Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 633 ff.

Neumecklenburg. 1. Lage und Bodengestaltung. 2. Klima. 3. Pflanzenwelt. 4. Tierwelt 5. Eingeborenenbevölkerung. 6. Bevölkerungsstatistik. 7. Europäische Unternehmungen und Verwaltung. 8. Entdeckungsgeschichte.

1. Lage und Bodengestaltung. N. ist eine langgestreckte schmale Insel des Bismarckarchipels (Deutsch-Neuguinea) zwischen 150° 43' bis 153° 11' ö. L. und 2° 33'- 4° 51' s. Br. Es wurde im 16. Jahrh. von spanischen Seefahrern entdeckt, 1616 von Le Maire (s.d.) und Schouten (s.d.) wiedergefunden, 1767 von Carteret (s.d.) als von Neuhannover und Neubritannien gesonderte Insel erkannt und Nova Hibernia genannt, welcher Name später in Neu-Irland und 1885 in N. umgewandelt wurde. Eine Zeitlang war auch der unrichtige Name Tombara im Gebrauch. Eine Anzahl von Inseln ist N. im Norden und Osten vorgelagert, von Bristow Hibernian Range, Hibernische Inseln (s.d.), genannt, andere im Westen (Straßeninseln), andere im Südwesten (Djaul und Neulauenburg [s.d.]). Einige kleine Korallenkalkinselchen liegen der Südwestküste auch unmittelbar vor, darunter Lamassa und Lambom (s.d.), die gute Häfen schaffen helfen. Die Insel hat im Osten eine meridionale Haupterstreckung, biegt aber in etwa 4° s. Br. nach Nordwesten um und ist von da ab sehr schmal - in drei Einschnürungen, den Isthmen von Nakudukudu-Matanduk, von Nabut uund Karu-Komalu nur 8 1/2, 7 und 7 km breit. - Die Küsten (s. Tafel 149) sind zwar streckenweise hafenlos, weithin von Korallenriffen umsäumt und wenig gegliedert, besitzen aber doch auch eine Anzahl brauchbarer Häfen (so z.B. Nusahafen, Kautbucht, Bacháterehafen, Dorfhafen, Port Breton, Kambatoroschhafen, Muliama) und selbst einige größere Einbuchtungen (wie Balgaibucht, Nabutubucht, Elisabethbucht u.a.) - Geologischer Bau. Die Insel zeigt über einem Grundgebirge von älteren Eruptivgesteinen (Graniten, Dioriten, Syeniten, Gabbro) und - vielleicht - Gneisen mächtige Andesitmassen, sowie - im südlichen N. - dunkle, oft glaukonitreiche Kalk- und Sandsteine mit Nummuliten, Kalksteine mit Operculinen und anderen Foraminiferen bzw. Tone, Mergel und Tuffe unbestimmten Alters mit Braunkohlenbänken, letztere besonders am Tamul- und Timaifluß aufgeschlossen und ganz junge kalkige Tiefseeabsätze. Im mittleren N. spielen andesitische Tuffe mit Foraminiferen und ganz junge kreideartige Globigerinenabsätze eine Hauptrolle, im westlichen N. aber gehobene Korallenkalke, die stellenweise, so besonders auf dem Rücken des Schleinitzgebirges, große Dolinen aufweisen. Die Insel hat in junger Vorzeit zahlreiche Niveauveränderungen erfahren, wie einerseits durch Tiefseeschlamm und junge Korallenkalke mit rezenten Foraminiferen in beträchtlichen Höhen (über 1000 m), andererseits durch zahlreiche, an einzelnen Stellen bis etwa 800 m Höhe ansteigende Terrassen festgestellt ist, welch letztere auch landschaftlich bedeutsam hervortreten. Daß die Insel auch heute noch nicht ganz zur Ruhe gekommen ist, wird durch gelegentlich auftretende Erdbeben bewiesen. - Die Oberflächengestaltung ist sehr unruhig, da Ebenen von nennenswerter Ausdehnung kaum vorkommen und fast die ganze Insel von Gebirgen erfüllt ist. In dem meridional gerichteten breiten Inselteil (Süd-Neumecklenburg), den man zeitweilig auch mit dem Namen der Landschaft Topaio belegt hatte, streichen 2, durch das Längstal des Weitin (oder Uatin) getrennte, noch sehr wenig bekannte ungefähr parallele Gebirgszüge von Norden nach Süden: im Osten das etwa 1100 m Höhe erreichende Hans-Meyer-Gebirge, im Westen das stellenweise bis über 2000 m aufragende Hahlgebirge (Kulmination nach der Seekarte 2150 m), dessen südliche Ausläufer unter dem Namen Véron-Berge bekannt sind. Wo die Insel nordwestliches Streichen annimmt, zieht der Kamm des Rosselgebirges nahe längs der südwestlichen Küste dahin, so daß dorthin ein steiler, nach Nordosten ein sanfterer Abfall eintritt; die höchsten Erhebungen des Rosselgebirges überschreiten 1200 m Höhe; im Isthmus von Nabutu senken sie sich auf 80 m herab. Zwischen diesem und dem Isthmus von Karu-Komalu mögen die Berge (Stephangebirge) 500 m Höhe übersteigen; weiter nordwestlich aber erhebt sich das Schleinitzgebirge zu etwa 1250 m Höhe und bildet in etwa 800 m Höhe das ziemlich ausgedehnte Kalkplateau von Lälät. Im Isthmus von Lémakot steigt das Schleinitzgebirge unter die Höhe von 200 m herab, um jenseits derselben in seinen westlichen Ausläufern, dem Boluminski-Gebirge, wieder 400 m zu erreichen. In der Kabien-Halbinsel ragt der andesitische Dietertberg (Lemai) nochmals zu etwa 200 m auf. Infolge des vielfachen Regenfalls ist die Bewässerung in den von wasserundurchlässigen Gesteinen eingenommenen Inselteilen sehr gut; größere Flüsse entwickeln sich freilich nur in Süd-N., wo die größere Landfläche ihrer Entstehung günstig ist. Die bedeutendsten sind hier Topaio, Kait, Jau, Weitin, Jas und Danfu; infolge ihres starken Gefälls sind sie aber nicht schiffbar, während die an sich viel kleineren Flüsse Senepass und Koko im mittleren N. wenigstens in ihrem Unterlauf für flache Boote schiffbar sind. In den von klüftigem Kalkstein eingenommenen Gebieten, die namentlich im westlichen N. (Schleinitzgebirge) große Flächen einnehmen, sinkt das Regenwasser meist in die Tiefe. Das Wasser zirkuliert dann unterirdisch und kommt vielfach erst am Rand des Meeres in Riesenquellen wieder zum Vorschein. Seen sind im Innern von N. nicht bekannt; dagegen finden sich Sümpfe mehrfach nahe der Küste, und nördlich der Hurumündung (westliches Süd-N.) auch ein größerer Strandsee: die Lagune von Timbelmagró. Den größten Teil der Insel nimmt regenfeuchter Urwald ein; doch treten, namentlich nahe der nordöstlichen Küste, auch größere mit Grasfluren bestandene Flächen auf. Die Bevölkerung konzentriert sich in der Nähe der Küste; das Innere ist nur spärlich oder weithin auch gar nicht besiedelt. Sapper.

2. Klima. N. besitzt ein mäßig feuchtes tropisches Seeklima. Näheres s. Bismarckarchipel.

3. Pflanzenwelt. Der größte Teil des Landes ist mit Wald bedeckt, der in seiner Zusammensetzung sich eng an denjenigen von Kaiser- Wilhelmsland (s.d.) anschließt. Von der Insel eigentümlichen Bäumen mögen hervorgehoben werden Diospyros Peekelii, die riesige Blätter und meterlange Blütentrauben tragende Barringtonia magnifica, eine dem Ylang ähnlich duftende Cyathocalyx obtusifolius und die dem übrigen Deutsch-Neuguinea fehlende Flagellaria gigantea. In der nordwestlichen Ausbuchtung der Insel finden sich ausgedehnte Mangrovedickichte, sonst an den Küsten, besonders der Nordküste, allenthalben Eingeborenenkulturen, sowie auf durchlässigem Korallenkalkboden vereinzelte Grasfelder mit häufig eingesprengten Pandanus und Albizzien. Die Eingeborenen kultivieren zur Ausschmückung bei Tänzen und Festen - wie überall in der Kolonie - viele buntblättrige Pflanzen, so Cordyline terminalis, Codiaeum variegatum, Evodia hortensis, Acalypha- und Amarantusarten, sowie das starkriechende Ocimum canum. - Die N. östlich vorgelagerten Hibernischen Inseln schließen sich, soweit sie gebirgig sind, wie Tabar, Lihir, Tanga und Feni in ihrer Vegetation an die Hauptinsel an, dagegen tragen Nuguria, Nissan und Carteret das Pflanzenkleid der Koralleninseln (s. Marshallinseln).

Lauterbach.

4. Tierwelt. Die Tierwelt ist arm an Säugetieren (s. Deutsch-Neuguinea 10 und Bismarckarchipel 4).

5. Eingeborenenbevölkerung (s. Tafel 27). Die völkerkundlichen Verhältnisse N.s, Neuhannovers, der Neulauenburg-Gruppe und der östlichen Randinseln ähneln denen Neupommerns. Die Bewohner sind Melanesier (s.d.), jedoch nahmen sie mikronesische und vor allem polynesische Elemente in sich auf. Es lassen sich unter diesen Melanesiern drei große Gruppen unterscheiden. Die Grenze zwischen den beiden Hauptgruppen wird durch die Einschnürung der Insel bei Namatanai am Abfall des Rosselgebirges gebildet. Die südlich davon wohnende Bevölkerung ist im allgemeinen stumpfer, verschlossener, als die intelligente, lebhafte, geweckte im Norden der Insel, die dorthin einst von Neuhannover hergelangte. Diese beiden Völkergruppen haben ihre Sitze an den Küsten und auf den vorgelagerten Inseln. In den Bergen N.s sitzen noch andere Völkerschaften, die sich durch eine armselige, kümmerliche Kultur von den beiden anderen unterscheiden; ihre Stellung zu diesen ist noch nicht geklärt. Zum Teil nach Landschaften benannt, bewohnen N.: 1. To-Leute; 2. Butam; 3. Muliama; 4. Nokon; 5. Namatanai; 6. Lälät; 7. Tabar; 8. Hamba; 9. Najáma; 10. Panemego-Fesoa; 11. Lemusmus; 12. Nusa; 13. Moko.*) - N. war in früheren Jahren stark besiedelt. Große Epidemien, vor allem die Dysenterie (s.d.), haben die Bevölkerung in der letzten Zeit arg dezimiert; nicht geringe Schuld am Rückgange trägt auch die Arbeiteranwerbung mit ihren Folgen. Insgesamt dürften rund 25-30000 Menschen das Inselgebiet bewohnen, von denen etwa 15000 auf N. selbst entfallen. - Diese Melanesier bilden somatologisch keinen einheitlichen Typus. Im großen und ganzen sind ihre Gesichtszüge feiner als bei den Neupommern-Leuten. Die Hautfarbe ist häufig intensiv hellbraun, im Süden dagegen treten Hautfarben auf, die dem Schwarzbraun der Buka (s. Salomoninseln) nichts nachgeben. Das Haar ist überwiegend kraus, dicht, im Norden der Insel wollig; schlichtes oder gewelltes Haar ist häufig. Der Bartwuchs ist spärlich. Gesichtstypen, Nasenformen usw. variieren an ein und demselben Platze sehr, was auf eine starke Mischung schließen läßt. - Die Eingeborenen sind Bauern. Die an den Küsten wohnenden Leute betreiben im selben Maße die Fischerei wie den Landbau; auch sind sie Seefahrer. Schiffahrt und Bootbau gehen allerdings zurück, zumal im Norden die breite Kaiser-Wilhelm-Chaussee den früheren Verkehr zu Wasser überflüssig gemacht hat. - Die offenen Ortschaften bestehen aus mehreren, häufig umfriedigten und mit Ziersträuchern geschmückten Gehöften. Mehrere Ortschaften tun sich gelegentlich zu einem Gau zusammen. Die Verwaltung der äußeren Angelegenheiten erfolgt durch zwei Häuptlinge, deren Machtbefugnisse recht verschieden und bald Absolutismus bald Scheinhäuptlingswesen sind. Die Würde vererbt sich vom Vater auf den Sohn. Alles Land gehört der Ortschaft gemeinsam und wird den Angehörigen der einzelnen Sippen zur Nutznießung überwiesen. - Die Ehe ist eine durch das Zweisippensystem geregelte Kaufehe. Die beiden Sippen tragen in den einzelnen Landschaften verschiedene Namen; die Angehörigen der beiden Sippen unterscheiden sich äußerlich durch Tatauzeichen. Beide Sippen zerfallen in eine Anzahl Familien, deren jede ein Untertotem zu besitzen scheint. Nach den Untersuchungen von Peekel hat jede Sippe ein dreigeteiltes Totem: die eine den Geier Pandion leucocephalus, die männlich gedachte Sonne und den männlichen Schmetterling Ornithoptera urvilliana, die andere den Geier Haliaetus leucogaster, den weiblich gedachten Mond und den weiblichen Schmetterling Ornithoptera urvilliana. Bei Eintritt der Reife findet für Mädchen eine besondere Weihe statt. In einem der großen Weiberhäuser erhält es ein besonderes kleines Häuschen, in dem es verborgen von der Umwelt die nächsten zehn Monate zu verbringen hat. Hier hält es durch die Vermittlung der alten Frauen seine Kommnächte ab. Die Beendigung der Klausur wird durch ein großes Fest der Sippe gefeiert, und danach findet nicht selten die Heirat mit dem während seiner Kindheit schon anverlobten Manne statt. Jünglingsweihen gibt es nicht. Die Toten werden auf verschiedene Weise bestattet. In Süd- und Mittel-N., ferner auf den vorgelagerten Inseln werden die Leichen im Boden und zwar im Hofe des Männerhauses beerdigt; ihre Seelen gehen zum Süßwasser ihres Totems. An vielen Orten werden die Gebeine später wieder ausgegraben und im Meere bestattet; zuweilen wird der Schädel im Hause aufbewahrt. In den nördlicheren Gegenden modelliert man ihn mit Wachs und bemalt ihn. In Nord-N. ist Leichenverbrennung Sitte. - Für die Toten werden Tänze und Festessen abgehalten, die bei angesehenen Leuten in bestimmten Zwischenräumen wiederholt werden. Im Norden von N., Neuhannover, auf Tabar, Lir schnitzt man zum Andenken an die Verstorbenen Bildereien, die totemistische oder reale Szenen darstellen. Bei den Tanzfeierlichkeiten, die namentlich im Monat Mai abgehalten werden, fertigt man besondere Masken an; zum Teil sind es reine Schaumasken, die mehr und minder öffentlich aufgestellt, aber nicht getragen werden, zum Teil sind es Tanzmasken. Alle Schnitzereien und Masken verraten eine hohe Ausbildung der Schnitzkunst und sind prächtig bemalt (s. Farbige Tafel Masken). - Die religiösen Vorstellungen bauen sich in erster Linie auf der Ahnenverehrung auf; dann beherrscht auch eine große Anzahl von Busch-, Wasser-, Erdgeistern das äußere Leben der Eingeborenen. Im mittleren N. gilt ein höchstes Wesen als Schöpfer aller Wesen und Dinge, doch wird ihm kein besonderer Kult gezollt. Die Naturgewalten stehen im Banne der Zauberer, die auch sonst das Schicksal der Eingeborenen beeinflussen. Geheimbünde sind auf den Inseln sehr verbreitet; der Riri nangu, der dem Dukduk (s.d.) entspricht, und der Ingiet (s.d.) sind die mächtigsten Körperschaften. - Es gibt Männer- und Frauentänze, die zur Ehrung einzelner Personen, von Totemtieren, beim Wechsel der Jahreszeiten, Erntefesten usw. auf den Tanzplätzen abgehalten werden. Tanzhüte, Kleider aus Palmblättern oder Farnen, Tanzstäbe, Speere, Bemalung bilden die Ausstattung der Tänzer. - Gesänge werden dazu angestimmt unter Begleitung der mit Leguan- oder Haihaut bespannten, sanduhrförmigen Trommel, der Rassel, des Klangbrettes, der Maultrommel, der Panflöte und der nunut, eines Streichinstrumentes von elliptischer Gestalt mit drei und vier dicken Holzzungen, die durch Streichen in Schwingungen versetzt werden. - Die Schlitztrommel war ursprünglieh das einzige Schlaginstrument, sie ist neuerdings durch die obenerwähnte Kundu verdrängt worden. Bei den Erntefesttänzen im Norden und mittleren Teil N.s spielen die Zwitterfiguren (uli) eine große Rolle. Landbau, Besitzverhältnisse und die Arbeitstrennung zwischen Männer und Frauen sind dieselben wie in Neupommern (s.d.). - Die Handelsvölker wohnen eigentlich auf den N. vorgelagerten Inseln. In Etappen wird ein Handel zwischen Buka, den Inseln und N. vermittelt; der Süden N.s steht durch Vermittlung der Neulauenburg-Gruppe im Handelsverkehr mit Neupommern. Zwischen den Küsten- und Bergvölkern findet ein Austausch von Fischen gegen Feldfrüchte statt. Überhaupt spielt trotz des Muschelgeldes der eigentliche Güteraustausch die Hauptrolle im sog. Handel; regelmäßige Märkte fehlen, sie finden nach vorheriger Verabredung statt. - Als Geld sind auf Schnüren gezogene Muschelplättchen in mehreren Arten in Umlauf. Die Muschelgeldschätze dienen zur Bezahlung der großen Festlichkeiten und spielen bei den Friedensschlüssen als Wehrgeld für die gefallenen Männer und Frauen eine große Rolle. - Die Kriege entstehen aus Rechtsverletzungen, Blutrache, Mangel an Menschenfleisch, Frauenraub usw. Sie werden mit großer Erbitterung geführt; die Gefallenen werden aufgefressen. Als Waffen dienen Schleuder, Speere, Keule und Axt. Schild und Panzer fehlen. Die Speere bestehen aus zwei Teilen, dem eigentlichen Speerschaft aus Hartholz und dem Speerschuh aus Bambus; statt des Bambusschuhs wird auch ein menschlicher Oberarmknochen aufgesetzt. Die Speerspitzen sind glatt, walzenförmig oder gezackt; Neuhannover hat solche mit breiten, flachen Blättern. Unterhalb des eigentlichen Klingenteils sind vielfach prächtige rot und weiß ausgemalte Schnitzereien angebracht, ebenso ist der Speerschuh mit Brandmalerei verziert. Die Keulen bestehen gleichfalls aus Hartholz. Sie sind glatt oder tragen einen runden oder zackigen Knauf; in alter Zeit waren auch Keulen mit Steinfingen im Gebrauch, ebenso Äxte mit Steinklingen. Heute trägt die Streitaxt eine Eisenklinge. Im Norden von N., Neuhannover, Tabar, Lir findet sich auch das Blasrohr, das wie Bogen und Pfeil jedoch nur zu Jagdzwecken dient. - Die Häuser haben rechteckigen, gelegentlich elliptischen Grundriß. Es sind einfache Giebelbauten mit geradem First und einem Dache, das fast bis auf die Erde herabreicht. Das Dach ruht auf Pfeilern, die zuweilen beschnitzt sind und gleichzeitig die Stützpfeiler für die Wände bilden, die aus Bambus und Holzstangen hergestellt werden. Die Tür befindet sich an der Breitseite des Hauses. Die Giebelseiten erhalten in Nord-N. noch Anbauten mit Pultdächern, die als Schlafräume, Küche oder Vorratskammern dienen. Eine andere Hausfront findet man auf Sihia und an einzelnen Orten Mittel-N. Hier wurde von Nissan her das Tonnendachhaus eingeführt. Die besonders großen und geräumigen Männerhäuser haben vielfach einen Steinwall; den Weibern ist der Eintritt verwehrt. Neben diesen Häusern gibt es noch Baumhäuser, Bootshäuser, Geisterhäuser, Maskenhäuser u. a. Der Hausrat ist einfach. Bettpritschen finden sich gelegentlich, sonst schläft man auf Matten am Boden. Eßschüsseln aus Holz, Löffel, Messer aus Perlmutter und Bambus, Stößel aus fossiler Tridacna oder Koralle, Kokosschaber, Rattenschutzbretter, Körbe aus Rotan oder Blättern, Werkzeug, Jagd- und Fanggerät machen den Hausrat aus. Das Werkzeug ist heute europäisch; die alten Knochen- und Muschelgräte sind völlig verschwunden. - Im Innern der Insel tragen die Männer keine Kleidung, während sich bei den Küstenleuten das Lendentuch und die europäischen Kleidungsstücke einbürgern. Die Frauen legen Gras- und Bastbüschel an, die an einer Gürtelschnur eingeklemmt werden. Auf dem Kopfe haben sie häufig eine hohe, breite Blatthaube. Gegen Regen schützt man sich durch große, über Kopf und Rücken gestülpte, aus Pandanus zusammengenähte Dächer. - Als Körperschmuck sind Tatauierung, Ziernarben, Bemalung usw. beliebt. Das Septum wird wohl durchbohrt, jedoch selten ein Stab darin getragen. In die durchbohrten Ohrläppchen hängt man Blumen usw. ein. - Das Haar wird mit Kalk fahl gefärbt; Blumen und Bambuskämme werden in ihm getragen. Über den Oberarm steckt man geflochtene Grasringe und Blumen- und Blätterschmuck; die Halsketten bestehen aus Muschelgeld, Nassa, Eberzähnen, Hundezähnen, Früchten. - Ein besonders schöner Schmuck sind die "Kap-Kap" aus dünnen Scheiben fossiler Tridacna mit feingeschnitzten Schildpattauflagen, die um den Hals getragen werden, ferner glatte und geriffelte Ringe aus Tridacna. - Fischerei und Jagd wird noch intensiv betrieben. Dem Fischfang dienen Hand-, Scheren-, Zug- und Stellnetz, auch Reuse, Schlingen zum Haifang, Angel und Haken. Zur Jagd, die an sich dürftig ist, gebraucht man Speere, Netze, Pfeil und Bogen; mit den ersteren werden Schweine erbeutet, mit letzteren allerlei Vögel. - Dort wo der Schiffbau noch betrieben wird, im Süden N.s und auf den vorgelagerten Inseln, gibt es zweierlei Fahrzeuge: das Ausleger- und das Plankenboot. Das Auslegerboot ist ein einfacher Einbaum mit schmalen, aufgesetzten Bordleisten und einer breiten Auslegerbrücke; die Auslegergabeln werden häufig verziert, das Boot weiß angestrichen. Bug und Heck erhalten hohe, schön ornamentierte und bemalte Aufsätze. Das größere und geräumigere Plankenboot, die mon, ist von den Salomoninseln her eingeführt worden (s. Schiffahrt). Thilenius, Hambruch.

*) Vgl. hierzu die Karte unter Deutsch-Neuguinea: Verbreitung wichtiger Kulturelemente in Deutsch- Melanesien III, auf der die oben angeführten Zahlen für die Stämme eingetragen sind.

6. Bevölkerungsstatistik. Die weiße Bevölkerung N.s beläuft sich auf 66 Personen im Bezirk Käwieng und 26 Personen im Bezirk Namatanai. Unter diesen befinden sich 51 erwachsene männliche Personen im Bezirk Käwieng und 20 im Bezirk Namatanai. Weiße Frauen leben im Bezirk Käwieng 15, im Bezirk Namatanai 6. Die Zahl der in N. lebenden Mischlinge beträgt 7, die sämtlich noch unter 15 Jahre alt sind. Über die Eingeborene farbige Bevölkerung des Bezirks N.- Nord, einschließlich der vorgelagerten Inseln, liegt eine ausführliche Zählung vom Jahre 1913 vor. Danach beträgt die Gesamtsumme der Eingeborenen in diesem Bezirk 20283 Personen, darunter 12450 Männer (einschließlich Knaben) und 7833 Frauen (einschließlich Mädchen). In N.-Süd ist die Zählung noch nicht abgeschlossen, da einzelne Teile dieses Bezirks infolge der Unwegsamkeit des Geländes und sonstiger Schwierigkeiten noch nicht in die Verwaltung eingegliedert werden konnten. Die Zahl der angeworbenen Eingeborenen beträgt aus N.-Süd 743 (1912) und aus N.-Nord 757. Hierbei sind die Neuanwerbungen aus Neuhannover mit 368 nicht inbegriffen.

7. Europäische Unternehmungen und Verwaltung. Europäische Unternehmungen sind im Laufe der Jahre in N. eine größere Anzahl entstanden. Sie befassen sich in der Hauptsache mit der Anlegung und Bearbeitung von Kokospalmpflanzungen und liegen zumeist auf der Ostküste der Insel. In N.-Süd sind vor allen Dingen die Plantagen der Bismarckarchipel-Gesellschaft (s.d.) in Bopire zu nennen. Nordwärts erstrecken sich sodann verschiedene Pflanzungen der Neuguinea-Kompagnie, Hernsheim & Co., sowie verschiedener kleinerer Gesellschaften und selbständiger Ansiedler. Besonders N.-Nord hat bereits zahlreiche Pflanzungen aufzuweisen. Auch sind allenthalben Handelsstationen errichtet, die sich vornehmlich mit dem Ankauf der von den Eingeborenen auf den Markt gebrachten Kopra befassen. Verwaltungsseitig ist die Insel in zwei Bezirke eingeteilt und zwar in Neumecklenburg-Nord und Neumecklenburg-Süd. An der Spitze des Bezirks N.-Nord steht ein Bezirksamtmann, der seinen Sitz in Käwieng, einem Hafenort im Nusafahrwasser, im Norden der Insel, hat. Dem Bezirksamtmann sind die nötigen Unterbeamten und Polizeimeister sowie eine Polizeitruppe von 50 Mann beigegeben. Der Bezirk N.-Süd wird von einem Stationsleiter verwaltet, dessen Sitz sich in Namatanai auf der Westküste des mittleren N. befindet. Dem Stationsleiter zur Seite steht ein Polizeimeister und gleichfalls eine aus 50 Soldaten bestehende Polizeitruppe. Der Bezirksamtmann in Käwieng wie der Stationsleiter in Namatanai üben jeweils für ihren Bezirk die Geschäfte des Standesbeamten sowie die Eingeborenengerichtsbarkeit aus. Hinsichtlich der Fremdengerichtsbarkeit gehören die beiden Bezirke N.- Süd und N.-Nord zum Bezirksgericht und Obergericht in Rabaul. Regierungsschulen bestehen in N. noch nicht. Die Missionierung auf der Insel liegt in den Händen der protestantischen australischen Methodistenmission sowie der katholischen Mission vom Heiligsten Herzen Jesu (s. die betr. Art.). Beide Missionen haben auf verschiedenen Plätzen der Insel Missions- und Eingeborenenschulen eingerichtet. Für den Auslandsverkehr geöffnet ist der Hafen von Käwieng. Hier laufen 10wöchentlich die Dampfer der Neuguinea-Singapore-Linie vor, dreimonatlich besuchen den Hafen von Käwieng wie auch den Hafen von Namatanai die Dampfer der von Rabaul ausgehenden Küstenlinie des Norddeutschen Lloyd. Postanstalten befinden sich sowohl in Käwieng wie in Namatanai. Telegraphenanstalten bestehen in N. noch nicht. Sowohl auf der Westküste wie auch auf der Ostküste sind von der Verwaltung mehrere 100 km fahrbare Straßen angelegt worden, die neuerdings auch zum großen Teil für Kraftwagen benutzbar sind und sehr zur Niederlassung von Kolonisten beigetragen haben.

Krauß.

8. Entdeckungsgeschichte. Nachdem N. (nach H. Schnee) wohl schon 1595 von spanischen Seefahrern (Pedro Fernandez de Quirós) gesichtet worden war, wurde es durch Le Maire und Schouten 1616, Abel Tasman 1643 und Dampier 1700 etwas besser bekannt. Aber erst Carteret erkannte 1767, daß N. nicht mit Neupommern und Neuhannover zusammenhänge. Die genauere Festlegung der Küste und die Erforschung des Innern erfolgte erst im 19. u. 20. Jahrh. (s. Bismarckarchipel, Entdeckungsgeschichte).

Sapper.

Literatur: Zu 1 und 8: K. Sapper, Beiträge zur Landeskunde von Neu- Mecklenburg in Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1910. - Zu 5: Schnee, Bilder aus d. Südsee. Berl. 1904. - Stephan-Gräbner, Neu- Mecklenburg. Berl. 1907. Hahl, Das mittlere Neu-Mecklenburg. Globus I. 1907. - Peekel, Religion u. Zauberei auf d. mittleren Neu-Mecklenburg. Münster 1910. - Parkinson, 30 Jahre in d. Südsee. Stuttg. 1907. - Friederici, Beiträge z. Völker- u. Sprachenkunde von Deutsch-Neuguinea. Berl. 1912.