Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 627

Neger. Die dunkelhäutige Rasse, die Afrika bewohnt, ist, abgesehen von der Hautfarbe, durch Langköpfigkeit, Prognathie, krauses Kopfhaar gekennzeichnet. Im einzelnen ergeben sich Unterschiede nach Gebieten, doch ist es nicht möglich gewesen, fest begrenzte Unterabteilungen der N. zu definieren oder den beiden Sprachgruppen, den Sudansprachen (s.d.) und Bantusprachen (s.d.) entsprechende anthropologische aufzustellen. Die Ergebnisse der Sprachforschung deuten dagegen die Wahrscheinlichkeit an, daß die beobachteten Unterschiede auf größere oder geringere Beimischung fremder Elemente zu beziehen sind, unter denen die hellhäutigen (z.B. Hamiten [s.d.]) besonders in Frage kommen. Anthropologisch gelten die Damara (s.d.) als verhältnismäßig reine N. Wirtschaftlich sind die N. Bauern, die zur Bestellung des Landes die Hacke verwenden; die Viehzucht (s.d.) spielt keine besondere Rolle, mit Ausnahme Südafrikas und einzelner Gebiete im Sudan, doch gehört das Großvieh, zumal das langhörnige Rind, schwerlich zu dem alten Besitz der N. Auf sozialem Gebiet bestehen Unterschiede zwischen dem Osten und Süden mit der Ausbildung des Häuptlingswesens und dem Westen, wo die Familie die Grundlage der kleinen Gemeinschaften bildet; dieser Gegensatz zwischen dem Osten und Süden gegenüber dem Westen spricht sich auch in dem materiellen und geistigen Kulturbesitz aus. Bestimmte Formen von Waffen und Geräten, die Verwendung von pflanzlichem Rohmaterial für die Anfertigung von Stoffen, die Ausbildung von Geheimbünden und Maskenwesen kennzeichnen den westafrikanischen Kulturkreis. Trotz der hier besonders hervortretenden Eigenart ist auch der Westafrikaner stark von Fremden beeinflußt worden, noch ehe der Islam (s.d.) die kulturellen Elemente veränderte, und die Geschichte des westlichen Sudans läßt neben orientalischen auch mittelländische Beziehungen erkennen.

Thilenius.