Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 520

Masken der Eingeborenen (s. Farbige Tafel ). Zur Darstellung fremder Wesen bedarf der einzelne einer Hülle, die möglichst dem Vorbilde ähnelt und seine Persönlichkeit zurücktreten läßt oder verbirgt. Da das Gesicht der individuellste Körperteil ist, so wird es mit besonderer Vorliebe zum Träger der Hülle gewählt. Diese M. werden als Gesichtsmasken vorgebunden oder durch Ansätze zu den ganzen Kopf umgebenden Kopfmasken vergrößert. Hierzu kann die gewöhnliche Tracht angelegt werden, die Regel ist indessen die Wahl einer weitergehenden und zugleich neutralen Verhüllung des Körpers (der ja gleichfalls individuelle Kennzeichen trägt); mit Blättern oder Gras besetzte Schnüre oder Ruten bedecken ihn, so daß nur die Unterschenkel und Arme freibleiben (Melanesien), oder er steckt, einschließlich aller Glieder, in einem dichten Netzanzug (Westafrika). Gegenüber dem Maskenanzug, der anscheinend nur den Zweck der Verhüllung des Trägers hat und daher einfach gehalten ist, zeigt die Kopfmaske einen erstaunlichen Formenreichtum. Technisch handelt es sich der Regel nach um Anwendungen der Flechttechnik und der Holzschnitzerei; allein sie liefern, obgleich sie an sich, schon in geschickten Händen sehr vielgestaltige M. ergeben, doch oft nur das Gerüst, an dem bemalte Rindenstoffe (Baining), Markstreifen (Sulka), Haut, Palmfasergewebe (Westafrika), Muscheln, Federn, Metallstreifen, Bemalungen u. a. angebracht werden. Die Darstellung selbst knüpft je nach dem Zwecke der M. an menschliche oder tierische Formen an oder ist phantastisch, wenn auch wohl immer die Deutung durch den Eingeborenen, die Geschichte der M. oder Einzelheiten des Ornaments oder der Form erkennen lassen, daß selbst die absonderlichste M. aus der Nachbildung eines Menschen oder Tieres hervorging. Jedenfalls bietet die M. wie kaum ein anderes Erzeugnis der Phantasie des Verfertigers, der gleichzeitig möglichst eindringlich auf die Zuschauer wirken will, den größten Spielraum. Dennoch zeigen die M. der einzelnen Völker durchaus Typen, die durch Überlieferung feststehen und ähnlich wie die Ornamentik (s. Kunst der Eingeborenen) den "Rassengeschmack" so sicher ausdrücken, daß die Zuweisung einer unbestimmten M. an ein bestimmtes Volk selten Schwierigkeiten bereitet. Die Sitte, M. zu tragen, ist fast in der ganzen Welt verbreitet oder doch verbreitet gewesen. Polynesien, von wo M. nicht bekannt sind, könnte sie in früherer Zeit besessen haben. In Afrika und Ozeanien liegt das Maskenwesen in den Händen Einzelner oder ist Sache der Männergesellschaften, die aus bestimmten Anlässen Aufzüge, Reigen und Tänze einzelner M. oder ganzer Maskengruppen veranstalten. Im letzteren Falle wird dabei meist eine öffentliche Festlichkeit veranstaltet, bei der die Maskenträger mit allerlei Attributen (Tanzschwerter, Tanzbretter - usw.) und Lärminstrumenten versehen erscheinen. - Da die Zauberei selbst älter ist als die Vorstellungen von Seelen, Geistern und Göttern, so darf auch angenommen werden, daß die M. eine sehr alte Erfindung ist. Sie dient zauberischen Zwecken, wenn man in China die Kinder vor Neujahrsabend groteske M. tragen läßt, damit der Dämon der Blattern vor ihnen erschrickt und sie verschont; wenn in Westafrika der Zauberer maskiert in den Wald geht und die Dämonen fortschreckt; wenn anderwärts die Maskentänze das Wild für den Jäger herbeiziehen oder (Bismarckarchipel) Seuche und Mißwachs abwenden sollen. Wie die zauberischen mit profanen Handlungen zusammenhängen, so könnten mit diesen gegen außermenschliche Gewalten gerichteten M. auch die M. ursprünglich verbunden sein, die zur Kriegstracht des Afrikaners gehören oder die andererseits mit dem Schmuck verwandten Gesichtsrahmen, die mit Zähnen, Muscheln usw. verziert das Gesicht des Kriegers in Neuguinea umgeben und zum Teil verdecken; in beiden Fällen soll wohl der Gegner erschreckt werden. - An den Manismus (s. d.) und Totemismus (s. d.) knüpfen die M. an, die den Lebenden bei besonderen Gelegenheiten, wie Pubertäts- und Totenfesten, die Seelen der Verstorbenen vorführen; diese Verknüpfung ist besonders deutlich bei den früheren M. von Matupi, die aus dem mittels plastischer Massen übermodellierten Gesichtsteil des Schädels eines Angehörigen bestehen oder bei den Eulenmasken der Baining, den Kakadumasken von Mövehafen, denen totemistische Ideen zugrunde hegen. Auch in Westafrika fehlen die manistischen M. nicht, und den Tiermasken könnten auch hier ursprünglich totemistische Beziehungen zukommen, wenn auch in neuester Zeit die äußere Form durch die Jagdtrophäe bestimmt sein mag. - Daß der Erfolg zauberischer Maßnahmen oder die richtige und gefahrlose Darstellung Verstorbener an bestimmte Regeln gebunden ist, ist die natürliche Ursache für die feste Vereinigung der daran beteiligten Männer, und die notwendige Geheimhaltung schließt sie fast ohne ihr Zutun zu religiösen Geheimbünden (s.d.) zusammen. Sie knüpfen an den Animismus an und stellen sich unter den Schutz eines Geistes, den dann ihre M. verkörpern (Dukduk [s.d.], Bismarckarchipel, Bundu der Frauen (1), Westafrika usw.), aber die M. hat hier ebensosehr den Zweck der Darstellung als den der Verhüllung, denn gerade in der Unkenntnis über die Zugehörigkeit der Personen zu dem Geheimbunde liegt dessen Einfluß gegenüber den Frauen und Kindern, den Armen und Ungeweihten, die die Opfer des Terrorismus oder die Objekte der verwaltenden, richtenden oder polizeilichen Tätigkeit der Bände sind. Mit dem Schicksal der Bände verläuft auch die Geschichte des Maskenwesens. Fällt das Geheimnis, so bleiben schließlich harmlose Tanzmasken übrig, verliert der Bund seine politische Macht, so tragen schließlich Zollwächter und Ärzte M. (Westafrika).

Literatur: R. Andree, Ethnogr. Parallelen und Vergleiche II. Lpz. 1889. - L. Frobenius, Die M. und Geheimbünde Afrikas, Nova Acta Bd. 74. Halle 1898. - L. Karutz, Die afrikan. Hörner-M., Mitt. Geogr. Ges. Lübeck 1901. - Ders., Zur westafrikan. M.Kunde, Globus Bd. 79.

Thilenius.