Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 564 f.

Mischlinge. 1. Terminologie. 2. Anthropologische Beurteilung der M. 3. Erfahrungen über M. 4. Gesellschaftliche Beurteilung der M. 5. Zahl der M. in den deutschen Schutzgebieten. 6. Rechtsstellung der M.

1. Terminologie. M. sind die aus der Paarung von Individuen verschiedener Rassen hervorgehenden Nachkommen. Bei Tieren und Pflanzen ist die Benennung Bastard üblich, die früher das uneheliche, sozial tiefer stehende Kind bezeichnete und jetzt für eine Lokalform, die aus der Paarung von Weißen und Hottenotten entstandene "Nation der Bastards" (s.d.) gebräuchlich ist. Der Terminologie des Tierzüchters ist die Bezeichnung Halbblut entlehnt, die jedoch das Verhältnis der "Blutmischung" nur dann wiedergibt, wenn man sich gegenwärtig hält, daß die Eltern außer den eignen auch die Eigenschaften ihrer Vorfahren auf die Nachkommen übertragen. Paaren sich M. nicht untereinander, sondern mit einer der Stammformen oder Angehörigen einer dritten Rasse, so entstehen sog. abgeleitete Bastarde, für die eine reiche Nomenklatur besteht, um wesentlich aus gesellschaftlichen Gründen etwa die M. von Weißen, Indianern, Negern in Amerika zu bezeichnen: Mulatten (Kinder von Weißen und Negern), Zambo (Indianer u. Neger), Mestizen (Weiße u. Indianer), Terzeronen (Weiße u. Mulattinnen od. Mestizen), Quarteronen (Weiße u. Terzeronen) usw.

2. Anthropologische Beurteilung der M. Anthropologisch sind die Nachkommen eines Norddeutschen (nordeuropäische Rasse) und einer Spanierin (südeuropäische Rasse) ebenso M. wie die Kinder von Deutschen und Japanern, Franzosen und Negern, Holländern und Hottentotten oder Chinesen und Samoanern usw. Sie vereinigen körperliche und geistige Eigenschaften beider Eltern. Einen Einblick in die Konstitution der M. verheißt der Umstand, daß die Vererbung beim Menschen nach den Mendelschen Regeln (s.d.) stattfindet. Die Schwierigkeit der Beurteilung wächst, wenn auf die Generation des M. (F 1) eine zweite (F 2) folgt, die aus der Paarung von M. und M. oder von M. und Stammform hervorging. Hier sind nicht nur M. zu erwarten, die dem M.-elter ähneln, sondern neben neuen Kombinationen auch Individuen, die in bestimmten Merkmalen einer oder der anderen Stammform gleichen, da bei der Vererbung die in dem F1-Bastard verbundenen Eigenschaften sich in der folgenden Generation wieder trennen, so daß eine "Entmischung" (v. Luschan) eintritt. Boas berichtet diese Spaltung bei M. von Indianern und Weißen, Tonwsend über die vor etwa 100 Jahren durch Paarung von Weißen und Polynesierinnen entstandene Bevölkerung von Pitcairn, deren erste Generation (F1- Bastarde) mit einer Ausnahme dunkles Haar, dunkle Augen, olivenfarbene Haut zeigt, wogegen in der folgenden Generation (F2-Bastarde) schon einige Individuen so dunkel wie Tahitier, andere so hell wie Europäer waren, während beide Formen nebeneinander in derselben Familie erscheinen. v. Luschan fiel in der Kapkolonie das Auftreten von guten, reinen, alten Hottentottentypen bei den Nachkommen von M. auf Fischer hat die Bastards von Rehoboth anthropologisch und genealogisch genau untersucht, und damit als erster wissenschaftlich einwandsfreie systematische Beobachtungen geliefert. Die außerordentlich wichtigen Ergebnisse sind die folgenden: Die Vererbung folgt denselben Regeln wie bei Tieren oder Pflanzen; die physische Leistungsfähigkeit (Widerstandskraft bei Anstrengungen, Hunger, Durst, Krankheiten) übersteigt eher die der Eltern als daß sie darunter bliebe; die Fruchtbarkeit ist nicht vermindert, doch steht dahin, ob das für alle Rassenmischungen gilt; ein Vorherrschen mütterlicher oder väterlicher Rasse ist nicht nachweisbar, vielmehr stehen die Bastards durchaus in der Mitte zwischen Europäern und Hottentotten, und jede Rasse prägt dem Bastard die Merkmale auf, die sie als dominierende besitzt. Mittelformen sind die Bastards auch in psychischer Beziehung, insofern sie unter den Weißen, aber über den Hottentotten stehen. Diese Ergebnisse haben grundsätzliche Bedeutung. Sie zeigen den M. als echte Zwischenform, schließen die Entstehung einer neuen "Mischrasse" durch Vererbung aus und weisen die Spaltung der elterlichen Eigenschaften in den F2-Bastarden nach. Da hiermit die Gültigkeit von allgemeinen Regeln für den Menschen erwiesen ist, so gelten die Hauptsätze für alle M. überhaupt. Anders steht es mit Fragen, die nicht verallgemeinert werden dürfen und noch an anderen M. nachzuprüfen sind. Dahin gehört die Einwirkung der psychischen und sozialen Umwelt (s.d.) auf die M., die Merkmale der einen oder der anderen Elternrasse ausmerzen oder modifizieren kann, ferner die Frage ihrer Fruchtbarkeit. Bemerkenswert ist hier das Ergebnis der nordamerikanischen Statistik, nach der M. von Negern und Weißen eine geringere Fruchtbarkeit zu haben scheinen, weil die fast immer M. heiratenden Mischlingsfrauen weniger oder minder lebensfähige Kinder gebären (Fehlinger), während Fischer bei den "Bastards" eine Fruchtbarkeit von 7,7 Kindern für die einzelne Ehe fand.

3. Erfahrungen über M. Das Ergebnis anthropologischer und genealogischer Untersuchungen stimmt mit der Erfahrung überein, da sich in alten Kolonialländern unter Beamten, Kaufleuten, Landwirten, Missionaren und in anderen Berufen M. finden, die ihre Stellung nicht schlechter ausfüllen als es ein reiner Weißer tun würde. Es sind in diesen Individuen eben die Spaltungen der Merkmale eingetreten, so daß sie in einer Anzahl von Eigenschaften "Weiße" sind. Allerdings sind diese M. entsprechend erzogen worden und haben durch den wichtigen Auslesemechanismus der Schule ihre Überlegenheit gegenüber anderen M. und ihre den Ansprüchen der europäischen Zivilisation genügenden Fähigkeiten erweisen können. Es gibt demnach unter den M., zumal unter den Abkömmlingen von Weißen und M., Individuen, die den weißen Angehörigen bestimmter sozialer oder Berufsgruppen praktisch gleichwertig sind oder durch entsprechende Bildung werden können. Im lateinischen Amerika, wo allein Erfahrungen über eine größere Zahl von Generationen der M. vorliegen, werden daher z. B. die Quinteronen den im Lande geborenen reinen Weißen (Kreolen) gleichgeachtet. Schon ihre Eltern, die Quarteronen, sind oft äußerlich kaum von Weißen zu unterscheiden, obgleich ihre Großeltern noch reine Weiße und Neger oder Indianer sind. Umgekehrt werden zahlreiche M., besonders die Nachkommen von M. und Farbigen ohne erheblichen Fehler den Farbigen zuzurechnen sein. Zwischen beiden Gruppen stehen die M. im engeren Sinne, die alle möglichen Mischungen elterlicher Merkmale aufweisen. Ein allgemeines Urteil ist daher über den "Mischling" überhaupt nicht möglich, selbst wenn man annehmen wollte, daß jeder Weiße unbedingt jedem Farbigen voransteht. Hinzu kommt, daß dieses Urteil die Umgebung des M. zu berücksichtigen hat, und verschieden ausfallen kann, je nachdem er in Europa oder den Kolonien seinen Beruf üben soll, in Siedelungsländern mit den Weißen in Wettbewerb tritt oder in einem Gebiete lebt, das dem Weißen überhaupt oder gewissen Formen des Weißen eine dauernde Eingewöhnung nicht gestattet. Ein bestimmter M. kann je nachdem den bestimmten Weißen unter verschiedenen Gesichtspunkten nachstehen, gleichwertig oder auch überlegen sein.

4. Gesellschaftliche Beurteilung der M. Sehr verschieden gestaltet sich das Urteil der Gesellschaft und des Volkes über die M. In Polynesien paart sich die Eingeborene gern mit dem Weißen, gleiches gilt anscheinend für die Malaiin gegenüber dem Chinesen; in Australien tötete man den neugeborenen M., ebenso verfuhren die Massai gegenüber den benachbarten Bantunegern, während diese selbst ihre Massaimischlinge aufzogen. Wenig einheitlich ist auch das Verhalten der Weißen. In Frankreich und Holland z. B. und deren Kolonialgebieten steht dem farbigen M., der die Voraussetzungen erfüllt, der Wettbewerb mit dem Weißen frei, während in Nordamerika der Negermischling, gleich dem Neger selbst, überall Schranken findet. - Wo sonst die Frage der M. aufgeworfen wird, stehen sich mehrere Ansichten gegenüber. Die eine von ihnen weigert dem M. grundsätzlich die Anerkennung und rechnet ihn zu den Eingeborenen, denkt dabei aber anscheinend nur an die erste, nicht an die folgenden Generationen von einfachen oder abgeleiteten M., bei denen die "Entmischung" eintritt, und betrachtet vorwiegend den Abkömmling von Angehörigen eines weißen Kultur- und eines farbigen Naturvolkes. Eine andere will aus philanthropischen und verwandten Gründen wiederum grundsätzlich denselben M. möglichst auf die Stufe des Weißen heben. Eine dritte lehnt ein allgemeines Urteil über M. überhaupt ab, da jeder M. nach Abkunft, körperlicher und geistiger Konstitution von dem anderen verschieden ist; sie erwartet daher ein Urteil über die "Brauchbarkeit" nicht von allgemeinen Erwägungen, sondern von der Bewährung des einzelnen M., die vor allem in dessen Heimat entschieden werden muß. Die wissenschaftliche Untersuchung stützt die letztere Ansicht, ergibt aber auch unzweifelhaft, daß die Schwierigkeiten der Beurteilung nicht allein bei dem Kinde eines Weißen und einer Farbigen liegen, sondern bei der Bewertung seiner Nachkommen, also bei der F2-Generation und den folgenden hervortreten, besonders wenn eine Aufkreuzung mit Weißen stattfindet und die Einwirkung der Umwelt sich bemerkbar macht. Streng genommen ist daher die M.sfrage praktisch eine kulturelle oder eine besondere Form der sozialen Frage.

Thilenius.

5. Zahl der M. in den deutschen Schutzgebieten. Die M.sbevölkerung hat in den deutschen Schutzgebieten nach dem Jahresbericht 1912/13 betragen: In Deutsch-Ostafrika 114, in Kamerun 110, in Togo 263, in Deutsch- Südwestafrika 1746, in Deutsch-Neuguinea 179 und in Samoa 1025 Personen. Die überwiegende Mehrzahl dieser M. stammt aus unehelichen Verbindungen zwischen Europäern und farbigen Frauen.

Krauß.

6. Rechtsstellung der M. Unter M. im kolonialrechtlichen Sinne werden Personen verstanden, die von Angehörigen der farbigen und weißen Rasse abstammen, also aus einer sog. Mischehe oder einer unehelichen Verbindung von Angehörigen der beiden Rassen hervorgegangen sind oder unter ihren Großeltern und weiteren Vorfahren Angehörige beider Rassen zählen. Im weiteren Sinne werden dazu auch die Angehörigen der mit weißem Blut durchsetzten farbigen Stämme (sog. Mischblutstämme), wie z. B. der Bastardstämme in Deutsch-Südwestafrika gerechnet. Das SchGG. enthält besondere Vorschriften für die M. nicht, so daß es sich nur fragen kann, ob sie die Rechtsstellung als Weiße oder Eingeborene (Farbige: § 4 SchGG., § 2 Ksl. V. vom 9. Nov. 1900 [BGBl. S. 1005]) einnehmen. Die Angehörigen der Bastardstämme in Deutsch- Südwestafrika (s. Bastards) sind ohne Frage sämtlich als Eingeborene zu behandeln (vgl. die jetzt obsolete V. des Ksl. Kommissars vom 1. Dez. 1893 [KolBl. 1894 S. 122]). Was die M. im engeren Sinne anlangt, so werden sie ethnologisch im allgemeinen zu den Farbigen gezählt, und es wird grundsätzlich richtig sein, sie auch rechtlich als solche zu behandeln. Da indes nach völkerrechtlichen Grundsätzen selbst Vollblutfarbige, sofern sie Vollbürger eines Kulturstaates sind, die Rechtsstellung der Nichteingeborenen haben, wird ein gleiches auch für M. gelten müssen, die durch Einbürgerung oder Abstammung eine entsprechende Staatsangehörigkeit erworben haben. Eine weitere Ausnahme kann sich aus den Rechtsverhältnissen der Eltern ergeben. So wird anzunehmen sein, daß M. mit den Weißen gleichzustellen sind, die einer dem Recht des § 3 SchGG. unterworfenen Ehe, also einer nach deutschem Recht (in den Formen des Ges. vom 4. Mai 1870, vgl. für die Schutzgebiete auch § 7 SchGG., oder des Ges. vom 6. Febr. 1875 [BGBl. S. 23]) oder einer gleichwertigen nach ausländischem Recht geschlossenen Ehe entstammen, oder die unehelich von einer weißen Mutter geboren sind. (Diese Ansicht ist freilich nicht unbestritten.) Im übrigen würde es auch zu Härten führen, wenn jede Person mit einer ganz geringfügigen Beimischung farbigen Blutes rechtlich als Farbiger behandelt würde. Mechanische Regeln über das Maß von Blutmischung, welches einen M. zum Weißen oder Farbigen stempelt, werden sich allerdings nicht aufstellen lassen. (Edler v. Hoffmann, Einführung in das deutsche Kolonialrecht, S. 21, weist auf den im früheren spanischen Südamerika geltenden Grundsatz hin, wonach als Weißer angesehen wurde, wer nicht mehr als ein Sechstel Blut vom Farbigen hatte. Dieser Grundsatz erscheint indes für die deutschen Schutzgebiete nicht passend. Pink-Hirschberg, Liegenschaftsrecht S. 30.) Es wird vielmehr im Zweifelsfalle auf die Erziehung und die Lebensverhältnisse sowie Lebensgewohnheiten der betreffenden Person entscheidendes Gewicht zu legen sein. S.a. Mischehen.

Gerstmeyer.

Literatur: Zu 1-4: H. Fehlinger, Kreuzungen beim Menschen, Arch. f. Rassen- u. Gesellschaftsbiologie, 1911. - E. Fischer, Die Rehobother Bastards und das Bastardierungsproblem beim Menschen. Jena 1913. - v. Häcker, Allgemeine Vererbungslehre. Braunschw. 1912. - Zu 6: Gerstmeyer, Schutzgebietsgesetz, S. 25. Berl. 1910. - Schreiber, Zur Frage der Mischehen zwischen Deutschen und Eingeborenen im Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika, Zeitschr. für Kolonialpolitik 1909, 88. - Fleischmann, Die, Mischehenfrage, ebenda 1910, 83.