Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 453

Lianen, nach H. Schenck alle Pflanzen, "die im Erdboden wurzeln und im langgliedrigen Stengeln sich anderer Gewächse als Stützen bedienen, um ihr Laubwerk und ihre Blüten vom Boden zu erheben und in eine zum Licht günstige Lage zu bringen. Sie umfassen sowohl Holzpflanzen mit immergrünen Blättern, als auch laubabwerfende Klettersträucher, ferner Formen mit krautigem Stengel, welche nur eine Vegetationsperiode aushalten oder mit unterirdischen Organen perennieren". Kletter- und Windepflanzen werden also nach dieser jetzt allgemein angenommenen Definition mit in den Begriff einbezogen. Nach der Art, in der das Aufsteigen vom Boden aus geschieht, lassen sich die L. in 4 Gruppen bringen. 1. Spreizklimmer entwickeln nach allen Richtungen hin horizontal abstehende Zweige, die sich zwischen das Astwerk von Nachbarpflanzen einschieben, und gelangen so von Stützpunkt zu Stützpunkt immer höher. Die Mehrzahl dieser ist dabei an den Achsen oder den Blättern mit Dornen bewehrt, die ein Abgleiten verhindern oder doch erschweren (Kletterrosen, Rotanpalmen). 2. Wurzelkletterer bilden zumeist an den Knoten, an den Stellen, wo ein Blatt entspringt, entweder kurze, mit Saugscheiben versehene Haftwurzeln aus (Efeu) oder längere, sich um die Stütze bandförmig herumlegende Luftwurzeln, die ebenso wirken wie der Bindebast, mit dem, der Gärtner Spalierobst an einem Lattenwerk befestigt (Vanille, viele Araceen). 3. Windepflanzen wachsen durch eine kreisende Bewegung (Nutation), die der Sproßgipfel ausführt, korkzieherartig um die Stütze herum (Hopfen, Gaisblatt). 4. Rankenpflanzen besitzen Organe, auf die ein seitlich einwirkender Druck in der Weise einen Reiz ausübt, daß das Organ dadurch veranlaßt wird, auf der einen vom Druck betroffenen Seite intensiver zu wachsen als auf der gegenüberliegenden und sich so um die Stütze zu krümmen. Solche reizbaren Organe sind Blattstiele (Waldrebe), fadenartig verlängerte Blattspitzen (Erbsen, Flagellaria), aus der Umbildung von Blättern oder Zweigen hervorgegangene Ranken (Kürbis, Weinstock), endlich Infloreszenzachsen (Landolphia) oder Dornen (Hakenklimmer). Man nimmt an, daß 9/10 aller L. ihre Heimat in den Tropen haben und da wieder die Regenwälder bevorzugen. Wo diese als unzugänglich oder schwer passierbar geschildert werden, sind es in erster Linie die alles verflochtenden L., die das Vorwärtskommen darin behindern. Nur hier bilden sie dicke, oft Schenkelstärke erreichende und verholzende Stämme, nur hier werden sie 100 und mehr Meter lang und bilden mit ihren Endverzweigungen gleichsam ein Dach, das sich den Wipfeln der höchsten Bäume auflagert. - In der gemäßigten Zone wie in Steppengebieten herrschen krautige Formen vor. Nützliche L. der Tropen sind die Rotanpalmen (s.d.) und die kautschukliefernden Landolphien (s.d.). - Ihrer Verwandtschaft nach gehören sie den verschiedensten Familien an, besonders häufig sind sie unter den Araceen, Piperaceen, Aristolochiaceen, Anonaceen, Leguminosen, Vitaceen, Passifloraceen, Rhamnaceen, Sapindaceen, Cucurbitaceen, Convolvulaceen und Rubiaceen.

Literatur: H. Schenck, Beitr. zur Biologie u. Anat. der Lianen in Bot. Mitteil. a. d. Tropen. Heft 4 u. 5. Jena 1897 u. 1898.

Volkens.