Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 521 f.

Massai (s. Tafel 118, 171), große hamitische Völkergruppe im nordöstlichen Deutsch-Ostafrika und dem benachbarten Britisch-Ostafrika. Zu den M. zählt man außer den M. im engeren Sinne die Asá oder Wandorobbo (s.d.) und die Wakuafi (s.d.). Nach Merker sind zuerst die Wandorobbo von Norden her in das Steppengebiet zwischen Kilimandscharo und Victoria Njansa eingedrungen. Ursprünglich viehzüchtende Nomaden, wurden sie durch die nachfolgenden Elkuafi oder Wakuafi verdrängt und wurden in Busch und Steppe zu elenden Jägern. Die Wakuafi ihrerseits verarmten dann durch die Rinderpest und Kämpfe mit den Wataturu (s.d.), so daß sie den zuletzt herandrängenden M. in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. endgültig unterlagen. Sie sind zum großen Teil am Meru, in Taweta, Kahe, Aruscha tschini, Gedja, Nguruman und anderen Orten seßhafte Ackerbauer geworden, während der kleinere das alte, freie Leben als Viehzüchter und Viehräuber in derselben Weise weiterführt wie die M., oder sich den Wandorobbo angeschlossen hat und zu Jägern geworden ist. Die M. sind seither bis zur großen Viehsterbe am Beginn der 1890er Jahre die unumschränkten Herren des ganzen weiten Gebietes der Massaisteppe (s.d) und seiner Umgebung gewesen. Sie unterschieden verschiedene Provinzen und Bezirke, deren jeder ein eigenes Wappen auf dem Schild des Kriegers besaß (s. Farbige Kulturtafel von Deutsch-Ostafrika Abb. 1 u. 9). Oberhaupt aller M. war der el oiboni, der Oberpriester, dessen Sitz stets am Westfuß des Kilimandscharo war. - Körperlich weicht der M. vom Bantu stark ab. Er ist groß, schlank und mager (s. farbige Kulturtafel von Deutsch-Ostafrika Abb. 1 und Tafel 118), die Hautfarbe, kaffee- bis hellschokoladenbraun, das Gesicht oval und wenig prognath, die Augen etwas geschlitzt, das Haar leicht gekräuselt. M. und Wakuafi ist dieselbe Sprache gemeinsam; die Wandorobbo besitzen einen eigenen Dialekt. Allen dreien gemeinsam sind dieselbe Art einer unvollkommenen Beschneidung, bis zu einem gewissen Grad auch die Hüttenformen und die religiösen Anschauungen. Die Bekleidung der M. bestand ursprünglich nur aus Leder; heute hat der Kattun auch hier gesiegt. Im Kriegsschmuck ist gleichzeitig an die Stelle der früheren Helme aus Löwenmähne u. dgl. die Vorliebe für die Straußenfeder getreten (s. farbige Kulturtafel von Deutsch-Ostafrika Abb. 2 und Tafel 118). Für die Frauen bezeichnend sind große, tellerförmige Halskrausen aus Eisen-, Kupfer- oder Messingdraht, die bis über die Schultern hinüberreichen, und lange, schwere Drahtmanschetten aus den gleichen Metallen um Ober- und Unterarm und die Unterschenkel. Viele Frauen schleppen dergestalt viele Kilogramm Metall mit sich herum, des mannigfachen Ohrschmucks gar nicht zu gedenken. - Siedelungsform der M. ist der von einem Dornverhau kreisförmig umgebene Kraal mit dicht aneinander gereihten Hütten. Diese sind 1,50-1,75 m hoch, 4-5 m lang und 3 m breit und bestehen aus einem von Pfählen gestützten und mit Ruten durchflochtenen Gitterwerk mit abgerundeten Kanten, das vor 1891 mit Rinderhäuten überdeckt wurde, während man sich seither mit einer 15-20 cm dicken Strohschicht behilft, die zolldick mit frischem Kuhmist bestrichen wird. Die unverheirateten Krieger (el moran) und die jungen Mädchen (ndito) wohnen gemeinsam in besonderen Kraalen, wo es meist recht fröhlich hergeht. Hauptbeschäftigung der Männer ist die Viehzucht; die der Moran die Vergrößerung der Herde durch Raub. Hauptwaffe ist dabei der 2 m lange, fast ganz aus Eisen bestehende Stoßspeer und der feste, bemalte Lederschild. Waffe der verheirateten Männer (el moruo) ist ein leichter Bogen mit Pfeilen. - Die große Rinderpest (s.d.) am Beginn der 90er Jahre hat der alten M.herrlichkeit für lange Zeit ein Ende bereitet. Viele sind damals zugrunde gegangen, andere völlig verarmt und verelendet. Nur etliche Stämme am Meru, am Kilimandscharo und am Paregebirge, wie auch solche auf englischem Gebiet, haben sich allmählich wieder erholt, so daß 1909 die alten Viehräubereien von neuem einzusetzen begannen. - 1904 behauptete Hauptmann Merker die direkte Abstammung der M. von den alten Hebräern, indem er sie noch vor 5000 v. Chr. Geb. direkt aus Vorderasien herüberwandern ließ und sie gleichzeitig als Semiten ansah. Diese Hypothese ist durch nichts begründet und allseitig zurückgewiesen worden.

Literatur: Merker, Die Massai. Berl. 1904; 2. Aufl. 1910. - Reichard, Deutsch-Ostafrika. Lpz. 1892. - G. A. Fischer, Das Massailand. Mitt. d. Hamb. Geogr. Ges. Hamb. 1885. Thomson, Through Massailand. Dtsch.: Lpz. 1885. - v. Höhnel, Zum Rudolfsee und Stephaniesee. Wien 1891. - Baumann, Durch Massailand zur Nilquelle. Berl. 1894. Kaiser, Rassenbiologische Beobachtungen über das Massaivolk. Arch. f. Rassen- u. Ges.-Biologie. Berl. 1906. - Stuhlmann, Beiträge zur Kulturgeschichte von Ostafrika. Berl. 1909.

Weule.