Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 481 f.

Makonde. 1. Hochland in Deutsch-Ostafrika, gehört zum südlichen Vorland (s. Deutsch-Ostafrika 5). Die westwärts durch eine Landstufe begrenzte, gegen 8000 qkm große Tafel ist aus Sedimenten aufgebaut, die im NW 790 m Mh. erreichen und küstenwärts einfallen. Die Station Tschiwata der Universities' Mission, dicht am Plateaurand (vielleicht schon auf einem Inselberg), soll sogar 900 m ü. d. M. liegen. Die plateaubildenden, über 100 m mächtigen Makondeschichten (s.d.) gehören der Kreide an (s. Deutsch-Ostafrika 2). Sie bestehen aus Sandsteinen und Mergeln; den ersteren ist die harte, eingekieselte Newalasandsteinschicht (als Grundwasserverkieselung angesehen) eingelagert. Im O von M. sind die Makonde- von Mikindanischichten verhüllt. - In sandigem Verwitterungsboden in etwa 1/2 m Tiefe wird Kopal (s.d.) gegraben, fast überall in M. und hier stärker als in den anderen küstennahen Plateau- und Berglandschaften des Vorlandes von Deutsch-Ostafrika. - Als Unterlage des Hochlandes tritt besonders am Westabhang der Gneis auf. - Nach Süden zu trennt das tiefe, breite Tal des Rowuma (s.d.), nach Norden zu das des Lukuledi- (s. d.) M. von anderen, ähnlich gebauten Hochländern (s. Muera, Noto). In der Richtung dieser Flüsse fließt oben auf M. der Mambi, dessen Creek die große Ssudibucht (s.d.) bildet. Das Klima von M. ist kontinentales Passatklima (s. Deutsch-Ostafrika 4) mit ziemlich reichlichen Niederschlägen, die zumal an den Rändern 1000 mm erreichen dürften, mehr als unmittelbar an der Küste, wie z. B. bei Lindi. Trotzdem herrscht während der einen Hälfte des Jahres überall Wassermangel, da in den Sandsteinen und jüngeren Deckschichten das Wasser schnell versickert. Die Vegetation ist ein oft ganz dichter, bis zu 6 m hoher Busch, von wenigen höheren Bäumen überragt, gelegentlich von kleinen Trockenwaldinseln unterbrochen. Auf weiten Flächen ist das ursprüngliche Pflanzenkleid der sehr extensiven Wirtschaft der Eingeborenen zum Opfer gefallen. Auf den verlassenen Feldern entstand ein Busch, dessen Bestandteile eine Art Ruderalflora sind. Sorghum, Mais, Bohnen, Maniok werden angebaut, Viehzucht fehlt der Tsetse (s.d.) wegen. Obwohl die Leute in der Trockenzeit manchmal fast einen halben Tag zu den Wasserstellen haben, ist doch gerade M. verhältnismäßig dicht besiedelt. Vor dem Aufstand 1905/06 sollen hier fast 100000 Eingeborene gesessen haben. Neuerdings soll diese Zahl sogar erheblich überschritten sein. Sie wird 1912 auf 130000 geschätzt, was der für dies Gebiet sehr hohen Dichte 16 entsprechen würde. Das scheint aber etwas zu hoch gegriffen. Den weitaus größten Teil der Bevölkerung bilden die Makonde (s.u. 2), dazu kommen im Süden einige Wandonde (s.d.), hier und da Wajao (s. Jao), die alle hier einst vor den Wangoni (s.d.) Zuflucht suchten.

Literatur: S. Madjedje 1, ferner die Arbeiten Hennigs und v. Staffs unter Tendaguru. S. auch das Folgende.

Uhlig.

2. Die Bewohner der Landschaft M. heißen ebenfalls M. (Wamakonde). Die M. zählen nach amtlicher Schätzung 83000 Köpfe, die in dem inneren Teil des Hochlandes rein, an den Rändern mit Wandonde, Wamatambwe, Makua, Jao usw. untermischt sitzen. - Die Siedelungen sind kleine, aus wenigen zylindrischen Kegeldachhütten bestehende Weiler, die völlig versteckt und für den Fremden kaum auffindbar und zugänglich in dem dichten Busch liegen, der das Plateau auszeichnet. Die Viehzucht geht über die Haltung von Hunden, Hühnern und Ziegen nicht hinaus. Der Feldbau ist der übliche Hackbau, der auf den höchst durchlässigen Schichten einen häufigen Ortswechsel bedingt, aber infolge des Regen Fleißes der Bewohner weit seltener versagt als im Tieflande. Die Jagd wird im dichten, wildarmen Busch wenig geübt; sie erstreckt sich zudem in der Hauptsache auf die Verwendung geschickt konstruierter Fallen. Unter dem Druck der ewigen Wangoni-Angriffe, die den ganzen Südosten Deutsch-Ostafrikas bis in die 1890er Jahre systematisch verwüsteten, haben sich die M. so weit vom Plateaurande zurückgezogen, daß ihnen die Beschaffung des wenigen Wassers, dessen sie zum Kochen und Trinken bedürfen - um die Reinlichkeit sieht es schlimm aus -, große Schwierigkeiten verursacht; sie müssen oft stundenweit bis zum nächsten Quell wandern, um in Flaschenkürbissen das absolut notwendige Naß herbeizuschleppen. Alle Quellen liegen nämlich über undurchlässigen Schichten an den steilen Hängen des Plateaurandes. Erst neuerdings, nach dem Eintritt ruhiger und gesicherter Verhältnisse unter der deutschen Herrschaft, wagen die M. auch die fruchtbaren und wasserreichen Gebiete am Plateaufuß zu besiedeln. - Körperlich sind die M. weniger gut ausgestattet als die Jao und Makua; von Charakter sind sie zudem hinterlistig und boshaft, wozu die lange Bedrückung durch die Wangoni und den Jao-Usurpator Matschemba, der von den 1870er Jahren an bis 1899 das ganze Plateau tyrannisierte, nicht wenig beigetragen haben mag. Die natürliche Häßlichkeit wird noch gesteigert durch wahrhaft abenteuerliche Körperverunstaltungen: durch Ziernarben auf Brust und Bauch bei den Männern (s. Tafel 118), solche im Gesicht, auf Brust, Bauch, Oberschenkel und Rücken bei den Weibern. Diese tragen zudem in der durchlochten und aufgeweiteten Oberlippe Holzpflöcke, die sich mit dem zunehmenden Alter der Trägerin zu 5-7 cm großen, kreisrunden Scheiben (Pelele, s. d.) auswachsen; außerdem etwas weniger große Scheiben in den durchlochten Ohrläppchen, und hier und da auch noch zierliche Pflöcke im linken Nasenflügel. Raubtierartige Zuschärfung der Schneidezähne ist bei den Männern nicht selten (s. Tafel 89). Für die Kolonialwirtschaft kommen die M. unter den jetzigen Verhältnissen kaum in Frage; man wird sie vielmehr erst aus dem unzugänglichen Busch herausholen und in zugänglichen Gebieten ansiedeln müssen, um sie für koloniale Zwecke auszunutzen. Ethnographisch sind die M. interessant durch ihre Schnitzarbeiten, besonders durch ihre Maskentänze, mit denen sie in ganz Ostafrika allein stehen. Einige Proben der Schnitzkunst geben die Abb. 1 u. 3 auf Tafel 40, von denen die Frau die Stammesmutter der M. wiedergibt, während Abb. 3 ein Schnupfdöschen in der Gestalt eines mit Ziernarben versehenen Zopfträgers darstellt. - Die Maskentänze finden bei Gelegenheit der Mannbarkeitsfeste statt. Die Tänzer sind junge, vollkommen vermummte Männer, die als Mann und Frau einander gegenübertreten und vor den mannbar werdenden Kindern die Beziehungen der beiden Geschlechter symbolisieren. Auch Stelzentänze werden geübt. Masken sind in den Abb. 2 u. 4 Tafel 40 dargestellt.

Weule.

Literatur zu 2: Weule, Wissensch. Ergebnisse meiner etnographischen Forschungsreise in den Süden Deutsch-Ostalrikas. Mitt. a. d. d. Schutzgeb., Ergänzungsheft 1. Berl. 1908. - Derselbe, Negerleben in Ostafrika. Lpz. 1908.