Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 49

Pfeilgift. (s. Tafel 165). Die in den deutschen Kolonien von den Eingeborenen benutzten P. zum Kampf gegen den Menschen, zur Jagd auf wilde Tiere (s.a. Pfeile), zerfallen nach ihrer Herkunft in drei Arten. 1. Pflanzengifte, 2. tierische Gifte und 3. Bakteriengifte. Die Pflanzengifte sind diejenigen, die bei weitem am meisten benutzt werden und die infolge ihrer längeren Haltbarkeit, ihrer starken physiologischen Wirkung das größte Interesse besitzen, daher für die Gelehrten aller Kulturnationen zum Gegenstand eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen geworden sind. Wenn auch in neuerer Zeit zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiete der Pfeilgiftforschung gemacht worden sind und manches durch Untersuchungen aufgedeckt worden ist, so kann man nicht behaupten, daß auf diesem Gebiet bereits alles geklärt ist. Da die Eingeborenen meist bei der Pfeilgiftbereitung, die fern von Weibern, Kindern und Sklaven geschicht, manche andere Stoffe aus rituellen Gründen oder zur Verschleierung hinzufügen, andererseits nach Möglichkeit die Mischung und den Namen der Pflanzen geheim halten, ferner die Flora Afrikas pharmakologisch sehr wenig erforscht ist, so ist es leicht möglich, daß das eine oder andere Pflanzengift bisher den Forschern entgangen ist. Die in den deutschen Kolonien in der Südsee benutzten Giftpfeile sind Knochenspitzen, die mit Ptomainen- und Bakteriengiften, gewonnen aus faulenden Knochen, bestrichen sind. Da diese Gifte leicht zersetzlich, nur in geringen Mengen aufgetragen sind, andererseits teilweise nur eine schwache Giftwirkung besitzen, so ist das Interesse für diese gering. Die dagegen in unseren afrikanischen Kolonien benutzten Pfeilgifte, die besonders im Innern noch häufig angewandt werden, während sie an der Küste viel durch die Handfeuerwaffen verdrängt sind, haben infolge ihrer langen Haltbarkeit und enormen toxischen Wirkung das allergrößte Interesse. Während im westlichen Afrika Pflanzengifte gemischt mit tierischen Giften (Schlangengift, Togo) benutzt, auch tierische Gifte (Käferlarvengift, Diamphidia, Südwestafrika) allein angewandt werden, dienen im mittleren und in Ostafrika nur Pflanzengifte zur Pfeilgiftbereitung, soweit bis jetzt ermittelt ist. Die Pfeilgifte pflanzlicher Herkunft, die in unseren Kolonien benutzt werden, sind sämtlich Gifte der Apocynaceen und Euphorbiaceen und meist Glykoside, d. h. organische Substanzen, die den Zuckerarten insofern verwandt sind, als das Giftmolekül aus einem Zuckermolekül und einem Molekül eines phenolartigen Körpers zusammengesetzt ist. Wählend als Pflanzengifte in Afrika hauptsächlich Glykoside zur Pfeilgiftbereitung dienen, benutzen die Indianer in Amerika und die Eingeborenen auf den Sundainseln fast nur Alkaloide. Auch am belgischen Kongo soll ein Alkaloid von einer Strychnosart zur Pfeilgiftbereitung benutzt werden (nach G. Vinci). Im westlichen Afrika und in Togo werden resp. wurden Strophanthusarten zur Pfeilgiftbereitung gebraucht, während in Südwestafrika Adeniumarten (Adenium Böhmianum, Lugardii usw.), vielleicht auch die blausäurehaltige Adeniaripanda zur Giftbereitung verwandt wird, sowie der Milchsaft des Melkbosches und der Euphorbia venenata. Im mittleren Afrika sind es besonders die Strophanthusarten (Strophanthus hispidus, gratus, Kombe, Emini, sarmentosus), die hier als Giftspender dienen und zwar von Kamerun hinüber bis zu den Völkern des mittleren Ostafrika, den Wakamba, Wapogorro, Wagogo. Die Gifte dieser Völker kristallisieren meist (Brieger). Auch die Zwergvölker am Kiwusee benutzen Strophanthusarten als Giftspender, ein amorphes Strophanthin (Krause). - Die kristallisierenden Gifte stammen wohl lediglich von Strophanthus. Oft sind diese Gifte gemischt mit Giften von Adenium coetaneum, Erythrophloeum guineense u. a. (Krause). An der Somaliküste sowie in Ostafrika, bis herunter zur Nordgrenze Natals sind Hauptgiftlieferanten Acocantheraarten, (Acocanthera venenata, abessinica, spectabilis), außerdem noch Euphorbiaarten. Vielfach benutzen ethnographisch verschiedene Stämme das gleiche Gift, das oft von einem Stamm hergestellt, an andere, benachbarte verhandelt wird. Ob die Eingeborenen nicht immer dieselbe Mischung, Gifte derselben Herkunft verwenden, hat noch nicht sicher festgestellt werden können. Die Gifte sind enthalten in den bis zur Fleischextraktkonsistenz eingedickten Pflanzenauszügen, die auf freiem Feuer eingekocht und warm auf die Pfeile aufgetragen werden, wo sie auftrocknen. In trockenem Zustande sind die Gifte jahrzehntelang haltbar (Krause, Lewin). Nur in feuchtem Zustande werden sie schnell von Schimmelpilzen, für die sie ein beliebter Nährboden sind, befallen und zersetzt. Die von den Eingeborenen angegebenen Gegenmittel sind alle ohne Wirkung. Die meisten Pfeilgifte Afrikas pflanzlichen Ursprungs sind Herzgifte der Digitalisgruppe. Daher haben sie noch besonderes Interesse, da es möglich ist, daß das eine oder andere Gift, zumal wenn es kristallisiert, also leicht rein dargestellt werden kann, sich ev. als Herzmittel verwenden läßt. Die verschiedene Wirkung der einzelnen Körper der Digitalisgruppe auf das Herz scheint auch von der Zuckerkomponente im Molekül beeinflußt zu werden (Krause), viele haben gleichen Brechungsexponenten, also gleiche Konstitution bis zu einem gewissen Grade (Krause). Die Konstitution der Pfeilgifte ist sonst meist noch nicht genau erforscht. Am genauesten sind in dieser Beziehung die Strophanthine und das Echugin aus Adenium Böhmianum bekannt (Feist, Böhm). Weniger genau sind untersucht, da amorph, die Glykoside der Acocantheraarten. Es werden jetzt nur noch 3 Arten angenommen: abessinica, venenata, spectabilis. Früher wurden diese auch als Carissa, Strychnos, Toxicophloea, abessinica, Schimperi, Ouabaio usw. bezeichnet. Nach Austausch der Herbarexemplare der Museen in Dahlem, Kew, Paris, wurde obige einheitliche Nomenklatur eingeführt. Nach der alten Bezeichnung Acocanthera Ouabaio wurde auch der Name Ouabain leider für die giftigen Prinzipien verschiedener Herkunft eingeführt, so daß Verwirrung entstanden ist. Dadurch ist auch wohl d ie irrige Ansicht aufgekommen, daß die Acocantheraarten amorphe und kristallisierende Glykoside enthalten. Von Strophanthus wird meist nur der Samen zur Pfeilgiftbereitung benutzt, von Acocanthera dagegen Wurzeln, Holz, Blätter und Früchte. Auch die Zauberer verwenden u. a. nach Krause Acocantheragifte. Das reife Fruchtfleisch ist bei den Acocantheraarten ungiftig. Die mit Pflanzengiften bestrichenen Pfeile enthalten die tödliche Dosis für viele Dutzend Menschen. Die Lanzen der Eingeborenen in Kamerun, die diese aus Flintenläufen schießen und zur Elefantenjagd verwenden, sind mit einer Dosis tödlichen Pfeilgifts für über tausend Menschen bestrichen. Fraser und Tillie ermittelten die tödliche Dosis für kristallisiertes Acocantherin für Kaninchen auf 0,00028 g pro 1 kg. Krause stellte fest, daß die Strophanthus- und Acocanthera - Glykoside annähernd die gleiche tödliche Dosis besitzen, nämlich 0,04 - 0,06 mg pro Meerschwein (200 g) subkutan injiziert. Da man nur gegen eiweißartige Körper immunisieren kann, ist man gegen die Wirkung der Pfeilgifte, die ca. 40 mal so giftig sind als Schlangengifte (s. d.), ziemlich machtlos. Sofortiges, wiederholtes Auswaschen mit warmer, verdünnter Kaliumpermanganatlösung unter ev. gleichzeitigem Öffnen der Wunde dürfte noch den besten Erfolg haben. Sobald die tödliche Dosis auf der Blut- oder Lymphbahn transportiert ist, sind Rettungsversuche wohl ergebnislos. Die Versuche Krauses, die Glykoside durch Fermente in ihre unschädlichen Komponenten zu spalten, sind praktisch nicht verwendbar. S.a. Giftpflanzen.

Literatur: R. Böhm, Das Gift der Larven von Diamphidia, A. f. exp. Path. 1897 8. 424. - Ch. Bolton, Arrow poison. Proc. Royal Soc. London, Serie B. 1906 S. 13. - L. Brieger, Pfeilgift aus Deutsch-Ostafrika, Berl. kl. Wochenschr. 1902 S. 277. - Brieger u. Dieselhorst, Pfeilgifte aus Deutsch - Ostafrika, ebenda 1903 S. 357. - Brieger u. M. Krause, Dasselbe in Arch. inter. de phar. Dyn. Gent 1903 S. 399. - Brieger u. M. Krause, Pflanzengift aus Kamerun, Zeitschr. f. exp. Path. u. Ther. - Fraser u. Tillie, Acocanthera Schimperi, A. inter. de pharm. Dyn. 1899 S. 349. - Gilg, Über die Gattung Acocanthera, Berl. klin. Wochenschr. 1907 Nr. 4. - Gilg, Thoms, Schaedel, Die Strophanthusfrage, Berl. 1904. Harnack, Über Erythrophloein, Berl. kl. Wochenschr. 1895 S. 759. -M. Krause, Vergleichende Untersuchungen über Pfeilgiftglykoside, Zeitschr. f. exp. Path. und Therap. 1905 Bd. 1. - Pfeilgifte aus den deutschen Kolonien, Arch. f. Schiffs- u. Tropenhyg. Bd. 10, 1906. - Tierund Pflanzengifte in den deutschen Kolonien, Ber. d. Naturforscherkongresses, Dresden. - Beitrag zur Kenntnis von Giftpflanzen aus Ostafrika, Tropenpflanzer 1909 Nr. 3. - Gifte der Zauberer im Herzen Afrikas, Zeitschr. f. exp. Path. u. Therap. 1909 S. 851. Das Pfeilgift der Watindijas, Berl. kl. Wochenschrift 1910 S. 699. - Giftpfeile am Kilo, Berl. kl. Wochenschr. 1911 Nr. 26. -L. Lewin, Die Pfeilgifte, Berl. 1894 u. Virchows Arch. 1894. - Perrot, et Vogt: Poissons de Flèches et Poisons d'Épreuve. Paris 1913. Vigot Frères. - G. Vinci, Strychnos del Kongo belge, A. int. de pharm. Dyn. 1910 S. 63 u. 353.

Krause.