Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 32

Penisfutterale. Die Sitte, den Penis in einem Futteral zu tragen, findet sich in Zentralbrasilien, in Westafrika bis nach Kamerun, in Togo, in Südostafrika, in Neuguinea und auf den Admiralitätsinseln und der Matthiasgruppe. In Togo handelt es sich um eine aus Wolle oder Leder gefertigte Tasche, die an einem Hüftriemen befestigt ist; sie umgibt den Penis lose und kann in eine lange, mit Perlen verzierte Schnur auslaufen. Bei manchen Sulu finden sich ähnlich in eine Schnur auslaufende enge Futterale aus Leder, die nur durch Adhäsion haften, und wie ein Handschubfinger übergestülpt sind. Den heute in Togo üblichen entsprechende P. waren den alten Libyern bekannt und finden sich auf altägyptischen Darstellungen. Bei den Sulu und ihren nach Ostafrika gedrungenen Verwandten findet sieh -ein P., das lediglich die Eichel umschließt und im Sulcus haftet; diese "nutschi" sind aus Holz, Geflecht, kleinen Kürbissen, der Frucht der Raphiapalme, dem Gehäuse einer Cycade gefertigt usw. In Angriffshafen verwendet man Kürbisse, am Kaiserin-Augustafluß Holzröhren, in die der Penis gesteckt wird. Auf den Admiralitätsinseln und auf der Matthiasgruppe entfernt man aus einer Muschel (Ovula ovum) die Windungen und klemmt in den übrigbleibenden Mantel, der durch schwarze Linienornamente verziert ist, die Eichel ein, um die Tracht des Kriegers zu vervollständigen. - An einen unmittelbaren Zusammenhang kann zunächst nur bei den nordafrikanischen Formen gedacht werden; die "nutschi" dürften unabhängig von den Penismuscheln und Kürbissen oder Röhren der Melanesier entstanden sein. Es bleibt zweifelhaft, ob zur Erklärung der P. lediglich ein absonderlicher Schmuck angenommen werden darf. Den zauberischen Vorstellungen der Naturvölker würde auch der Wunsch entspringen können, eine unwillkürliche Entleerung von Urin oder Samenflüssigkeit zu verhindern. Für die letztere Deutung können die geschlossenen Taschen, Nutschi und Muscheln herangezogen werden, für die Deutung als Schmuck die offenen P. der Bafia u.a., sofern es sich hier nicht um eine Entwicklung des Schutzmittels zum bloßen Schmuck handelt.

Literatur: v. Luschan, Zur anthropol. Stellung der alten Ägypter, Globus Bd. 79, 1901.

Thilenius.