Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 21 ff.

Paramikronesien (s. Tafel 31) nennt man in der Völkerkunde die westlichen Inseln des Bismarckarchipels, die sich kulturell zum Teil stärker an die mikronesische als an die melanesische Kultur anlehnen: Luf (s. Hermitinseln), Kaniet (s.d.), Ninigo (s.d.), Manus (s. Admiralitätsinseln), Aua (s.d.) und Wuwulu (s.d.). Die beiden letzteren verraten den mikronesischen Einfluß am deutlichsten. Luf steht sprachlich und auch kulturell den Admiralitätsinseln (s.d.) nahe, so daß es beinahe als eine seiner Kolonien erscheint, Kaniet, Ninigo, Manus stehen zwischen Luf und Aua - Wuwulu. Gemeinsam ist allen diesen Inselgruppen der Bevölkerungsrückgang; teils hat die Bevölkerung dazu freiwillig den Entschluß gefaßt, wie auf Kaniet, teils ist sie durch Krankheiten (Malaria usw.) dezimiert, wie z.B. auf Ninigo und Wuwulu. Außerdem haben größere Unglücksfälle, Verschlagungen zur See die Volkskraft geschwächt, wie in Luf und Aua. -Anthropologisch sind zwei Elemente vorhanden; das eine, fast hellfarben und schlichthaarig, steht den malaiischen Völkerschaften Indonesiens nahe, das andere, dunkel, kraushaarig und bärtig, trägt mehr die Züge der Melanesier (s.d.). Auf Aua und Wuwulu überwiegt der malaiische Einschlag, bei den Bewohnern der übrigen Inseln überwiegt das melanesische Element. Von diesen Inseln ist nur die materielle Kultur gut bekannt; von der geistigen weiß man so viel wie nichts. - Die einzelnen Inseln standen unter einem erblichen Oberhaupte; gewisse Unterschiede zwischen einzelnen Personen lassen eine Ständegliederung vermuten. Gelegentlich konnte, wie z.B. auf Wuwulu, auch die Witwe des Häuptlings die Herrschaft führen. Das entspricht Gewohnheiten, die noch heute auf den Westkarolinen bestehen. Monogamie bildet die Regel, doch kommt auch Polygamie und Polyandrie vor. Die Bewohner einer Ortschaft heiraten untereinander; Weiberraub wurde mit dem Tode geahndet. Blutschänder wurden verbrannt. Gastliche Prostitution war auf Wuwulu und Aua Sitte, ebenso bestand dort die Einrichtung der Weibergemeinschaft. - Die Toten werden auf verschiedene Weise bestattet. Auf Aua und Wuwulu, Ninigo und Kaniet beerdigt man sie mit vielen Beigaben, selbst lebende Menschen wurden früher mitgegeben. Auf Kaniet wurden die Häuptlinge an besonderen Orten begraben; die Grabstelle wurde durch darüber aufgestellte Häuschen und Prunkspeere gekennzeichnet. Die Frauen pflegten sich als Zeichen der Trauer die Haare abzuschneiden und den Kopf mit einer schwarzen Pasta einzureiben. Auf Luf bestattete man die Häuptlinge in großen, prächtigen Kanus, die mit der Ebbe in See gingen. Das bewegliche Eigentum des Verstorbenen, gelegentlich auch seine Feldfrüchte,wurden vernichtet (Luf). Auf Wuwulu - Aua ist das Eigentum eines verstorbenen Häuptlings tabu; es darf nicht berührt oder genossen werden. Den religiösen Vorstellungen scheinen Vegetationsdämonen und Ahnenseelen, namentlich die der verstorbenen Häuptlinge, zugrunde zu liegen. Auf Kaniet hat sich der Schädelkult erhalten: Man bewahrt nur die Unterkiefer oder die Schädel der Toten im Hause auf; sie werden bemalt und reich mit Feder- und Blumenschmuck verziert. - Die Eingeborenen wohnen in Ortschaften, die durch gut gepflegte Wege miteinander verbunden sind. Die Häuser sind verschieden. Das Lufhaus ist dem Hause der Manus auf den Admiralitätsinseln ähnlich. Besonders schön ist das Kanuhaus, das gleichzeitig als Männer- und Versammlungshaus dient. Als solches kommt es auf den übrigen Inseln nicht vor. Auf Ninigo und Kaniet baut man niedrige, primitive Hütten, die auf vier Pfählen ruhen und Wände und Dächer aus Palmblattmatten besitzen. Aua und Wuwulu haben die besten Häuser. Sie werden aus kunstvoll zusammengefügten Planken errichtet. An der Giebelseite befindet sich eine Tür, die bei den Männerhäusern durch eine hohe Schwelle vom Erdboden getrennt ist, während bei den Weiberhäusern Treppen oder zwei bis drei verschieden hohe Pfähle zu ihr hinaufführen. Daneben gibt es offene Hallen und Vorratshäuser; letztere sind wie die Wohnhäuser aus Holzplanken zusammengefügt und ruhen auf hohen Pfählen, die oben mit breiten sperrenden Brettern den Ratten den Zugang zu den Vorräten unmöglich machen. Alle Häuser sind weiß gekalkt und mit Palmblattmatten dicht gedeckt. Der First ist gerade. - Im Lufhaus hat jeder nach Rang und Geschlecht seinen besonderen Aufenthalts- und Schlafplatz. Den Mittelpunkt bildet für alle die Herdstelle. Ähnlich findet man es auf den anderen Inseln. Flache Schlaftische, Pritschen, Bänke füllen das Hausinnere; die Dachsparren sind zu einer Art Hängeboden umgebaut, auf dem man Hausgerät, Waffen, Werkzeug usw. unterbringt. - Die Wasserversorgung geschieht durch künstlich gegrabene, sorgfältig ausgemauerte Brunnen. - Außerhalb der Siedelungen liegen die Pflanzungen. Der Taro wird in Gruben gebaut, die auf Aua und Wuwalu besonders kunstvoll angelegt sind. Brotfrucht und Bananen, auf Luf auch Yams, bilden außerdem die Nahrung; als animalische Bestandteile kommen Schweine, H unde, Hühner, Fische, auf Luf auch ein Beuteltier hinzu. Kannibalismus wurde ehemals auf Luf getrieben. - Die Tracht der Eingeborenen ist sehr verschieden. Die Männer gingen ursprünglich nackt. Heute tragen sie auf Luf, Kaniet, Ninigo den Maro aus europäischem Tuch oder selbstgefertigten Rindenstoffen. Auf Aua und Wuwulu haben die Männer auch heute noch keine Kleidung. - Die Frauentracht ist in Luf, Kaniet, Ninigo gleich; sie besteht aus drei Teilen: einem miederähnlichen Vorderschurz, einem Rückenschurz und dem beide haltenden Gürtel. Die Schurze bestehen aus Blättern, die oben umwickelt und zu einer Platte vereinigt werden, in die außerdem noch bunte Ornamente eingeflochten werden. Auf Aua und Wuwulu besteht die Frauenkleidung in einem Taroblatte, das zwischen die Schenkel gezogen und vorn und hinten an einer Schnur befestigt wird. -Schmuck wird wenig getragen, geflochtene Armringe aus Pandanusblattstreifen, Gürtel aus dem gleichen Material und Muschelketten sind verbreitet. Als Besonderheit seien die Halsketten von Ninigo aus dem Schloßteil von Tridacna crocea zu erwähnen. -Die Ohrläppchen werden durchbohrt und aufgeweitet, und in die so entstehende Schlinge worden Schildpattringe eingehängt. Früher durchbohrte man auch das Septum und trug darin einen Stab aus Holz oder Schildpatt. - Als Haarschmuck dienen Blumen, Federn und Stäbchenoder Plattenkämme; letztere sind häufig sehr schön beschnitzt. - Der Hausrat ist einfach. Als Küchengerät ist der Kokosschaber zu nennen, als Küchenbeil ist von Aua - Wuwulu das Schildkrotbeil bemerkenswert. Löffel und Messer werden aus Perlmutter und Nautilus hergestellt. Kokosschalen dienen als Trinkgefäße. - Interessant sind die Betelkalkgefäße; es sind brandbemalte, durch einen Stab verschlossene Kürbisse, die an einer Schnur hängen und mit einem Haken, ähnlich wie die Körbe über der Schulter getragen werden. Auf Luf und Kaniet beschnitzt man den Betelstabstiel; in durchbrochener Arbeit werden Menschen, Asche, Schildkröten usw. dargestellt. Die Eßschüsseln bestehen aus Holz; die Form ist für jede Gruppe charakteristisch. Auf Luf findet man die elliptische Holzschüssel der Admiralitätsinseln mit sitzenden Männlein als Griffe. Kaniet besitzt bootähnliche Schüsseln mit prächtig beschnitztem Bug und Heck, Ninigo hat lange, oblonge Schüsseln mit aufrechtstehenden Rändern; Aua - Wuwulu weist eine Mannigfaltigkeit auf, wie man sie sonst selten wiederfindet. - Das heutige Werkzeug ist europäisch. Ehemals wurden Muschelbeile, Deißel, Knochenpfriem, Korallenfeilen, Drillbohrer benutzt; auf Aua und Wuwulu gab es für jede Hand eine besondere Beilform. Kriege wurden zwischen den einzelnen Ortschaften und den Inseln geführt. Die Lufleute namentlich genossen einen sehr kriegerischen Ruf. Als Waffen benutzte man Schleuder, Speer, Lanze und Keule. - Die hölzernen Speere und Lanzen werden aus einem Stück gearbeitet und besitzen einen mannigfach beschnitzten Klingenteil aus einfachen Haken und Widerhaken, die ein- oder zweizeilig oder auch in Spiralen angeordnet sind. Lanze und Speer unterscheiden sich nur in der Größe. Auf Aua -Wuwulu ist noch eine andere Waffe zuhause, die von dort in den Handel gelangte. Es sind kurze bis meterlange Hiebwaffen, die teils ganz aus Holz bestehen und gezackt oder glatt sind und die Form japanischer Eisenwaffen nachahmen, teils mit Haizähnen oder Surrogaten davon aus Schildkrot oder Holz bewehrt sind. - Eigentümlich ist diesen Inseln ferner die Kopfjägerwaffe, die aus einem langen Holzstiel, mit oben angesetzter breiter, geschärfter Schildkrotklinge besteht. Auch Keulen finden hier Verwendung. Es sind drehrunde, schwere Schlaginstrumente mit breitem, scharfrandigem Knauf, dem gelegentlich noch ein Zackenspeer aufgesetzt ist. Bogen und Pfeil finden sich nur als Kinderspielzeug. - Tanz und Spiel sind bei den verschiedensten Festen üblich. Als Musikinstrument dient die große Sanduhrtrommel mit Bespannung aus Eidechsenhaut, ferner Rassel und Flöte. Groß und Klein vergnügt sich gern mit dem Schildkrotkreisel. -Die Fischerei wird auf dem Riffe und der Hochsee betrieben, und zwar mit Handnetzen, Hamen, Stellnetzen, Speeren und kleinen Reusen. - Als Verkehrsmittel und Handelsfahrzeug zwischen den Inseln Ninigo, und Kaniet, Luf dient das Auslegerboot. Unterschiede finden sich nur in den Aufsätzen, die auf Luf und Kaniet aus stilisierten, fransenbehängten Männerfiguren, auf Ninigo aus einem langen Schnabel mit aufwärts gerichteter Spitze bestehen; ein Boot kann bis 40 Personen tragen. Die Boote sind weiß gekalkt und auf Luf auch mit roten Ornamenten bemalt. - Aua und Wuwalu werden gelegentlich von Ninigoleuten besucht, treiben aber selbst keine Hochseefahrt. Ihr Boot besteht aus einem Einbaum, der vorn und hinten einen scharfen Rammsporn trägt, zu dem ein schmaler, hoher Aufsatz senkrecht steht. In Aua und Wuwulu bewegt man die Boote nur mit Paddeln; die übrigen Inseln besitzen viereckige Segel.

Literatur:Thilenius, Ethnographische Ergebnisse aus Melanesien. Halle 1903. - Hambruch, Wuwulu und Aua. Hamb. 1908. - Krämer, Anthropologie u. Ethnographie V. Bd. (Forschungsreise S. M. S. "Planet" 1906/07). Berl. 1909.

Thilenius, Hambruch.