Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 538 f.

Melanesische Sprachen. 1. Geschichte der Erforschung. - Innere Abgrenzung von den indonesischen und polynesischen Sprachen. 2. Äußere Gebietsabgrenzung. 3. Lautverhältnisse. 4. Wortbildung. 5. Grammatik. 6. Gruppierungen.

1. Geschichte der Erforschung. - Innere Abgrenzung. Die melanesischen Sprachen sind deshalb für die deutschen Südseekolonien von hervorragender Wichtigkeit, weil sie in dem weitaus größten Teil desselben gesprochen werden. Abgesehen nämlich von Samoa und einigen kleinen polynesischen Inselchen östlich vom Bismarckarchipel, ferner von den Gebieten der Papuasprachen im Innern Bougainvilles, Neupommerns und Neuguineas, wird der ganze Südseebesitz von melanesischen Sprachen eingenommen. - Die melanesischen Sprachen bilden mit den indonesischen und den polynesischen Sprachen zusammen die austronesische oder malaio- polynesische Sprachfamilie. Gerade der letztere Name bringt gut zum Ausdruck die Rückständigkeit, in welcher die melanesische Sprachforschung gegenüber der Erforschung der beiden anderen Gruppen sich lange Zeit befand. Während die Zusammengehörigkeit dieser beiden bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrh. zur Anerkennung gelangte, war es als erster G. C. v. d. Gabelentz (s.d.), der erst 1861 und 1879 in einer grundlegenden Arbeit die Zusammengehörigkeit der ihm damals bekannten melanesischen Sprachen zueinander darlegte, ohne daß er über ihre Verwandtschaft mit den polynesischen Sprachen mehr zu sagen gewagt hätte, als daß sie "mehr miteinander gemein haben, als aus einer bloßen Entlehnung der einen von den anderen hervorgehen kann". Von geringerer Bedeutung war die Arbeit, in welcher einige Jahre später (1883) der jüngere G. v. d. Gabelentz (s. d.) und A. B. Meyer neues Material über die melanesischen Sprachen veröffentlichten; sie entschieden sich dafür, die melanesischen Sprachen als Mischsprachen zwischen einheimischen Sprachen und den Sprachen der eingedrungenen "Malaien" (Indonesier) zu betrachten. - Diese Richtung schlug noch entschiedener Fr. Müller (s.d.) ein (1877-1888), der auch die anthropologischen Verhältnisse mit hereinzog. Diese schienen in der Tat einer verwandtschaftlichen Zugehörigkeit der Melanesier zu den Indonesiern und Polynesiern im Wege zu stehen: die hellere Hautfarbe, die Schlicht- oder höchstens Wollhaarigkeit und überwiegende Brachyzephalie der beiden letzteren Gruppen schienen schlecht zu harmonieren mit der Dunkelfarbigkeit, Kraushaarigkeit und Dolichozephalie der Melanesier (s. d.). Müller meinte deshalb, die Melanesier zunächst körperlich als Mischvolk betrachten zu müssen, hervorgegangen aus einer Verbindung von eingewanderten helleren indonesischen Elementen mit der bodenständigen dunkleren Papuabevölkerung. Aber auch ein Teil der melanesischen Sprachen seien analogerweise Mischsprachen, die er damals Papuasprachen benannte; als solche bezeichnete er im Süden die Sprachen von Neukaledonien, Nengone, Aneitum und Eromanga und im Norden auf Neuguinea das Mafoor. Das Verhältnis der drei Gruppen stellte er in der Weise hin, daß er die polynesischen Sprachen als die ältesten, als die einfachen Grundstufen, bezeichnete, die melanesischen Sprachen hätten in Lautbestand und Formenreichtum sich weiter entwickelt, und in den indonesischen Sprachen habe diese Entwicklung ihren Abschluß und ihren Höhepunkt erreicht. - Dieser Auffassung trat 1883 H. Kern (s. d.) entgegen, indem er zunächst nachwies, daß das Mafoor durchaus keine fremdartigen Bestandteile enthalte, welche dasselbe einer anderen Sprachfamilie zuweisen könnten; für das Aneitum und das Eromanga lieferte er den gleichen Beweis 1906. Aber schon früher (1886) griff er mit seinem klassischen Werk über die Fidjisprache ein, in welchem er außer einer gediegenen grammatischen Untersuchung auch die Wortvergleichung, die von Müller und von der Gabelentz etwas vernachlässigt worden war, auf die feste Basis der Lautgesetze stellte und dadurch die Bahn zu umfassenden Vergleichungen frei machte. Über die eigentliche Stellung der melanesischen Sprachen erklärt sich Kern dahin, daß zweifellos die melanesischen und polynesischen Sprachen im Vergleich zu allen indonesischen näher zusammengehörten. - Mit einer Fülle von neuem, in langjähriger Missionstätigkeit selbst gesammeltem und dann in gründlichen Untersuchungen verarbeitetem Material war unterdessen Rev. R. H. Codrington (s. d.) in seinem großen Werke "The Melanesian Languages" hervorgetreten (1885). Er erweiterte den Kreis der bekannten melanesischen Sprachen nach Norden hin und gewährte zuverlässigeren und tieferen Einblick besonders in ihren grammatischen Aufbau. Wenn jetzt auch die im Vergleich zu der Einheitlichkeit der polynesischen Sprachen sehr große Verschiedenheit der melanesischen Sprachen unter einander hervortrat und Codrington selbst auch das hervorhob, so wies er doch auch deren generelle Einheitlichkeit nach, die einen Mischcharakter ausschließt. Er betrachtet die polynesischen Sprachen als Abkömmlinge der melanesischen, also als jünger denn diese. - Da begann von 1891 an Sydney H. Ray (s. d.) mit seinen Arbeiten einzugreifen, in denen er definitiv die Existenz von durchaus nichtaustronesischen Sprachen zunächst in Britisch- Neuguinea nachwies, denen er den Namen "Papuasprachen" beilegte; in weiterer Folge trat er für die Zusammengehörigkeit der indonesischen, melanesischen und polynesischen Sprachen ein und machte sich besonders um die genauere Kenntnis der Sprachen von Britisch-Neuguinea verdient. Fr. Müller betrachtete jetzt die Entdeckung der Papuasprachen als eine Bestätigung seiner Theorie: es sei durch sie nachgewiesen, daß das jetzige melanesische Gebiet früher von Papuasprachen besetzt gewesen sei. Dieser Beweis war indes damals sicherlich noch nicht erbracht; denn die neuen Papuasprachen waren nur in einem Gebiet, und zwar einem Grenzgebiet, entdeckt worden. Ferner Wiesen sie aber auch gerade nicht jene Eigenschaften auf, die Müller an denjenigen Sprachen auffällig fand, die er als Papuasprachen bezeichnete. - In mehreren Arbeiten legte von 1899 an W. Schmidt (s.d.) dar, daß die polynesischen Sprachen als ein Abkömmling der melanesischen zu betrachten seien und zwar speziell der Gruppe der südsalomonischen Sprachen; die große Masse der melanesischen Sprachen seien nicht als Mischsprachen im Sinne Fr. Müllers, sondern als wirkliche Austronesische Sprachen aufzufassen. Dagegen wies er auch in Holländisch- und Deutsch-Neuguinea, sowie auf Neupommern, Savo und Süd-Bougainville die Existenz solcher von den austronesischen grundverschiedener Sprachen nach, die S. H. Ray in Britisch- Neuguinea entdeckt und "Papuasprachen" genannt hatte; die meisten melanesischen Sprachen nun, welche in unmittelbarer Nachbarschaft von solchen Papuasprachen gesprochen werden, sind nach seiner Untersuchung als Mischsprachen zu bezeichnen, da sie von den Papuasprachen deren Genitivnachstellung und suffigierenden Charakter angenommen haben. - Durch seine Abhandlung: Beitrag zur Kenntnis der Pronomina personalia und possessiva der Sprachen Mikronesiens (Stuttgart 1908) stellte A. Tha1heimer auch die Zugehörigkeit der Sprachen Mikronesiens zu den melanesischen Sprachen in bestimmter und definitiver Weise fest und schied zugleich das Chamorro der Marianen und das Palau als zu den indonesischen Sprachen gehörig aus. - Wenn noch 1907 D. Macdonald die melanesischen und polynesischen Sprachen von den semitischen ableiten will, so kann man über dieses abenteuerliche Beginnen einfach zur Tagesordnung übergehen. - Als Endergebnis aller dieser Forschungen können wir die melanesischen Sprachen bezeichnen als ein selbständiges und eigenartiges Glied der austronesischen Sprachen. Ihre Stellung gegenüber den indonesischen Sprachen muß als das der Filiation bezeichnet werden, sie sind aus den indonesischen hervorgegangen und haben ihrerseits die polynesischen Sprachen hervorgebracht.

2. Äußere Gebietsabgrenzung. Zum Gebiet der melanesischen Sprachen gehören: Neukaledonien, die Loyalitätsinseln, die Neuhebriden, die Banksinseln, Santa Cruz, Fidji, Rotuma, die Salomoninseln, der gesamte Bismarckarchipel, die Admiralitätsinseln, die Guilbertinseln, Marshallinseln, Ponape, Karolinen; für Neuguinea läßt sich die Regel aufstellen, daß im Süden, vom Kap Possession in Britisch-Neuguinea an und dann an der ganzen Ostküste bis zur äußersten Nordwestspitze, große Teile der Küstenstrecke und die vorgelagerten kleinen Inseln von melanesischen Sprachen (der Mischgruppe), das Innere dagegen von Papuasprachen in Besitz gehalten wird. Innerhalb dieses Gebietes sind noch in Abrechnung zu bringen 1. als Gebiete von Papuasprachen: das Gebiet der Baining und der Sulka in Neupommern und wahrscheinlich auch noch andere Teile des Innern dieser Insel, dann Süd-Bougainville und vielleicht das Innere anderer nordsalomonischen Inseln, dann Savo in den Südsalomonen und Rossell Island im Louisiadenarchipel; 2. als polynesische Enklaven, zumeist aus sekundärer Rückwanderung oder Verschlagung von Polynesiern entstanden, eine Reihe kleiner Inseln, die nach Osten hin der Kette der Neuhebriden, der Salomoninseln und dem Bismarckarchipel vorgelagert sind: ein Teil von Uvea in den Loyality Islands, Futuna, Fate, ein Teil von Sesake, Tikopia in oder bei den Neuhebriden, einige der Swallowinseln bei St. Cruz, Renell, Bellona, Ontong Java (Liueniua), Marqueeninseln (Tauu), Tasmaninseln (Nukumanu), Feadinseln (Nuguria) und Sikayana.

3. Lautverhältnisse. In Hinsicht auf den Lautbestand beweisen sämtliche bis jetzt bekannten m. S. den indonesischen gegenüber ihren sekundären Charakter dadurch, daß sie alle Geräuschlaute, Nasale und Liquiden (r, l), die im Auslaut stehen, abwerfen: Aus tanis "weinen" wird tani, aus kulit "Haut" Kuli usw.; nur r wird zuweilen, so im Marshallinsulan. und auf Neupommern, beibehalten. Von allen melanesischen Sprachen hat nur, wie Kern feststellte, im äußersten Süden Eromanga (Loyalitätsinseln) die Endkonsonanten, ausgenommen h, b, n, r, bewahrt; auch das benachbarte Aneitum hat zuweilen t, h, n, p (aus b) gerettet. Ein Teil von Sprachen geht noch weiter und wirft auch den (primären oder sekundären) Vokalauslaut ab, so daß z. B. aus manuk "Vogel" zunächst manu, dann man wird; so auf Aneitum, den Banksinseln, Rotuma, Deutsch-Neuguinea, mehrere Mikronesische Sprachen. In einigen Fällen wird auch der (sekundäre) Auslautkonsonant noch abgeworfen, so daß z. B. aus tasik "Meer" zunächst tasi, dann tas, dann ta wird, das aber auch über tai entstanden sein kann, so Barriai ta (dn).

4. Wortbildung. In der Wortbildung ist zunächst die Erstarrung und damit Außergebrauchsetzung des indonesischen Infixwesens hervorzuheben. Formen mit älterem Infix "in" oder "um" kommen zwar gelegentlich vor, aber die Infixe selbst funktionieren nicht mehr. Hier sind ausgenommen einzig die Tunasprache der Gazellehalbinsel von Neupommern und die ihr verwandte Palasprache von Süd-Neulauenburg, bei denen das Infix "in" noch lebendig funktioniert, aber in einer voraustronesischen, mit der der austroasiatischen (s. Austrische Spr.) Sprachen fast gleichen Weise. Unter den durchgängig verbreiteten Präfixen sind besonders hervorzuheben: ma als Adjektiv- und Zustandspräfix, ta (indones. tar, tér) als Zustands- und Konditionalpräfix, ka, Ga als Sammelpräfix, vaka, vaga, haa, va, ta, ha, a als Kausativpräfix und vei, hei, we, e oder var, ver Reziprokalpräfix bei Verben; nicht so allgemein verbreitet ist i als Instrumentalpräfix (Fidji, Banksinseln, Florida). Das indonesische Präfix ma + Nasal (n, n, m) und als Passiv- und Substantivform dazu pa + Nasal sind im Melanesischen verloren gegangen. Unter den Suffixen ist zu erwähnen: a, ga (aus indonesischem an, kan) als Substantiv- und Adjektivsuffix, i seltener a (indones. an) als Transitivsuffix bei Verben (vor ihm leben die alten konsonantischen Auslaute wieder auf, so daß scheinbar Suffixe wie ti, pi, ki [ta, pa, ka] usw. entstehen), aki, akan als Beziehungssuffixe. Auch die Reduplikation wird als Wortbildungsmittel gebraucht, sowohl die einfache (Repetition) als die qualifizierte in mannigfachen Formen. Beim Substantivum und Adjektivum kann sie sowohl die Verstärkung (Mehrzahl) als auch die Abschwächung (=deutsche Endung "lich" in "schwärzlich") ausdrücken; beim Verbum drückt sie zumeist Wiederholung, Fortdauer oder Emphase der Handlung aus.

5. Grammatik. Für die grammatischen Verhältnisse sei auf die beiden Punkte besonders hingewiesen, durch welche die melanesischen Sprachen sich am leichtesten erkennbar sowohl von den indonesischen als von den polynesischen Sprachen unterscheiden lassen. Das sind 1. der Zahlausdruck beim Pronomen personale, 2. der Possessivausdruck und die damit zusammenhängende Gruppierung der Substantive in zwei Klassen. - Während eine eigentliche Bezeichnung des Numerus beim Nomen - abgesehen, bei einigen Sprachen, von Personalnamen - nicht vorhanden ist, wird beim Pronomen personale auf die Numerusbezeichnung der größte Wert gelegt. Wie in den indonesischen Sprachen sind zunächst Singular- und Pluralformen vorhanden. Während die indonesischen Sprachen, vom Dayak abgesehen, sich damit begnügen, entwickeln die melanesischen Sprachen außerdem einen Dual - dabei bleiben die älteren Sprachen (Neukaledonien, Loyalitätsinseln, manche Sprachen von Deutsch- und Holländisch-Neuguinea) stehen -; die große Mehrzahl bildet auch einen Trial; einige der jüngsten Sprachen - so die Südsalomonen und einige der Neuhebriden, die von Nengone, Rotuma, Neupommern, Marshallinseln und Kusaie - selbst einen Quatral. Alle diese Formen werden gebildet durch Anfügung der Zahlformen für "zwei", drei" bzw. "vier" an die Pluralformen, schmelzen aber oft so eng mit diesen zusammen, daß ihr eigentlicher Ursprung undeutlich wird. In mehreren Sprachen mit Vierzahl ist der einfache Plural außer Gebrauch gekommen, und eine ursprüngliche Vierzahl wird jetzt an seiner Statt als Plural gebraucht, so in den Neuhebriden im Tana und Araga, in den Salomoninseln im Nggao, und in der Süd-Neulauenburgsprache. Das ist schon eine Hinneigung zu der Weise der polynesischen Sprachen, wo ebenfalls der einfache Plural abhanden gekommen, aber der Trial dafür eingetreten ist; das gleiche ist auch schon bei einer Gruppe der melanesischen Sprachen selbst eingetreten, nämlich in den südlichen Salomoninseln bei Wango, Bauro, Ulawa, Saa, Ruavatu, Ugi und Mara und auf Ponape. Einzig die am äußersten Grenzgebiet nach Osten vorgeschobene Sprache der Guilbertinseln kennt, wie die indonesischen Sprachen, außer Singular und Plural keine weiteren Formen; auch im Ruk und Mortlock sind Dual und Trial keine geläufigen Formen. Die Possessivbezeichnung wird durch Anfügung von Suffixen bewirkt, die von den Personalpronomina abgeleitet sind. Die drei Gruppen der austronesischen Sprachen unterscheiden sich charakteristisch in der Art und Weise der Anfügung dieser Possessivsuffixe. Man kann eine zweifache Art der Anfügung unterscheiden, eine unmittelbare, wenn das Suffix unmittelbar dem Substantiv selbst angefügt wird, und eine mittelbare, wenn das Suffix zunächst einer Partikel angefügt und das Ganze dann erst dem Substantiv nachgesetzt wird. Die indonesischen Sprachen nun gebrauchen ausschließlich die unmittelbare, die polynesischen Sprachen ausschließlich die mittelbare Suffigierung, während die melanesischen für einen Teil der Substantive die erstere, für den anderen Teil die letztere verwenden. Die melanesischen Sprachen teilen demnach alle Substantive in zwei Klassen. Von diesen umfaßt die eine, allgemein gesprochen, alle diejenigen Substantive, die ein engeres, unveräußerliches Besitzverhältnis bezeichnen. Die konkrete Anwendung dieses Satzes ist nicht in allen Sprachen im einzelnen gleich; jedenfalls aber gehören dahin die übergroße Mehrzahl der Substantive, welche Körperteile und solche, die Verwandtschaftsnamen bezeichnen. In letzterer Hinsicht sind aber manchmal nur die blutsverwandtschaftlichen Namen gemeint, nicht die schwägerschaftlichen, auch nicht die das Verhältnis von Mann und Frau bezeichnenden. Diese beiden Arten von Substantiven, Körperteil- und Verwandtschaftsnamen, sind in der Auffassung der Melanesier so eng mit ihrem Besitze verbunden, daß sie nie ohne irgendein Possessivsuffix erscheinen, was besonders beim Abfragen der Vokabeln beachtet werden muß. - Alle übrigen Substantiva gehören zur zweiten Klasse. Hier wird das Possessivsuffix nicht dem Substantiv unmittelbar angefügt, sondern einer Partikel. In den meisten melanesischen Sprachen sind hier mehrere Partikeln vorhanden, auf Fiji, Santa Cruz, den Banksinseln vier, auf den nördlichen Neuhebriden drei, auf der Gazellehalbinsel von Neupommern, auf Kusaie drei, auf den Salomoninseln und in Britisch-Neuguinea zwei. Es wird gewöhnlich unterschieden zwischen weiterem Besitzverhältnis, wofür die Partikeln no, nu, na, ni, seltener ma me, ba im Gebrauch sind, und engerem Besitz, zu dessen Bezeichnung die Partikel ka, ga, ha, ge, a verwendet wird. Letztere Partikel wird auch bei eßbaren Gegenständen angewandt und könnte auf den Stamm kan "essen" zurückgehen, der auf Ponape auch als Possessivpartikel gebraucht wird (vgl. auch Ruk und Mortlock an und Marshallinseln kij "beißen"). Anderwärts, so auf den Banksinseln, den nördlichen Neuhebriden, Fidji, Gazellehalbinsel wird ma, mo, me als Partikel bei trinkbaren Gegenständen gebraucht; Marshallinsel lim, Uleai ulime, Ruk unim, Kusaie nim gehen direkt auf austronesisch inum "Trinken" zurück. Bei den melanesischen Sprachen von Deutsch- und Holländisch-Neuguinea ist, ihrer Mischnatur entsprechend (s. unten), diese Possessivbezeichnung vielfach in Verfall geraten; es wird entweder einfach das Personalpronomen selbst, entsprechend der allgemein dort herrschenden Voranstellung des Genitivs, dem Substantiv vorangestellt oder aber einer Partikel präfigiert, wodurch eine der papuanischen ähnliche Form des Possessivum erzielt wird, so im Ali, Tumleo und Mafoor und teilweise im Barriai. Außer der charakteristischen Teilung in zwei Klassen ist beim Substantivum nichts Besonderes mehr hervorzuheben. Eigene Numerusbezeichnung ist im allgemeinen ebensowenig vorhanden wie eine eigene Genusbezeichnung. Doch wird bei Personenbezeichnungen. in manchen Sprachen (Schmidt, Jabimsprache 41, 54) durch Vor- oder Nachsetzung des nach Zahl und Geschlecht wechselnden persönlichen Artikels ein Numerus- und Genusausdruck geschaffen, der besonders bei den suffigierenden Sprachen von Neuguinea und den nordwestlich vorliegenden Inseln die Form von Pluralsuffixen annimmt. - Der (affixlose) Genitiv wird, wie überhaupt in den austronesischen Sprachen, dem zu bestimmenden Worte stets nachgestellt, und im Zusammenhang damit werden die Kasusbezeichnungen durch Präpositionen ausgedrückt, von denen insbesondere ni, ne, na als Genitivzeichen zu erwähnen ist. In den meisten melanesischen Sprachen aber, die in der Nähe von Papuasprachen sich befinden, ist durch deren Einfluß ihre ursprüngliche Nachstellung des Genitivs in Voranstellung umgewandelt worden, was zur weiteren Folge hatte, daß statt der Präpositionen mehr und mehr Postpositionen eintraten und der früher vorwiegend präfigierende Aufbau der Sprache sich in einen suffigierenden umwandelte. Zu diesen Mischsprachen gehören sämtliche melanesische Sprachen von Neuguinea und den vorgelagerten kleinen Inseln, dann das Barriai und das Kilenge in West-Neupommern, das O Mengen in Ost-Neupommern, das Uruava und das Torau in Süd-Bougainville. Der Aufbau des Verbums ist ziemlich einfach. Dem Verbalstamm gehen sog. Verbalpartikeln vorauf, die zumeist aoristartige Bedeutung bewirken; am häufigsten ist e (te, ke). In den meisten Sprachen - nicht in den mikronesischen - unterliegt diese Partikel in ihrer Gänze oder in der Vokalisierung dem Einfluß des vorhergehenden Pronomen conjunctum, einer verkürzten Form des Personalpronomen, welche den Subjektsnominativausdruck herstellen, der also stets dem Verbalstamm vorausgeht. In mehreren Sprachen von Deutsch- und Holländisch-Neuguinea ist dieser Subjektsausdruck zugleich mit der ev. vorhanden gewesenen Verbalpartikel so eng mit dem Anlaut des Verbalstammes verschmolzen, daß die verschiedenen Personenbezeichnungen wie Anlautveränderungen des Verbalstammes erscheinen. Bei einigen (intransitiven) Ausdrücken der Gemütsstimmung und des körperlichen Befindens wird der Subjektsausdruck dem Wortstamm als Possessivsuffix angehängt, das ja eigentlich im Genitiv steht, so daß das Ganze nominalen Charakter trägt. - Auf die Bezeichnung der Tempusunterschiede hat das melanesische Verbum keine besondere Aufmerksamkeit verwendet, sie erfolgt zumeist durch Hinzufügung entsprechender Adverbien. - Dagegen ist Bedacht genommen auf die Bezeichnung des transitiven Charakters durch Suffigierung von i (oder a) und der Beziehung der Handlung auf irgendwen oder irgend etwas durch Suffigierung von aki (oder aka). Eine Anzahl "genera verbi" sind durch Präfixe zum Ausdruck gebracht: Das Kausativ durch vaka, vaga, va, a, das Reziprokverhältnis durch var auf den Banksinseln, vei auf den Neuhebriden, Fidji, Salomoninseln, Bismarckarchipel, Britisch-Neuguinea, das Dauer- oder Konditionalverhältnis durch die Präfixe ma, ta. Ein eigentliches Passivum kennen die melanesischen Sprachen nicht.

6. Gruppierungen. Im scharfen Gegensatz zu der straffen Einheitlichkeit der polynesischen Sprachen offenbart sich bei den melanesischen Sprachen eine weitgehende Verschiedenheit des Wortschatzes wie der Grammatik. Das läßt auf eine längere Dauer der Ansiedelung schließen; es mögen aber auch noch vielfach die früher vorhandenen Papuasprachen nachwirken, deren tiefgreifende Mannigfaltigkeit noch jetzt z. B. in Neuguinea sich erkennen läßt. Wegen dieser großen Verschiedenheit ist auch eine Gruppierung der melanesischen Sprachen schwierig durchzuführen; fast jede Insel hat ihre eigene Sprache und zuweilen selbst zwei oder drei Sprachen. Ebenso steht der sehr ungleichmäßige Grad, in dem die einzelnen Sprachen bekannt sind, einer durchgreifenden Gruppierung entgegen. Aus diesen Gründen kann die hier gegebene Einteilung nur als eine in großen Zügen vorgenommene und nicht als durchaus definitive bezeichnet werden: Zu einer Südgruppe können vorläufig, bei unserer geringen Kenntnis der Sprachen von Neukaledonien, zusammengefaßt werden die Sprachen von Neukaledonien, von den Loyalitätsinseln und von den beiden südlichsten der Neuhebriden, Aneitum und Eromanga; ihre Charakteristika sind das häufigere Vorkommen von Palatalen, das Fehlen zumeist der Triale beim Personalpronomen und das Vigesimalsystem beim Zahlwort. - Eine andere Gruppe bilden die Sprachen der übrigen Neuhebriden, die von denen der Banksinseln durch überwiegend vokalischen Auslaut der Wörter, die Partikel vei beim Verbum und das reine Dezimalsystem sich scheiden, während die Sprachen der Banksinseln konsonantisch auslautende Wörter, die Partikel var und das Quinardezimalsystem aufweisen. - Alleinstehend und von archaistischem Charakter erscheinen die Sprache von Santa Cruz und die der Torresinseln. - Die Sprachen der südlichen Salomoninseln bis nach Bougainville haben manches mit der Neuhebridengruppe überein; sie bilden aber die jüngste Stufe, aus der dann unmittelbar die polynesischen Sprachen hervorgingen, was sich aus dem Lautbestand (vokalischer Auslaut, Fehlen von kpw und m, Vorhandensein von f), dem Wortschatz, insbesondere den Formen des Personalpronomens, der Verwendung des Trials als Plural, in der Genitivbildung, den Zahlwörtern u. a. dartun läßt. Sehr nahe steht dieser Gruppe die der Sprachen vom südlichen Britisch-Neuguinea, wenn man von ihrer Beeinflussung durch die Papuasprachen absieht, durch welche sie in die gleich zu erwähnende Mischgruppe geraten. - Die Sprachen der nördlichen Salomoninseln sind nur unvollkommen bekannt; sie repräsentieren aber gegenüber denen der südlichen Hälfte einen älteren Typus und bilden wohl mit denen der Gazellehalbinsel auf Neupommern und von Neulauenburg eine eigene Gruppe, die durch das noch lebendige Funktionieren des in-Infixes sehr scharf charakterisiert ist. - Die sämtlichen melanesischen Sprachen von Neuguinea vom westlichen (und südlichen?) Neupommern, von Süd-Bougainville müssen als Mischsprachen erklärt werden, die den starken Einfluß benachbarter Papuasprachen erfahren haben, was sich besonders in der Voranstellung des Genitivs und den damit zusammenhängenden Erscheinungen äußert (s. o.); außerdem sind die meisten von ihnen charakterisiert durch das Vigesimalsystem beim Zahlwort und durch das Schwanken oder gänzliche Fehlen des Unterschiedes einer inklusiven und exklusiven Form in der 1. Pers. Plural des Personalpronomens. - Die Sprachen der Admiralitätsinseln und der benachbarten kleineren Inselgruppen sind noch zu wenig bekannt, um ihre Gruppierung vornehmen zu können. Von den mikronesischen Sprachen gehören, wie schon bemerkt, das Palau und das Chamorro der Marianen überhaupt nicht zu den melanesischen, sondern zu den indonesischen Sprachen. Die übrigen mikronesischen Sprachen lassen sich vorläufig in eine Gruppe zusammenfassen, die durch das häufigere Vorkommen von Palatalen oder Interdentalen charakterisiert und durch stärkere Zusammenhänge des Wortschatzes untereinander verbunden ist.

Literatur (Es sind nur zusammenfassend-vergleichende Werke aufgenommen, keine Einzelgrammatiken oder Einzelwörterbücher, außer in dem Fall, daß sie wegen ihrer besonderen Wichtigkeit allgemeine Bedeutung erlangt haben) : H. C. v. d. Gabelentz, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaiisch-Polynesischen Sprachen untersucht. Abhdlgn. d. kgl. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften, philol.-hist. Kl. Lpz. Bd. III (1861), 1-267 und Bd. VII (1879), 1-186. G. v. d. Gabelentz u. A. B. Meyer, Beiträge zur Kenntnis der melanesischen, mikronesischen und papuanischen Sprachen. Abhdlgn. d. kgl. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften, philol-hist. Kl. Bd. VIII (1882), 373- 542. Fr. Müller, Grundriß der Sprachwissenschaft. Wien 1876. Bd. I², 30-47. Wien 1882. Bd. II², 1-160. Wien 1888. Bd. I V, 19-28. - H. Kern, Over de verhouding van het Mafoorsch tot de Maleisch-Polynesische Talen. Travaux de la 6e session du Congrès international des Orientalistes. Leide 1884. Vol. II, 217-272. - Derselbe, De Fidjitaal vergeleken met hare verwanten in Indonesie en Polynesie. Letterk. Verh. der Koninkl. Akademie van Wetenschapen, deel XVI. Amsterdam 1886. Derselbe, Over de taal de Jotafa's van de Humboldtbaai. Bijdraagen van het Koninkl. Institut, reeks 6, deel VII, 139 ff (1900). - Derselbe, Taalvergelijkende Verhandeling over het Aneytumsch, met een Aanhangsel over het klankstelsel van het Eromanga. Verh. d. Koninkl. Akad. v. Wetensch, te Amsterdam, Afd. Letterkunde. N. K. Deel VIII Nr. 2 (1906). - R. H. Codrington, The Melanesian Languages. Oxford 1885. - R. H. Codrington and J. Palmer, A Dictionary of the Language of Mota. London 1896. - Rev. D. Macdonald, New Hebrides Linguistics, Introductory, Three New Hebrides Languages: Efatse, Eromangan, Santo. Melbourne 1889. - Derselbe, Oceania, Linguistic and Anthropological. Melbourne 1889. - Derselbe, South Sea Languages, a Series of Studies on the Language of the New Hebrides and other South Sea Islands. Vol. II: Tangoan Santo, Malo, Malekula Epi, Tanna and Tutuna. Melbourne 1891. - Derselbe, The Oceanic Languages, their grammatical Structure, Vocabulary and Origin. London 1907. (Dieser Autor, der sehr nützliche Arbeit in Beibringung neuen wertvollen Materials geleistet hat, versagt vollständig bei der Vergleichung, da ihm insbesondere jeder Begriff von Laut- und Sprachgesetzen überhaupt abgeht und alles bei ihm verdorben wird durch seine Theorie von dem semitischen (sic!) Ursprung der austronesischen Sprachen.) - Sidney H. Bay [hier werden nur die allgemeinen und die über melanesische Sprachen handelnden Werke dieses Autors angeführt, die über Papua- Sprachen, s. u.], On the Importance and Nature of the Oceanic Languages. Journal and Proceed. Roy. Soc. of N. S. Wales, XXVI (1892) 51-59. Derselbe, Oceanic Ethnology and Philology: its Progress and Prospects. Feest bundel .... aan Dr. P. J. Veeth. 1894, 201-204. - Derselbe, The Language of British New-Guinea. Journ. Anthrop. Inst. XXI V (1895), 15-39. - DerseIbe, The Common Origin of the Oceanic Languages. Journ. Polynesian Society V (1896), 58-68, und Hellas, Bevue Polyglotte internationale. 6. Année. Leiden 1896, 372 bis 402. - Derselbe, Reports of the Cambridge Anthropological Expedition to Torres Straits. Vol. III Linguistics. Cambridge 1907. Part. III. The Languages of British New Guinea. Part. IV. The Linguistic Position of the Languages of ... British, New Guinea. 284-528. [Überholt um ein Bedeutendes alle früheren Werke des Verfassers am den Jahren 1893, 1895.] - P. W. Schmidt, Über das Verhältnis der melanesischen Sprachen zu den polynesischen und untereinander. Sitzungsber. d. Kais. Akademie d. Wiss. in Wien. Phil.-hist. Kl. Bd. CXLI, Nr. VI (1899). - Derselbe, Die sprachlichen Verhältnisse Oceaniens (Melanesiens, Polynesiens, Mikronesiens und Indonesiens) in ihrer Bedeutung für die Ethnologie. Mitt. d. Anthropol. Ges. in Wien. XXIX (1899),245-258.-Derselbe, Die Jabim Sprache (Deutsch-Neuguinea) und ihre Stellung innerhalb der melanesischen Sprachen. Sitzungsber. d. Ks1.Akademie d. Wiss. Phil.-hist. Kl. Bd. CXLIII Nr. IX (1901). Derselbe, Die Fr. Müllersche Theorie über die Melanesier. Mitt. d. Anthropol. Ges. in Wien. -II (1902), 149-160. - Derselbe, Die sprachlichen Verhältnisse von Deutsch-Neuguinea. Zeitschrift für afrikanische, ozeanische und ostasiatische Sprachen. Jahrg. V (1900) u. VI (1901). - P. J. Klaffl und P. Fr. Vormann, Die Sprachen des Berlinhafenbezirks in Deutsch-Neuguinea. Mit Zusätzen von P. W. Schmidt. Mitt. d. Orient. Sem. zu Berl. Jahrg. VIII (1905), Abt. 1, 1-138. - A. Thalheimer, Beiträge zur Kenntnis der Pronomina personalia und possessiva der Sprachen Mikronesiens. Stuttgart 1908. - Bev. C. F. Fox, An Introduction to the study of the Oceanic Languages. Norfolk Is. 1910.

Schmidt.