Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 628 f.

Netzfischerei, der Fang von Fischen mit Netzen, aus Hanf- oder Baumwollefäden durch regelmäßige Verknotung hergestellten Geräten. Die Hanfnetze werden ausschließlich durch Handarbeit, die aus Baumwolle heute überwiegend mit Netzstrickmaschinen hergestellt. Je nach Größe der zu fangenden Fische haben die Netze engere oder weitere Maschen. Die in der N. Anwendung findenden Netze lassen sich in vier Arten einteilen: Treibnetze, Stellnetze, Zugnetze, Schleppnetze. Treibnetze sind Netzwände, die über den Steven des Fahrzeugs - oder von kleineren Booten aus querschiffs - ausgesetzt, mit diesem vor Wind und Strom treiben. Die Fische schwimmen gegen die Treibnetze an und bleiben, in der Regel mit den Kiemen, in den Maschen hängen. Treibnetze dienen im Meere hauptsächlich zum Fang des Herings und der Makrele, in den Flüssen zum Fang der Wanderfische. - Stel1netze werden, als senkrechte Wände im Wasser stehend, am Boden des Gewässers verankert. Die Fische fangen sich ebenso wie in den Treibnetzen. Die gleichen Netze werden häufig abwechselnd als Treib- und Stellnetze verwendet. Stellnetze werden in der Seefischerei zum Fang von Dorsch, Flunder u.a. in der Binnenfischerei zum Fang der mannigfaltigsten Fische verwendet. Zugnetze bestehen meistens aus zwei langen Flügeln mit einem zwischen diesen befindlichen, verhältnismäßig kurzen Sack, der aber auch fehlen kann. Sie werden im Halbkreis so ausgesetzt, daß sie die zu fangenden Fische umspannen, und dann an zwei Leinen vom Strand aus oder von einem vor Anker liegenden Fahrzeug oder Boot eingezogen. In der See- und Küstenfischerei dient das Zugnetz vorwiegend zum Fang von Plattfischen (Snurre-Wadenfischerei) und Aalen. In der Binnenfischerei können fast alle Fischarten damit gefangen werden. Es ist das wichtigste Gerät zur Befischung der Binnenseen. Zu den Zugnetzen gehört auch das Wurfnetz, ein kleineres, oben häufig durch einen Bügel gehaltenes, unten offenes Netz, das, von einem Menschen geworfen, so ins Wasser fällt, daß es geöffnet auf den Boden sinkt. Dort wird durch Schnüre die untere Öffnung zusammengezogen und das Netz dann mit den darin befindlichen Fischen eingeholt. - Schleppnetze haben die Form eines Sacks mit oder ohne Flügel. Sie werden von dem segelnden oder dampfenden Fischerfahrzeug an Leinen über den Meeresboden geschleppt und nehmen dabei die Fische auf, die sich vor der Netzöffnung befinden. Zu den Schleppnetzen zu rechnen ist der Hamen oder das Ankerkuil, ein Netzsack, der in den Flüssen im scharfen Strom unter oder neben dem verankerten Fahrzeug ausgesetzt wird und die mit dem Strom in ihn hineintreibenden Fische aufnimmt. Der Hamen dient zum Fang von Aal, Neunauge, Stint. Das Schleppnetz, niederdeutsch Kurre, englisch Trawl genannt, wird in der Binnenfischerei kaum angewandt, ist aber für die Seefischerei heute das wichtigste Gerät. Es dient zum Fang fast aller wirtschaftlich wichtigen Nutzfische des Meeres und bildet das fast ausschließlich von den Fischdampfern gebrauchte Gerät. Nur für den Fang des Herings überwiegt heute noch das Treibnetz. Von den Fischdampfern wird heute nur noch die neueste und wirksamste Form eines Schleppnetzes angewendet, das Scherbrettnetz oder besser Schernetz genannt wird, weil es durch Bretter offengehalten wird, die, nach dem Prinzip des Drachens arbeitend, unter der doppelten Kraftwirkung des Zuges der Netzleinen und des Wasserwiderstandes das Netz auseinander-"scheren" lassen. In der nordeuropäischen Hochseefischerei benutzen heute etwa 2800 Fischdampfer dieses Gerät, davon etwa 2000 großbritannische, 300 deutsche, 150 von Holland und 100 von Frankreich; den Rest senden die übrigen Nationen aus. Die Voraussetzung für die Anwendung des Schleppnetzes ist ein einigermaßen reiner Sand- oder Schlickgrund. Schleppnetzfischerei wird an der afrikanischen Westküste heute nur von Deutschen, Engländern, Franzosen, Portugiesen vor Marokko und von den Kapländern an der Südspitze Afrikas betrieben. Es ist aber sicher, daß sich für die Schleppnetzfischerei geeignete Gründe auch an den Küsten der deutschen afrikanischen Kolonien, insbesondere vor Kamerun und Deutsch-Südwestafrika befinden. Eine baldige Ausnutzung dieser Fischgründe durch Schlepp-N. ist im Interesse der Versorgung unserer Kolonien mit Fischfleisch dringend erwünscht.

Lübbert.