Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 68 f.

Pocken. 1. Begriff. 2. Verbreitung. 3. Symptome. 4. Schwarze Pocken. 5. Sterblichkeit. 6. Bekämpfung. 7. Behandlung. 8. Prophylaxe.

1. Begriff. Die P. sind eine akute, hochgradig kontagiöse, fieberhafte Infektionskrankheit, die hauptsächlich gekennzeichnet ist durch das Auftreten eines spezifischen Hautausschlags in Form von Knötchen-, Blasen- und Pustelbildung, die charakteristische eingezogene Narben, namentlich im Gesicht, hinterläßt. Die Erreger der Krankheit finden sich im Inhalt der Pusteln und werden durch Kontakt übertragen. - Andere Benennungen: Blattern; lat.: Variola, Febris variolosa; franz.: variole, petite vérole; engl.: small -pox.

2. Verbreitung. 'Die Empfänglichkeit aller Rassen für die Krankheit ist eine sehr große, die Ausbreitung eine schnelle. Dementsprechend gehörten die P. schon in alten Zeiten zu den am meisten verbreiteten und gefürchteten Volkskrankheiten. Auch heutzutage sind sie noch eine der gefährlichsten "Volkskrankheiten" im wahren Sinne des Wortes für die meisten Eingeborenenstämme in tropischen und auch anderen Ländern. Insbesondere auch erliegen in unseren Kolonien selbst nach Einführung der Impfung (s.d.) jährlich noch viele Eingeborene den P., so z.B. namentlich in Kamerun und Togo. Eine Durchimpfung der ganzen Eingeborenenbevölkerung in unseren Kolonien mit wirksamer Lymphe dürfte noch manche Jahre in Anspruch nehmen. In Deutschland sind die P. seit Einführung des Impfzwangs zur Seltenheit geworden.

3. Symptome. Die Krankheit beginnt 10 - 14 Tage nach der Ansteckung mit mehr oder minder heftig einsetzenden Symptomen: Kreuz- und Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Schüttelfrost (nicht immer) und Fieber, meist mittleren Grades. Hinzu kommen im Initialstadium: Abgeschlagenheit, Schlaflosigkeit, Schlingbeschwerden und am 2. oder 3. Tage eine meist zusammenhängende, scharlachartige Rötung der Körperhaut. In dieser Zeit schon sind häufig Herzangst und Rückenschmerzen sehr ausgesprochen. Dann folgt das sog. "Eruptionsstadium" mit Beginn der eigentlichen P.bildung, zunächst im Gesicht, dann aber auch schubweise an anderen Körperteilen, auf Rücken, Brust, Bauch, Armen, Beinen usw. - Die Temperaturen Fallen in der Regel im 2. Stadium, um dann am 8. und 9. Tage der Erkrankung, im sog. Suppurations- (Eiterungs-) stadium, ev. mit Schüttelfröst, wieder anzusteigen. Die Pusteln vereitern jetzt. Dabei kann das Fieber eine lebensbedrohende Höhe erreichen. In diesem Stadium können auch insbesondere die auf Schleimhäuten entstandenen P. gefährlich werden (Erstickungsgefahr u. dgl.). Vom 10. bis 12. Krankheitstage an trocknen die P. wieder ein (Exsikkations-, Eintrocknungsstadium). Dabei entstehen Narben, die meist für das ganze Leben sichtbar bleiben und ev. auch - wenn P.pusteln zusammengeflossen waren -, arge Entstellungen zurücklassen können.

4. Schwarze Pocken. Eine besonders schwere Form sind die sog. "schwarzen Pocken", die man für eine Mischinfektion hält. Zu den stürmischen Erscheinungen kommen am 4. oder 5. Krankheitstage nach unförmlicher Schwellung von Haut und Schleimhäuten unstillbare Blutungen (hämorrhagische P.) aus Nase, Zahnfleisch, Darm, Lungen, Magen usw., die stets zum Tode führen.

5. Sterblichkeit. - Die Sterblichkeit bei der nicht komplizierten P.erkrankung ist bei verschiedenen Epidemien verschieden. Je nach der Bösartigkeit der Epidemien (Komplikationen) wird sie erhöht. Viele Millionen Menschen sind der Seuche zum Opfer gefallen, und es sterben auch jetzt noch Hunderttausende jährlich an P. Immerhin hat die Ausdehnung der Krankheit und die Sterblichkeit seit Einführung der Impfung (s.d.) ganz enorm abgenommen.

6. Bekämpfung. Isolierung der Kranken und der mit ihnen in Berührung gekommenen Angehörigen usw.; Schutzimpfungen bei allen Ansteckungsverdächtigen und sonstigen Gefährdeten; Desinfektionen wie bei allen ansteckenden Krankheiten.

7. Behandlung. Ein spezifisches Heilmittel kennen wir nicht. Zweckmäßig hält man die isolierten Kranken in einem 15° warmen, verdunkelten Zimmer so lange, bis sie völlig geheilt sind. Gegen die einzelnen Symptome werden vom Arzte Verordnungen gegeben. Auf sorgfältige Diät ist besonders zu achten.

8. Prophylaxe. Das beste Schutzmittel ist die Schutzpockenimpfung (s. Impfung).

Literatur: Eulenburgs Realenzyklopaedie.

Mühlens.