Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 546

Menschenopfer. Die Sitte beruht auf dem Seelenglauben und gehört zunächst zu den Bestattungsgebräuchen (s. Bestattung der Toten): Dem vornehmen Toten sollen ins Jenseits sein Privatbesitz, seine Frauen und Sklaven folgen, man gibt sie ihm daher ins Grab mit. Bei den Festen, die zum Andenken an die Verstorbenen gefeiert werden, versieht man die Gräber mit frischen Opfern für die Seele, und unter diesen können sich wiederum Menschen befinden. Zu dieser manistischen Grundlage kommt die animistische: Man bringt den Dämonen M. dar, um sie gnädig zu stimmen oder zu versöhnen, man nimmt dabei an, daß die Seele des Opfers an die Gottheit übergeht (s.a. Religionen der Eingeborenen). Der Priester kann daher dem zum Opfer bestimmten Menschen Aufträge an die Gottheit mitgeben; die Seele des Opfers wird dann von der Gottheit verzehrt, die in dem Idol, vor dem das Opfer stattfindet, wohnt, während die Opfernden den Körper verspeisen. Diese Anschauung der alten Polynesier stellt das M. daher auf die Stufe des Speiseopfers, was auch in Westafrika vorkommt. Eine der mythologischen Denkweise (s. Psychologie der Eingeborenen) entsprechende Milderung des M. kann überall eintreten und erscheint zunächst wohl im Falle des Selbstopfers: Statt des Ganzen genügt ein Teil; statt den Menschen zu töten, bringt man ein abgeschlagenes Fingerglied, etwas von seinem Blut, besonders häufig seine abgeschnittenen Haare dar. Eine weitere Abschwächung ergibt der Ersatz des M. durch das Tieropfer, bis schließlich bildliche Opfer genügen: Man fertigt Menschenfiguren aus Ton, Teig usw., an denen alle Opferzeremonien vorgenommen werden, während der Chinese mit einer auf Papier gemalten Figur, die verbrannt wurde, auskam.

Literatur: E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur. Lpz. 1873.

Thilenius.