Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 548 ff.

Meru (s. Tafel 141), Vulkan in Deutsch- Ostafrika, 4558 m hoch, liegt westlich vom Kilimandscharo (s.d.), mit dem er so viel gemeinsame Züge hat, daß man die Berge samt der näheren Umgebung als eine natürliche Landschaft betrachten kann. Das Land am Fuß des M. liegt im SO etwa 1200, im NW 1700 m ü. d. M. Von wo man sich auch dem Berge nähert, überall beherrscht das Bild der gewaltige, scheinbar kegelförmige Hauptgipfel; von O und N gesehen tritt neben ihn der nö. 4100 m hohe Nebenkegel. Der Gipfel ist in Wirklichkeit nur der westlichste, höchste, am besten erhaltene Teil der Umrandung eines Vulkankessels von 4 km Durchmesser. Eine tiefe Bresche öffnet ihn heute nach O zu, etwa drei Viertel der Rundung blieben erhalten. Die zerstörenden Vorgänge waren im wesentlichen explosiver Natur. Das bezeugen auch die großen Trümmerfelder am Fuß der Bresche, in die zahlreiche, zum Teil abflußlose, stark natronhaltige Seen (Merkerseen, nach M. Merker [s.d.] genannt) eingebettet sind. Deren größter ist mit 4 qkm Fläche der buchtenreiche, tiefe Momella. Im Kraterkessel befinden sich mehrfache Neubildungen. Die jüngste ist der Aschenkegel, der etwas seitlich, der hohen Westwand genähert liegt. Da er 3460 m Mh. hat, ist er nur von O her sichtbar (s. Tafel 141). Seinem Gipfel entströmen Dämpfe; die an seinen Flanken ausgetretene Lava kann zum Teil erst vor wenigen Jahrzehnten erstarrt sein. Ende 1910 hat eine durch ihre Dampfwolken weithin sichtbare Eruption stattgefunden. Außer dieser zentralen Tätigkeit ereigneten sich früher sehr reichliche Ausbrüche an den Flanken des Berges und in der benachbarten Ebene. Der höchstgelegene Zeuge eines solchen ist der oben erwähnte Nebenkegel des Gipfels. Am besten erhalten erscheint der große, flache Kraterkessel (2,6 x 3,5 km) des Endimemascho, der 20 km nach OSO vom Mittelpunkt des M. entfernt durch einen Sattel von ihm getrennt liegt. Wiederholte Ausbrüche von Laven und Tuffen haben im W der M.-Spitze, auf der Verbindungslinie zum Mondul (s.d.), ein durchschnittlich 2600 m hohes Hochland geschaffen. Im hügeligen Land im SW des Berges treten bis auf 40 km Entfernung vom Gipfel Vulkanhügel auf. Erst jenseits dieser Zone beginnt das Urgesteinsland. Im N kommen die größeren parasitären Vulkanhügel noch in 20 km Entfernung vom M. vor; jungvulkanische Böden reichen sehr viel weiter. Denn hier, besonders im NW, sind ausgedehnte Flächen hoch mit Aschen und Tuffen bedeckt, die alle Formen einhüllen. Entsprechend der Hauptwindrichtung ist das Lockermaterial der Eruptionen hauptsächlich in diese Gebiete geführt worden. Dazu kommt, daß hier im Regenschatten die Erosion viel weniger stark gearbeitet hat. Nur die vom sö. Quadranten des M. herabkommenden Bäche fließen im Kikuletwa (s.d.) gesammelt dem Pangani (s.d.) zu. Was nach SW herabfließt, sammelt sich zur Regenzeit in dem Schambäraisumpf, der gelegentlich in Verbindung mit dem Kikuletwa treten soll. Überall im N liegt abflußloses Gebiet, in dem die Bäche verrieseln. - Klimatisch bilden die verschiedenen Seiten des M. große Gegensätze. Die Regenmengen am Südfuß, die sicherlich von denen höherer Teile der Südhälfte des Berges übertroffen werden, sind etwa dreimal so groß, wie die am N-Fuß. Hier hat Oldoinjo Ssambu (s. u.) 414 mm (zweijähr. Mittel), dort Aruscha (s.d.), 1405 m ü. d. M., 1278 mm (elfjähr. Mittel) und 12 km östlich davon Nkoaranga, 1436 m ü. d. M., 1620 mm (vierjähr. Mittel), (vgl. auch Leudorf, das nur 186 m tiefer liegt). Umgekehrt ist die tägliche Schwankung der Temperatur im Norden noch größer als im S, wo sie in Aruscha im Jahresmittel 11,5° erreicht. Hier beträgt das Jahresmittel der Temperatur 19,5°; 21,4° hat der Februar, 17,3° der Juli. Entsprechend der um 500 m höheren Lage ist der Nordfuß viel kühler. Der M. liegt im Monsunklima (s. Deutsch-Ostafrika 4). Die Zweiteilung der Regenzeit ist ziemlich ausgebildet. Am Südfuß reicht der immergrüne Wald heute nur noch in einzelnen Inseln weiter südlich als Aruscha; er ist überall den Kulturen der Eingeborenen zum Opfer gefallen. Jetzt liegt die untere Grenze des Waldgürtels im S etwa bei 1900 m, im N bis zu 500 m höher. Der Gürtel ist nicht lückenlos; sowohl in der Bresche wie unterhalb des Nebenkegels dringt Grasland und Buschsteppe bis in die Hochregionen vor. Die obere Grenze des Gürtelwaldes dürfte durchschnittlich bei 3000 m liegen. Vegetationsformationen und Flora sowie Fauna sind der des Kilimandscharo sehr ähnlich. Der Bambus tritt am M. in weiterer Ausdehnung auf. Da die Hochregionen des M. nur etwa 1/20 derjenigen des Kilimandscharo einnehmen und steiler sind, die Quellen erst tiefer entspringen, ist der Artenreichtum des M. sehr viel geringer. - Die 1600 qkm, die der M. bedeckt, sind insgesamt von rund 22500 Menschen sehr ungleichmäßig bevölkert, was der Durchschnittsdichte 14 entspricht. Am Südfuß des Berges liegen die Landschaften Aruscha (s.d. 1) und, ostwärts angrenzend, M. (oder Uru) mit zusammen 22000 Eingeborenen, die ganz verschiedenen Stämmen angehören. Die Waru (Wameru) sind Wadschagga (s.d.); den Waaruscha sieht man den Einschlag hamitischen Blutes deutlich an; man rechnet sie zu den Wakuafi (s.d.). Die Fruchtbarkeit der tiefbraunen, sehr humosen, jungvulkanischen Böden haben die Eingeborenen durch weitverzweigte Bewässerungsanlagen noch sehr gesteigert. Überall zerstreut liegen die Bananenhaine, die Hütten häufig umgebend. Außerdem werden hauptsächlich Helmbohnen, Mais, Eleusine (zur Bereitung von Pombe, s.d.), Bataten angebaut. Die Felder ziehen sich da und dort bis zu 2000 m Mh. hinauf. Die Waaruscha, die mehr Vieh haben als die Waru, treiben es über Tag auf die Weiden. Den Eingeborenen am Berg gehören insgesamt 16000 Rinder und 56000 Stück Kleinvieh. - Die Massai (s.d.) weideten früher ihre Herden in den Steppen rings um den Berg, im N hoch hinauf; dort zeugen zahlreiche tief in den lockeren Tuff eingetretene Hohlwege von jener Zeit. Nach den großen Viehseuchen (Lungenseuche und Rinderpest, s. d.) ums Jahr 1890 setzten sich einzelne verarmte Massai am SO-Fuß des M. als Ackerbauern fest. Die Siedlung Ngongongare (= Wasserauge) bestand so lange, bis auch diese Massai in das Reservat (s. Massaisteppe) überführt wurden. Ein paar Krale dieses Gebietes liegen wenige Kilometer vom Bezirkshauptort Aruscha (s.d. 1). Auch Wandorobbo (s.d.) kamen in der Steppe rings um den M. vor. Heute liegen überall um den M. Europäerfarmen, bis an die Grenze der beiden obengenannten, von Eingeborenen bebauten Landschaften. In Leudorf (s.d. und Tafel 116), Ngongongare und dem w. benachbarten Land reichen diese Farmen in das Waldland hinein, während die Siedlungsbezirke Engare Olmotonj (SW), Oldoinjo Sambu (NW) und Engare Nanjuki (NO) (vgl. Engare Nairobi unter Kilimandscharo) ganz in der Steppe, meist in der Grassteppe, liegen und zum größten Teil hervorragendes Weideland umschließen. Die drei Namen gehören der Sprache der Massai an. Engare Olmotonj (richtiger E. Oomotonj = Wasser der Vögel) ist der westlichste der großen nach S zu vom Meru herabkommenden Bäche; er mündet in den Schambärai-Sumpf (s. o.); Oldoinjo Ssambu (der bunte Berg) ist ein parasitärer Vulkanhügel, Engare Nanjuki (richtiger E. Nanjokje, das rote Wasser) heißt die Wasserader, die alle aus der Bresche (s.o.) nach O hervorbrechenden Bäche sammelnd schließlich verrieselt. In diesen drei Gauen siedelten sich 1904 zuerst Buren, später auch Deutsche an. Während die meisten Ansiedler im S des M. hauptsächlich dem Anbau von Cerealien, Kaffee, Baumwolle obliegen, wird im N und auch in Ngongongare in erster Linie Vieh gezüchtet. - Für das ganze Siedelungsgebiet, bei weitem das wichtigste, das Deutsch- Ostafrika bisher besitzt, gelten die unter Aruscha (s.d. 2) aufgeführten Zahlen. Die Bedeutung des M.gebietes wird durch die Fortsetzung der Usambarabahn über Moschi nach Aruscha noch erheblich steigen. In der Landschaft Meru (s.o.) liegt die Station Nkoaranga (s.o.), in Aruscha die gleichnamige der Leipziger Missionsgesellschaft (s.d.).

Literatur: F. Jaeger, Der Meru, Geogr. Z. 1906. - C. Uhlig, Vom Kilimandscharo zum Meru, Z. Ges. f. Erdk. Berl. 1904. - Ders., Die Tätigkeit des Vulkans Meru, Geogr. Z. 1911. - A. Leue, Die Siedlungen am Meru, Schriften z. Förd. d. inneren Kolonisation Heft 13. Berl. 1912. - Ferner s. Kilimandscharo.

Uhlig.