Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 561

Milzbrand ist eine ansteckende, durch den Milzbrandbazillus verursachte, schnell verlaufende Krankheit, die bei Einhufern, Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen und Hunden, ferner beim Wilde auch in den Kolonien vorkommt. Der M. kann von den Tieren auf den Menschen übertragen werden. In bestimmten Gegenden tritt der M. ständig auf; solchen Gegenden ist gemeinsam, daß sie infolge sumpfiger Beschaffenheit oder häufiger Überschwemmungen dauernd feucht sind. Wenn in solchen Gegenden Milzbrandkadaver unverscharrt liegen geblieben sind, können aus den aus dem Körper mit dem Blute austretenden Milzbrandbazillen Milzbrandsporen sich entwickeln, die sich jahrelang in ansteckungsfähigem Zustand zu erhalten vermögen. Die Erscheinungen und der Verlauf des M. sind verschieden. Die Tiere können plötzlich erkranken und schon nach wenigen Minuten wie vom Schlage getroffen zugrunde gehen (schlagartiger M.). In anderen Fällen dauert der M. mehrere Stunden bis zu einem Tage (akuter M.). Hierbei zeigen die Tiere plötzlich große Mattigkeit, Muskelzittern, Appetitmangel, leichtes Aufblähen und im weiteren Verlauf oft blutigen Durchfall oder blutige Ausflüsse aus den natürlichen Körperöffnungen. Die Körperwärme der Tiere ist fieberhaft gesteigert. Bei den Kühen versiegt die Milch plötzlich. Endlich kann der M. einen langsameren Verlauf nehmen und erst nach 2- 7 Tagen zum Tode führen (subakuter M.). Bei diesem Verlaufe beobachtet man außer den bereits geschilderten Krankheitserscheinungen rasche Abmagerung, fortschreitenden Verfall der Kräfte und zuweilen Kolikschmerzen. Bei Schweinen wird vielfach eine ein- oder doppelseitige Schwellung des Halses mit Atemnot und schnarchendem Atemgeräusch beobachtet. Bei toten Milzbrandtieren findet man blutigen Abgang aus dem After, Schwellung und schwarzrote Verfärbung der ganzen oder eines Teiles der Milz, ungeronnene, teerartige Beschaffenheit des Blutes, blaurote Verfärbung eines Abschnittes oder des ganzen Dünndarmes, Schwellung der Lymphdrüsen und Blutungen an verschiedenen Körperstellen. Auf den Menschen kann der M. durch unvorsichtigen Umgang mit M.tieren oder deren Kadavern übertragen werden. Besonders gefährdet sind Personen, die Verletzungen an den Händen oder anderen unbedeckten Körperteilen haben. Personen, die sich mit M. angesteckt haben und bei denen sich als Zeichen der Ansteckung Anschwellungen an den Händen, Armen oder im Gesicht zeigen, müssen sich, wenn möglich, unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben. Denn bei richtig eingeleiteter ärztlicher Behandlung kann der M. beim Menschen einen günstigen Verlauf nehmen.

v. Ostertag.