Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 686 ff.

Ostafrikanische Bruchstufe, auch Große O. B. genannt, ist die südliche Fortsetzung der Westwand des Großen Ostafrikanischen Grabens (s. Ostafrik. Graben). Je nachdem man diesen unter 1 1/2° oder erst unter 2 3/4° s. Br. aufhören läßt, beträgt die Länge der O. B., die sich bis zu 6 1/2° s. Br., bis in das südliche Ugogo, verfolgen läßt, 630 oder 500 km. Die Hochländer des Westens, die mit der Annäherung an den Bruch vielfach erheblich ansteigen (man spricht von aufgewulstetem Rand), stürzen in gewaltigem, oft ungemein steilem Abfall gegen das tiefere, relativ versenkte Land im Osten hinab. Von dort gesehen, erscheint die O. B. meist als gewaltige, einheitliche Mauer. Die Höhe des obern Randes über dem Fuß, die sichtbare Sprunghöhe, wechselt zwischen 1400 m am Oldoinjo Ssambu unter 2°9' und wenigen 100 m kurz ehe sie im Süden ganz verschwindet. An der erstgenannten Stelle ist der Hang ganz besonders steil; 1350 m Höhenunterschied kommen auf 2400 m horizontale Entfernung; ganz oben gibt es senkrechte Wände. Aber auch bei geringerer Sprunghöhe treten enorm steile Hänge auf. An manchen Stellen ist die O. B. in mehrere Staffeln aufgelöst. So verläuft sie z.B. an der Südhälfte des Magad (s.d.) in zwei Steilhängen, zwischen denen eine 6 km breite, nur wenig geneigte Fläche liegt. Auch auf Tafel 157 zeigen sich trotz des einheitlichen Eindrucks der Mauer mehrere Stufen. Ein geologischer Beweis für das Bestehen von Verwerfungen wird sich hier deshalb schwer erbringen lassen, weil der große Bruch in seinem ganzen Verlauf nur durch jungvulkanisches Gestein oder durch altkristallines setzt. Die Meereshöhe der Flächen am Fuß der O. B. ist sehr verschieden, die tiefste wird durch das Becken des Magad in 610 m Mh. gebildet. Am Balangdasee (s.d.) und weiter südlich hat die gesunkene Scholle noch eine Höhe von über 1500 m. Die Richtung der O. B. zeigt starke Abweichungen vom Durchschnitt, der etwa N 9° O beträgt. Ein- und ausspringende Ecken sind häufig; nirgends sind sie auffallender geformt als südlich von 4 1/2° s. Br., wo innerhalb Turu (s.d.) die O. B. auf kleine Entfernung fast ostwestlich streicht, um gleich darauf sich um fast 90° in nordsüdliche Richtung zu wenden. Mehrfach verhüllt auch Alluvium und Wasserfläche den gesunkenen Flügel. Nur aus den Formen und dem Verlauf dieser großartigsten (deshalb O. B. schlechthin genannten) und vieler anderer kleinerer Bruchstufen Ostafrikas (vgl. auch Usambara) kann und muß man schließen, daß innere, tektonische, nicht aber von außen wirkende Kräfte hier tätig waren. Die letzteren haben lediglich die Bruchstufen umgestaltet. An deren älteren Teilen sind diese Vorgänge der Verwitterung, Abtragung, Zertalung usw. weiter fortgeschritten als an den jüngeren. Vom Tertiär bis weit in das Pleistozän hinein dauern die stufenbildenden Vorgänge (s. Deutsch-Ostafrika 2). Längs der großen Nordsüdzone geringerer Widerstandsfähigkeit ist bald dieses, bald jenes Gebiet zerbrochen, manches vermutlich mehrfach. Etwa von ihrem Beginn im N bis etwa südlich vom Nordende des Lawa ja Mweri (s.d.) trifft die O. B. jungvulkanische Gesteine, zum Teil flächenhafte Ergüsse verschiedenen Alters, zum Teil vulkanische Berge. Der Oldoinjo Ssambu (s.o.) ist ein mitten durchschnittener Vulkan; von den mächtigen Kegeln des Winterhochlandes (s. Hochland der Riesenkrater) sind erhebliche Stücke weggenommen (s. Tafel 159). Die versunkene Scholle ist hier diejenige, aus der sich im O Kilimandscharo (s.d.) und Meru. (s.d.) erheben. Sie trägt auch in ihrer Westhälfte Kraterberge wie Ketumbeine (s.d.), Gelei (s.d.), Kerimassi und Oldoinjo Lengai (s.d.), die zum Teil jünger sind als die O. B., ferner einige kraterlose Vulkangebirge, wie z.B. den Essimingor (s. Kilimandscharo). Vom Lawa ja Mweri an verläuft die O. B. bis zum Hanang (s.o.) im Gneis. Weiter südlich liegt sie hauptsächlich im Granitland. W. vom Hanang, oberhalb der O. B. liegt das Gebiet der Explosionskrater des Tungobesch- (s.d.) Plateaus. Die O. B. ist örtlich, zum Teil auch ursächlich mit einigen anderen tektonischen Erscheinungen verbunden: die Ssonjo- (s.d.) Bruchstufen vor allem, ferner der Graben des Njarasa (s.d.) nebst dem Hohenlohe-Graben (s.d.), der die Massaisteppe westlich begrenzende Bruch, die Stufe, die Ugogo (s.d.) im NO abschließt, gehören hierher. Durch die O. B. und die tektonischen Erscheinungen in ihrer Nachbarschaft sind eine Anzahl abflußloser Gebiete bedingt, deren Erhaltung die geringen Regenmengen des Gebietes, die langen Trockenzeiten begünstigen. Es mögen fast 30 selbständige abflußlose Gebiete allein auf deutschem Boden sein, die mannigfaltig ineinander greifen. Das größte ist das der Wembäre-Njarasa-Senke (s.a. Wembäre). An zweiter Stelle kommt das des Magad, unter- und oberhalb der O. B. gelegen. Es gehört zum größeren Teil zu Britisch-Ostafrika. Die O. B. bildet keine scharfe klimatische Grenze, so groß die Höhenunterschiede sind, die sie hervorruft. Freilich die Temperaturen an ihrem Fuß sind wohl die höchsten in Deutsch-Ostafrika, auf den Höhen dagegen herrscht Kühle. Im übrigen aber liegt hier eine recht breite Grenzzone zwischen den drei in Deutsch-Ostafrika (s.d. 4) vorkommenden Klimatypen. Die Regenzeit ist geteilt, oft recht undeutlich, durch eine Zeit geringerer Niederschläge. Aber vor allem ist die Jahressumme überall ziemlich niedrig. Die Werte dürften zwischen 300 und 700 mm liegen. Nur am Steilabfall und an einzelnen höheren Bergen selbst scheint stärkere Kondensation einzutreten, wie man aus der Vegetation schließen muß. Hier tritt mitten in den dürren Steppengebieten mehrfach Höhenwald auf (s. Hochland der Riesenkrater, Iraku, Ketumbeine, Gelei usw.), hier kommen Hochgebirgsbusch und Hochweiden reichlich vor. Im übrigen ist im O und W reine Grassteppe, oft dürftige Grasbüschel in weiten Abständen, und Grassteppe mit Dornbusch, seltener zerstreuten kleinen Bäumen gemischt die herrschende Vegetationsform. Im S überwiegt trockenes Buschland. Wo sich von den Stufen und Bergen Gewässer in die Steppen ergießen, um meist bald zu versickern, bilden sich weithin sichtbare, aber meist dünne Galeriewälder (s.d.). Das Tierleben zu beiden Seiten der O. B. ist immer noch sehr reich. Huftiere aller Art kommen in großen Herden vor, auch viel Raubzeug. Das gilt besonders für die nördlichen, heute (s. Massaireservat unter Massaisteppe) ganz wenig besiedelten Teile der O. B. Hier leben nur 1200 Bassonjo in Ssonjo, Bantuneger wohl mit hamitischem Einschlag. Abgesehen von spärlichen schweifenden Wandorobbo, ganz wenigen angesiedelten Europäern (s. Ngorongoro) und Wanjamwesi trifft man erst vom Südende des Lawa ja Mweri (s.d.) wieder auf Menschen (s. Umbugwe, Ufiome, Iraku, Tungobesch, Turu, Iramba, Issansu), sogar auf einzelne, dicht bevölkerte Stücke Landes. Ganz im N, an der Grenze gegen Britisch-Ostafrika, nw. von Ssonjo (s.o.) erreicht das Land oberhalb der O. B. im Bergland von Ndassekera Meereshöhen bis 2528 m. Hier liegt die Wasserscheide gegen den Victoriasee (s.d.), zu dem die Flüsse über die Landschaft Ikoma (s.d.) hinabströmen. Ein großer Teil dieses fast menschenleeren Gebietes würde sich bei besseren Verkehrsverhältnissen zur Besiedelung durch Europäer gut eignen. Dasselbe gilt von weiten Landstrecken südwärts über das Hochland der Riesenkrater (s.o.) und die Umgebung des Njarasa (s.d.), über Iramba und Issansu hinaus bis zu fast 5° s. Br. Alles in allem liegen hier 40000 qkm besiedelbaren Landes (s. Muansa), begrenzt, auch hie und da unterbrochen von kleineren und größeren Landschaften der Eingeborenen. Manche Teile dieser Bevölkerung würden sich als Arbeiter im Dienst des weißen Siedlers verwenden lassen. Rechnet man, was für den Durchschnitt des Gebietes recht reichlich erscheint, daß 2000 ha zum Unterhalt einer fünfköpfigen Familie genügen, so könnten auf der genannten Fläche 10000 Europäer unterkommen.

Literatur: C. Uhlig, Der sogenannte Große Ostafrikanische Graben, Geogr. Z. XIII, 1907. - Ders., Die Ostafrikanische Bruchstufe I. Erg.-Heft 2 der M. a. d. Sch. 1909. - F. Jaeger, Das Hochland der Riesenkrater I und II, Erg. - H. 4 und 8, ebenda 1911/13. - O. E. Meyer, Die O. B. s. - Kilimatinde. Jb. schles. Ges. f. vaterl. Kultur. 1912. - Deutsch-Ostafrika als Siedelungsgebiet für Europäer . . . Bericht ... des ... Dr. v. Lindequist ... Schr. d. Ver. f. Sozialpol. 147, 1912. - E. Obst, Der östl. Abschnitt der Großen Ostafr. Störungszone. Mitt. Geogr. Ges. Hamburg XXVII, 1913.

Uhlig.