Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 496

Mangroven (s. Tafel 36, 123), eine Gehölzformation des tropischen Meeresstrandes, die im Bereich von Ebbe und Flut am üppigsten da hochkommt, wo Salzwasser mit Süßwasser sich mischt, d. h. an den Mündungen von Flüssen. Felsige Steilküsten, an denen eine heftige Brandung steht, schließen sie naturgemäß aus, Buchten und Lagunen, die der Einwirkung der Stürme möglichst entzogen sind, bieten ihr die günstigsten Bedingungen. Immer sind M. waldartige Komplexe, denn nur Bäume oder Bäume mit darunter verteilten Sträuchern setzen sie in der Hauptsache zusammen. Der Anblick einer M. ist ein verschiedener, je nachdem man, von der Wasserseite her, sich ihr zur Zeit der Flut oder der Ebbe nähert. Im ersteren Fall sieht man aus dem Wasserspiegel einen mehr oder minder geschlossenen, im Mittel etwa 10-12 m hohen Wald herausragen, der aus rundlichen, dunkelgrünen, von kurzen Stämmen getragenen Laubkronen gebildet ist; im anderen Fall erblickt man denselben Wald, aber jetzt einem fast schwarzen, schlammigen Boden entsprießen und die Mehrzahl der Stämme, besonders die des Vordergrundes, auf mannshohe, bogenförmig nach abwärts gekrümmte, zusammen ein dichtes Gewirr bildende Wurzeln gestellt, die jeden einzelnen wie auf Stelzen stehend erscheinen lassen. Diese Wurzeln sind Vertretern der Gattung Rhizophora eigen, die in jeder, weiter ausgedehnten M. vorkommen, während andere knieförmige (Bruguiera), dickkeglig oder rutenartig (Avicennia, Sonneratia, Ceriops) aus dem Schlamm aufwärts in die Luft ragende Wurzeln besitzen. Man nennt solche in ihrer Gesamtheit Pneumatophoren, weil sie im Gegensatz zu gewöhnlichen Wurzeln Atmungsorgane darstellen, mit deren Hilfe den unterirdischen Teilen Sauerstoff zugeführt wird. - Eine weitere biologische Eigentümlichkeit vieler Bäume der M., besonders der Rhizophoraceen, ist die Viviparie. Ihre Früchte keimen aus, während sie noch an den Zweigen sitzen, treiben grüne, zylindrische Keimlinge, die sich aus der haftenbleibenden Frucht- und Samenhülle erst lösen, wenn sie je nach der Art finger- bis unterarmlang geworden sind. Entsprechend der größeren Dicke des unteren Endes Fallen dann die Keimlinge senkrecht mit der Wurzelspitze nach unten in den Schlamm und erzeugen sofort Seitenwurzeln, durch die sie verankert werden. S. a. Mangrovenrinde. Man unterscheidet östliche und westliche M., die einen an den Gestaden des Atlantischen und Stillen, die anderen an denen des Indischen Ozeans und der Südsee. Am reichsten entwickelt, aus den zahlreichsten Arten bestehend, ist die letztere. Es gehören ihr an Bäume und Sträucher aus den Gattungen Rhizophora, Ceriops, Kandelia, Bruguiera (Rhizophoraceae), Lumnitzera (Combretaceae), Sonneratia (Sonneratiaceae), Xylocarpus oder Carapa (Meliaceae), Aegiceras (Myrsinaceae), Avicennia (Verbenaceae), Scyphiphora (Rubiaceae) und Nipa (Palmae). Einige andere, so namentlich Heritiera- und Barringtonia- Arten, treten gelegentlich in sie über, ohne doch typisch für sie zu sein. Die westliche M., sonst ihr ähnlich, besteht im wesentlichen nur aus vier Bäumen, je einer Rhizophora und Laguncularia, und aus zwei Avicennia-Arten (s. a. Mangrovenrinde). - Küsten, denen eine M. vorgelagert ist, gelten als ungesund, und sind es zumeist. Ihr Schlammboden haucht, sobald er bei Ebbe zutage tritt, unerträgliche Miasmen aus, die von der Verwesung im Wurzelwerk festgehaltener und absterbender Seetiere herrühren. S. Forstwesen.

Literatur: G. Karsten, Über die M. -Vegetation im malai. Archip. in Bibl. bot. Heft 22, 1891. - A. J. W. Schimper, Die indomalaiische Strandflora in Mitteil. aus d. Tropen. Heft 3, 1891.

Volkens.