Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 498 f.

Maniok, Manihot utilissima, liefert eßbare Knollen und aus diesen Knollen ein viel gebrauchtes Mehl und Stärkemehl. Die Pflanze ist in Südamerika zuhause und heute über alle Tropen verbreitet. Sie gehört zu den wolfsmilchartigen Gewächsen und zu derselben Gattung wie der Cearakautschukbaum. Es ist ein mehrjähriger Strauch mit holzigem, 1,5-3 m hohem, vielfach verzweigtem, eigentümlich knotig gegliedertem Stengel. Die Blätter sind 3-9lappig, ganzrandig, auf der Oberseite dunkelgrün und unterseits weißlich. Die Blüten stehen in Trauben, sind klein und eingeschlechtlich. Sie entwickeln 3klappige Kapseln, in denen sich etwas über erbsengroße, auf der einen Seite rundliche, auf der anderen Seite schwach zweiseitig abgeflachte, dunkel marmorierte, hartschalige Samen befinden. An den Wurzeln entwickeln sich 30-50 cm lange, mehrere Zentimeter starke, zylindrische, an den Enden zugespitzte, knollenartige Gebilde. In diesen ist etwa 20-40% Stärkemehl enthalten. Es gibt eine große Anzahl von Varietäten, die gewöhnlich in zwei Gruppen geteilt werden, Manihot utilissima oder bittere Cassave und Manihot palmata, süße Cassave oder Aipi. Man laßt diese beiden Gruppen vielfach auch als selbständige Arten auf. Der Hauptunterschied beruht darin, daß in den Wurzeln der bitteren Sorte ein scharfer, giftiger Milchsaft vorhanden ist, der bei der süßen Sorte wesentlich zurücktritt oder sogar fast ganz fehlt. Dieser Unterschied wird neuerdings aber nicht mehr als durchgreifend angesehen. Man teilt die Sorten besser nach der Behaarung und der Farbe der Stengelrinde ein. Der Gehalt an Stärkemehl soll in den bitteren Sorten höher sein als in den süßen. Diese haben den wirksamen Stoff in der Regel nur in der Rinde, während er bei den anderen in der ganzen Knolle verteilt ist. Die giftige Wirkung beruht auf einem Blausäure abspaltenden Glykosid. Durch kräftiges Wässern der Knollen und ihrer Produkte läßt sich das wirksame Prinzip entfernen. Der M. verlangt ein warmes, feuchtes Klima, um gute Erträge zu bringen. Zum Verpflanzen bedient man sich meist der unteren Stengelglieder, die in Längen von etwa 30 cm geschnitten werden und mehrere Augen tragen müssen. Man pflanzt sie in Abständen von 1/2 bis zu 11/2 m. Sie werden in 10- 24 Monaten erntereif. Diese Zeit scheint von der Pflanzweite abhängig zu sein, je enger die Pflanzen stehen, desto früher soll man Erträge erwarten können. Der M. nutzt den Boden kräftig aus. Er bedarf daher beim Wiederbau kräftiger Düngung. Besser ist es aber, ihn im Wechsel mit anderen Feldfrüchten wie Mais, Bohnen usw. zu kultivieren. Die M.knollen werden von den Eingeborenen in Scheiben geschnitten und getrocknet oder in Wasser längere Zeit gerottet, roh gegessen. Die süßen werden auch vielfach gekocht genossen. Durch Raspeln der zunächst in Wasser eingeweichten und dann geschälten Knollen wird das Ausgangsmaterial zur Herstellung des Stärkemehls gewonnen. Der so hergestellte Brei wird durch Siebe gegeben, um auf diese Weise das reine Stärkemehl von den Zellresten zu trennen. Das Stärkemehl wird noch mehrfach gewaschen und dann getrocknet. Es ist die sog. Tapioka des Handels, die in verschiedenen Formen als Perltapioka, Flockentapioka oder Tapiokamehl hergestellt wird. Für die Zerkleinerung und Bearbeitung der M. gibt es bereits eine Reihe von Spezialmaschinen. Die Tapioka gehört mit dem Sago und Arrow root zu den feineren Stärkemehlen, die in erster Linie für Speisezwecke benutzt werden. Mit dem Sago bestehen eigenartige Wechselbeziehungen. Sobald die Herstellung von Sago aus irgendwelchen Gründen zurückgeht, scheint sich die Tapiokabereitung in allen Produktionsgebieten zu steigern, während umgekehrt große Zufuhren von Sago einen Rückgang für die Tapioka auslösen. Dabei kommt es vor, daß zuzeiten im Handel Sago und Tapioka einheitlich nur aus echtem Sago oder aus echtem Tapioka bestehen. Die Abfälle der Stärkemehlbereitung werden flüssig oder getrocknet als Viehfutter an Ort und Stelle verwendet, versuchsweise sind aus Holländisch-Indien die dort Ampas genannten, getrockneten Rückstände nach Europa gebracht worden, haben aber noch keinen ständigen Absatz gefunden. Die Produktion von frischen und getrockneten M.knollen, von Cassavamehl und von verschiedenen Tapiokasorten ist recht erheblich und umfangreich, aber schwer zahlenmäßig zu fassen, da beträchtliche Mengen im lokalen Handel verschwinden. An dem Import nach Europa sind beteiligt: Westindien, Brasilien, Reunion, Madagaskar, Niederländisch-Indien, Hinterindien und Indochina. In den afrikanischen Kolonien, namentlich in Deutsch-Ostafrika, wo die Pflanze Mhogo heißt, ist die M.kultur für den einheimischen Gebrauch weit verbreitet. Ein Export findet aber zurzeit nicht statt. Bei der schwankenden Konjunktur dürfte sich die Herstellung von Tapioka für den europäischen Markt nur als Nebenkultur empfehlen. In der deutschen Einfuhr werden Sago und Tapioka in einer Rubrik geführt. Hamburg importierte etwa 29000 dz im Werte von 1 Mill. M. Man kann vielleicht die Hälfte für Tapioka in Anspruch nehmen.

Literatur: J. J. Paerels, Cassava, in Van Gorkom's Oost-indische Cultures, 111, 299/317. Amsterdam 1913. - P. Hubert, Le Manioc. Paris 1910 (Dunod & Pinat). - L. Colson et L. Chatel, Culture et industrie du Manioc. Paris 1906 (Challamel).

Voigt.