Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 78

Polynesier, die Bewohner Polynesiens (s.d.) samt Neuseelands. Die P. bilden trotz ihrer weiten Verbreitung eine in den Hauptzügen durchaus einheitliche Bevölkerung. Sie ist von hellbrauner Hautfarbe, hat schwarzes Haar, dunkle Augen und mittlere Größe, die einzelne Individuen allerdings erheblich überschreiten; die Form des Gesichts erinnert stark an die europäische, wenn man von der oft etwas breiten und flachen Nase absieht. Die politische Organisation beruht auf der Familie und weiterhin dem Stamm; sorgfältig überlieferte Stammtafeln halten die Familientradition lebendig und bilden gleichzeitig den Anfang einer Geschichte, die übrigens reich an Kriegen ist. Die Wirtschaft beruht auf dem Landbau, der vorwiegend mit dem Grabstock betrieben wird, daneben spielt die Fischerei eine wichtige Rolle; Fleisch liefert weiterhin das Schwein und Geflügel, früher zum Teil auch der Hund. Die Religion kennt eine Anzahl von Göttern, die auf animistischer Grundlage entstanden zu sein scheinen (s. Religionen der Eingeborenen), überdies einen Kult von Heroen, die Stammväter der Häuptlingsgeschlechter sind. Eine Fülle von Mythen bringt sie mit Kulturleistungen usw. in Zusammenhang. Die materielle Kultur ist je nach dem Reichtum der Inseln sehr ungleichartig; der hohen künstlerischen Entwicklung von Neuseeland, Hawaii und den Marquesasinseln stehen die sehr, bescheidenen Erzeugnisse der Elliceinseln usw. gegenüber. Überall gut entwickelt ist nur die Schiffahrt, zumal in Zentralpolynesien. Die Segelfahrzeuge gestatteten wochen- und monatelange Reisen zwischen den Gruppen, die friedlichem Verkehr ebenso dienten wie Kriegen, die zu einer gewissen Zeit hauptsächlich von Tonganern unternommen wurden. - Die Kultur und vor allem die Sprache weist mit Bestimmtheit auf die Verwandtschaft mit den Mikronesiern und Indonesiern hin, so daß man vielfach diese hellfarbigen Völkergruppen als Malaiopolynesier zusammenfaßt; ihnen schließen sich sprachlich die Melanesier (s. Austronesische Sprachen, Melanesische Sprachen, Polynesische Sprachen) an. Als Zeit der Einwanderung der P. aus Indonesien wird mit großer Wahrscheinlichkeit etwa das Jahr, 1000 n. Chr. angenommen. Die Einwanderung hat von Westen nach Osten stattgefunden, ohne daß der Weg im einzelnen genau zu bestimmen wäre. Zu verschiedenen Zeiten haben dann teils freiwillig auf Kriegs- und Eroberungszügen. teils unfreiwillig durch Verschlagungen Wanderungen von Osten nach Westen stattgefunden, die zur dauernden Besiedelung kleiner Inseln östlich von den großen melanesischen führten (Sikaiana, Tasman-, Lord Howe-, Nuguriainsel u.a.), die Gründung von P.-Kolonien in den Neuen Hebriden, den Guilbert-, Marshall- und Karolineninseln (z.B. Ponape) zur Folge hatten und in großem Umfange Mikronesien, in geringem Ostmelanesien mit polynesischen Elementen durchsetzten. S.a. Polynesische Exklaven und Polynesische Sprachen.

Thilenius.