Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 550

Messer. Zum Urbesitz des Menschen gehört ein Schneidewerkzeug, das auf dem physikalischen Prinzip des Keils beruht. Es besitzt daher Rücken und Schneide, die als Klinge mit einem Griff verbunden das M. ergeben oder die Waffe, die auf die gleiche Urform zurückgeht. Als Schneidwerkzeuge dienen neben den eigenen Zähnen und Nägeln (heute noch z.B. beim Abnabeln) scharfrandige Muscheln, Obsidianspäne, Bambussplitter, scharfe Gräser. Die Ausbildung des M. erscheint diesen gegenüber als jüngere Errungenschaft. Seine Form bestimmen zunächst die Eigenschaften des Materials, aus dem die Klinge gefertigt wird, d. h. sie ergibt sich aus dessen zufälliger Verteilung über die Erde. Die ältesten und primitivsten M. bestehen daher aus Zähnen, Krallen, Knochen, Muschelschalen, Holz, Rohr, Bambus, Feuerstein, Obsidian, Schiefer. In zweiter Linie ist der Zweck des M. für die Form maßgebend; spezielle Zwecke haben eine große Zahl von Spezialformen hervorgebracht. Aus der Verteilung des Rohstoffs und der Gleichartigkeit der Zwecke folgt, daß an verschiedenen Orten der Erde unabhängig voneinander entstandene und doch wesentlich gleiche M.formen vorkommen. Die primitiven M. haben sich bei den Naturvölkern am längsten erhalten, verschwinden aber auch bei ihnen, abgesehen von der Verwendung zu rituellen Handlungen, vor dem Eisen. Damit ist ein Rohmaterial gegeben, das eine sehr viel reichere Ausbildung der Formen und eine weit bessere Anpassung an besondere Zwecke gestattet. Es tritt als Kriegswaffe (Dolch, Werf-M., Schlag-N. und Hau-M.) und Jagdgerät auf, andererseits als Werkzeug (Opfer- und Zeremonien-M., Ritual-M.) und als Handgerät (Schnitz-M., Krumm-M.). Endlich sind aus dem M. hervorgegangen Schere, Sichel, Sense und Säbel. S. a. Waffen und Bewaffnung.

Literatur: Seyffert, Das Messer, Arch. f. Anthropologie, 1911.

Thilenius.