Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 606 f.

Mussau oder St. Matthias. 1. Lage und Bodengestaltung. 2. Eingeborenenbevölkerung. 3. Europäische Unternehmungen und Verwaltung.

1. Lage und Bodengestaltung. M., St. Matthias, Prinz-Wilham- Henry-Insel, 1616 von J. Le Maire (s.d.) entdeckt, liegt mit seinen südlichen Nebeninseln zwischen 1° 17'- 32' s. Br. und 149° 30' bis 36' ö. L. An der Oberfläche ist bisher nur Korallenkalk nachgewiesen, doch dürfte den Kern der Hauptinsel jungeruptives Gestein aufbauen. Höchste Erhebung ist der Eunainaun (650 m). Die Insel ist von einem Riff umgürtet, ein zweites mit mehreren Inseln liegt im Südsüdwesten; in dem zwischen beiden befindlichen Mellekanal finden die Schiffe einen geschützten Ankerplatz. (Deutsche Seekarte Nr. 517.) Die Hauptinsel Namunutu ist ca. 300 qm groß. M. ist größtenteils von Wald, im Süden auch von Grasfluren, bedeckt. Über Klima, Pflanzenwelt, Tierwelt s. Bismarckarchipel.

Sapper.

2. Eingeborenenbevölkerung. Die Bewohner von M. und Sturminsel (Emir) sind somatisch und sprachlich Melanesier. Allerdings sind von Mikronesien her erhebliche Einschläge vorhanden, die kulturell noch in dem Webstuhl auf Emir und Tench zum Ausdruck kommen. Auf Mussau findet er sich nur vereinzelt. Mussan und Sturminsel bilden eine Kulturgruppe, die zu den nächstgelegenen großen melanesischen Inseln heute keine Beziehungen mehr unterhält. - Die Eingeborenen sind von mittlerer Größe und dunkel- bis hellbraun gefärbt. Das dunkelbraune Kopfhaar ist bei beiden Geschlechtern kraus, zum Teil auch schlicht. Die melanesischen Eigentümlichkeiten überwiegen jedoch in der Bevölkerung. - Über etwaige staatliche Organisationen ist nicht viel bekannt geworden. Es scheint hier die übliche melanesische Form kleinster Staatengebilde mit zwei Häuptlingen verbreitet zu sein. Große Männer- und Junggesellenhäuser lassen auf das Bestehen von Männerbünden und Altersklassen schließen. - Die Ehe ist eine Kaufehe. Polygamie kommt gelegentlich vor. Es bestehen mehrere Sippen, die ihr besonderes Totem haben; daneben besitzen die einzelnen Familien noch Untertotems. - Die Knaben werden beschnitten. Mädchen unterscheiden sich durch ihre Blätterbüscheltracht von den mit Webematten bekleideten verheirateten Weibern. - Die Toten werden beerdigt. Es ist Sitte, dann den Besitz an Feldfrüchten usw. der Verstorbenen zu zerstören. - Der Charakter der Eingeborenen ist im Grunde gutmütig und liebenswürdig, doch sind sie auch wieder sehr rachsüchtig. Feindschaften zwischen einzelnen Ortschaften sind nicht selten; ihr Ursprung ist meist in der Blutrache zu suchen. Über ihre geistige Kultur ist wenig bekannt. Die Leute leben in festen Siedelungen, die gelegentlich durch Wolfsgruben gegen feindliche Annäherungen geschützt werden. Um die großen Männerhäuser gruppieren sich die rechteckigen Wohnhütten, die aus einem auf 4 Pfählen ruhenden Gerüst bestehen, das mit einem Pandanusdach bedeckt wird. Die Seitenwände sind niedrig, die Giebelwände höher und oben gerundet, so daß die Dächer leicht gewölbt erscheinen. Die Wände bestehen aus einem Gitterwerk von Pfosten und Stangen; sie werden mit Blattmatten verkleidet. Die Männerhäuser sind besonders geräumig und tragen häufig hübsche Schnitzereien. - In der Hütte befinden sich die Schlafstätten, die aus Matten bestehen; ein Rundholz dient als Kopfstütze. An den Dachsparren sind Hängeböden angebracht, auf denen die Speere, das Haus- und Fischereigerät usw. aufbewahrt werden. Die Feuerstätte liegt in der Mitte der Hütte. - In der Nähe der Siedelungen liegen die Pflanzungen, in denen der Taro, die Hauptnahrung, gebaut wird. Hohe Zäune schützen die Felder gegen ungebetene Gäste. Neben dem Taro bilden Kokosnuß, Yams, Bananen, Brotfrüchte und Fische die tägliche Nahrung der Eingeborenen. Schweine, Hühner und Hunde sind erst in den letzten Jahren eingeführt worden und werden gegessen. Kannibalismus gibt es nicht. - Als Genußmittel spielt die Arekanuß, Betelpfeffer, Betelkalk, ferner das Läuseessen eine große Rolle; Tabak bürgerte sich erst in der jüngsten Zeit ein. - Der Betelkalk wird in mit Brandmalerei verzierten Kürbissen aufbewahrt; als Betelstab dienen lange Hartholzstöcke, die schwarz bemalt und mit weiß ausgestrichenen Reliefmustern verziert werden. Der Hausrat ist einfach. Er besteht aus Holzschalen, Körben und Täschchen, die aus Lianen und Blättern geflochten werden, Messern aus Perlmutterabschnitten, Kokosschabern mit breiter Sitzbank, Tridacnastößeln usw. Das Handwerkszeug ist ebenso wie das der Volksstämme in der Südsee, die das Eisen noch nicht kennen oder erst vor kurzem damit vertraut wurden. Auf Emir hat sich eine besondere Technik erhalten, die man im übrigen Melaneisen nicht wiederfindet, die Weberei. Sie wird von Frauen ausgeführt. Auf einem Webstuhl, der durchaus dem karolinischen gleicht, werden farbig gestreifte Kleidmatten und Gürtelbänder aus Bananenbast hergestellt, wie man sie in ganz ähnlicher Weise auf Kusaie antrifft. Die Weberei ist auf Emir zum Industriezweig geworden, dessen Erzeugnisse nach Mussau verhandelt werden. - Die Männer gehen nackt einher. Als Schmuck, weniger als Bekleidungsstück, tragen sie die Penismuschel aus ovum ovulum und binden um den Leib einen schmalen, geflochtenen oder gewebten Gürtel. Den vornehmsten Schmuck bilden die zierlich und sorgfältig gearbeiteten, bunt bemusterten und bemalten Stäbchenkämme. - Um Arm und Bein legt man Ringe aus Bast oder Trochusschnecke; zu Halsketten werden Muscheln, Früchte, Käferbeine usw. verarbeitet. Auch der Kap-Kap-Schmuck ist bekannt. Ferner behängt man sich mit Schmuck verschiedener Art, durchbohrt Septum und Ohrläppchen und hängt Blumen und Schildpattringe darein. - Die jungen Mädchen gehen gleichfalls nackt, erst mit Beginn der Reifezeit legen sie Kleidung an. Es werden Blattbüschel, einzelne ornamentierte Blätter, bemalte Arekablattscheiden und die gewebten Kleidermatten getragen. Die Weiber haben den gleichen Schmuck wie die Männer, nur ist er spärlicher. - Kriege werden noch häufig auf den Inseln geführt. Die Hauptwaffe ist der Speer; daneben dienen aufgesammelte Steine als Wurfgeschosse; die Schleuder scheint zu fehlen. Als Schutzmittel sind geschickt angelegte Wolfsgruben im Gebrauch. Die Speere bestehen aus Hartholz und einem Bambusschuh. Beide Teile sind geschickt durch sorgfältige Schnurumwicklungen miteinander verbunden. Die Speere sind gezähnt und völlig mit prächtigen eingeschnittenen und rot und weiß ausgemalten Ornamenten bedeckt. Tänze leiten den Krieg ein. Bei dieser Gelegenheit tragen auch die Männer Tanzröcke aus aufgeschlitzten Palmblättern; auch kennt man Tanzhölzer als Embleme verschiedener Bedeutung. Die Frauen führen ebenfalls Tänze auf, so gelegentlich bei der Bitte um Regen. - Mancherlei Spiele, als Faden-, Kampf- und Tanzspiele, sind beliebt. - Als Musikinstrument dient allein die Flöte, vielleicht auch die Maultrommel. Das Schwirrholz ist nicht bekannt; als Lärminstrument sind Rassel, Tritonshorn und Schlitztrommel im Gebrauch; letztere dient gleichzeitig als Signalinstrument. - Jagd wird gelegentlich auf kleine Vögel gemacht; sie hat eine untergeordnete Bedeutung gegenüber der Fischerei, die mit kleinen und großen Rahmennetzen, Stellnetzen, Speer und Angel betrieben wird. - Als Fahrzeug dient der Auslegereinbaum, der aus ausgehöhlten Baumstämmen hergestellt wird und für gewöhnlich 1-6 Menschen aufnehmen kann. Die Festboote fassen bis zu 40 Personen; sie tragen am Bug und Heck sorgfältig geschnitzte, rot und schwarz bemalte Vogelfiguren. Alle Fahrzeuge sind weiß gestrichen und werden mit Paddeln fortbewegt. Charakteristisch sind die breiten, sichelförmigen, beschnitzten Aufsätze auf den Auslegergabeln.

Thilenius, Hambruch.

3. Europäische Unternehmungen und Verwaltung. Die Zahl der Eingeborenen der zu M. gehörigen Inseln beträgt ca. 1610. Gezählt sind im ganzen 1369 Eingeborene; sie umfassen die Bevölkerung, mit Ausnahme des Dorfes Enaie und der übrigen Wohnplätze bei Cap Thilenius. Es wurden dabei festgestellt 739 Männer und 630 Frauen. Von den Männern sind 488 arbeitsfähig und 147 befinden sich (1913) im Dienste von Weißen. Die Eingeborenen Pflanzen die auch auf den sonstigen Südseeinseln üblichen Knollenfrüchte wie Yams, Taro usw. Im übrigen ist das Hauptnahrungsmittel wie allerwärts in der Südsee die Kokosnuß. Auch Bananen und Baummelonen kommen vor. Ein Teil der Eingeborenen betreibt auch Fischfang. Europäische Unternehmungen befinden sich auf der Inselgruppe nicht, desgleichen auch noch keine Missionsstationen. Nur Händler der Firma Hernsheim & Co. sind vorübergehend anwesend gewesen, konnten sich aber wegen der noch unfreundlichen Gesinnung der Eingeborenen nicht halten. Die Insel hat deshalb nur gelegentlichen Verkehr durch Regierungsdampfer und Handelsschiffe, die dort hinkommen, um Kopra einzutauschen. Verwaltungsseitig gehören die Inseln zum Bezirke Käwieng (s. Neumecklenburg). Regierungsbeamte sind auf den Inseln nicht stationiert.

Krauß.

Literatur: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee. Stuttg. 1907. - Vogel, Eine Forschungsreise im Bismarckarchipel. Hamb. 1911. Amtsblatt für Deutsch-Neuguinea vom 15. Juli 1913 S. 149 ff.