Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 685 f.

Ostafrika ist einer der großen natürlichen Teile Afrikas. Aus dessen im Umriß dreieckiger Südhälfte streckt sich Ostafrika im Hochland von Abessinien erheblich in das nördliche Viereck hinein und erreicht etwa bei Massaua das Meer; dies bildet weiterhin, die Somalihalbinsel umfassend, bis zum Sambesi (s.d.) die Grenze. Im NW muß man die Grenze von O. zunächst mit der Abessiniens, etwa der Höhenlinie von 500 m, zusammenfallen lassen. Das Land am Weißen Nil und noch 300 km ostwärts, zwischen Khartum und Lado, ist zum Sudan zu rechnen. Weiterhin bildet der Westrand der großen Senke des Zentralafrikanischen Grabens (s.d.) mit ihren vier Seen, dann der des Njassa- (s.d.) Grabens die Westgrenze gegen das Kongobecken. Manches spricht dafür, die Südgrenze von O. nördlich vom Sambesi zu ziehen, manches, das ganze Gebiet dieses Stromes zu O. zu rechnen. Dies Gebiet hat aber so vieles gemeinsam mit den übrigen, südlich des Kongobeckens gelegenen Landschaften, daß es sich von ihnen nicht gut trennen läßt. So sei das Sambesigebiet, ausschließlich der Njassaländer, die zu O. gehören, als ein Teil des tropischen Südafrika bezeichnet, obwohl der schmale Küstenstrich südlich des Sambesi, ja bis über den Limpopo hinaus nach Durban, vielfach Verwandtschaft mit O. zeigt. - Innerhalb dieser Grenzen ist O. ein Gebiet von ungefähr 4,34 Mill. qkm. Seine wichtigsten Merkmale (s. Deutsch-Ostafrika, Abschnitte 2-4, 6, 7) sind die bedeutende mittlere Höhe, das Vorherrschen von Bruchlinien im Aufbau, die Bruchstufen und Gräben im größten Ausmaß bedingen, hiermit verknüpft der bedeutende Anteil jungvulkanischer Gesteine an der Erdkruste und das Vorkommen vieler kleiner, abflußloser Gebiete. Die zu annähernd 650 m berechnete Mittelhöhe ganz Afrikas wird von O. wohl um mehr als 400 m übertroffen; hier befinden sich zugleich die höchsten Berge des ganzen Kontinents. Ferner hat O. in der Hauptsache westöstliche Entwässerung durch viele kleinere, einander ungefähr gleichlaufende Gewässer, wenn auch drei der großen Flußgebiete Afrikas, die des Nil, Kongo und Sambesi (s. diese und Victoriasee, Tanganjika, Njassa) zum Teil weit in O. von hinten eingreifen. - Das Klima von O. ist das eines Randgebietes. Die antreibenden Kräfte aller Erscheinungen liegen im wesentlichen außerhalb seiner Grenzen. Die stärkste kontinentale Erhitzung, damit auch das Minimum, wandert westlich von O. von einem Wendekreis zum andern. So kommt die innige Verknüpfung von O. mit Wind und Wetter des Indischen Ozeans zustande, die Regenzeiten und ihre Wanderung. Die Temperaturen von O. sind tropisch heiß, aber durchweg nicht übermäßig; nur im äußersten Norden am Roten Meer treten Monatsmittel von über 300 auf. Nur hier ist die jährliche Schwankung größer als 5°. Am wichtigsten aber ist es, daß O. im Durchschnitt weit weniger regenreich ist als das Kongobecken. Es hat meist strenge Trockenzeiten; es ist fast durchweg Tropensteppenland im Gegensatz zur afrikanischen Hylaea, dem großen Waldgebiet des Kongo und der Guinealänder. Diese letztere Eigenschaft aber hat O. gemein mit zwei anderen großen Nachbargebieten, dem Sudan und dem tropischen Südafrika. Die drei zusammen liegen wie eine luftige Vorhalle um den massig dunkeln Bau der Hylaea. Der Ausstattung mit Gewächsen folgt die Tierwelt, hier tropische Steppen-, dort Waldfauna. Der Mensch freilich hat diese Schranken in mancher Hinsicht überwunden. Bewegen sich auch die Zwergvölker (s. Pygmäen) im wesentlichen im Waldland, ziehen die Hamiten (s.d.) meist in der Steppe umher, so spielt doch bei der Verteilung der beiden großen Negergruppen, der Sudaner (s. Sudanneger) und der Bantuneger (s.d.), die Waldgrenze, sehr bezeichnend auch für ihre Verwandtschaft, nur hier und da eine Rolle. Ethnographische Momente lassen sich im Verein mit andern bei der weiteren Einteilung von O. verwenden. Seine beiden großen Gebiete sind das nördliche, das, abgesehen von Abessinien, das trockenere ist und in der Hauptsache von Hamiten nebst Semiten bewohnt wird, und das südliche, feuchtere, von Bantu eingenommene. In Deutsch-Ostafrika entsendet das Nordgebiet seine Ausläufer hinein durch die großen Tore des Zwischenseengebietes, des Hochlandes zwischen Victoriasee und Kilimandscharo und den Steppen zwischen diesem Gebirge und der Küste. Die Bevölkerung des ganzen O. zählt etwa 25 Millionen, so daß die durchschnittliche Volksdichte nahezu 6 ist.

Uhlig.