Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 689

Ostasiatische Expedition. Am 22. Juli 1900 wurde der deutsche Gesandte in Peking, Freiherr v. Ketteler, auf dem Wege zum chinesischen auswärtigen Amt ermordet. Als Antwort wurde von Deutschland ein Truppen aller Gattungen umfassendes Detachement in Stärke und Zusammensetzung einer Division unter dem Namen "Ostasiatisches Expeditionskorps" aus Freiwilligen der gesamten Armee - 120000 hatten sich gemeldet - gebildet. Die Gesamtstärke der Truppe belief sich auf etwa 15000 Mann, unter denen 55 Kompagnien gleich 10000 Mann Infanterie, 4 Schwadronen mit 600 Mann Kavallerie und 10 Batterien mit 2500 Artilleristen sich befanden. In den letzten Tagen des Juli verließ die Expedition, zum Teil vom Kaiser persönlich verabschiedet, unter dem Kommando des Generalmajors v. Lessel auf 10 Dampfern in verschiedenen Staffeln Bremerhaven und traf wohlbehalten Mitte September vor Taku ein. Ungefähr gleichzeitig kam dort der Graf Waldersee, der auf Anregung Rußlands mit dem Oberbefehl über die internationalen Truppen betraut war, an. Die Lage war insofern militärisch sehr unklar, als eine feindliche Hauptarmee, die man hätte entscheidend schlagen und dadurch die gewünschten Friedensbedingungen erzwingen können, nicht vorhanden war. Graf Waldersee mußte sich daher im wesentlichen auf die Säuberung der Provinz Tschili und die Sicherung der Bahn Tientsin-Peking beschränken. Als besonderer Mittelpunkt der Boxerbanden war Poatingfu, die Hauptstadt von Tschili, bekannt. Graf Waldersee setzte daher am 15. Okt. 1900 gleichzeitig von Tientsin und von Peking aus zwei Marschkolonnen, die zusammen aus 4200 Deutschen, 3500 Engländern und 3100 Franzosen bestanden, dorthin in Bewegung. Da die Boxer überall auszuweichen suchten, kam es nur auf dem Rückmarsch bei Tsekiang Wan an der großen Mauer und bei Kungan zu nennenswerten siegreichen Gefechten mit regulären Truppen. Ein zweiter größerer Zug nach Kalgan, das 200 km von Peking entfernt ist, verlief unblutig. Erst am 23. und 24. April 1901 kam es wider alles Erwarten bei Huolo, 30 km von Tschengteng zu einem ernsten Waffengang, in dem 5000 Deutsche 15000 Chinesen, die von Schansi aus nach der Provinz Tschili vordringen wollten, blutig zurückwarfen. Die Deutschen hatten an Verlusten 8 Tote und 51 Verwundete, unter ihnen 6 Offiziere. Anfang Juni 1901 waren die Verhandlungen mit China so weit gediehen, daß der Kaiser im Einverständnis mit den übrigen Mächten den Grafen Waldersee von seiner Stellung als Oberbefehlshaber entbinden konnte und die Heimsendung der deutschen Truppen begann. 3 Infanterieregimenter, 1 Feldartillerieabteilung, 1 Pionier- und eine Trainkompagnie, zusammen etwa 3600 Mann, blieben zunächst noch in China zurück. Seit einigen Jahren ist das Ostasiatische Expeditionskorps ganz aufgelöst. Deutschland unterhält nur noch das 650 Mann starke ostasiatische Marinedetachement, das dem Gouvernement Kiautschou untersteht, und in Peking, Tientsin, Hankau und Tsingtau stationiert ist.

Brüninghaus.