Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 38 f.

Pest. Die P. ist keine eigentliche Tropenkrankheit, sondern kann auch in den kältesten Zonen vorkommen. Sie ist seit langem als menschliche Seuche bekannt, zuerst im 2. Jahrh. nach Christus in Ägypten erwähnt. Die jetzige große Ausbreitung datiert erst seit einer Epidemie in Hongkong 1893 und in Bombay 1895/96. Man nimmt 4 alte endemische P.herde, von denen die einzelnen Epidemien ausgingen, an: 1. Provinz Yünnan in China, 2. im Himalayagebiet, 3. in Arabien, 4. in Uganda. Der Erreger der P. ist ein Bakterium, Bacillus pestis, das 1893/94 von Kitasato und Yersin ungefähr gleichzeitig entdeckt wurde. Er ist nahe verwandt mit anderen Bazillen, die als Erreger von Tierseuchen bekannt sind (Geflügelcholera, Schweineseuche usw.) (s. farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II, Abb. 10). Er ist nicht sehr widerstandsfähig gegen chemische und physikalische Schädigungen. Klinisch unterscheidet man 2 Formen der P., die je nach der Art der Einwanderung der Bazillen in den Körper zustande kommen. - 1. Die Lungenpest, P.pneumonie. Sind die Atmungswege die Eintrittspforte, so verursacht der P.bazillus eine Lungenentzündung, die sich durch die Schwere der Symptome (Fieber, Bewußtseinsstörung, blutiger Auswarf) bald von der gewöhnlichen Lungenentzündung unterscheidet und oft schon am ersten oder zweiten Tage tödlich endet. Diese Form die auch im Mittelalter den "schwarzen Tod" darstellte - ist äußerst ansteckend wegen der Zerstäubung der Bazillen in der Luft mit dem Auswurf. Dies erklärt die rasche Ausbreitung dieser Form; z. B. 1911 in der Mandschurei und China. Zum Glück tritt die P. in dieser Gestalt zurzeit weit seltener auf als in der zweiten. - 2. Die Bubonenpest, Beulen-P. Treten die Erreger durch die Haut ein, so gelangen sie in eine benachbarte Drüse, die sich entzündet und vereitert (primärer Bubo). Von hier aus werden sie auf dem Lymphwege weiter verschleppt und verursachen sekundäre Bubonen, während sie auf d em Blutwege bald die verschiedensten Organe überschwemmen. Die primären Bubonen sitzen am häufigsten in den Leisten, dann folgen Achseldrüsen, Halsdrüsen u. a. der Häufigkeit nach. Sie können von selbst, nach starker entzündlicher und schmerzhafter Schwellung, aufbrechen oder sich zurückbilden. Der Eiter enthält massenhaft P.bazillen. Andere Erscheinungen sind Benommenheit und Delirien, Fieber, Herzschwäche. In manchen Fällen entstehen auch P.pusteln und Karbunkel auf der Haut. Der Tod kann nach wenigen Stunden oder einigen Tagen eintreten. 80-95% aller Fälle sterben je nach äußeren Verhältnissen. Die P. ist keine allein dem Menschen eigentümliche Krankheit, sondern auch eine Seuche der Nagetiere, die als Zwischenträger eine große epidemilogische Rolle spielen. Es erkranken daran in erster Linie Ratten - besonders die Hausratte, Mus rattus, wichtig - ; in Europa, Afrika, Asien, Australien häufig als pestkrank beobachtet. Von anderen Nagetieren spielen als P.Träger eine Rolle die Murmeltiere der Mongolei, die sog. Tarabaganen (Arctomys bobac), ferner die kalifornischen Erdhörnchen (Citellus beechyi). Alle diese Tiere brauchen nicht stets Krankheitserscheinungen zu zeigen, sondern können scheinbar gesund und doch Bazillenträger sein. Die Übertragungsweise der Beulen - P. ist noch nicht in allen Teilen aufgeklärt, doch hat die indische P.kommission seit 1906 sichergestellt, daß die P. von Ratte zu Ratte durch Flöhe übertragen wird, und zwar besonders durch den tropischen Rattenfloh Xenopsylla cheopis. Sie hat ferner bewiesen, daß in den Tropen fast sicher auch die Übertragung von Ratte zu Mensch durch diesen und andere Flöhe stattfindet. Somit ist eine der Hauptmaßnahmen gegen die P. die Rattenbekämpfung (s.a. Rattenvernichtung). Die Erkennung der P. bei Mensch und Tier gelingt nur bakteriologisch geschulten Ärzten durch bestimmte Methoden. P.kranke sind entsprechend zu isolieren, ev. auch die Umgebung in Quarantäne zu setzen. Die Behandlung der P. betreffend, so sind wir gegen Lungen-P. noch machtlos, gegen Bubonen-P. helfen außer chirurgischem Eingriff Herzmittel. Ferner gibt es Heilsera, die erfolgreich wirken können, wenn sie frühzeitig und in sehr großen Mengen eingespritzt worden; solche sind im Handel käuflich (Paris, Bern) und lange haltbar. Aus P.bazillen gewonnene Impfstoffe gewähren einen gewissen vorbeugenden Schutz gegen die P.infektion, der einige Monate anhalten soll, während Heilsera zu vorbeugendem Zwecke eingespritzt nur ganz kurze Zeit schützen.

Literatur: Mense, Handbuch der Tropenkrankheiten.

Martin Mayer.