kapital und Arbeit resultierenden Wertes von reproduziertem Kapital über den Wert des verbrauchten Kapitals dar. Der Reinertrag repräsentiert also den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmung. (Näheres bei Krämer.)

6. Arten der Bodennutzung. 1. Ackerbau (s.d.). Im Gegensatze zu dem heimischen Ackerbau, der sich - mit alleiniger Ausnahme gewisser Zweige des Futterbaus (s.d.) - nur mit einjährigen Gewächsen befaßt, treten in den Tropen auch mehrjährige Kulturen in den Ackerbau ein, so in den Schutzgebieten vor allem der Sisalhanf (s.d.); in gewissen Anbaugebieten werden das Zuckerrohr (s.d.) und die Baumwolle (s.d.) als mehrjährige Kulturen angebaut. Derartige Kulturen erfordern eine eigene, von der unserigen abweichende Methodik des Ackerbaus. Unter den von Europäern betriebenen tropischen Plantagenkulturen (s. u.) stellen außer dem Hülsenfrucht- und Körnerbau eigentlich nur der Tabakbau sowie einjährige Baumwoll- und Zuckerrohrbau Kulturarten des Ackerbaus im heimischen Sinne dar. 2. Gartenbau (s.d.), namentlich bei den Eingeborenen aller Schutzgebiete zur Deckung des eigenen Bedarfs an Gewürzen, Obst, gewissen Öl- und Medizinalpflanzen sehr verbreitet. Geht dabei vielfach in die Form des Feldgartenbaus über (s. Tabak). Nutz- und Ziergärtnerei, nicht als Erwerbsquellen, sondern lediglich als "Hausgärtnerei" auf Europäerplantagen in den Tropen allgemein, auf kleineren Farmbetrieben Deutsch-Südwestafrikas auch für den Erwerb. Gartenbau und Feldgartenbau gehören zu den intensivsten Formen der Bodennutzung. - 3. Weinbau (s.d.). 4. Graswirtschaft (s.a. Viehzucht, Wiesen und Weiden). Allgemein in extensiven Viehwirtschaften (s.u.). Wiesenbau bisweilen als "Unterkultur" in Baumpflanzungen (s. 5.), namentlich Kokosplantagen (s.d.). Häufiger unter gleichen Umständen - Weiden. Die Graswirtschaft stellt diejenige landwirtschaftliche Betriebsform und die Weide diejenige Kulturart dar, deren Bewirtschaftung den geringsten Aufwand an menschlicher Arbeit erfordert. 5. Baumpflanzungen. Im Gegensatze zur heimischen "Holzgärtnerei", die immer nur mit anderen Kulturarten vergesellschaftet betrieben wird, bilden in den tropischen Schutzgebieten die Baumpflanzungen eine weitverbreitete selbständige Art der Bodennutzung. Hierher gehören - mit wenigen Ausnahmen die spezifisch, tropischen Plantagenkulturen, die sog. "individualisierenden" Kulturen. Im Gegensatz zu den Ackerbau- und zu den Forstbetrieben (s.6.) verlangt bei ihnen jeder Baum (oder Strauch) individuelle Behandlung und Pflege. Beispiele: Kokospalme (s.d.), Ölpalme (s.d.), Kautschuk (s.d.), Kakao (s.d.), Kaffee (s.d.) und Tee (s.d.). (Die beiden letztgenannten werden in Strauchform gehalten.) Die meisten Baumpflanzungen erfordern einen - namentlich in der Jugend - erheblichen Aufwand an menschlicher Arbeit. - 6. Forstbetriebe. Hier sind diejenigen, fast allgemein zur tropischen Landwirtschaft gezählten Kulturen zu nennen, deren Anbau nach forsttechnischen Grundsätzen erfolgt oder wenigstens erfolgen sollte, z.B. die Kulturen der Kampferbäume (s. Kampfer), der Gerberakazien (s.d.) und der Chininrindenbäume (s. Chinarinden). Plantagen- und Eingeborenenkulturen. Als "Plantagen" im engeren Sinne bezeichnet man in den Schutzgebieten im allgemeinen durch europäisches Kapital unterhaltene und dauernd unter Leitung von Europäern stehende Tropische Landwirtschaftsbetriebe und zwar ohne Rücksicht darauf, ob der Betrieb allein auf Pflanzenbau (s. Arten der Bodennutzung 1 u. 5) basiert ist oder gleichzeitig Viehhaltung und Viehzucht umfaßt. Plantagen Farbiger sind übrigens in Kamerun, Togo und der Südsee nicht selten (hier, zum Unterschied von den Europäerplantagen, gewöhnlich "Eingeborenenpflanzungen" genannt). Der Betrieb einer Plantage setzt meist ein größeres Anlage- und Betriebskapital voraus, insbesondere für solche Wirtschaften, die noch kostspieliger Aufbereitungsmaschinen (s. Landwirtschaftliche Geräte und Maschinen) bedürfen. Außerdem rechnet der Plantagenbetrieb durchschnittlich mit viel größerer Eigentumsfläche als Wirtschaftsfläche. Daher tritt in der Plantagen-Großkultur als Unternehmerin fast immer die Erwerbsgesellschaft auf. Die Plantagenwirtschaft kann aus den gleichen Gründen, trotz niedriger Bodenpreise, nur die Erzeugung hochwertiger Rohstoffe betreiben, wenigstens in den Hauptbetriebszweigen; Kulturen geringwertigerer Produkte können aber als Nebenzweige aus betriebstechnischen und wirtschaftlichen Zweckmäßigkeitsgründen eingeschaltet werden. Im Gegensatz dazu stehen die sog. Eingeborenenkulturen, die, unter anderen Voraussetzungen arbeitend, mit wirtschaftlichem Erfolg auch diejenigen Rohstoffe produzieren können, welche, mit Lohnarbeit erzeugt, im Wettbewerb auf dem Weltmarkt unterliegen müßten. Hierher rechnen in erster Linie Körnerfrüchte, Hülsen- und Ölfrüchte die sog. "Volkskulturen" der Schutzgebiete. Aber auch die sog. Plantagenprodukte, wie z.B. Kaffee, Kakao und Baumwolle, werden in gewissen Gebieten von Eingeborenen sogar überwiegend gewonnen. Tierische Produkte der Eingeborenenwirtschaft sind vor allem Häute, ferner Butter, Honig und Wachs. - Über Mischkultur und Zwischenkulturen in Plantagen- wie Eingeborenenbetrieben s. Zwischenkulturen. S.a. Wirtschaft der Eingeborenen.

7. Meliorationen ("Grundverbesserungen") dienen 1. zur Gewinnung von Kulturland: Urbarmachung, (z. B. Rodung von Waldland, Umwandlung von Ödland Wüste, Steppe usw.) in Kulturland; 2. zur Sicherung von Kulturland, z. B. Dammbauten, Uferbefestigungen von Flüssen und Bächen, Festlegung von Flugsanddünen (s.d. u. Dünenbefestigung), Terrassierung; 3. zur Verbesserung des Betriebes oder des Kulturbodens (Standorts der Pflanzen): im ersten Falle durch Überführung einer Kulturart in eine ergiebigere, wie z. B. von Weide in Ackerland oder durch Wassererschließung, im zweiten z. B. durch Entwässern oder Bewässerung (s. Künstliche Bewässerung) oder Beseitigung von Baumwurzeln und Steinen aus dem Ackerboden. (Nur die unter 2. und 3. genannten Gruppen von Arbeiten sind Meliorationen im engeren Sinne.) Die Landwirtschaftstechnik wird wesentlich beeinflußt durch die natürlichen Vorbedingungen (Klima und Boden), durch die Art der Bodennutzung und der Kulturen und die Art der verfügbaren Arbeitskräfte. Hieraus folgt, daß sie in den Schutzgebieten, insbesondere in den tropischen, großenteils mit anderen Methoden und Hilfsmitteln zu arbeiten hat, wie in der Heimat (s.a. Bodenbearbeitung, Landwirtschaftliche Geräte und Maschinen).

8. Die Betriebseinrichtung in der L. wird beherrscht von den bestimmenden Einflüssen der Natur, von der Entwicklung der sozialen Zustände des betr. Gebiets und von den Verhältnissen der Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft. Für die L. in den Schutzgebieten kommen dabei sowohl die Volkswirtschaft des betreffenden Schutzgebietes wie auch die der Heimat in Betracht. Von den bestimmenden Faktoren sind die natürlichen - Klima und Boden - hier wie dort am meisten durch Beständigkeit ausgezeichnet. Die übrigen örtlichen Vorbedingungen für den Landwirtschaftsbetrieb und Einflüsse sind dagegen in den Schutzgebieten, wie in allen werdenden Agrarländern, außerordentlich labil, während sie in alten Kulturstaaten eine relative Stabilität erlangt haben. Der Erschließungsprozeß als solcher mit allen Begleiterscheinungen, Änderungen der Verkehrs- und Transportverhältnisse und der Güterbewegung, der Eingeborenensiedlung, ferner die Arbeiterfrage wirken dabei mit; nicht zum mindesten aber die Konkurrenz anderer Produktionsgebiete und die damit verbundene Preisgestaltung auf dem Weltmarkte. In jedem rationell geleiteten L.betriebe sind mehrere Produktionszweige zu unterscheiden, die in wechselseitiger Beziehung und Abhängigkeit zu- und voneinander stehen, und deren ökonomischer Wirkungsgrad auch den wirtschaftlichen Erfolg der ganzen Unternehmung beeinflußt. In der heimischen L. überwiegen die "gemischten" Betriebe, d.h. diejenigen, welche neben der Pflanzenproduktion noch Viehhaltung oder Viehzucht oder auch daneben noch technische Gewerbe, wie z.B. Molkerei oder Brennerei umfassen. In den Schutzgebieten sind Viehhaltung und Viehzucht vielfach unmöglich (s.o.); abgesehen von Deutsch-Südwestafrika basiert der Betrieb europäischer Unternehmungen daselbst fast nur auf dem Pflanzenbau. Von technischen Betriebszweigen führt sich zurzeit in Kamerun und Togo die maschinelle Herstellung von Palmöl und Palmkernöl ein (s. Ölpalme), während die Zucker- und Alkoholfabrikation noch der Aufnahme harren (einige Ausnahmen betr. die Alkoholfabrikation bestehen in Deutsch-Südwestafrika). - Einseitige Betriebe, d. h. solche, die nur auf einer Kulturart oder nur einem Betriebszweige beruhen, bieten von vornherein ungünstigere Chancen, sind meist wirtschaftlich unzweckmäßig und können oft auch für den Unternehmer gefährlich werden. Derartige Beispiele weisen die Geschichte des Kaffeebaues in Usambara und die jetzige ostafrikanische Kautschukkrisis (s.o.) auf. Die Organisation des Betriebes - eine der wichtigsten Aufgaben des Unternehmers führt zu dem Betriebs- oder Wirtschaftssystem, worin sich das Ganze zielbewußt nach gewissen Wirtschaftsgrundsätzen aus einer Mehrheit von Teilen zusammensetzt und organisch gegliedert darstellt. Jedes landwirtschaftliche Betriebssystem stellt zugleich das Produkt der Verhältnisse seiner Zeit dar. Das prägt sich sehr deutlich in der Landwirtschaft der Schutzgebiete aus, auf deren Betriebsart und -Einrichtung die noch im Fluß befindlichen Verhältnisse des Erschließungsstadiums (s. o.) vielfach hemmend und ungünstig einwirken. Sichere Betriebssysteme, die in der Regel Neuschöpfungen repräsentieren, sind dort noch in der Minderheit vorhanden; zahlreiche Betriebe arbeiten noch systemlos, wobei zeitweilig das Überwiegen des Laienelements unter den Unternehmern, die Unkenntnis der natürlichen Einflüsse von Klima und Boden oder auch der Marktverhältnisse und endlich die Überschätzung der Fruchtbarkeit tropischer Gebiete wesentlich mitgewirkt haben und teilweise noch mitwirken. Der Betrieb muß in den Schutzgebieten andererseits noch beweglich sein, d.h. sich dem Wechsel der äußeren Zustände anpassen können. Extensive und Intensive Wirtschaft. Bei niedrigen Bodenpreisen, aber hohem Zinsfuß und hohen Arbeitslöhnen wird die Extensive Wirtschaft bevorzugt, wobei der Natur das Übergewicht, die Hauptarbeitsleistung zufällt, die ("äußere") Betriebskraft zerstreut und verteilt wird. Bei hohen Bodenpreisen, aber relativ billiger Beschaffung von Kapital und Arbeit, spart man an Land und häuft den Betriebsfonds auf der gleichen Fläche, wirtschaftet intensiv. Mit der intensiven Wirtschaft sind stets Maßnahmen verbunden, welche die Produktivität des Bodens steigern (Fruchtfolge (s.d.), Düngung (s.d .), Zwischenkulturen (s.d.), Meliorationen (S.o.): besondere Formen der Bodenbearbeitung (s.d.) usw. Der Übergang von der extensiven Wirtschaft zu einem intensiveren Betriebssystem ist u.a. dann geboten, wenn das Wertverhältnis zwischen Rohertrag und Kosten sich ändert. Das kann z.B. geschehen durch Steigen der Produktenpreise bei gleichbleibendem oder vermehrtem Wirtschaftsaufwand oder aber bei Gleichbleiben oder Fallen der Produktenpreise durch relativ stärkeren Rückgang der Betriebskosten. Der intensive Betrieb entwickelt sich im allgemeinen von selbst in Gegenden mit dichter Bevölkerung (s. u.) und lebhaft entwickeltem Markt, unter günstigen Verkehrsverhältnissen und bei steigenden Bodenpreisen; in den Schutzgebieten speziell wird er auch dazu dienen, die Mängel weniger ertragreicher Böden und klimatisch ungünstiger Lagen auszugleichen. In den Schutzgebieten überwiegt sowohl in Europäerbetrieben wie in der Eingeborenenwirtschaft vorläufig noch bei weitem die extensive Wirtschaft. Sie ist nach Lage der Dinge in vielen Gebietsteilen allein möglich und zweckmäßig. In anderen geht man allmählich zur intensiveren Bewirtschaftung über oder wird dazu übergehen, sobald gewisse Vorfragen (betr. Düngung, Fruchtfolge, Brache usw.) gelöst sind. Ausgesprochen intensive Wirtschaft findet sich z.B. bei den Chinesen in Kiautschou, gewissen Gebirgsvölkern in Deutsch-Ostafrika und Kamerun und bei den Kabures in Nordtogo (bei Smend) usw. Beispiele für extensive Wirtschaft: Steppen- oder Präriewirtschaft, ohne Feldbau, bei Eingeborenen entweder mit Nomadenleben verbunden (s. Massai) oder von festen Wohnsitzen aus betrieben (einige Kameruner Graslandstämme); in gehobener Stufe als reine Graswirtschaft (s.o.) bei Europäern in denjenigen Viehzuchtsgebieten Deutsch- Südwestafrikas, in denen Klima und Boden den Ackerbau entweder ausschließen oder mit hohem Risiko behalten (Näheres s. Viehzucht). Wilde Feldgraswirtschaft, im tropischen Afrika bei den Eingeborenen vorherrschend (s. Ackerbau), mit wechselndem Verhältnis zwischen Ackernutzung und Weidenutzung. Gemischte Farmwirtschaft Deutsch-Südwest- und Ostafrikas: ein Teil der Bodenfläche wird dauernd als Acker, das übrige Land als Weide benutzt. Getreide- und Futterbau, ohne oder mit künstlicher Bewässerung betrieben, sind im Feldbau die überwiegenden Kulturarten. Stellenweise daneben in kleinerem Rahmen Feldgartenbau und Gartenbau (also Formen intensiver Kultur). Einfelder-Wirtschaft: Man baut Jahr für Jahr auf demselben Felde dieselbe Frucht so lange an bis die Erträge nachlassen. In der Regel wird alsdann Brache eingeschaltet, d. h. man überläßt das Feld der natürlichen Wiederbewachsung, um es nach einigen Jahren wieder in Kultur zu nehmen (s. Ackerbau). Verbreitet bei den Eingeborenen des tropischen Afrikas; auch von Europäern bisweilen angewendet, z.B. im Baumwollbau Deutsch-Ostafrikas, obwohl wirtschaftliche Zweckmäßigkeit hier sehr zweifelhaft! Die Anwendung der Brache in der eben angegebenen Weise ("Schwarzbrache", "Steppenbrache") bildet die Übergangsstufe zum Fruchtwechsel (s.d.), und damit zu dem höheren System der Fruchtwechselwirtschaft, auf deren Grundlage im allgemeinen erst höchste Wirtschaftsintensität, höchster Geldumsatz und höchste Kapitalverzinsung erreichbar sind (Näheres bei v. Rümker). Betriebssysteme auf der Stufe der vollen Intensität ("Hochkultur") kommen für die Schutzgebiete bis auf weiteres noch nicht in Frage. Raubbau. Eine Betriebsart, bei welcher die dem Boden durch Ernten entzogenen Pflanzennährstoffe nicht oder in ganz ungenügendem Maße (durch Düngung) ersetzt werden, der Boden ausgesogen wird. Raubsysteme bilden u.a. bei Landüberfluß in werdenden Agrarländern eine Begleiterscheinung spekulativen Landerwerbs und sorgloser Landnutzung. Sie sind nur für den Augenblick rentabel und gehören deshalb nicht in einen rationellen Wirtschaftsbetrieb. Über Nutzviehhaltung und Viehzucht und ihre Stellung in der L. der Schutzgebiete s. Viehzucht.

9. Maßnahmen der Regierung zur Hebung der L. in den Schutzgebieten. Da das wirtschaftliche Gedeihen der Schutzgebiete in erster Linie auf der landwirtschaftlichen Produktion beruht, die technischen Grundlagen für letztere aber zum Teil erst noch gefunden werden müssen, hat die Verwaltung einen größeren Kreis von Einrichtungen geschaffen, die der technischen Verbesserung der vorhandenen und der Einführung neuer Kulturarten und Betriebszweige dienen, den Plantagenbau und die Farmwirtschaft der Ansiedler fördern und dazu beitragen sollen, die Produktion der Eingeborenen zu erweitern, in wirtschaftlich zweckmäßige Bahnen zu lenken und sie der allgemeinen Wirtschaft der Schutzgebiete und des Mutterlandes nutzbar zu machen. Diese Einrichtungen sind: der landwirtschaftliche Dienst (s. Busse), das landwirtschaftliche Versuchswesen (s.d.) und Ackerbauschulen (s. Mpanganja, Victoria, Dschang, Nuatjä) für Eingeborene. S.a. Wirtschaft der Eingeborenen.

Literatur: Krämer in v. d. Goltz, Handbuch d. gesamten Landwirtschaft. Tübing. 1890 (mit ausgiebigen Literaturnachweisen). - Krafft-Fruhwirth, Lehrbuch der Landwirtschaft, Bd. 1. Berl. 1910. - Wohltmann, Die natürlichen Grundlagen der tropischen Agrikultur. Leipzig 1892. - Ders., Deutsch-Ostafrika. Berl. 1898 u. zahlreiche Abh. im "Tropenpflanzer". - Semler, Tropische Agrikultur. 2. Aufl., Wismar 1897 bis 1903. -Fesca, Pflanzenbau in den Tropen u. Subtropen. Berl. 1904-1911. - Mitscherlich, Bodenkunde. 2. Aufl. Berl. 1913. - v. Rümker, Tagesfragen aus dem modernen Ackerbau, Heft 1 (Boden) u. Heft 4 (Fruchtfolge). Berl. 1906 - 07. - Vageler, Die Mkattaebene. Beihefte zum Tropenpfl. 1910. - Ders., Ugogo, ebenda 1912; außerdem verschiedene bodenkundliche Abhandl. im "Pflanzer" 1911- 1913. v. Lindequist, Deutsch-Ostafrika als Siedlungsgebiet f. Europäer (Schriften d. Ver. 1. Sozialpolitik, Bd. 147) 1912. - Hupfeld, Landwirtschaftl. Buchführung in den Kolonien, Jahrb. Deutsch. Landw.Ges. 1912. - Busse, ebenda 1912. - Ders., Deutsche Landw. Presse 40 (1913) Nr. 48. - Smend, Eine Reise durch die Nordostecke von Togo in Globus 92 (1907) Nr. 16. Über die bisherige Entwicklung der L. in den Schutzgeb.: Denkschr. und Jahresber. Schutz. geb., KolBl. u. (seit 1897) die alljährlich in den Januar-Nummern des "Tropenpflanzers" enthaltenen Überblicke. Kürzere Zusammenfassung (einschließlich 1912) bei Busse. - Einzelne Zweige d. L. und Kulturarten s. die Literaturnachweise unter Ackerbau, Viehzucht u. den anderen Spezialartikeln, ferner "Tropenpflanzer'", "Pflanzer", Mitt. Schutzgeb. usw. Literatur betr. Landwirtsch. in Kiautschou: Wegenerin H. Meyer, Das Deutsche Kolonialreich, Bd. 11, 526 f. Leipz. 1910; außerdem Tropenpfl. 1910.

Busse.