Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 638 ff.

Neupommern,(s. Tafel 150). 1. Lage und Bodengestaltung. 2. Klima. 3. Pflanzenwelt. 4. Tierwelt. 5. Bevölkerung. 6. Bevölkerungsstatistik. 7. Europäische Unternehmungen und Verwaltung. 8. Mission und Schule. 9. Entdeckungsgeschichte.

1. Lage und Bodengestaltung. N. ist die größte Insel des zu Deutsch-Neuguinea gehörigen Bismarckarchipels (ca. 34000 qkm) und zwischen 148° 20' bis 152° 25' ö. L. und 4°5'-6°20' s. Br. gelegen. Es wurde 1700 von Dampier (s.d.) entdeckt und Neubritannien genannt, wie es in englischen und französischen Schriften noch immer heißt; eine Zeitlang war im 19. Jahrh. der Name Birara üblich, der aber nur eine kleine Landschaft der Insel tatsächlich bezeichnet, und 1885 wurde die Insel von dem deutschen Kommissar v. Örtzen (s.d.) in Neupommern umgetauft. Die langgestreckte, bogenförmig gekrümmte Insel, der im Süden ein tiefer Graben ungefähr parallel läuft, ist durch zahlreiche Buchten gegliedert: Rein-, Riebeck-, Stettiner-, Commodore-, Offene Bucht im Norden, Jacquinot-, Weite- und Blanchebucht im Süden bzw. Osten. Die Weite (Große) und die Offene Bucht schnüren die große Gazellehalbinsel am Ostende der Insel ab, während von der Nordküste aus die schmale Willaumezhalbinsel vorspringt. Weiter nördlich liegen die vulkanischen, ansehnlichen Französischen Inseln (s.d.), indes im Süden nur kleine Koralleninselchen, darunter die Lieblichen Inseln (s.d.) N. begleiten. Eine größere Anzahl von Häfen sind an der Küste bekannt, doch sind einzelne, namentlich an der Nordküste, wegen zahlreicher vorlagernder Riffe nicht leicht zu erreichen. Da ,das Innere N.s, abgesehen von einer 1909 von Fülleborn, Vogel und Hefele durchgeführten Durchquerung zwischen den Mündungen des Pulie und Aria noch last ganz unbekannt ist und selbst die seit langem von Europäern besiedelte Gazellehalbinsel nur auf einer Linie (vom Weberhafen nach Toriu durch Hahl, Wernicke u.a.) durchquert worden ist, ist unsere Kenntnis des geologischen Aufbaues und der Oberflächengestaltung noch außerordentlich dürftig. Man darf vermuten, daß einem Grundgebirge von alten Eruptivgesteinen, vielleicht auch kristallinischen Schiefern jüngere Eruptivgesteine und gehobene Korallenkalke aufliegen, die später längere Zeit der Verwitterung und der Abtragung unterworfen waren und so dem Ganzen eine im allgemeinen stark gebrochene Oberfläche schufen. Doch finden sieh an der Südküste von N. in weiter Ausdehnung noch ausgezeichnet erhaltene, offenbar sehr jugendliche Korallenkalkterrassen von bedeutender Höhe, und an der Nordküste der Insel, sowie an der Nordseite der Gazellehalbinsel, erheben sich zahlreiche vortrefflich erhaltene, zum Teil noch tätige Vulkankegel, von denen einzelne beträchtliche Höhen erreichen. Die höchsten Erhebungen der Insel dürften der Vater (ca. 2000 m) und das Baininggebirge (ca. 1500 m) sein. Es finden sich aber auch wellige Hochflächen (z.B. Bimssteingebiet der Gazellehalbinsel) oder Tiefebenen (so in der Nähe der Reinbucht). Der starke Regenfall und die immerhin ansehnliche Breite der Insel (im Durchschnitt etwa 60 km) lassen auf ihr eine Reihe nicht unbedeutender Flüsse neben zahllosen kleineren Wasserläufen entstehen, die nicht selten schöne Wasserfälle bilden. Die bedeutendsten Flüsse der Insel dürften sein Aria und Pulié (s.d.), auf der Gazellehalbinsel Toriu und Warangoi (s.d.). Schiffbar sind sie nur auf ziemlich kurze Strecken. Heiße Quellen sind von dem Vulkangebiete bekannt und Geiser von der Willaumezhalbinsel. Infolge des starken Regenfalls und der dünnen Besiedlung ist der größte Teil der Insel mit Wald bestanden; Grasflächen breiten sich auf sehr durchlässigem Boden (Bimssteingebiet der Gazellehalbinsel) und altem Pflanzungsland aus.

Sapper.

2. Klima. N. besitzt ein mäßig feuchtes tropisches Seeklima. Näheres s. Bismarckarchipel.

3. Pflanzenwelt. Unsere Kenntnis der Pflanzenwelt N.s beschränkt sich im wesentlichen auf den nördlichen Teil, die Gazellehalbinsel. Das Hinterland der Blanchebai zeigt auf durchlässigem, vulkanischem Aschenboden ausgedehnte Grasfelder in der bei Kaiser-Wilhelmsland (s.d.) beschriebenen Zusammensetzung. Die Gipfel der Vulkane, so der Mutter, sind von fast reinen Beständen von Apluda mutica bedeckt. Eingestreut finden sich in der Ebene Uraria, Cassia, Glycine, während vereinzelte Bäume von Albizzia procera stellenweise den Charakter einer Parklandschaft hervorrufen. In den tief eingeschnittenen Schluchten, sowie nach dem Innern zu findet sich Hochwald, der vielfach sekundären Charakter zeigt. Er ist zusammengesetzt aus Arten der Gattungen Dysoxlon, Elaeocarpus, Ficus, Octomeles, durchwebt von Vitaceen, Cucurbitaceen, Asclepiadaceen und Legununosen. Von niedrigen Stauden und Sträuchern seien erwähnt das Gras Centotheca lappacea, der schön blühende Costus speciosus, Pollia sorzogonensis, Maesa, Macaranga und das Haftfrüchtchen tragende Desmodium dependens. Besonders wichtig sind ausgedehnte Bestände des riesigen, glattrindigen Eucalyptus Naudiniana, welche ein gutes Bauholz liefern. In mittlerer Höhe finden sich in dein Bergschluchten Gruppen der Baumfarne Alsophila lunulata und A. naumannii. Im Primärwald des Berninggebirges treten eine Anzahl endemischer epiphytischer Orchideen auf. An der Blanchebai sowie an der Nordküste sind bereits große Plantagen von Kokospalmen, Ficus, Hevea, sowie etwas Kakao angelegt. Hier und in den Eingeborenenkulturen begegnen wir vielen in den Tropen verbreiteten Unkräutern, wie Kyllingia monocephala, Setaria glauca, Sporobolus, Eleusine indica Fleurya, Ponzolzia, Cyathula, Physalis minima und andere.

Lauterbach.

4. Tierwelt. Die Tierwelt ist arm an Säugetieren (s. Bismarckarchipel 4).

5. Bevölkerung (s. Tafel 27, 34).
A. Allgemeines: N. ist ethnographisch noch wenig erschlossen. Eingehender bekannt geworden sind nur die Bewohner der Gazellehalbinsel und die Bariai mit ihren Nachbarn im Westen der großen Insel. Von den Randvölkern N.s besitzen wir spärliche Kenntnisse, die sich meist nur auf die Gegenstände der materiellen Kultur beschränken. - Die Forschung hat bisher ergeben, daß N. von zwei grundverschiedenen Bevölkerungselementen bewohnt wird, Amelanesiern (s.d.) und Melanesiern (s.d.); zwischen beide schieben sich Mischvölker. Die Melanesier zerfallen in zwei Gruppen, die eine steht mehr unter dem Einfluß Neumecklenburgs, von wo sie vor vielleicht 150 Jahren (?) einwanderte, die andere, im Süden, Norden und Westen der Insel seßhaft, untersteht der Beeinflussung Neuguineas. Bodenfunde (Steinringe, Steinsterne als Geld, das vom Himmel fiel oder für Keulenköpfe verwendet wird; Topfscherben in, Gegenden, in denen heute die Töpferei unbekannt ist), die sich über die ganze Insel erstrecken, lassen vermuten, daß früher ein heute ausgestorbenes oder noch nicht bekanntes Volk die ganze Insel bewohnte. Vielleicht stehen die Baining ihm nahe. - Mit ihren Eigen-, zum Teil Landschaftsnamen bezeichnet, unterscheidet man in Neupommern folgende Volksstämme: Amelanesier*). 4. Nordwestbaining, 5. Südostbaining (westlicher Teil der Gazellehalbinsel, Neupommern). Amelanesier mit melanesischem Einschlag (Mischvölker): 2. Taulil (zwischen dem Karawatfluß und Varzinberg); 3. Sulka (Rügenhafen, Weite Bucht, Jacquinotbucht-Küste); 6. Paleaven (südlich von Toriu); 8. Gaktai (Weite Bucht); 9. Tumuip (Bergland zwischen Weite Bucht und Jacquinotbucht); 10. O'Mengen (Jacquinotbucht). Melanesier: 1.Toleute (Nordosten- der Gazellehalbinsel); 11. Kilenge (Nordwestspitze von Neupommern); 12. Mariau (Hunsteinberg); 13. Longa (Binnenlandsbewoh- , ner des Westens); 14. Bariai (Nordküste des Westens); 15. Talasea (Reinbucht, Rüdigerspitze); 16. Kobe (Eleonorenbucht); 17.Walupai (Riebeckbai); 18. Arowe (Liebliche Inseln, Puliefluß); 19. Jaudo (Puliefluß, Möwehafen); 20. Kaulun (Möwehafen); 21. Akolet (Luschanhafen, Thileniushafen); 22. Egon, 23. Awau (Thileniushafen, Lindenhafen); 24. Amio (Füllebornhafen, Vahselhafen); 25. Tavulu (Montaguebucht).

*) Vgl. hierzu die Karte unter Deutsch-Neuguinea: Verbreitung wichtiger Kulturelemente in Melanesien 111, auf der die Stämme nach den oben angeführten Zahlen eingetragen sind.


B. Die Amelanesier: Die amelanesischen Stämme nennen sich selbst "a chachat". Es sind durchweg kleine Leute, die nur dort, wo sie stärker mit Melanesiern vermischt sind, eine größere Körperlänge besitzen. Sie sind hellbraun, gelblich, namentlich haben die Frauen eine besonders helle Hautfarbe. Diese Amelanesier sind rundköpfig; sie haben eine fliehende Stirn, stark hervortretende Augenbrauenbogen, eine breitgedrückte Nase und einen schnauzenartigen Mund. Das Haar ist kraus und wird kurz geschnitten; die Körperbehaarung ist stark; sie kommt u.a. auch in den bei den Männern beliebten kräftigen Vollbärten zum Ausdruck. Auffallend ist an den a chachat der aufgetriebene dicke Bauch, der eine Folge der reichlichen Taronahrung ist. - Der anthropologischen Sonderstellung entspricht die sprachliche und kulturelle. Nur die mit Melanesier durchsetzten Stämme Sulka, 0'Mengen, Gaktal usw. haben naturgemäß etliche melanesische Elemente in sich aufgenommen. Die Leute sind wandernde Bauern. Sie verlegen etwa alle zwei Jahre mit den Tarofeldern ihre Wohnungen. Sie durchschweifen allerdings nicht das ganze Land, sondern jeder Horde ist ein bestimmter Gau angewiesen, dessen Name gleichzeitig die Stammesbezeichnung ist. Die 2-3 in Feld- und Arbeitsgemeinschaft lebenden Familien der Horde bauen sich gemeinsam ein Wohngehöft, deren jeder Gau 5-20 besitzt. Irgendwelche politische Organisationen gibt es nicht. Häuptlinge fehlen. Nur die vermögenden Ältesten großer Familien nehmen infolge ihres Ansehens eine gewisse Machtstellung ein. Die Familie baut sich auf einer außerordentlich lockeren Ehe auf, der die strengen Heiratsgesetze, die bei den Melanesiern gebräuchlich, unbekannt sind. Die a chachat kennen keinen Totemismus, keine totemistischen Verbände, keine Heiratsgruppen. Wer heiraten will, wählt sich seine künftige Frau nach freiem Belieben. Das Mädchen wird mit Gewalt geraubt, die Eltern nur gelegentlich entschädigt. Das gemeinsame Verzehren der Betelnuß schließt die Ehe ab. Die Frau tritt damit in den Familienverband des Mannes ein. Ehebruch, Entführung sind nicht selten und geben häufig den Anlaß zu erbitterten Kriegen zwischen zwei Horden. Die Kinder treten in den Familienverband des Vaters ein. Eine Familie hat im Durchschnitt 3-4 Kinder. Kindertausch zwischen zwei Familien kommt vor, desgleichen ist die Adoption bekannt. - Die Frau hat eine höhere Stellung als bei den Melanesiern. Sie ist dem Manne nicht absolut untergeordnet. Altersklassen, Geheimbünde, Weihen, Beschneidung sind unbekannt.
Der Tod wird übernatürlichen Ursachen zugeschrieben. Die Leiche wird bestattet. Es gibt zwei Bestattungsarten; die alte, heute nur vereinzelt geübt, läßt die Leiche auf einem Gestell in der Nähe der Wohnung verwesen; bei den O'Mengen findet sich die Mumifizierung: der in Blätter gehüllte Leichnam wird geräuchert, trocknet ein und wird in der Form von Spindeln in den Häusern aufbewahrt. Heute bestattet man meist die Toten in Gruben vor der Hütte. Sie werden bemalt und erhalten eine Reihe von Beigaben. Totenfeierlichkeiten werden abgehalten, zu denen stellenweise auch die Vernichtung der Pflanzungen der Verstorbenen gehört. Über die religiösen Anschauungen ist noch wenig bekannt geworden. Naturgeister und die Seelen der Verstorbenen halten die Lebenden in Abhängigkeit. Die Seelen gehen nach dem Tode in das untermeerische Totenland ein gewaltiges Gehöft, in dem nur Überfluß und Freude herrscht und alles sich verjüngt. Von hier aus kehren die Seelen gelegentlich auf die Erde zurück und nehmen in den Steinen ihre Wohnsitze oder leuchten als Irrlichter. Die Naturgeister leben in Bäumen, Abhängen und vor allem in Schlangen. Ihnen unterstehen die Naturgewalten. - Die Zauberei hat eine große Ausbildung erhalten. Sie wird von bestimmten Leuten ausgeübt, die in den bösen und guten Geheimwissenschaften bewandert sind.
- Die Besitzverhältnisse sind zum Teil wenig entwickelt. Persönliches Eigentum besteht an Haus, Gerät, Waffen, Schweinen und Nutzbäumen. Grundbesitz gibt es nicht. Der Boden ist Gemeinbesitz der Horde, die ihn bewirtschaftet; die Pflanzung ist der zeitweilige Besitz des Bauers, die gepflanzten Nutzbäume bleiben sein persönliches Eigentum, solange er dem Familienverbande angehört. Die Kinder erben den persönlichen Besitz der Eltern zu gleichen Teilen, ebenso die Anrechte an die Nutzbäume; die letzten nur, solange sie dem ursprünglichen Familienverbande angehören. Frauen gehen durch die Heirat der Nutzung an den Fruchtbäumen ihrer Familie verlustig. -Gepflanzt werden zur Bestreitung der täglichen Nahrung vor allem Taro, dann eine Gemüseart, Zuckerrohr und Kokospalmen. Schweine, Känguruhs, Kasuare, Leguane, Schlangen, Fische und Krebse, Hühner, verschiedene Vogelarten, Menschenfleisch bilden den animalischen Bestandteil. Tabak, Betelnuß und, wo diese nicht gedeihen, eine Art Sandelholz dienen als Genußmittel. - Eine Arbeitstrennung ist insoweit durchgeführt, als dem Manne die Kriegsführung, Jagd, die Herstellung der Waffen, der Hausgeräte, die Rodung des Busches, die Anlage der Pflanzung, das Pflanzen des Taros, der Kokos- und Betelpalme und der Hausbau obliegt. Die Frau pflanzt Gemüse und Zuckerrohr. Sie hält die Pflanzungen rein, besorgt die Fischerei und geht den häuslichen Geschäften und dem Kochen nach. Sie hat auch die Wasserversorgung des Haushalts, namentlich mit Seewasser, zu erledigen. In großen Bambusrohren, auf neutralem Wege, von bewaffneten Männern begleitet, schleppen die Frauen das Seewasser von dorther in ihr Gehöft. Die Lasten werden mit einer Bastschlinge, die über die Stirn gelegt wird, auf dem Rücken und mit der Stirn getragen. Das Seewasser, zugleich Fische und Korallenkalk werden auf dem Handelswege erworben. Geld ist unbekannt, man tauscht seine Bedürfnisse gegen die sehr geschätzten Taros und Steinringe für Keulen von den Küstenleuten ein. Kriege sind noch heute im Gange. Frauenraub und Blutrache bilden die Ursachen. Namentlich mit den Küstenleuten werden erhebliche Kämpfe ausgefochten. - Schleuder, Keule, Axt bilden die Hauptwaffen, daneben kennt man den Speer; bei den Sulka und O'Mengen den schön gearbeiteten, beinalten elliptischen und oblongen Schild. Die Schleuder ist in der Hand des Eingeborenen eine ungemein gefährliche Waffe, da der Stein selten sein Ziel verfehlt. Die Keulen bestehen aus einem Hartholzstiel mit Steinknauf, der als glatter oder Stern- oder Zacken-(Ananas-)Ring auf die Keule gesetzt und eingekittet wird. Die Axt ähnelt durchaus den sonst in Melanesien gebräuchlichen Formen. Die Klingen. bestehen aus Grünstein. Daneben sind auch glatte Holzkeulen und Keulen, die die Steinringformen in Holz nachahmen, in Gebrauch. Schleudersteinwunden werden häufig durch Trepanation geheilt. Die erlegten Feinde, Mann, Frau und Kinder, werden von den Siegern verspeist.
Die materielle Kultur weist nicht viele Besonderheiten auf und ist recht arm. - Das Haus ist eine geräumige Giebeldachhütte mit viereckigem oder elliptischem Grundriß. Es wird auf steilen, unzugänglichen Höhen angelegt. Es besteht aus vier Wänden von Baumstämmen oder Bambus, die Frontseite hat mehrere Eingänge. Das Dach wird durch die Steinwände und etliche Mittelpfeiler gestützt. Es ist mit Kuneigras gedeckt. Mehrere Familien teilen sich in ein Haus. In der Mitte des Hauses befindet sich die Herdstelle; Matten und Rindenstücke bilden den Bodenbelag. Vor dem Hause liegt ein kleiner Nutzgarten. Auch werden auf hohen Pfählen Tarospeicher vor der Hütte errichtet. Der Hausrat ist dürftig. Es besteht aus einigen Matten, Blattschüsseln, Tragnetzen, Tapaballen aus Brotfruchtbaumbast, Wassergefäßen aus Kokosnuß und Bambus; der Grabstock ist ihr wichtigstes Feldgerät. Das Tarofeld wird einmal bebaut und dann mit Bananen und Zuckerrohr bepflanzt. Das Kochen erfolgt auf den heißen Steinen der Herdstelle oder in großen Rindentöpfen, zylinderartigen Gefäßen, die auf den Boden gesetzt und mit abwechselnden Lagen von heißen Steinen, Blättern, einer Gemüseart angefüllt werden; das Ganze begießt man mit Seewasser und bringt es so zum Kochen.
Schmuck fehlt fast ganz; er beschränkt sich auf einige kunstvoll gewirkte Arm- und Beinbänder und die schönen buntfarbigen Tragtaschen, in denen die täglichen Bedürfnisse mitgenommen werden. Die Sulka, Gaktai usw. haben größtenteils melanesischen Schmuck angenommen. Auch ihre Tracht ist mehr den Melanesiern nachgeahmt, denn der richtige Bainingmann geht völlig nackt oder trägt ein Stückchen Tapa als Schamschurz. Die Frauenkleidung besteht aus kunstvoll gedrehten, gefärbten Schnüren, in die vorn und hinten Laubbüschel eingeklemmt werden. Als Musikinstrumente sind nur Panpfeifen und Flöten, bei den Sulka, Paleaven, O'Mengen auch die Maultrommel und die Schlitztrommel bekannt. - Großer Kunstsinn wird von den Eingeborenen in der Herstellung ihrer Masken verraten. Diese Masken bestehen aus Lianen- und Bambusgeflechten, die mit Tapastreifen benäht und bunt bemalt werden. Man fertigt Masken an, die eine Höhe von über 10 m erlangen und von einem Manne und zwei Hilfspersonen getragen und gestützt werden. Die Tänze gelten dem Andenken Verstorbener, stellen Jagdszenen dar, sollen Fruchtbarkeitszauber auf die Frauen ausüben usw. Fischerei wird mit Stellnetzen betrieben, die ,Jagd mit den Kriegswaffen, mit Schlingen und Fallgruben.
C. Die Melanesier: Von den Melanesiern Neupommerns sind eigentlich nur die Stämme des Ostens der Gazellehalbinsel, die To-Leute und die des Westens (Bariai usw.) bekannt geworden. - Die ]Resultate der mehrfachen Umfahrung Neupommerns und seine zweimalige Durchquerung von der Hamburgischen Südsee-Expedition (s.d.) machen es wahrscheinlich, daß das Innere Neupommerns dürftig, aber mit Ausnahme des eben geschilderten Teiles der Gazellehalbinsel von Melanesiern bewohnt ist. Die melanesischen Stämme stehen nicht auf gleicher Kulturstufe, die To- und Bariaileute sind einander gleichwertig und überragen die übrigen. Die Bariai sind es wegen ihrer regen Beziehungen zu den industrie- und geschäftskundigen, intelligenten Tami- und Siassileuten. Auch die To-Leüte, die von Neumecklenburg nach N. einwanderten, verdanken ihre Lebendigkeit, Geschäftigkeit und Überlegenheit über die übrigen melanesischen Stämme N.s fremden Einflüssen. Die Melanesier sind langköpfig. Sie haben ein mäßig breites Gesicht und zum Teil gleichförmige, angenehme Gesichtszüge. Die Körpergröße ist recht verschieden. Das gilt auch von der Hautfarbe, die zwischen einem hellen Lichtbraun und Dunkelbraun variiert. Das Haar ist kraus, zum Teil wollig, der Bartwuchs spärlich. Nur auf der Gazellehalbinsel, wo der Einschlag der bärtigen Baining sich bemerkbar macht, findet man vielfach den Vollbart oder die Gesichtskrause. Die Tatauierung hat eine untergeordnete Bedeutung. Besonders interessant ist bei den Stämmen der Südwestküste die Deformierung des Schädels, die durch eine Basteinwicklung des Schädels im jüngsten Kindesalter erzielt wird. Der Schädel bekommt dadurch ein Aussehen, nach welchem die Eingeborenen auch "Spitzköpfe" genannt werden Die Gegend des Pulie bildet das Zentrum der Verbreitung der Sitte. Von hier reicht sie bis Mövehafen und Kilenge; sie fehlt an der Nordküste. Die Melanesier wohnen in festen Siedelungen und haben eine mehr oder minder straffe Organisation, deren Grundlage die Gau- und Dorfgemeinschaft bildet, die sich wiederum auf der Familie aufbaut. Ursprünglich sind die Gaugenossen sämtlich gleichberechtigt. Eine Ständegliederung gibt es nicht; auch die Haltung von Kriegsgefangenen als Sklaven ist erst neueren Datums. Trotzdem gelten die an Land und Muschelgeld reicheren Männer als mächtiger; aus ihnen erwählen sich die Gaugenossen ihre 0berhäuptlinge zur Verwaltung der inneren Angelegenheiten, ein Kriegshäuptling wird ihm beigesellt. Beide Würden sind häufig in einer Person vereinigt, aber selten erblich; bei den Bariai erbt indessen der älteste Sohn die Würde des Vaters. Die Macht der Häuptlinge ist nicht sehr bedeutend. Der Dorfschulze verwaltet das Gaueigentum, namentlich das Muschelgeld, der zweite ist der Führer im Kriege und Vertreter des Gaues gegenüber den "Ausländern". Alle Gauangelegenheiten werden in gemeinsamen Versammlungen, in besonderen Häusern, deren Betreten den Frauen meist untersagt ist, beraten, so die Kriegszüge, Urteile und Bestrafungen. - Jeder Gau ist wie das ganze Volk in zwei Sippen eingeteilt, die jede ein eigenes Totem besitzen. Vermischungen in derselben Sippe gelten als Blutschande. Die Kinder gehören zur Sippe der Mutter, sie sind mit ihrem Vater nicht verwandt. Der Mutterbruder besitzt die größere elterliche Gewalt, ihm werden etwaige Anliegen vorgetragen. Bei den westlichen Stämmen ist die Mutterfolge zum Teil schon durchbrochen. Vaterfolge ist insoweit an ihre Stelle getreten, als der Sohn in der Würde und im Eigentum seinem leiblichen Vater folgt. - Die Eheverhältnisse sind denen im Kaiser-Wilhelmsland ähnlich. Die Frau nimmt eine untergeordnete Stellung ein, da sie vom Manne gekauft wird, wodurch sie für ihn die Arbeiterin und als solche ein Vermögensobjekt bildet. Für die Gatten besteht grundsätzlich Gütertrennung. - Die Ehe ist meist monogam, da die wohl erlaubte Vielweiberei stets ein ziemlich großes Vermögen voraussetzt. - Die ersten Lebensjahre bringt das Kind bei der Mutter zu und wird häufig noch bis zum 4. oder 5. Lebensjahre von ihr gesäugt. Später tritt die Trennung der Geschlechter ein; im kindlichen Spiel lernen Knabe und Mädchen ihre künftige Beschäftigung kennen. - Die Pubertät wird nicht selten festlich begangen und bei manchen Knaben mit der Beschneidung (circumciscio und incisio) beendet, Mädchenweihen sind nicht üblich. - Nach dem Eintritt der Pubertät ist der Jüngling in die Männerversammlung aufgenommen, er darf im Männerhaus wohnen und sich hier den Klubs und Geheimbünden anschließen, an denen gerade Melanesien so reich ist. Diese Bünde haben ihre bestimmten Zwecke. Die Mitglieder werden besonders eingeführt, unterwerfen sich Speiseverboten, führen besondere Sprachen und behaupten, auf geheimnisvolle Weise mit bestimmten Geistern in Verbindung zu stehen, die sie mit übernatürlichen (Zauber-)Kräften ausstatten. Äußerlich kennzeichnen sich die Geheimbundmitglieder durch bestimmten Schmuck, Bemalung, zurzeit der Feste durch charakteristische Masken (s. Dukduk, Ingiet).
Aberglaube und Zauberei haben weite Verbreitung gefunden. Zauber und Gegenzauber werden gegen Bezahlung für alle Vorkommnisse im Eingeborenenleben bereitgehalten (s. Kaiser- Wilhelmsland). So wird Krankheit und Tod stets der Zauberei oder den erzürnten Ahnengeistern zugeschrieben. Der Zauberer kennt die nötigen Gegenmittel, auch die Methoden zur Entdeckung des Anstifters. - Die Toten werden in Matten eingenäht und mit Beigaben im Gehöft ihrer Sippe begraben. Große Festlichkeiten werden dabei abgehalten, die in der Verteilung des Muschelgeldes des Toten an die Trauergemeinde gipfeln. Die Kinder der Schwester erben das Männergerät oder das Weibergerät, der Bodenbesitz wird an die männlichen Erben aufgeteilt. - Über die religiösen Anschauungen ist wenig bekannt geworden. Sie scheinen in erster Linie in animistischen Ideen zu wurzeln. Die Toten sollen in ein Totenreich gehen, das zum Teil außerirdisch, dann auch wieder irdisch gedacht ist (Sabaifluß in Nakanai). - Alle Melanesier sind in erster Linie Bauern. Taro, Yams, Bananen, Zuckerrohr, Kokospalmen, Arekapalmen werden von ihnen gepflanzt. Mann und Frau führen in ihren Lebensgewohnheiten eine Arbeitstrennung durch. Männerarbeiten sind: ]Rodung des Busches, Anlage und Einhegung der Pflanzung, Pflanzen, Fischen mit Reuse, Netz, Haken; Hausbau, Kanubau; Herstellung der Waffen, des Hausgeräts, der Werkzeuge, der Masken und Fanggeräte, Geldanfertigung. Frauenarbeiten sind: Hilfeleistung beim Pflanzen, Reinhaltung der Pflanzung, Ernten, Marktbesuch; Zubereitung der Speisen, Wasserbesorgung; Herstellen von Schnüren, kleinen Netzen usw. - Der Handel erfolgt auf Märkten, die ordnungsgemäß an bestimmten Plätzen zu bestimmten Zeiten abgehalten werden. Frauen erledigen das Marktgeschäft, bewaffnete Männer begleiten sie an die Marktplätze. Man tauscht die Waren ein oder bezahlt sie. Als Zahlmittel dient Geld in der Form von Steinringen und Muschelgeld aus Pele oder Nassaschnecken, die auf Schnüre gezogen nach Fäden und deren Bruchteilen kursieren. Der Eingeborene hält an Geldvorräten nur das Notwendigste im Hause. Sein eigentliches Vermögen läßt er im Gemeindegeldhaus unter der Aufsicht des Häuptlings. Spiel und Tanz ist man sehr geneigt. Es werden ähnliche Spiele wie die in Kaiser- Wilhelmsland (s.d.) gespielt. Erwachsene und Jugend beteiligen sich daran. Tänze finden gelegentlich der Tagungen der Geheimbünde, dann bei Erntefesten, Leichenfeierlichkeiten statt., Sie werden oft sehr umständlich und mit großem Pompe in Szene gesetzt und meistens nachts aufgeführt, wobei Frauen fernbleiben. Frauentänze sind selten. Fast alle Tänze der Männer werden in Tanzhüten oder Masken und Bemalungen aufgeführt. Lieder und Schläge auf de, sanduhrförmigen, mit, Leguanhaut bespannten Trommel begleiten sie. Andere Musikinstrumente sind Querpfeifen, Panflöten, Wasserflöten, Maultrommel, Klangbrett und ein eigentümliches von Neumecklenburg (s.d.) überkommenes Quietschinstrument. Die Schlitztrommel fand nur bei den To-Leuten Verbreitung. Als Lärminstrumente sind Rassel, Klapper und Schwirrholz, das gleichzeitig als Kult- und Geistergerät dient, allgemein im Gebrauch. Die materielle Kultur ist reichhaltig. Das Haus hat viereckigen Grundriß mit geradem Firstdach; die Giebelseiten erhalten vielfach kleine Vorbauten. Die Wände bestehen aus zusammengeflochtenen Baumzweigen, die mit Matten verkleidet werden oder mit fest aufeinandergefügten Rundhölzern. Das Dach wird mit Matten oder Gras gedeckt. Man unterscheidet Männer- oder Weiberhütten, Versammlungshäuser, Familienwohnhütten, Wirtschaftsgebäude, Speicher, Ställe, Kanuhäuser, Geisterhäuser. - Am verbreitetsten ist das ebenerdige Haus. Es findet sich bei den Küsten- und den Binnenlandvölkern; das Pfahlhaus bei einigen Küstenstämmen, aber auch im Innern, wo es aus dem dort häufig vorkommenden Baumhaus entstanden zu sein scheint. Mehrere Häuser werden oft zu Gehöften vereinigt, die sich bei den Nakanai- und Binnenlandsstämmen gern zu Dörfern vereinigen, die nach außen gegen Feinde durch starke Palisadenwände geschützt werden. Schmuck wird auf die Häuser wenig verwendet. -Das Hausgerät ist einfach. Koch-und Eßgerät, Fanggerät, Waffen, Werkzeug aller Art, Kisten, Amulette gehören dazu. Schlafunterlagen bestehen aus Matten. Kopfstützen fehlen vielfach oder bestehen nur aus roh hergestellten Holzklötzen. - Gekocht wird im Hause oder davor auf kleinen Steinherden oder in Kochgruben. Wo die Zündhölzer noch unbekannt oder teuer sind, wird das Feuer durch Reiben erzeugt. - Irdene Töpfe sind als Kochgefäße im Bariailande bis zur Willaumezhalbinsel hin verbreitet. Sonst kocht man mit heißen Steinen in Kochgruben und hölzernen Schalen, auch zusammengefalteten Sagoblattscheiden; das in Blätter eingehüllte Fleisch röstet man auch am offenen Feuer. - Kokosschalen, Bambusabschnitte und vor allem Kürbiskalebassen finden Verwendung als Trink und Schöpfgefäße. Bambusabschnitte und Kalebassen werden ferner zur Aufbewahrung des Betelkalkes benutzt und durch einen hölzernen oder knöchernen Stab verschlossen. Zu den Küchenutensilien gehören ferner Löffel und Messer aus Kokosschale, Muschel, Knochen oder Bambus; ferner Kokosöffner, drei- oder vierbeinige, Kokosschabeschemel, Stampfer, Taroschaber, Schöpflöffel und breite geflochtene korbähnliche Schutzvorrichtungen, um Lebensmittel gegen Rattenfraß zu schützen. - Wo Tabak gebaut wird, kommen große Tabaktrockner hinzu. Im übrigen hat sich europäisches und ostasiatisches Gerät eingebürgert. Das gilt auch von den Werkzeugen. Äxte und Deißel mit festem und drehbarem Beilfutter und Grünstein- oder Tridacnaklinge sind nur noch wenig in Gebrauch. Das eiserne Messer und die Nadel hat auch die sonst gebräuchlichen Hunde-, Nagetier- und Haizähne verdrängt, ebenso die knöchernen Nadeln und Pfriemen. Als Bohrer wird meist der Drillbohrer benutzt. - In fein geflochtenen Taschen oder in über die Schultergehängten kleinen Körbchen führt man Betelblätter, Betelnüsse, Kalkkalebassen, Amulette, Muschelgeld, Tabak, Pfeife, Zündhölzer, Messer, Maultrommel usw. mit. - Kleidung wird fast allgemein getragen; die der Männer besteht in einem Maro aus Tapa oder dem europäischen buntfarbenen Hüfttuch. Frauen tragen Grasröcke oder Bastschürzen, die um die Hüften gelegt werden oder in Büscheln vorn und hinten in den Gürtel eingeklemmt werden. - Schmuck wird in reichem Maße verwendet, von den Männern in höherem Maße als von den Frauen, Muscheln, Schnecken, Zähne, Schildpatt, Federn, Früchte, naturfarbene oder eingefärbte Blätter werden dazu verarbeitet. Die Bevölkerung im Westen, die mehr der Beeinflussung vom Kaiser- Wilhelmsland untersteht, trägt ähnlichen Schmuck wie dessen Völkerschaften. Der Schmuck wird in Form von Ketten, Gehängen, Bändern im Haare, um die Stirn, im Ohr, um Hals, Brust, Arm und Bein gelegt. Das Septum der Nase wird durchbohrt zur Aufnahme von Blumen, Holz, Knochen- oder Tridacnanasenstäben. Charakteristisch ist für die Gazellehalbinsel der breite Halskragen aus Nassaschnecken, der als kostbarstes Besitztum gilt (s. Kaiser- Wilhelmsland). - Als Angriffswaffen verwendet man die Steinschleuder, im Nahkampfe Speer und Keule. Schutzwaffe ist allgemein der Schild, obschon er aus dem Nordosten N.s bei den melanesischen Stämmen fast verschwunden ist. Andere Verteidigungsmittel sind Wolfsgruben und Palisaden. Bogen und Pfeil fehlen als Kriegswaffen, sie werden höchstens als Kinderspielzeug oder als Jagdgerät verwendet. Auch das Bambusblasrohr, das an der Südküste N.s (Arowe) benutzt wird, dient nur zur Vogeljagd. - Die Speere bestehen meist aus Hartholz und aus einem Strick. Sie sind glatt oder mit Zacken und Widerhaken beschnitzt, auch besetzt man sie mit Fischstacheln. Sie werden reich mit Federn, Blattstreifen, Muschelgeld verziert; manche erhalten als eine Art Speerschuh einen menschlichen Oberarmknochen, um damit dem Speer eine größere Macht zu verleihen (ToLeute). - Der Schild besteht aus einem Stück Holz oder ist (Südküste) aus drei schmalen, außen abgerundeten Hölzern zusammengebunden. An der Außen- und Innenseite wird er reich beschnitzt und bemalt. - Die Keulen haben mannigfache Formen. Sie bestehen entweder ganz aus Holz mit rundem oder zackigem Keulenknopf oder haben flache, palmrippenartige und hackmesserähnliche Formen, oder tragen einen Ring oder Stern aus Stein, der mit Kitt an dem Keulenstiel befestigt wird. Offenen Kampf scheuen die Eingeborenen; man überfällt am liebsten einzelne Feinde aus dem Hinterhalt; Streitigkeiten wegen Frauen, Beschimpfungen, Blutrache, Gelüste nach Menschenfleisch bilden den Anlaß zu den Fehden. Eroberungskriege zum Landerwerb sind selten unternommen worden. - Industriezentren wie in Kaiser-Wilhelmsland haben sich in N. nicht herausgebildet. Die Fischerei wird mit dem Fischspeer, der Angel und Leine und einer großen Anzahl verschiedener Netz- und Reusenformen betrieben (s. Fischerei). - Jagd macht man auf Schweine, Känguruhs, Opossums, Kasuare und auch Vögel. Die Schweine werden mit Speer und Hund, mit Netzen, in Gruben und mit Schlingen erlegt. Kleine Vögel werden mit Pfeilen aus Blasrohren, mit Bogenpfeilen und auf Leimruten gefangen. - Als Verkehrsmittel dient auf dem Wasser das Auslegerkanu, das im Westen der Kaiser-Wilhelmsland- Form gleicht, im Nordosten von Neu-Mecklenburg her übernommen wurde. Eine Hochseefahrt hat sich nicht ausgebildet, auch die Küstenschiffahrt ist wegen der Feindseligkeit der Völker wenig entwickelt. Bedeutend sind die Fahrten der Gazellehalbinselbewohner, die jährlich einmal mit großen Flotillen an die Nakanaiküste fahren, um hier die kostbare Geldschnecke Nassa calosa einzusammeln oder selbst zu fischen. Die geistige Kultur ist nur von den To-Leuten bekannt geworden. Sie steht auf einer hohen Stufe und weiß in ansprechenden Liedern, Gesängen und Geschichten die Taten der Männer und Frauen, Liebesabenteuer, Kriegszüge, Tierfabeln usw. festzuhalten und wiederzugeben (s. Kaiser-Wilhelmsland). Die Fähigkeiten in der bildenden Kunst sind nicht so hoch entwickelt wie bei den Melanesiern in Kaiser-Wilhelmsland oder Neumecklenburg., Immerhin spricht aus Masken. und Schmuck, den Bootsaufsätzen der To-Leute eine künstlerische Begabung, die noch weiter entwicklungsfähig ist.

Thilenius, Hambruch.

6. Bevölkerungsstatistik. Die weiße Bevölkerung Neupommerns einschließlich der vorgelagerten Inseln beläuft sich (1913) auf 491 Personen, darunter 361 Männer, 122 Frauen, unter denen sich wieder 41 Kinder unter 15 Jahren befinden. Die Mischlingsbevölkerung setzt sich nach dem Stande vom 1. Jan. 1913 aus 57 Personen, nämlich 34 männlichen und 23 weiblichen, zusammen, darunter 43 Kinder unter 15 Jahren. Über die Eingeborenenbevö1kerung N.s liegen abschließende Ergebnisse noch nicht vor. Zuverlässige Feststellungen sind in der Hauptsache bisher nur hinsichtlich der Bewohner der Gazellehalbinsel möglich gewesen (s. Deutsch-Neuguinea, Eingeborenenbevölkerung). Die Zahl der Angeworbenen auf N. belief sich (1912) auf 1802 Personen.

7. Europäische Unternehmungen und Verwaltung. Die Insel N. ist für die wirtschaftliche Betätigung durch Europäer noch verhältnismäßig wenig erschlossen, und es befinden sich zurzeit europäische Unternehmungen in der Hauptsache nur auf der Gazellehalbinsel im Nordosten. Die beiden größten Unternehmungen daselbst sind diejenigen der Neuguinea-Kompagnie (s.d.) und der Hamburger Südsee-Aktien-Gesellschaft (s.d.; früher E. E. Forsayth), die in der Nähe von Herbertshöhe, dann aber auch an der Nordküste der Gazellehalbinsel größere Kokosplantagen und Händlerstationen angelegt haben. Sodann ist vor allen Dingen noch die Firma Hernsheim & Co. (s.d.) zu nennen, die eine kleinere Pflanzung bei Rabaul hat, in der Hauptsache aber Handel treibt. Außer diesen Gesellschaften, die alle noch in Rabaul Warenhäuser im europäischen Stile haben, sind im Laufe der Jahre noch eine Reihe kleinerer Pflanzungsgesellschaften auf der Gazellehalbinsel entstanden, und überdies haben sich an der Nordküste sowie auch im Baininggebirge eine größere Anzahl selbständiger Farmer niedergelassen. Die Hauptkultur ist die der Kokospalme; andere tropische Früchte wie Kakao, Kaffee und dergleichen werden demgegenüber nur in ganz geringem, Umfang angepflanzt. In gleicher Weise befaßt sich der Handel auch fast ausschließlich mit dem Aufkaufen von Kopra (s. Kokospalme). An die Stelle des Tauschhandels tritt nach und nach mehr die Bezahlung in bar, Außer den Europäern sind auch eine Anzahl von Chinesen teils als selbständige Händler, teils als Angestellte der einzelnen Firmen auf den verschiedenen Orten der. Gazellehalbinsel tätig. (Wegen der Handelsstatistik s. Deutsch-Neuguinea, Handel). Die Insel N. gehört zum Verwaltungsbezirk Rabaul, an dessen Spitze ein Bezirksamtmann steht, der seinen Sitz in Rabaul hat. Das Bezirksgericht und das Obergericht für N. befindet sich gleichfalls in Rabaul, ebenso auch das Seemannsamt, Strandamt und Standesamt. Der Verkehr nach den einzelnen Plätzen der Insel vollzieht sich teils zu Wasser, teils über Land. Die wichtigeren Küstenplätze werden von den Dampfern des Norddeutschen Lloyd angelaufen, auch verfügen die Gesellschaften und Ansiedler über eine größere Anzahl von Motorbooten und Segelschonern, die den Verkehr mit den verschiedenen Stationen aufrechterhalten. Für den Verkehr über Land hat die Regierung mehrere 100 km Straßen angelegt,. die zum Teil fahrbar, zum Teil aber auch nur Reitwege sind. Eingeborenenpfade durchziehen in großen Mengen die Insel. Die Hauptstadt von N., wie auch des ganzen Schutzgebiets Deutsch-Neuguinea, ist Rabaul (s.d.; Tafel 150) am Simpsonhafen. In zweiter Linie ist sodann noch Herbertshöhe (s.d.) zu nennen, woselbst früher der Sitz der Regierung war. Heute ist der Bezirk in eine Regierungsstation umgewandelt. Postanstalten befinden sich in Rabaul und Herbertshöhe. Die Post nach den übrigen Plätzen N. wird mit den verschiedenen sich bietenden Verkehrsmöglichkeiten weiter befördert. Telegraphenanstalten bestehen auf N. in Herbersthöhe. und Rabaul, jedoch nur insoweit, als gleichzeitig auch Fernsprechnetze vorhanden sind. An das Welttelegraphennetz ist N. noch nicht angeschlossen. Es ist aber eine Großstation für drahtlose Telegraphie in Bitapaka, etwa 8 km von Herbertshöhe entfernt, im Bau. Nach deren Fertigstellung ist ein telegraphischer Verkehr mit der Insel über die Kabelstation Jap in den Westkarolinen möglich.

8. Mission und Schule. Von Missionsgesellschaften sind in N. tätig die katholischen Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu (s.d.), die ihren Sitz in Wunapope haben, und die Wesleyanische Mission (s.d.), deren Hauptniederlassung sich gleichfalls auf der Gazellehalbinsel in der Nähe von Rabaul befindet (s. Deutsch-Neuguinea, Missionen). Eine Regierungsschule befindet sich in Namanula in der Nähe von Rabaul. Eingeborenenschulen sind von den beiden Missionsgesellschaften allenthalben auf den verschiedenen Plätzen N.s errichtet (s. Deutsch-Neuguinea, Kirchen- und Schulwesen und Missionen und Tafel 137, 139).

Krauß.

9. Entdeckungsgeschichte. Als Dampier (s.d.)1700 die Insel entdeckte, glaubte er, daß sie mit Neumecklenburg und Neuhannover eine einzige Landmasse bilde, die er Neubritannien nannte. Erst Carteret (s.d.) erkannte 1767, indem er den St. Georgs-Kanal durchfuhr, daß N. (Neubritannien) von Neumecklenburg (Nova Hibernia oder Neuirland) geschieden sei. Für die weitere Entschleierung der Inselumrisse waren namentlich wichtig die Aufnahmen von d'Entrecasteaux (s.d.) 1793; die endgültige Aufklärung brachten die Arbeiten englischer und deutscher Kriegsschiffe; besonders wichtig waren 1875 die Aufnahmen der "Gazelle" (s.d.), nach welcher die Nordosthalbinsel genannt ist. 1908/09 hatte die Hamburger Südsee-Expedition (s.d.) auf der "Peiho" N. unter Professor Fülleborn (s.d.) ihre Hauptaufmerksamkeit zugewendet, die erste Durchquerung durchgeführt und unsere Kenntnis des Gebiets und seiner Küsten und Umgebungen ganz wesentlich gefördert.

Sapper.

Literatur:
- Zu 1, 2, 4 s. Bismarckarchipel.
- Zu 3: K. Schumann, Flora von Neupommern in Notizblatt bot. Garten, Berl. 1898.
- Zu 5: Burger, Die Küsten- und Bergvölker der Gazellehalbinsel. Stuttg. 1913. - Friederici, Wissenschaftliche Ergebnisse einer amtlichen Forschungsreise nach dem Bismarckarchipel im Jahre 1908, 11. Berl. 1912. Meier, Mythen und Erzählungen der Küstenbewohner der Gazellehalbinsel. - Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee. Stuttg. 1907. Rascher, Baining, Land und Leute. Münster 1909. - Schnee, Bilder am der Südsee. Berl. 1904. - Vogel, Eine Forschungsreise im Bismarckarchipel. Hamb. 1911.