Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 500 f.

Männerhäuser (s. Tafel 158). Aus der Scheidung der männlichen Bevölkerung der Naturvölker in Altersklassen (s.d.) ergibt sich die Trennung der Verheirateten von den Junggesellen. Während die ersteren der Regel nach mit ihren Frauen und Kindern zusammenwohnen, nimmt bei zahlreichen seßhaften Völkern ein gemeinsames Haus alle Junggesellen eines Dorfes auf, das meist erheblich größer und reicher aufgeführt ist als die Familienhäuser. In diesem Hause essen und schlafen, spielen und arbeiten die Junggesellen; Frauen und Kindern ist der Zutritt verboten, doch werden meist die mannbaren Mädchen gern aufgenommen. Das Junggesellenhaus ist in dieser typischen Form der Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustandes. Häufiger als die reine Form des Hauses sind jedoch seine Um- und Weiterbildungen. Ist es ursprünglich ein Junggesellenhaus, so wird es oft dadurch zum M., daß die verheirateten Männer nicht völlig ausscheiden, sondern in dem Hause weiterverkehren. Wohl jede Verrichtung und Handlung der Insassen des M. kann in den Vordergrund treten und damit unter völliger oder teilweiser Verwischung der reinen Form das M. weiterentwickeln: Das gesellige Leben, die gemeinsamen Mahlzeiten und Zechereien ergeben, zumal wenn das Haus als gemeinsame Schlafstätte außer Gebrauch kommt, das Spiel- und Tanz- oder Speisehaus; der Umstand, daß die Insassen des M. Krieger oder Sippenhäupter sind, gestaltet das M. zum Ort der Beratungen über die Politik des Dorfes oder Stammes; wo der Häuptling die Macht der Gemeindeversammlung gebrochen hat, nimmt er auch das Gemeindehaus in Besitz und bildet es zu seiner Wohnung aus, in deren Vorhalle er Recht spricht; entstehen auf Grund von Reichtum oder Rang besondere Gruppen in dem Stamme, die als Klubs die Tradition der Altersklassen fortsetzen, so kann das M. zum Klubhaus werden oder doch den Klubhäusern als Vorbild dienen. Die wichtige Tatsache, daß die Junggesellen die rüstigsten Krieger sind, ergibt zunächst, daß ihr Haus in Kriegszeiten zur Wachtstube und zum Sammelplatz aller Waffenfähigen wird, als Zitadelle und Zeughaus dient; es wird dann weiterhin zum festen Platz entwickelt werden können, in den alle Einwohner ihre Habe flüchten, der aber auch für Gefangene und Verbrecher als Gefängnis dient. Naturgemäß bringt der Krieger im M. auch seine Trophäen unter, und wenn die Junggesellen oder ein Männerbund den Ahnenkult übernimmt, so wird das M. zu dessen Mittelpunkt und nimmt neben den Schädeln erschlagener Feinde die der verstorbenen Angehörigen, die Ahnenbilder, Masken und Musikinstrumente auf; schließlich kann es zur Begräbnisstätte für Häuptlinge werden. An die friedlichen Beschäftigungen der Junggesellen knüpfen andere Entwicklungen an: Es wird zur Arbeitsstätte für bestimmte Gewerbe oder mit dem Bootshause vereinigt. Weit verbreitet ist endlich die Sitte, daß Fremde, die das Dorf betreten, in das M. geleitet und hier aufgenommen worden; auch diese Aufgabe kann in den Vordergrund treten und die Umbildung des alten M. zur Herberge herbeiführen. - Es ist im einzelnen Falle nicht immer zu entscheiden, ob wirklich das Gemeindehaus, der "Tempel", die Herberge sich unmittelbar aus dem M. entwickelt hat. Allein es kommt nicht auf die bauliche Zusammengehörigkeit an, sondern auf die Tatsache, daß die Junggesellen und weiterhin die Männer überhaupt einen Versammlungsort zu bestimmten Zwecken haben. Als M. im weiteren Sinne kann etwa auch die Schmiede bezeichnet werden, mag sie auch nur Ersatz oder Nachfolgerin des eigentlichen Männer-"Hauses" sein; auch die gemeinsamen Feuer- und Lagerplätze der Junggesellen bei Völkern, denen das Gebäude fehlt, sind funktionell ebenso zu dem M. zu rechnen, wie etwa die Veranden, Schattendächer usw., die den Junggesellen dort als Aufenthaltsorte dienen, wo die Altersklasse bedeutungslos und die Familie in den Vordergrund getreten ist.

Literatur: H. Schurtz, Altersklassen und Männerbünde. Berl. 1902.

Thilenius.