Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 48

Pfeile, in einfachster Form vorn zugespitzte Stäbe, die mit der Hand (Wurfpfeil) oder einer besonderen Vorrichtung (Armbrust, Blasrohr, Bogen) geschleudert werden. Sie sollen auf eine größere Entfernung wirken und bestehen, da die Verstärkung der Schleudervorrichtung in ihrer Handlichkeit bald eine Grenze findet, aus leichtem Material (Holz, Rohr, Blattrippen). Diese einfachsten und auch wohl ältesten Formen sind heute nur bei wenigen Völkern anzutreffen; der Regel nach sind P. vielmehr zusammengesetzte Waffen, die aus dem Schaft und der Spitze bestehen. Ersterer wird mit Vorliebe aus leichtem Rohr gefertigt; er trägt neben Verzierungen, Eigentumsmarken und Umwickelungen, die den Enden mehr Festigkeit geben, Vorrichtungen, die die Wirkung der P. durch Erhöhung der Treffsicherheit vermehren. Diesem Zwecke dient die am stumpfen Ende angebrachte Flugsicherung (Asien, Afrika, in Ozeanien nur Neue Hebriden [Relikt aus der Zeit der spanischen Entdeckung?]); man klemmt in Form eines Dreiecks vorstehende Plättchen aus Blättern, dünnem Holz oder Leder in das Holz, läßt an Blattrippen ähnlich geformte Blattstücke stehen oder befestigt Federfahnen mit beiden Enden tangential, die infolge der ursprünglichen Krümmung des Federschaftes der Längsachse der P. nicht genau parallel liegen, sondern etwas gebogen sind, so daß der fliegende P. sich dreht. Aus den Besonderheiten der Schlendervorrichtung ergeben sich die Umwickelung des hinteren Endes bis zum dichten Schluß an der Wandung des Blasrohrs und die Kerbung zur sicheren und doch leicht löslichen Verbindung des P. mit der Sehne des Bogens. Die Spitze ist aus widerstandsfähigem Stoff gefertigt, man verwendet Stein, Eisen, Kupfer, Holz, Bambus, Rochenstachel, Knochen u.a. Ihre Form wird durch den Zweck bestimmt. Soll der P. etwa einen Vogel unverletzt herunterwerfen, so ist du freie Ende der Spitze stumpf und breit gestaltet, soll sie in den Körper eindringen, so ist die Spitze lang und kegelförmig oder blattförmig flach, am freien Ende mit einer scharfen Spitze oder quer zur Achse des P. stehenden Schneide. Die Ränder der Spitze sind einfach zugeschärft, um die schneidende Wirkung zu erhöhen und enden oft in Widerhaken. Die zur Verbindung mit dem Schaft bestimmte Seite der Spitze trägt zumeist einen dornartigen Fortsatz zum Einsetzen in das Schaftende oder einen röhrenförmigen zu dessen Aufnahme. Wo das Material (Holz, Knochen, Metall) es erlaubt, liegt zwischen der eigentlichen Spitze und dem Dorn oder der Tülle ein Verbindungsstück, das Ornamente trägt und vor allem eine Anzahl von Widerhaken, die eine Loslösung aus der Beute erschweren sollen. Sie sind meist in der Ebene der Spitzenränder in zwei Zeilen angeordnet (Eisen [Afrika], Holz [Ozeanien]) oder stehen in Wirteln (eingesetzte Knochen, Salomoninseln) oder Spiralen (Holz, Melanesien) usw. Die Verbindung mit dem Schaft ist durch Dorn oder Tülle eine dauernde oder wird beweglich gestaltet, indem man die Spitze lose in den Schaft einsetzt und die völlige Trennung beider durch eine verbindende kurze Schnur hindert (Harpunenpfeil, Afrika) oder ein Futter einschaltet, in dem die Spitze mit dem vergifteten Ende ruht und für den Gebrauch umgekehrt aufgesteckt wird (Buschmänner). Gift ist ein in ganz Afrika bekanntes Mittel zur Verstärkung der Schußwirkung und wird aus Pflanzen und Tieren gewonnen; es gestattet die Verwendung kleiner P. auch gegen große Ziele. - Die Formen der P. sind von der Waffe abhängig, mit der sie verwendet werden, aber auch von den Zwecken, denen sie dienen. Der Kriegs - P. ist anders gestaltet als der Jagd-P., dessen Spitze Besonderheiten für Groß- oder Kleinwild, Säuger oder Vögel aufweist; von beiden unterscheidet sich der Fisch - P. Ozeaniens, der an einem Schaft mehrere auf dem Mantel eines Kegels angeordnete und mit den Widerhaken nach innen gestellte Spitzen aufweist. Die einfachsten Formen besitzen (neben dem kurzen, meist aus einer Blattrippe in einem Stück gefertigten P. für Blasrohr oder Armbrust) die Miniaturpfeile. Sie dienen Kindern als Spielzeug und bilden gelegentlich die letzten Überlebsel in Gebieten, in denen der Kriegs- oder auch der Jagdbogen verschwunden sind; andere werden zum Aderlaß mit einem kleinen Bogen verwendet (Neuguinea); die Buschmänner besitzen spannlange, vergiftete P., die zum Meuchelmord gebraucht werden sollen (sog. "Buschmannrevolver"). S.a. Pfeilgift

Literatur: K. Weule, Der afrikanische Pf. Lpz. 1899. -Ranke, Ballistisches über Bogen und Pf., Globus 83, 1903. - Heger, Aderlaßbogen und Pf., Mitt. Wiener Anthrop. Ges., 1893.

Thilenius.