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Njassa (d. i. See), einer der großen Seen Ostafrikas, der auf der N-
und O- Seite von deutschem, auf der W-, S- und O-Seite von britischem
(Br.- Zentralafrika) und portugiesischem Gebiet (Prov. Mozambique)
umgeben
wird (s. Deutsch-Ostafrika 1). Er bedeckt eine Fläche von 29690 qkm. Livingstone (s.d.) war 1859 der erste
europäische
Entdecker an seinem Ufer (noch nicht 5 Wochen später A. Roscher, s.d.)
und hat ihn in den folgenden Jahren genauer erforscht. Die
Längserstreckung
des Sees ist im allgemeinen nordsüdlich über 590 bei einer mittleren
Breite
von 50 km und auffallendem Parallelismus der meist recht steilen Ufer.
Das Seebecken ist ein Graben, der in die umgebenden Hochländer sehr tief
eingebrochen ist, im heutigen Umfang wohl erst im späten Tertiär. Am
Nordende
des Sees befinden sich auf der O-Seite die schroffsten und höchsten
Wände,
das Livingstone-Gebirge (s.d. und Tafel 115). Nur 4 km vom Ufer ist
der
2243 m hohe Djamimbi entfernt. Der Spiegel des Sees liegt 478 m ü. d.
M., das Ufer fällt meist sehr steil zur Grabensohle, hier um etwa 250
m (Entfernung vom Djamimbi 4 km), so daß die Tiefe des Grabens hier 2500
m beträgt. Weiter südlich hat der See bei weniger hoher Umrandung sogar
Tiefen von 706, wenn nicht gar 786 m; er reicht also weit unter das
Meer.
Südlich 13 1/4° wird der N. flacher. Der Graben ist meist in Urgestein,
im N in steil gestellte Gneise, eingesenkt; Granit bildet mancherorts den Steilrand, besonders
im S, wo neben ihm kristalliner Kalk
vorkommt.
Im nördl. Drittel treten andere alte Gesteine an den See, besonders da,
wo von O her der größte Zufluß dieser Seite, der Ruhuhu
(s. d.) mündet. Dessen Tal verläuft inmitten einer Querbruchzone, die
etwa ONO- WSW streicht. Sie wird vom N.- Graben abgeschnitten, ist weit
älterer Entstehung; in ihr hat sich der Sandstein
der Karruformation (s.d.)
erhalten.
Er fällt im Gegensatz zu allen älteren Formationen (s. auch Livingstonegebirge) sanft westwärts ein.
Jenseits des Sees setzt sich die Ruhuhu- in der Rukuru-Senke fort (s.
auch Undali). Die Südhälfte des O-Ufers und das W-Ufer des Sees weisen
lange nicht so einheitliche und schroffe Formen auf. Fast überall aber
um den See haben die größeren Täler den gemeinsamen Zug, daß auf das
sanftere
Gefälle auf dem Hochland viel steileres nach dem Boden der Senke hin
folgt,
ein deutlicher Hinweis auf die Jugend des Grabens. Die Erosion ist
bisher
auch nur wenig in die Hochländer hinein fortgeschritten. Das
Einzugsgebiet
des N. ist nur ungefähr 126900 qkm groß. Von den ö. Zuflüssen ist der
Ruhuhu (s.o.) der bedeutendste, er übertrifft auch den Ssongwe
(s.d.),und die andern nördlichen. Einige der von W kommenden Flüsse
sollen
noch wasserreicher sein. Der N. fließt, durch den Schire zum Sambesi (s.d.) ab. Gegen das Nordende des Sees
nehmen
Ufer und Bruchlinie nordwestliche Richtung an. Manches spricht dafür,
daß es sich hier um besonders junge Krustenbewegungen handelt. Die
Bruchstufen
schließen Konde (s.d.) ein, bis sie unter den Laven der jungvulkanischen
Massen verschwinden, die den N.-Graben völlig absperren (s. Konde). Sie
trennen ihn von seiner nördlichen Fortsetzung, dem Rukwa-Graben (s. Rukwa), gerade an der Stelle, wo sich rechtwinklig
zu beiden der Ruaha-Graben (s. Gr. Ruaha)
abzweigt. - Der N. ist arm an Inseln. Die größte, Likoma, etwa unter 12°
s. Br., hat 24 qkm Fläche. Das N.-Gebiet hat kontinentales Passatklima
(s. Deutsch-Ostafrika 4), das hier in den Regenverhältnissen, nicht in
der Wärmeverteilung etwas abgeändert ist. Denn die Windrichtung wird
durch
die der Grabenwände beeinflußt, und der letzteren Höhe beeinflußt die
Regenmenge ebenso, wie die Verdunstung über der großen Wasserfläche. So
kommt es, daß in der Nordhälfte der großen Senke bis zur Höhe ihrer
Ränder
die Trockenzeit an vielen Orten verkürzt ist, an einigen verschwindet
(s. Neu-Langenburg unter Deutsch-Ostafrika 4,
Tabelle und unter Konde). Trotzdem beträgt die jährliche Schwankung des
Seespiegels unter dem Einfluß der Regenverteilung etwa 1 m. Am Ende der
Regenzeit ist höchster, am Ende der Trockenzeit, niedrigster
Wasserstand.
Die Jahressumme des Regens ist besonders im N recht hoch (s. auch Muaja; Ikombe
unmittelbar
am See, n. von Alt- Langenburg,
hatte 1617 mm in dreijährigem Mittel). Auf der Westseite des Sees ist
in südlichen und mittleren (s. Wiedhafen) Breiten die Regenmenge größer
als auf der Ostseite. Die recht erheblichen Unterschiede der Regenmengen
verschiedener Jahre haben anscheinend zum Teil lokale Gründe; sie
bedingen
Schwankungen des Wasserstandes bis zu mehreren Metern, die für die Schiffahrt, zumal für die auf dem Schire (s. d.)
erheblich sind. Bis etwa 1889 stand der See hoch, sank bis 1896, stieg
bis 1900; das 1901 einsetzende Fallen des
Spiegels hielt 1910 noch an. Die Spuren höherer Wasserstände, bis zu 10
m, lassen sich durch Klimaänderungen im Verlauf des Pleistozän
erklären; vereinzelt festgestellte Terrassen und Ablagerungen, 20-45,
dann wieder 100-130 m über dem Spiegel sind wohl als Folge tektonischer
Formveränderung des Seebeckens entstanden. - Hochgebirgsbusch und
Weideland
sind heute in den höheren Teilen der Randländer vorherrschende
Vegetationsformen.
Daneben kommen im W und N reichliche Reste des einst viel ausgedehnteren
Höhenwaldes vor. Von eigentlichem tropischen Regenwald ist nicht viel vorhanden; der 16 km
breite,
von hohem Gras durchsetzte Buschwaldstreifen inmitten von Konde (s.d.)
hat sehr dichte Teile, dürfte zum halbhygrophilen Wald gehören (s. Deutsch-Ostafrika 6). Die Gebiete am
Seeufer haben Busch-
und Grasland neben den Kulturflächen.
Die Bananenhaine sind, auch abgesehen von Konde, in der nördlichen
Hälfte
des N.- Gebietes reichlich vorhanden. - Der N. hat eine an Arten wie
Individuen
reiche Fischwelt, die in den Steilufergebieten für die Ernährung der Umwohner sehr wichtig ist. Fische und niedrige Wassertiere sind nicht so
eigenartig,
wie die des Tanganjika (s.d.). In
den einmündenden Flüssen sind Flußpferde und Krokodile reichlich vorhanden, letztere auch
überall
am See. Hier sind auch die Vögel gut vertreten. Die wichtigsten
Landschaften
von Deutsch-Ostafrika, die ganz oder teilweise zum N.gebiet gehören,
sind
von S nach N. Matengo-Hochland, Upangwa, Ukinga,
Konde
(s. diese), sowie Teile von Urambia und
Undali (s. d.) und Unjika (s. d.). Der schmale Uferstreifen am Fuß der
erstgenannten Hochländer ist eine besondere Landschaft. Das Gebirge
stürzt
auf weite Strecken so steil zum See ab, daß oft auch für den schmalsten
Pfad kein Raum bleibt. Hier sitzen Fischer,
die man als Wakissi (s.d.) zusammenfaßt. Die Wanjassa (s.d.) um Wiedhafen (s.d.), die Wampoto (s.d.) weiter südlich haben etwas mehr Raum
am Ufer. - Das ganze N.gebiet ist ein verhältnismäßig dicht bewohntes
Land. Die Lage des Sees als Fortsetzung des Schire-Sambesiweges (s.d.)
ist vom Standpunkt des Fernverkehrs recht günstig. Aber der Verkehr am
See selbst wird durch den Mangel an guten
Häfen und vor allem dadurch sehr beschränkt, daß das Hinterland meist so
schwer erreichbar ist. Immerhin
hat sich einiger Handel und Verkehr
entwickelt,
an dem sich das deutsche Ufer trotz der günstigen Lage von Konde nicht
sehr beteiligt (s. Muaja, die einzige deutsche Zollstelle). In dem
"Hermann
v. Wissmann", der 1892 zum See gebracht
wurde, besitzt Deutsch-Ostafrika einen immer noch recht brauchbaren
Dampfer
von 90 t, dazu kommt ein ganz kleiner Dampfer der Berliner Mission. In
britischem Besitz stehen dagegen 8 Dampfer, deren größter, die
"Guendolen",
200 t hat.
Literatur: W. Bornhardt, Zur Oberflächengestaltung usw. von
Deutsch- Ostafrika.
Berl. 1900. - E. L. Rhoades, Survey of Lake Nyasa, Geogr. Journal. Lond.
1902. - F. Fülleborn, Das deutsche Njassa- und Ruwuma- Gebiet,
mit Atlas. Berl. 1906. - Lake Nyasa, northern, southern portion, 4: 200
000, Admiralty Charts 3134, 3135. London 1910. - A. R. Andrew & T. E.
G. Bailey, The Geology of Nyasaland, Quart. Jour. Geol. Soc. London
1910.
- Deutsch- Ostafrika als Siedlungsgebiet ... unter Berücks. Britisch-
Ostafrikas
und Nyassalands. Bericht ... des ... Dr. v. Lindequist ... Schr. d. Ver.
f. Sozialpol. 147,1912.
- G. Frey, Der Njassasee und das Deutsche Njassaland, M. a. d. Sch.
Erg.-H.
10, 1914 (mit Lit.-Verz.). - E. Scholz, Beitr. z. Geol. des s. Teiles
von Deutsch-Ostafrika, M. a. d. d.
Sch. XXVII, 1914 (noch nicht benutzt). - S. ferner Konde, Langenburg,
Livingstonegebirge.
Uhlig. |