Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 546 f.

Menschenrassen. Die Verschiedenheiten, die die Menschheit in der Körperbildung aufweist, scheinen leicht verwertbar für die Aufstellung eines Systems. Soweit sie indessen bisher verfolgt werden konnten, sind die Extreme durch eine große Zahl von Abstufungen miteinander verbunden; die Gesamtheit der körperlichen Unterschiede bildet eine in sich geschlossene Reihe, die nur mehr oder weniger willkürlich zerlegt werden kann. Während die Einteilung der Menschheit nach sprachlichen Gesichtspunkten stets von Bevölkerungen ausgeht, deren Individuen alle das Merkmal einer bestimmten Sprache besitzen und nur gelegentlich mit der Aufgabe der alten und der Annahme einer neuen Sprache durch die gleiche Bevölkerung zu rechnen hat, begegnet die anthropologische Untersuchung der Schwierigkeit, daß in einer gegebenen Bevölkerung verschiedene Merkmale zu untersuchen sind und kaum jemals bei einem oder mehreren Individuen gleichzeitig in ausgeprägter Form vorkommen. Die statistische Beobachtung anthropologischer Merkmale (z.B. Kopfform, Gesichtsform, Haarbeschaffenheit, Haut- und Augenfarbe, Proportionen) ergibt in einer gegebenen Bevölkerung für jedes von ihnen Mittelwerte, aus deren Summe ein Idealtypus, dieser Bevölkerung ermittelt werden kann; ergeben sich mehrere Typen, so ist die Bevölkerung nicht einheitlich, sondern gemischt. Die Einzelindividuen kommen dem Typus mehr oder weniger nahe und besitzen daher eine Anzahl gemeinsamer Merkmale, in deren Verbindung sie sich von den Individuen einer anderen Bevölkerung unterscheiden. Eine solche Gruppe von Individuen, die durch gemeinsame, vererbbare Merkmale verbunden sind, bildet eine Rasse. Je nachdem man wenige oder viele verschiedene Merkmale und Abstufungen des Einzelnen berücksichtigt, gelangt man zur Unterscheidung von Haupt- und Nebenrassen usw. Unter Berücksichtigung des höchst ungleichmäßigen und für die große Mehrzahl der Völker noch unzureichenden Materials hat Deniker die folgende Einteilung des Menschengeschlechts aufgestellt: 1. Wolliges Haar, breite Nase; gelbe Haut: Buschmänner; dunkle Haut: Negritos, Neger, Melanesier. - II. Gekräuseltes Haar; dunkle Haut: Äthiopier, Australier, Dravida; gelbweiße Haut: Assyroiden. - III. Gewelltes schwarzes oder braunes Haar, schwarze Augen; hellbraune Haut: Indo- Afghanen; gelbweiße Haut: Semiten, Berber, Litorale Europäer, Iberoinsulaner; dunkelweiße Haut: Westeuropäer, Adriatiker. - IV. Helles gewelltes oder straffes Haar helle Augen; rötlich-weiße Haut: Nordeuropäer, Osteuropäer. - V. Dunkles straffes und gewelltes Haar, schwarze Augen; hellbraune Haut: Aino; gelbe Haut: Polynesier, Indonesier, Südamerikaner. - VI. Straffes Haar: Nord- und Zentralamerikaner, Patagonier, Eskimo, Lappen, Ugrier, Turkotataren, Mongolen. Dieses System ist nichts mehr als eine Ordnung der beobachteten Typen unter Vorausstellung der Merkmale, die Haar und Haut bieten. Eine genealogische Bedeutung kommt ihm zunächst nicht zu, so notwendig gerade eine Einteilung auf Grund der Entwicklung für das Verständnis der Formen wäre. Allerdings stehen der Erreichung dieses Zieles ungewöhnliche Schwierigkeiten entgegen. Unzweifelhaft gelten für den Menschen als Wirbeltier dieselben Regeln der Variabilität, Vererbung, Anpassung usw. wie für die übrigen Organismen. Die an sich mir graduellen Unterschiede etwa der Hautfarbe, Beschaffenheit des Haares, Kopf- und Gesichtsform können danach dem Wandel unterliegen, doch steht dahin, in welchem Umfange und Zeitraum das geschehen kann; die unmittelbare Beobachtung ist aus vielen Gründen (lange Generationsdauer des Menschen usw.) kaum möglich. Historisch kann man indessen die körperlichen Eigenschaften des Menschen als primitive (aus der Urzeit ganz oder nur wenig verändert erhaltene), rudimentäre (Rückbildungen) und progressive (auf weitere Vervollkommnung hinweisende) unterscheiden. Im Anschluß an G. Fritsch hat daraufhin C. H. Stratz ein sehr beachtenswertes System aufgestellt: 1. Protomorphe (Ur-) Rassen: Australier, Papua und Koikoin, Amerikaner, Indonesier, Polynesier. II. Archimorphe (Haupt-) Rassen: Melanoderme (Neger); Xanthoderme (Mongoloiden), leukoderme (Europäer, Westasiaten, Nordafrikaner). III. Metamorphische (Misch- Rassen: Xantholeukoderme (Indochinesen, Mikronesier, Melanoleukoderme (Sudanvölker). - Gegenüber diesen großen Gruppen, die (mit Ausnahme von III) als primäre Rassen angesehen werden dürfen, werden später vielleicht sekundäre und tertiäre Rassen unterschieden werden können, die im Sinne des Tier- oder Pflanzenzüchters die Lokalformen und durch physiologische Besonderheiten ausgezeichneten kleineren Gruppen innerhalb der großen Rassen begreifen.

Literatur: J. Ranke, Der Mensch. Lpz. 1912. J. Deniker, Les races et les peuples de le terre. Paris 1900. - C. H. Stratz, Naturgeschichte des Menschen. Stuttg. 1908.

Thilenius.