Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 512 f.

Marmor nennt man sehr reine oder sehr schön gefärbte, hochkristalline Kalke, die meistens in mächtigen Lagen und langen Zügen dem stark gefalteten Urgebirge (Gneis, Kristalline Schiefer) eingeschaltet sind und durch diese starke Faltung und Pressung bzw. durch die Kontaktwirkung der bei der Gebirgsbildung eingedrungenen Eruptivgesteine (Granite) ihre hochkristalline Beschaffenheit erhalten haben und dadurch technisch als Bildhauer- und Dekorationsmaterial geeignet sind. Solche M.lager, meistens von weißer Farbe, finden sich nicht selten in Deutsch-Ostafrika, besonders schön z.B. in den U1ugurubergen. Sehr schöne, aber wie es scheint nicht besonders ausgedehnte M.vorkommen von 20-30 m Mächtigkeit liegen ferner im Innern von Kamerun (Adamaua) am Hossere Bidjar, kommen aber wegen der weiten Entfernung von der Küste und des Mangels aller Transportmöglichkeiten für den Abbau ebenfalls nicht in Frage. - In ganz besonders großartigem Maßstabe und ganz ungewöhnlich schöner Beschaffenheit kommen derartige M.lager aber in Deutsch-Südwestafrika im Hererolande vor, besonders in der Gegend von Navachab, Etusis, Karasus, Karibib, Habis und Swakopmund, aber auch noch an vielen anderen Stellen, wo sie viele hundert (-750) Meter breite und 20- 25 km lange, bis 400 m hohe Bergzüge bilden, die ein technisch ganz ausgezeichnetes Material darstellen mit einem Marktwert von 200 bis 800 M, ja 1000 M pro Kubikmeter. Diese Marmorbergzüge streichen etwa NO/SW bzw. NNO/SSW und fallen 60-70° OSO; sie werden begleitet von Amphibolitschiefern und harten Kontaktgesteinen (Knoten- und Fleckschiefern) sowie von Graniten. Es sind grob- und feinkörnige Dolomitmarmore von weißer, grauer, rosenroter, gelber, schwarzgeflammter (Pavonazzo) und bunter Farbe und brecciöser Beschaffenheit. Der Marmor von Etusis besteht nach der Analyse Besonders in der Nähe des Granitkontakts enthalten diese Marmorsorten zum Teil nicht unbeträchtliche Einlagerungen von Tremolithschnüren, die, wenn nicht das Aussehen, so doch die Politurfähigkeit beeinträchtigen; weiter vom Granitkontakt, in der Mitte der Lagerstätten, sind die Gesteine fast rein und tadellos. Die Hauptvorkommen liegen in der Nähe der Bahn, etwa 160 km von der Küste; die Hauptverwertungsschwierigkeit scheint in den schlechten Verladeverhältnissen auf der offenen Reede von Swakopmund zu liegen, die das Anbordbringen der viele Tonnen schweren, ungefügen Blöcke außerordentlich gefährlich und bedenklich machen. 1910 wurden 2,9 t im Werte von 250 M, 1911 14,5 t im Werte von 1232 M gewonnen. Im Mai 1912 waren bereits weitere 120 t Marmor als exportfähige Waare gewonnen und nach Swakopmund gebracht. Zur Ausbeutung wurde 1910 die Afrika- Marmor-Kolonialgesellschaft in Hamburg (s.d.) gegründet.

Gagel.