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Menschenrassen. Die Verschiedenheiten, die die Menschheit in der
Körperbildung
aufweist, scheinen leicht verwertbar für die Aufstellung eines Systems.
Soweit sie indessen bisher verfolgt werden konnten, sind die Extreme
durch
eine große Zahl von Abstufungen miteinander verbunden; die Gesamtheit
der körperlichen Unterschiede bildet eine in sich geschlossene Reihe,
die nur mehr oder weniger willkürlich zerlegt werden kann. Während die
Einteilung der Menschheit nach sprachlichen Gesichtspunkten stets von
Bevölkerungen ausgeht, deren Individuen alle das Merkmal einer
bestimmten
Sprache besitzen und nur gelegentlich mit der Aufgabe der alten und der
Annahme einer neuen Sprache durch die gleiche Bevölkerung zu rechnen
hat,
begegnet die anthropologische Untersuchung der Schwierigkeit, daß in
einer
gegebenen Bevölkerung verschiedene Merkmale zu untersuchen sind und kaum
jemals bei einem oder mehreren Individuen gleichzeitig in ausgeprägter
Form vorkommen. Die statistische Beobachtung anthropologischer Merkmale
(z.B. Kopfform, Gesichtsform, Haarbeschaffenheit, Haut- und Augenfarbe,
Proportionen) ergibt in einer gegebenen Bevölkerung für jedes von ihnen
Mittelwerte, aus deren Summe ein Idealtypus, dieser Bevölkerung
ermittelt
werden kann; ergeben sich mehrere Typen, so ist die Bevölkerung nicht
einheitlich, sondern gemischt. Die Einzelindividuen kommen dem Typus
mehr
oder weniger nahe und besitzen daher eine Anzahl gemeinsamer Merkmale,
in deren Verbindung sie sich von den Individuen einer anderen
Bevölkerung
unterscheiden. Eine solche Gruppe von Individuen, die durch gemeinsame,
vererbbare Merkmale verbunden sind, bildet eine Rasse. Je nachdem man
wenige oder viele verschiedene Merkmale und Abstufungen des Einzelnen
berücksichtigt, gelangt man zur Unterscheidung von Haupt- und
Nebenrassen
usw. Unter Berücksichtigung des höchst ungleichmäßigen und für die große
Mehrzahl der Völker noch unzureichenden Materials hat Deniker die
folgende
Einteilung des Menschengeschlechts aufgestellt: 1. Wolliges Haar, breite
Nase; gelbe Haut: Buschmänner; dunkle Haut: Negritos, Neger,
Melanesier. - II. Gekräuseltes Haar; dunkle
Haut:
Äthiopier, Australier, Dravida; gelbweiße Haut: Assyroiden. - III.
Gewelltes
schwarzes oder braunes Haar, schwarze Augen; hellbraune Haut: Indo-
Afghanen;
gelbweiße Haut: Semiten, Berber,
Litorale
Europäer, Iberoinsulaner; dunkelweiße Haut: Westeuropäer, Adriatiker.
- IV. Helles gewelltes oder straffes Haar helle Augen; rötlich-weiße
Haut:
Nordeuropäer, Osteuropäer. - V. Dunkles straffes und gewelltes Haar,
schwarze
Augen; hellbraune Haut: Aino; gelbe Haut: Polynesier, Indonesier,
Südamerikaner.
- VI. Straffes Haar: Nord- und Zentralamerikaner, Patagonier, Eskimo,
Lappen, Ugrier, Turkotataren, Mongolen. Dieses System ist nichts mehr
als eine Ordnung der beobachteten Typen unter Vorausstellung der
Merkmale,
die Haar und Haut bieten. Eine genealogische Bedeutung kommt ihm
zunächst
nicht zu, so notwendig gerade eine Einteilung auf Grund der Entwicklung
für das Verständnis der Formen wäre. Allerdings stehen der Erreichung
dieses Zieles ungewöhnliche Schwierigkeiten entgegen. Unzweifelhaft
gelten
für den Menschen als Wirbeltier dieselben Regeln der Variabilität, Vererbung,
Anpassung usw. wie für die übrigen Organismen. Die an sich mir
graduellen
Unterschiede etwa der Hautfarbe, Beschaffenheit des Haares, Kopf- und
Gesichtsform können danach dem Wandel unterliegen, doch steht dahin, in
welchem Umfange und Zeitraum das geschehen kann; die unmittelbare
Beobachtung
ist aus vielen Gründen (lange Generationsdauer des Menschen usw.) kaum
möglich. Historisch kann man indessen die körperlichen Eigenschaften des
Menschen als primitive (aus der Urzeit ganz oder nur wenig verändert
erhaltene),
rudimentäre (Rückbildungen) und progressive (auf weitere Vervollkommnung
hinweisende) unterscheiden. Im Anschluß an G. Fritsch hat daraufhin C.
H. Stratz ein sehr beachtenswertes System aufgestellt: 1. Protomorphe
(Ur-) Rassen: Australier, Papua und Koikoin,
Amerikaner, Indonesier, Polynesier.
II. Archimorphe (Haupt-) Rassen: Melanoderme (Neger); Xanthoderme
(Mongoloiden),
leukoderme (Europäer, Westasiaten, Nordafrikaner). III. Metamorphische
(Misch- Rassen: Xantholeukoderme (Indochinesen, Mikronesier, Melanoleukoderme (Sudanvölker).
- Gegenüber diesen großen Gruppen, die (mit Ausnahme von III) als
primäre
Rassen angesehen werden dürfen, werden später vielleicht sekundäre und
tertiäre Rassen unterschieden werden können, die im Sinne des Tier- oder
Pflanzenzüchters die Lokalformen und durch physiologische Besonderheiten
ausgezeichneten kleineren Gruppen innerhalb der großen Rassen begreifen.
Literatur: J. Ranke, Der Mensch. Lpz. 1912. J. Deniker, Les races
et les
peuples de le terre. Paris 1900. - C. H. Stratz, Naturgeschichte des
Menschen.
Stuttg. 1908.
Thilenius. |