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Pflanzenfasern. 1. Allgemeines. 2. Pflanzenhaare. 3. Bastfasern.
1. Allgemeines. P. sind im weitesten Sinne des Wortes solche Pflanzen oder Pflanzenteile, die in der Spinnerei
und Seilerei, als Flechtmaterial oder zu Bürsten und Besen, sowie zu
Polsterungen
oder in der Papierfabrikation Verwendung finden. Die ganzen Pflanzen,
wie Torfmoose, Seegras, vegetabilisches Roßhaar u.a. Enden in der Regel als Pack- oder
Polstermaterial Verwendung, gröbere Pflanzenteile, wie Palmblätter,
Grashalme
und Baste dienen zum Teil dem gleichen Zwecke oder zu Flechtwerk oder
rohen Stricken, zusammenhängende Baststreifen vielfach auch als
Bekleidung.
Die eigentlichen P. sind entweder Haargebilde oder Festigkeitselemente
aus Rinde, Blättern, dem Holze, aus Wurzeln und vereinzelt auch aus
Früchten.
Derartige Rohmaterialien sind nun im Pflanzenreiche so allgemein
verbreitet,
daß die Eingeborenen sehr umfangreichen Gebrauch von ihnen machen, zum
Dachdecken, zur Herstellung von Stricken, Angelschnüren, feinem
Flechtwerk
und den verschiedensten Geweben. Trotzdem ist aber die Zahl der wirklich
im großen genutzten P. nur gering. Sie sind fast durchweg sehr alte Kulturpflanzen, deren Anbau und allgemeine
Nutzung sich bis in die Anfänge der geschichtlichen Zeit verlieren.
Leichte
Kultur und Anpassungsfähigkeit an andere klimatische Bedingungen,
einfache
Gewinnungsweise und gute Qualität der Fasern haben zu ihrer Auswahl
geführt.
Die beim Verwittern abgestorbener Pflanzenteile frei werdenden und
zurückbleibenden
Festigkeitselemente haben den primitiven Menschen wohl zuerst auf die
Verwendbarkeit und Gewinnung hingewiesen. Verschiedene Bäume aus der
Gruppe
der Feigen, der Hülsenfrüchtler und der Papiermaulbeerbaum u. a.
enthalten
in ihrer Rinde breite, zusammenhängende Bastlagen, die nach dem
Zerstören
der weichen Elemente ev. durch Rösten im Wasser große, tuchartige Stücke
liefern, die zu Kleidungsstücken verarbeitet werden können. So liefert
Ficus chlamydodora in Ostafrika den bekannten Ugandabast. Der Baum
heißt
Mrumba und der Bast wird Bugu genannt. Andere Ficusarten werden in Togo ähnlich verwendet. Die in der europäischen
Industrie
verwendeten Fasern teilt man in der Regel nach ihrer Abstammung in zwei
große Gruppen, in Pflanzenhaare und in Bastfasern ein, wobei unter den letzteren
Faserstränge
aus dem Innern pflanzlicher Gewebe unabhängig von dem, was der Botaniker
unter Bast versteht, zusammengefaßt werden. In der Praxis sind Baste im
eigentlichen Sinne nur breite Streifen, wie der bekannte Raphiabast, der
zum Befestigen von Pflanzen dient.
2. Pflanzenhaare. Unter den Pflanzenhaaren ist die Baumwolle (s.d.) die einzige, die als
Spinnmaterial
Verwendung findet. Sie ist heute die wichtigste Spinnfaser überhaupt und
hat alle andern pflanzlichen und tierischen Spinnstoffe an Bedeutung
überholt.
Versuche, auch andere Pflanzenhaare der Spinnerei zugänglich zu machen,
sind bis jetzt ohne nennenswerten Erfolg gewesen. Dagegen finden die
Haare
der Wollbäume unter dem Namen Kapok (s.d.)
weitgehende Verwendung als Polstermaterial für Kissen, Möbel und Betten,
sowie zur Herstellung von Rettungsgürteln. Eine dritte Gruppe von
Pflanzenhaaren
werden unter dem Namen Pflanzenseiden
zusammengefaßt. Es sind dies die seidenglänzenden Haarschöpfe
verschiedener
Asclepiadeen und Apocynaceen, vor allem von Calotropis procera, die von Ostindien
durch das ganze tropische Afrika verbreitet ist. Die Handelsware kommt
unter dem Namen Akon oder Akund
allein aus Ostindien und dient als Surrogat des Kapok. Auch mit ihr sind
Spinnversuche gemacht worden, soweit bekannt ist aber ohne
beachtenswerten
Erfolg. Aus Ostafrika sind mehrfach kleinere Proben vorgelegt worden.
Es scheint aber zurzeit noch zu schwierig zu sein, hinreichende Mengen
zu beschaffen.
3. Bastfasern. Die Bastfasern zerfallen in zwei Gruppen. Erstens sind
es die Fasern von meist einjährigen, zweikeimblättrigen Pflanzen, die
man als Stengelfasern zusammenfassen kann. Hierher gehören der Flachs, der Hanf
(s.d.),
die Jute (s.d.), und die Ramie (s.d.). Die zweite Gruppe wird meist aus den
Blättern einkeimblättriger, mehrjähriger Pflanzen gewonnen. Es sind die
Agavenfasern, der Sisalhanf, der Mauritiushanf, der Manilahanf, der Neuseeländische Flachs, die
Ananasfaser
u.a. Diese liefern in erster Linie Material für die Seilerei, während
jene hauptsächlich für feinere Gewebe benutzt werden. Der Hanf und die
Jute nehmen allerdings eine Zwischenstellung ein, und ebenso liefern die
Ananasfaser und der Manilahanf sehr feine spinnfähige Fasern. Ihrer
Bedeutung
entsprechend sind die meisten der genannten Fasern unter selbständigem
Stichwort besprochen. -Der Flachs scheidet als koloniale P. aus, da nur
die gemäßigten Zonen wertvolle Fasern liefern. Für wärmere Gebiete kommt
er nur als Ölfrucht in Betracht. Es mag aber nicht unerwähnt bleiben,
daß man in Argentinien und in den Vereinigten Staaten, wo die Pflanze
ausschließlich der Saat wegen gebaut wird, heute die allerdings
geringwertigere
Faser zum Teil für die Seilerei nutzbar macht. So gibt es in den
Vereinigten
Staaten eine Gesellschaft, die die Faser des Saatlein mit Sisal zu
Garbenbindegarnen
verarbeitet. - Neben dem echten Hanf (s.d.). kommen aus Indien eine
Reihe
von Fasern unter dem Namen indischer Hanf in den Handel,
die nicht von der echten Hanfpflanze Cannabis stammen. Sie lassen sich
in zwei Gruppen trennen, von denen die eine dem echten Hanfe näher
steht,
während die andere mehr juteähnliche Fasern enthält (s. Jute). In die
Hanfgruppe gehört der sog. Sunnhanf, der auch indischer Hanf, Bombayhanf oder brauner indischer Hanf heißt.
Er stammt von einer e injährigen, hülsenfrüchtigen Pflanze, Crotalaria
juncea. Auch andere zu derselben Familie gehörende Gattungen, wie
Sesbania
und Vigna, geben brauchbare, dem Sunnhanf ähnliche Fasern. -Der
Neuseeländische
Flachs, auch Neuseeländische Hanf genannt, stammt von der Liliacee,
Phormium
tenax, mit schmalen, fast 2 m langen, dünnfleischigen Blättern, die
fächerartig
gestellt sind. Die Pflanze wird hauptsächlich in Neuseeland kultiviert.
Es fehlt aber nicht an Versuchen, sie anderwärts einzuführen. Ihre
Bedeutung
für den Markt war aber bisher wegen der ungleichmäßigen Zufuhr eine
recht
schwankende. Neuerdings scheint sich der Handel etwas zu beleben und der
Anbau sich auszudehnen. - Über die Abstammung der Ananasfasern
gehen die Meinungen noch auseinander. Man nimmt an, daß sie von wilden
Arten der Gattung Bromelia, die man in den Tropen
vielfach als Heckenpflanze findet, oder von verwilderten Formen der
Obstananas
stammt. Es ist eine besonders feine, weiße, fast unverholzte Faser, die
sich für die feinsten Gewebe eignen würde.- Es werden z.B. auf den
Philippinen
derartige, Pinja genannte Stoffe hergestellt. Im Handel ist die Faser
sehr selten. Man erhält in der Regel Sisalhanf an Stelle der geforderten
Ananasfaser. - Unter den gröberen P., die weniger zu Spinn- und
Seilereizwecken
verwendet werden, sind neben den Piassaven
(s.d.) noch die Reiswurzel, die Luffa, das Espartogras und die Palmblätter zu erwähnen.
- Die Reiswurzel, im Handel auch Zacaton
oder Broom root genannt, werden in Mexiko aus den
Wurzeln
einiger Gräser, Epicampes stricta, E.
macrouera, Agrostis tolucensis und einer Festucaart hergestellt. Sie
haben
also mit dem echten Reis nichts zu tun und
stammen auch nicht, wie man früher annahm, von Andropogonarten. Die
langen,
wellig gekrümmten Wurzeln werden von der weichen Rinde befreit und durch
Reiben mit Steinen, Waschen, Trocknen und ev. Schwefeln marktfähig
gemacht.
Sie werden in Bündel etwa von Armstärke gebunden und sind etwa 50 ein
lang. Sie dienen zur Herstellung von groben Bürsten und Besen. In
Ostafrika
hat man Anbauversuche gemacht, aber ohne praktische Erfolge. Die Ware
ist zurzeit sehr gesucht und dürfte für Nebenkulturen in Frage kommen.
Neuerdings hat man auch die oberirdischen Teile dieser Gräser für die
Papierfabrikation einzuführen versucht, aber bis jetzt keine dauernde
Abnahme gefunden. - Eine in allen Tropen
verbreitete, vor allem aber in Japan kultivierte Netzgurkenart, Luffa
acutangula, besitzt in ihren oft bis zu 1/2 m langen Früchten ein
netzartiges
Fasergewebe, das nach dem Trocknen der Früchte gewonnen werden kann und
zur Herstellung von Einlegesohlen, Badepantoffeln, Badeschwämmen u. a.
in großen Mengen regelmäßig exportiert wird. Die Faser muß möglichst
weiß
und frei von Spakflecken und Schäbe sein. Versuche, in Ostafrika haben
die Möglichkeit des Anbaues ergeben. Die Ware muß aber noch größer und
besser aufbereitet werden. - Das an der Mittelmeerküste Afrikas und in
Spanien weitverbreitete Esparto- oder Alfagras,
Stipa tenacissima und Lygeum spartum, wird wegen seiner sehr festen,
durch
Umrollen der Blattspreiten scheinbar stielrunden Blätter im Heimatlande
als Rohmaterial für Flechtwerk und
grobe Stricke allgemein verwendet. In Spanien liefert es die Umschnürung
der Apfelsinenkisten. Das einzelne Blatt findet als sog. Strohhalm in
den Virginiazigarren Verwendung. England führt große Mengen dieses
Grases
für die Papierfabrikation ein. Neuerdings scheint man auch der
Verwendung
der feiner gehechelten Blattfaser in der Spinnerei näher getreten zu
sein.
Eine Kultur der Pflanze besteht zurzeit kaum. Der Anbau ist gelegentlich
für die Kolonien empfohlen worden. Er dürfte nicht ganz
leicht sein, ist aber für Deutsch-Südwestafrika nicht ganz
von der Hand zu weisen. - Als Bürsten- und Besenmaterial, sowie zur
Herstellung
vegetabilischer Roßhaare finden die Fasern einer kurzblättrigen Agave
unter dem Namen Ixtle (s.d.) umfangreiche Verwendung. - Die Blätter
der meisten Palmen, der Schraubenbäume und mancher Gräser werden
in ihren Heimatländern zur Herstellung von gröberen und feineren
Geflechten,
Strohhüten und zum Teil zur Gewinnung von Fasern für Stricke verwandt.
Für den Großhandel spielen die jungen Blätter der kleinen im
Mittelmeergebiet
verbreiteten Fächerpalme, Chamaerops humilis, unter den Namen Crin d'Afrique, Pflanzenhaar, Krollhaarsplint oder Vegetabilisches Roßhaar als
Polstermaterial
eine nicht unbedeutende Rolle. Aus den leinen Blattstreifen vieler
Palmen
geflochtene Strohhüte kommen in neuerer Zeit von den Philippinen und aus
Madagaskar in nicht unbedeutenden Mengen auf den europäischen Markt. Von
der südamerikanischen, aber auch auf den westindischen Inseln
verbreiteten,
im Wuchse einer Fächerpalme ähnlichen Cyclanthacee Carloduvica Palmata
stammt das Material für die Panamahüte. Während bis vor kurzem die Hüte
nur an Ort und Stelle angefertigt wurden, exportiert man heute auch das
sog. Panamastroh, d.h. die jungen noch nicht entfalteten Blätter dieser
Pflanze, entweder unbearbeitet oder bereits in schmale Streifen zerlegt.
Einen sehr brauchbaren Bast gewinnt man auf Madagaskar von den mächtigen
Fiederblättern
der Raphiapalmen (s. Palmen), indem die Oberhaut von den Blattfiedern
mit der darunter liegenden Faserschicht abgezogen und getrocknet wird.
Man erhält so mehrere Zentimeter breite Baststreifen, die sich als
vorzügliches
Bindematerial in der Gärtnerei, besonders für leichtere Pflanzenteile
bewährt haben. Palmblätter und Gräser (s.d.), sowie leichtere tropische
Hölzer, z. B. das Elefantengras
(s.d.) und der Schirmbaum (s.d.) in
Kamerun sind mehrfach als Rohstoff für die
Papierfabrikation
empfohlen worden. Man wollte sogar draußen gleich Halbzeug herstellen.
Bis jetzt wird aus den Kolonien aber nur die Rinde des Affenbrotbaums
(s.d.) als Papierrohstoff in beschränkten Mengen gehandelt.
Literatur: Wiener, Faserpflanzen, in "Die Rohstoffe des
Pflanzenreichs", 2. Aufl. Bd. 2 S.
167-463, 1903 (wird zurzeit neu bearbeitet). J. Beauverie, Les textiles
végétaux, Paris 1913, Gauthier- Villars; 730 pag. -Ch. R. Dodge, A descriptive
catalogue of useful fiber plants of the world, Washington 1897, 361 pag. J.
Dekker, Vezelstoffen, in: Van Gorkoms' oostindische cultures, Bd. III,
Amsterdam, Bussy, 1913, pag. 419 -554. - New Zealand Hemp (Bull. of the
Imperial Inst., vol. V, 1907, 36-45). - A. Zimmermann, Die Kultur und Verwendung
von Phormium tenax, der Stammpflanze des Neuseelandhanfes (Der Pflanzer I V,
1908, 8-13). - E. Henning, Phormium tenax, Neuseeländischer Flachs
(Tropenpflanzer V, 433-438). - Phormium
tenax: New Zealand Flex, Report on Natal Botanic Gardens, 1906/07, 13-22. - R.
Endlich, Die Zacatonwurzel, Tropenpflanzer X, 1906, 369-382, 3 Abb. - H. de
Montessus de Ballore, Alfa et papier d'Alfa, Paris 1909, 74 ff. - A. Izard,
L'exploitation de l'alfa et les ressources naturelles dans l'annexe d'ElAricha,
Bull. Soc. de Géographie d'Alger, 1910. - F. Stuhlmann, Halfagras oder Esparto
für Deutsch -Ostafrika?
Der Pflanzer III, 1907, 243-245. voigt
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