Polynesische Exklaven. Am Ostrand der großen melanesischen
Inseln
liegt eine Reihe kleiner Atolle, die keine
melanesische, sondern eine polynesische Bevölkerung tragen. Drei davon
gehören
zum deutschen Bismarckarchipel:
Nuguria (s.d.), Tauu (s.d.) und Nukumanu (s.d.). - Der Überlieferung nach sind die
Bewohner von Osten her eingewandert. Von Mikronesien her ist vor allem der Webstuhl
eingeführt.
Die Sprachen sind einander sehr ähnlich und stehen den
zentralpolynesischen
nahe. - Die Leute sind mittelgroß, stämmig, von hellbrauner Farbe und
haben
schwarzes schlichtes, zuweilen gewelltes Haar. Leibesfülle gilt als
Schönheit;
die Vornehmen werden gemästet, so daß ein Körpergewicht von 200 kg nicht
selten ist. - Wie in Paramikronesien ist die Bevölkerung auch
hier im Aussterben begriffen: Nuguria
zählt
etwa 50, Tauu 20, Nukumanu 100 Individuen. - Die Bevölkerung zerfällt in
drei Klassen: Häuptlinge und ihre männlichen Verwandten Tu'u, auch Tui),
Priester (Makua, Matua), Volk. - Die
Häuptlinge
gelten als Nachkommen der sagenhaften Vorfahren, die zuerst die Inseln
besiedelten.
Ihre Würde ist erblich, doch pflegt dem verstorbenen Häuptling zunächst
sein jüngerer Bruder, dann erst sein Sohn zu folgen. - Die ersten beiden
Klassen sind gleichzeitig die Eigentümer des Landes; sie verpachten es dem
Volke. - Die Ständegliederung wird auch nach dem Tode beibehalten: Die
Häuptlinge
werden zu Ahnengottheiten (Aitu); die Seelen der Priester gehen in das über den
Sternen gedachte Seelenreich ein; die Seelen des Volkes bewohnen eine
bestimmte
Stelle auf dem Riff. - Für die Ehe bestehen besondere Gesetze: Während die
Angehörigen der zweiten und dritten Klasse ihre Gatten beliebig wählen
dürfen,
müssen die der ersten außerhalb ihrer Klasse heiraten. Die Männer der
zweiten
und dritten Klasse haben dem Schwiegervater ein Geschenk an Matten,
Schildpatt
und Gelbwurz zu entrichten; die der ersten befehlen das erwählte Mädchen
zu sich. -Vor der Heirat führen die Mädchen ein ungebundenes Leben, jedoch
dürfen sie nur mit den Angehörigen der eigenen Klasse verkehren. - Die
Niederkunft
der Frauen v on Männern der ersten Klasse findet im Hause des
Familienoberhauptes,
die der dritten Klasse im eigenen Hause statt. - Mit dem 10. bis 11.
Lebensjahre
werden Pubertätsfeste abgehalten;
den Knaben werden Septum und Nasenflügel, den Mädchen die Ohrläppchenn
durchbohrt.
Beide erhalten zum Zeichen der Reife die Kleidmatte, während sie vorher
nackt gingen. - Auf Nukumanu, wo die Tatauierung
geübt wird, beginnt man beim Mädchen sofort mit ihr, während sie bei den
Jünglingen erst nach der Verheiratung vorgenommen wird. - Die Toten werden
in Matten gehüllt und beerdigt; jede Klasse hat ihren besonderen Friedhof.
Während die Toten der dritten Klasse ohne weiteres zu Grabe getragen
werden,
finden bei denen der ersten beiden Klassen eine allgemeine Totenklage,
Ausstellung
der Leiche und Festmahl statt. Die Makua erhalten einen Korallenblock als
Grabstein, der mit Öl gesalbt und mit geweihten Pandanusblättern bekränzt
wird. - Im März jeden Jahres wird für die Verstorbenen der ersten Klasse
ein Totenfest gefeiert, das gewöhnlich mit den Pubertätsweihen verbunden
wird. - Die religiöse Verehrung gilt den Seelen der ersten Ansiedler. Man
errichtet ihnen Standbilder, die auch durch einen Zeremonialspeer oder
einen
einfachen Holzstab ersetzt werden. - Die Seelen der verstorbenen Häuptlinge
haben ebenso wie die seinerzeit mitgebrachten polynesischen Götter eine
sehr untergeordnete Bedeutung. Ferner werden Dämonen gefürchtet, die in
Bäumen, auf dem Riffe, im Wasser wohnen und
dem Menschen Schaden und Krankheiten bringen. Besondere Priester und Zauberer, die gleichzeitig Ärzte sind, vermitteln
den Verkehr der Menschen mit den Seelen und Geistern. - Die Eingeborenen
wohnen in Dörfern, die von regelmäßigen, breiten Straßenanlagen durchzogen
sind. Die Anlage wird durch einen großen freien Platz unterbrochen, um den
die sorgfältig gebauten offenen Wohnhallen der Seelen stehen. Besonders
geräumig und schön gebaut ist der Tempel; er ist mit Matten ausgelegt, und in ihm werden die Seelen der
ersten Siedler verehrt. - Die eigentlichen Wohnhäuser haben rechteckigen Grundriß. Der
Firstbalken der Häuser wird von 2-3 Säulen getragen und ruht seitlich auf
vier kleineren Pfosten, die gleichzeitig die Eckpfeiler der Wände bilden.
Dach und Wände werden mit Palmblattmatten verkleidet. - Außerhalb des
Dorfes
liegen die Pflanzungen. In tiefen,
Gruben
wird hier der Taro gebaut. - Die Wasserversorgung geschieht durch
Senkbrunnen.
-Taro, Kokosnuß, Fische, dazu die seit
kurzem
eingeführten Hunde, Schweine, Hühner
und Reis bilden die Nahrung der Leute. -
Männer
und Frauen tragen den gewebten Maro oder die Kleidmatte. -Schmuck gibt es
wenig: Man reibt sich mit Öl und Gelbwurz
ein, in der Nase und in den Ohren wird Schildpattschmuck getragen, um den
Arm legt man geflochtene Bänder, um den Hals trägt man Ketten aus
Kokosscheiboben,
welche gleichzeitig die Stelle des Geldes vertreten, und bearbeitete
Pottwalzähne.
Der Hausrat ist einfach; er besteht in einfachen hölzernen Kopfbänken,
runden
und elliptischen Holzschüsseln, die gelegentlich mit Füßen versehen
werden,
umflochtenen Kokosschalen für Wasser und Öl, Stampfern aus Holz oder
Koralle,
Muschel- und Schildkrotmessern, -schabern, -löffeln, Körben usw. -Als
Werkzeuge
verwendet man Terebra- und Tridacnabeile, Knochennadeln; Pfriemen usw.
Kriege
wurden früher zwischen den Gruppen und den einzelnen Inseln der Gruppen
geführt. Aus der Zeit stammen auch die ungeschlachtenen Waffen, lange,
glatte
Holzspeere oder Lanzen mit 1-12
Parierhölzern,
die, an den Schaft gebunden, gleichzeitig die Stelle von Schlaghaken
vertreten.
Daneben verwendet man Schleudern und
im Nahkampfe Keulen aus einfachen Holzprügeln oder Walknochen.
- Aus der Technik der Inseln ist die Gelbwurzbereitung bemerkenswert und
die Weberei, die denen der Karolinen gleichen.- Dem Fischfang geht man mit
Hand-, Wurf-, Senk-, Zugnetzen, Hamen, Speer und Haken nach. - Als Boote
benutzt man Auslegereinbäume, die mit Vorliebe aus Treibholz hergestellt
werden. Bug und Heck tragen sichelförmige, durchbrochene Aufsätze. Die
großen
Boote führen dreieckige Mattensegel.
Literatur: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee. Stuttg. 1907. -
Thilenius, Ethnologische Ergebnisse aus Melanesien I. Halle 1902/3.
- Sarfert in den Ergebnissen der Südsee - Expedition der Hamburger
Wissenschaftlichen Stiftung.