Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 445 ff.

Leberabszeß. 1. Wesen des L. 2. Krankheitserscheinungen. 3. Operation des L.

1. Wesen des L. Der L. ist die wichtigste Komplikation der Amöbenruhr (s. Dysenterie). Der L. kommt überall da vor, wo Amöbenruhr endemisch ist. Befallen werden sowohl Europäer wie Farbige, doch hat es den Anschein, als komme er bei letzteren seltener vor als bei ersteren. Offensichtlich spielt Alkoholismus die Rolle einer prädisponierenden Ursache für den Leberabszeß; dem ist es auch zuzuschreiben, daß er beim männlichen Geschlechte auch prozentual viel häufiger ist als beim weiblichen. Ganz zweifellos ist der Zusammenhang der Erkrankung an L. mit der Amöbendysenterie erwiesen. In der großen Mehrzahl der Fälle von L. läßt sich voraufgegangene Ruhr und zwar Amöbenruhr nachweisen. Diese kann nur wenige Wochen bis viele Jahre (bis zu 15 Jahren) zurückliegen. An diesem Zusammenhang ändert nichts der Umstand, daß gelegentlich Amöben-L. beobachtet werden, ohne daß eine vorangegangene Amöbenruhrerkrankung sichergestellt werden kann. Diese kann so leicht gewesen sein, daß sie dem Erkrankten entgangen ist; ebensowenig die glücklicherweise sehr häufige Tatsache, daß auf eine Amöbendysenterie kein L. folgt; es führt eben nicht jede Erkrankung an Amöbendysenterie zur Bildung von L. Man kann also sagen, der L. ist durch Amöbendysenterie bedingt, aber nicht regelmäßige und notwendige Folge einer Amöbenruhr. Die L. sind Eiteransammlungen in der Leber. Die Größe dieser Eiterhöhlen ist sehr verschieden. Neben nur eben dem Auge sichtbaren Eiterherden können Abszesse vorkommen, welche mehr als 1l Inhalt haben. Man unterscheidet zwischen einheitlichen Abszessen (solitär) und multiplen (zahlreichen). Ihr Sitz ist gewöhnlich der rechte Leberlappen und zwar die Gegend, welche der Zwerchfellkuppel entspricht. Der Inhalt des Abszesses ist nicht Eiter im gewöhnhehen Sinne des Wortes, sondern im wesentlichen eingeschmolzenes, abgestorbenes (nekrotisches) Lebergewebe. Es kommen neben rein flüssigen Abszessen auch solche vor, die eine mehr rahmige bzw. teigige Konsistenz haben. Gewöhnlich sind die Abszesse durch eine äußere Haut (Abszeßmembran) von dem umgebenden gesunden Lebergewebe geschieden. Die Abszesse üben, wenn sie größer werden, einen Druck auf die der Leber benachbarten Organe der Brust- bzw. Bauchhöhle aus, wodurch Verdrängungssymptome entstehen. So wird ganz gewöhnlich die rechte untere Lungengrenze durch Abszesse im rechten Leberlappen nach oben gedrängt. Sich selbst überlassen wachsen sie gewöhnlich so lange weiter, bis sie entweder durch ihre giftigen Wirkungen das Leben des Erkrankten bedrohen, oder, an die Oberfläche der Leber gelangt, nach außen durchbrechen. Häufig ist der Durchbruch in die Lungen (Aushusten des Abszesses); ferner brechen sie gelegentlich durch in die Brusthöhle, die Bauchhöhle, den Darm oder in andere benachbarte Organe. Bisweilen gelangen sie unter die Haut, dieselbe vorwölbend und schließlich durchbrechend. Die Abszesse enthalten außer den geschilderten nekrotischen Massen gewöhnlich Eiter und Amöben; die letzteren finden sich jedoch gewöhnlich nicht in der durch Operation bzw. Punktion entleerten Flüssigkeit, sondern in der Abszeßmembran (s.o.), in der die Amöben als Pioniere der krankhaften Veränderung (Nekrose) zu finden sind. Die Amöben gelangen aus einem dysenterieinfizierten Darm in die Leber gewöhnlich auf dem Wege der Blutbahn. Durch die Geschwürsbildung im Darm werden Blutgefäße angefressen und eröffnet; in die eröffneten Gefäße dringen Amöben ein und werden von der Pfortader in die Leber getragen, wo sie die Veränderungen hervorrufen, die wir als L. bezeichnen.

2. Die Krankheitserscheinungen, welche L. hervorrufen, sind folgende: Mehr oder weniger lange nach vorausgegangener Dysenterie (s.o.) kommt es zu Bildung von Fieber unregelmäßigen Charakters, gelegentlichen Schüttelfrösten, die gewöhnlich für Malaria (s.d.) gehalten und mit Chinin bekämpft werden. Sehr häufig wird dabei über einen dumpfen Schmerz in der Lebergegend, besonders beim tiefen Luftholen, häufig auch nur über ein unbestimmtes Druckgefühl daselbst, geklagt. Gewöhnlich macht sich bereits in diesem Stadium Schmerz in der rechten Schulter bemerkbar, der gewöhnlich zunächst für rheumatisch gehalten wird. Dieser eigenartige und charakteristische Schulterschmerz rührt her von einer Nervenverbindung, die zwischen dem Zwerchfellnerv (nerv. phrenicus), auf den der wachsende Abszeß einen Druck ausübt, und dem die Haut der rechten Schulter mit sensibelen Zweigen versorgenden Nerv, der seinen Ursprung gemeinsam mit dem nerv. phrenicus aus dem Halsteil des Rückenmarks nimmt. Häufig ist Gelbsucht vorhanden, entsprechend einer durch den Abszeß veranlaßten Gallenstauung. Bei der Untersuchung eines an L. leidenden Patienten findet man die Leber gewöhnlich geschwollen und in mäßigem Grade druckempfindlich. Im Blute ist in der Regel eine Leukocytose nachweisbar (Vermehrung der weißen Blutkörperchen) als Ausdruck einer mit der Blutbahn in Verbindung stehenden Eiterung. Mit Sicherheit erwiesen wird der L. durch den direkten Nachweis des Eiters. Es geschieht dies durch die Probepunktion, die vom Arzte am besten in Narkose vorgenommen wird. Die Punktion geschieht mit einer gutziehenden, nicht zu kleinen Spritze, deren lange Kanüle (12-15 cm lang) an der Stelle, wo man Eiter vermutet, eingestoßen wird. Wenn keine Anhaltspunkte für die Annahme eines bestimmten Ortes für den Abszeß in der Leber vorhanden sind, so geht man zunächst am besten ein am "Ort der Wahl", d. h. in der mittleren Axillarlinie, in dem dort tiefst gelegenen Zwischenrippenraum, d. h. etwa 2 cm oberhalb des unteren Randes des Brustkorbes. Wenn man auf Eiter stößt, so läßt man am besten gleich die Kanüle stecken und schließt die Operation an.

3. Operation des L. Es gibt zwei Methoden der chirurgischen Entleerung von L., die Dränage und die breite Eröffnung. Die Dränage besteht darin, daß man eine Metallröhre (ev. auch Gummirohr) in den Eiterherd einlegt und so durch dauernden Abfluß den Abszeß allmählich nach außen entleert; die breite Eröffnung geschieht so, daß man - gewöhnlich nach Entfernung (Resektion) einer oder mehrerer Rippen - das Lebergewebe über dem Abszeß breit spaltet und so durch schnellen und vollständigen Abfluß des Eiters für schnelle und vollständige Heilung die Vorbedingungen schafft. Das erstere Verfahren die Dränage hat nicht so gute Erfolge aufzuweisen wie die breite Spaltung und ist aus diesem Grunde in letzter Zeit immer mehr verlassen worden. Es kommt in Frage in Orten, an denen die äußeren Einrichtungen für die Vornahme der breiten Spaltung fehlen (Expedition, kleine Station ohne chirurgische Hilfsmittel). Sonst ist die breite Spaltung entschieden der Dränage vorzuziehen. - Die Resultate der Spaltung sind durchaus befriedigende. Hatte doch beispielsweise das Seemanns-Krankenhaus in Hamburg in den letzten Jahren unter mehr als 20 Operationen nur einen Todesfall zu verzeichnen. Eine weitere Frage ist die, ob man sofort durch Brust- und Bauchhöhle eindringend, in die Leber eingehen und den Abszeß entfernen soll, oder ob es ratsamer erscheint, zunächst nur die Bauchhöhle freizulegen, dann einige Tage zu warten, bis sich Bauchfellverwachsungen gebildet haben, die die Bauchhöhle vor eindringendem Eiter schützen, und erst dann den Abszeß zu eröffnen (zweizeitige Operation). Die Entscheidung über diese wichtige Frage ist von Fall zu Fall verschieden zu beantworten; im allgemeinen verdient die einzeitige Operation den Vorzug vor der zweizeitigen. Von inneren Mitteln zur Behandlung des L. sind sicher wirkende nicht bekannt. Am meisten in Betracht kommt die von Rogers empfohlene Behandlung mit großen Dosen von Ipecacuanha; neuerdings durch Emetin. In den meisten Fällen wird es unzweckmäßig sein, auf den ev. eintretenden Erfolg einer internen Behandlung zu warten, vielmehr wird man, wo ein Abszeß festgestellt ist, durch chirurgische Eröffnung den besten Weg zur Heilung betreten.

Werner.