Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 654 ff.

Njassa (d. i. See), einer der großen Seen Ostafrikas, der auf der N- und O- Seite von deutschem, auf der W-, S- und O-Seite von britischem (Br.- Zentralafrika) und portugiesischem Gebiet (Prov. Mozambique) umgeben wird (s. Deutsch-Ostafrika 1). Er bedeckt eine Fläche von 29690 qkm. Livingstone (s.d.) war 1859 der erste europäische Entdecker an seinem Ufer (noch nicht 5 Wochen später A. Roscher, s.d.) und hat ihn in den folgenden Jahren genauer erforscht. Die Längserstreckung des Sees ist im allgemeinen nordsüdlich über 590 bei einer mittleren Breite von 50 km und auffallendem Parallelismus der meist recht steilen Ufer. Das Seebecken ist ein Graben, der in die umgebenden Hochländer sehr tief eingebrochen ist, im heutigen Umfang wohl erst im späten Tertiär. Am Nordende des Sees befinden sich auf der O-Seite die schroffsten und höchsten Wände, das Livingstone-Gebirge (s.d. und Tafel 115). Nur 4 km vom Ufer ist der 2243 m hohe Djamimbi entfernt. Der Spiegel des Sees liegt 478 m ü. d. M., das Ufer fällt meist sehr steil zur Grabensohle, hier um etwa 250 m (Entfernung vom Djamimbi 4 km), so daß die Tiefe des Grabens hier 2500 m beträgt. Weiter südlich hat der See bei weniger hoher Umrandung sogar Tiefen von 706, wenn nicht gar 786 m; er reicht also weit unter das Meer. Südlich 13 1/4° wird der N. flacher. Der Graben ist meist in Urgestein, im N in steil gestellte Gneise, eingesenkt; Granit bildet mancherorts den Steilrand, besonders im S, wo neben ihm kristalliner Kalk vorkommt. Im nördl. Drittel treten andere alte Gesteine an den See, besonders da, wo von O her der größte Zufluß dieser Seite, der Ruhuhu (s. d.) mündet. Dessen Tal verläuft inmitten einer Querbruchzone, die etwa ONO- WSW streicht. Sie wird vom N.- Graben abgeschnitten, ist weit älterer Entstehung; in ihr hat sich der Sandstein der Karruformation (s.d.) erhalten. Er fällt im Gegensatz zu allen älteren Formationen (s. auch Livingstonegebirge) sanft westwärts ein. Jenseits des Sees setzt sich die Ruhuhu- in der Rukuru-Senke fort (s. auch Undali). Die Südhälfte des O-Ufers und das W-Ufer des Sees weisen lange nicht so einheitliche und schroffe Formen auf. Fast überall aber um den See haben die größeren Täler den gemeinsamen Zug, daß auf das sanftere Gefälle auf dem Hochland viel steileres nach dem Boden der Senke hin folgt, ein deutlicher Hinweis auf die Jugend des Grabens. Die Erosion ist bisher auch nur wenig in die Hochländer hinein fortgeschritten. Das Einzugsgebiet des N. ist nur ungefähr 126900 qkm groß. Von den ö. Zuflüssen ist der Ruhuhu (s.o.) der bedeutendste, er übertrifft auch den Ssongwe (s.d.),und die andern nördlichen. Einige der von W kommenden Flüsse sollen noch wasserreicher sein. Der N. fließt, durch den Schire zum Sambesi (s.d.) ab. Gegen das Nordende des Sees nehmen Ufer und Bruchlinie nordwestliche Richtung an. Manches spricht dafür, daß es sich hier um besonders junge Krustenbewegungen handelt. Die Bruchstufen schließen Konde (s.d.) ein, bis sie unter den Laven der jungvulkanischen Massen verschwinden, die den N.-Graben völlig absperren (s. Konde). Sie trennen ihn von seiner nördlichen Fortsetzung, dem Rukwa-Graben (s. Rukwa), gerade an der Stelle, wo sich rechtwinklig zu beiden der Ruaha-Graben (s. Gr. Ruaha) abzweigt. - Der N. ist arm an Inseln. Die größte, Likoma, etwa unter 12° s. Br., hat 24 qkm Fläche. Das N.-Gebiet hat kontinentales Passatklima (s. Deutsch-Ostafrika 4), das hier in den Regenverhältnissen, nicht in der Wärmeverteilung etwas abgeändert ist. Denn die Windrichtung wird durch die der Grabenwände beeinflußt, und der letzteren Höhe beeinflußt die Regenmenge ebenso, wie die Verdunstung über der großen Wasserfläche. So kommt es, daß in der Nordhälfte der großen Senke bis zur Höhe ihrer Ränder die Trockenzeit an vielen Orten verkürzt ist, an einigen verschwindet (s. Neu-Langenburg unter Deutsch-Ostafrika 4, Tabelle und unter Konde). Trotzdem beträgt die jährliche Schwankung des Seespiegels unter dem Einfluß der Regenverteilung etwa 1 m. Am Ende der Regenzeit ist höchster, am Ende der Trockenzeit, niedrigster Wasserstand. Die Jahressumme des Regens ist besonders im N recht hoch (s. auch Muaja; Ikombe unmittelbar am See, n. von Alt- Langenburg, hatte 1617 mm in dreijährigem Mittel). Auf der Westseite des Sees ist in südlichen und mittleren (s. Wiedhafen) Breiten die Regenmenge größer als auf der Ostseite. Die recht erheblichen Unterschiede der Regenmengen verschiedener Jahre haben anscheinend zum Teil lokale Gründe; sie bedingen Schwankungen des Wasserstandes bis zu mehreren Metern, die für die Schiffahrt, zumal für die auf dem Schire (s. d.) erheblich sind. Bis etwa 1889 stand der See hoch, sank bis 1896, stieg bis 1900; das 1901 einsetzende Fallen des Spiegels hielt 1910 noch an. Die Spuren höherer Wasserstände, bis zu 10 m, lassen sich durch Klimaänderungen im Verlauf des Pleistozän erklären; vereinzelt festgestellte Terrassen und Ablagerungen, 20-45, dann wieder 100-130 m über dem Spiegel sind wohl als Folge tektonischer Formveränderung des Seebeckens entstanden. - Hochgebirgsbusch und Weideland sind heute in den höheren Teilen der Randländer vorherrschende Vegetationsformen. Daneben kommen im W und N reichliche Reste des einst viel ausgedehnteren Höhenwaldes vor. Von eigentlichem tropischen Regenwald ist nicht viel vorhanden; der 16 km breite, von hohem Gras durchsetzte Buschwaldstreifen inmitten von Konde (s.d.) hat sehr dichte Teile, dürfte zum halbhygrophilen Wald gehören (s. Deutsch-Ostafrika 6). Die Gebiete am Seeufer haben Busch- und Grasland neben den Kulturflächen. Die Bananenhaine sind, auch abgesehen von Konde, in der nördlichen Hälfte des N.- Gebietes reichlich vorhanden. - Der N. hat eine an Arten wie Individuen reiche Fischwelt, die in den Steilufergebieten für die Ernährung der Umwohner sehr wichtig ist. Fische und niedrige Wassertiere sind nicht so eigenartig, wie die des Tanganjika (s.d.). In den einmündenden Flüssen sind Flußpferde und Krokodile reichlich vorhanden, letztere auch überall am See. Hier sind auch die Vögel gut vertreten. Die wichtigsten Landschaften von Deutsch-Ostafrika, die ganz oder teilweise zum N.gebiet gehören, sind von S nach N. Matengo-Hochland, Upangwa, Ukinga, Konde (s. diese), sowie Teile von Urambia und Undali (s. d.) und Unjika (s. d.). Der schmale Uferstreifen am Fuß der erstgenannten Hochländer ist eine besondere Landschaft. Das Gebirge stürzt auf weite Strecken so steil zum See ab, daß oft auch für den schmalsten Pfad kein Raum bleibt. Hier sitzen Fischer, die man als Wakissi (s.d.) zusammenfaßt. Die Wanjassa (s.d.) um Wiedhafen (s.d.), die Wampoto (s.d.) weiter südlich haben etwas mehr Raum am Ufer. - Das ganze N.gebiet ist ein verhältnismäßig dicht bewohntes Land. Die Lage des Sees als Fortsetzung des Schire-Sambesiweges (s.d.) ist vom Standpunkt des Fernverkehrs recht günstig. Aber der Verkehr am See selbst wird durch den Mangel an guten Häfen und vor allem dadurch sehr beschränkt, daß das Hinterland meist so schwer erreichbar ist. Immerhin hat sich einiger Handel und Verkehr entwickelt, an dem sich das deutsche Ufer trotz der günstigen Lage von Konde nicht sehr beteiligt (s. Muaja, die einzige deutsche Zollstelle). In dem "Hermann v. Wissmann", der 1892 zum See gebracht wurde, besitzt Deutsch-Ostafrika einen immer noch recht brauchbaren Dampfer von 90 t, dazu kommt ein ganz kleiner Dampfer der Berliner Mission. In britischem Besitz stehen dagegen 8 Dampfer, deren größter, die "Guendolen", 200 t hat.

Literatur: W. Bornhardt, Zur Oberflächengestaltung usw. von Deutsch- Ostafrika. Berl. 1900. - E. L. Rhoades, Survey of Lake Nyasa, Geogr. Journal. Lond. 1902. - F. Fülleborn, Das deutsche Njassa- und Ruwuma- Gebiet, mit Atlas. Berl. 1906. - Lake Nyasa, northern, southern portion, 4: 200 000, Admiralty Charts 3134, 3135. London 1910. - A. R. Andrew & T. E. G. Bailey, The Geology of Nyasaland, Quart. Jour. Geol. Soc. London 1910. - Deutsch- Ostafrika als Siedlungsgebiet ... unter Berücks. Britisch- Ostafrikas und Nyassalands. Bericht ... des ... Dr. v. Lindequist ... Schr. d. Ver. f. Sozialpol. 147,1912. - G. Frey, Der Njassasee und das Deutsche Njassaland, M. a. d. Sch. Erg.-H. 10, 1914 (mit Lit.-Verz.). - E. Scholz, Beitr. z. Geol. des s. Teiles von Deutsch-Ostafrika, M. a. d. d. Sch. XXVII, 1914 (noch nicht benutzt). - S. ferner Konde, Langenburg, Livingstonegebirge.

Uhlig.