Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 78 ff.

Polynesische Exklaven. Am Ostrand der großen melanesischen Inseln liegt eine Reihe kleiner Atolle, die keine melanesische, sondern eine polynesische Bevölkerung tragen. Drei davon gehören zum deutschen Bismarckarchipel: Nuguria (s.d.), Tauu (s.d.) und Nukumanu (s.d.). - Der Überlieferung nach sind die Bewohner von Osten her eingewandert. Von Mikronesien her ist vor allem der Webstuhl eingeführt. Die Sprachen sind einander sehr ähnlich und stehen den zentralpolynesischen nahe. - Die Leute sind mittelgroß, stämmig, von hellbrauner Farbe und haben schwarzes schlichtes, zuweilen gewelltes Haar. Leibesfülle gilt als Schönheit; die Vornehmen werden gemästet, so daß ein Körpergewicht von 200 kg nicht selten ist. - Wie in Paramikronesien ist die Bevölkerung auch hier im Aussterben begriffen: Nuguria zählt etwa 50, Tauu 20, Nukumanu 100 Individuen. - Die Bevölkerung zerfällt in drei Klassen: Häuptlinge und ihre männlichen Verwandten Tu'u, auch Tui), Priester (Makua, Matua), Volk. - Die Häuptlinge gelten als Nachkommen der sagenhaften Vorfahren, die zuerst die Inseln besiedelten. Ihre Würde ist erblich, doch pflegt dem verstorbenen Häuptling zunächst sein jüngerer Bruder, dann erst sein Sohn zu folgen. - Die ersten beiden Klassen sind gleichzeitig die Eigentümer des Landes; sie verpachten es dem Volke. - Die Ständegliederung wird auch nach dem Tode beibehalten: Die Häuptlinge werden zu Ahnengottheiten (Aitu); die Seelen der Priester gehen in das über den Sternen gedachte Seelenreich ein; die Seelen des Volkes bewohnen eine bestimmte Stelle auf dem Riff. - Für die Ehe bestehen besondere Gesetze: Während die Angehörigen der zweiten und dritten Klasse ihre Gatten beliebig wählen dürfen, müssen die der ersten außerhalb ihrer Klasse heiraten. Die Männer der zweiten und dritten Klasse haben dem Schwiegervater ein Geschenk an Matten, Schildpatt und Gelbwurz zu entrichten; die der ersten befehlen das erwählte Mädchen zu sich. -Vor der Heirat führen die Mädchen ein ungebundenes Leben, jedoch dürfen sie nur mit den Angehörigen der eigenen Klasse verkehren. - Die Niederkunft der Frauen v on Männern der ersten Klasse findet im Hause des Familienoberhauptes, die der dritten Klasse im eigenen Hause statt. - Mit dem 10. bis 11. Lebensjahre werden Pubertätsfeste abgehalten; den Knaben werden Septum und Nasenflügel, den Mädchen die Ohrläppchenn durchbohrt. Beide erhalten zum Zeichen der Reife die Kleidmatte, während sie vorher nackt gingen. - Auf Nukumanu, wo die Tatauierung geübt wird, beginnt man beim Mädchen sofort mit ihr, während sie bei den Jünglingen erst nach der Verheiratung vorgenommen wird. - Die Toten werden in Matten gehüllt und beerdigt; jede Klasse hat ihren besonderen Friedhof. Während die Toten der dritten Klasse ohne weiteres zu Grabe getragen werden, finden bei denen der ersten beiden Klassen eine allgemeine Totenklage, Ausstellung der Leiche und Festmahl statt. Die Makua erhalten einen Korallenblock als Grabstein, der mit Öl gesalbt und mit geweihten Pandanusblättern bekränzt wird. - Im März jeden Jahres wird für die Verstorbenen der ersten Klasse ein Totenfest gefeiert, das gewöhnlich mit den Pubertätsweihen verbunden wird. - Die religiöse Verehrung gilt den Seelen der ersten Ansiedler. Man errichtet ihnen Standbilder, die auch durch einen Zeremonialspeer oder einen einfachen Holzstab ersetzt werden. - Die Seelen der verstorbenen Häuptlinge haben ebenso wie die seinerzeit mitgebrachten polynesischen Götter eine sehr untergeordnete Bedeutung. Ferner werden Dämonen gefürchtet, die in Bäumen, auf dem Riffe, im Wasser wohnen und dem Menschen Schaden und Krankheiten bringen. Besondere Priester und Zauberer, die gleichzeitig Ärzte sind, vermitteln den Verkehr der Menschen mit den Seelen und Geistern. - Die Eingeborenen wohnen in Dörfern, die von regelmäßigen, breiten Straßenanlagen durchzogen sind. Die Anlage wird durch einen großen freien Platz unterbrochen, um den die sorgfältig gebauten offenen Wohnhallen der Seelen stehen. Besonders geräumig und schön gebaut ist der Tempel; er ist mit Matten ausgelegt, und in ihm werden die Seelen der ersten Siedler verehrt. - Die eigentlichen Wohnhäuser haben rechteckigen Grundriß. Der Firstbalken der Häuser wird von 2-3 Säulen getragen und ruht seitlich auf vier kleineren Pfosten, die gleichzeitig die Eckpfeiler der Wände bilden. Dach und Wände werden mit Palmblattmatten verkleidet. - Außerhalb des Dorfes liegen die Pflanzungen. In tiefen, Gruben wird hier der Taro gebaut. - Die Wasserversorgung geschieht durch Senkbrunnen. -Taro, Kokosnuß, Fische, dazu die seit kurzem eingeführten Hunde, Schweine, Hühner und Reis bilden die Nahrung der Leute. - Männer und Frauen tragen den gewebten Maro oder die Kleidmatte. -Schmuck gibt es wenig: Man reibt sich mit Öl und Gelbwurz ein, in der Nase und in den Ohren wird Schildpattschmuck getragen, um den Arm legt man geflochtene Bänder, um den Hals trägt man Ketten aus Kokosscheiboben, welche gleichzeitig die Stelle des Geldes vertreten, und bearbeitete Pottwalzähne. Der Hausrat ist einfach; er besteht in einfachen hölzernen Kopfbänken, runden und elliptischen Holzschüsseln, die gelegentlich mit Füßen versehen werden, umflochtenen Kokosschalen für Wasser und Öl, Stampfern aus Holz oder Koralle, Muschel- und Schildkrotmessern, -schabern, -löffeln, Körben usw. -Als Werkzeuge verwendet man Terebra- und Tridacnabeile, Knochennadeln; Pfriemen usw. Kriege wurden früher zwischen den Gruppen und den einzelnen Inseln der Gruppen geführt. Aus der Zeit stammen auch die ungeschlachtenen Waffen, lange, glatte Holzspeere oder Lanzen mit 1-12 Parierhölzern, die, an den Schaft gebunden, gleichzeitig die Stelle von Schlaghaken vertreten. Daneben verwendet man Schleudern und im Nahkampfe Keulen aus einfachen Holzprügeln oder Walknochen. - Aus der Technik der Inseln ist die Gelbwurzbereitung bemerkenswert und die Weberei, die denen der Karolinen gleichen.- Dem Fischfang geht man mit Hand-, Wurf-, Senk-, Zugnetzen, Hamen, Speer und Haken nach. - Als Boote benutzt man Auslegereinbäume, die mit Vorliebe aus Treibholz hergestellt werden. Bug und Heck tragen sichelförmige, durchbrochene Aufsätze. Die großen Boote führen dreieckige Mattensegel.

Literatur: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee. Stuttg. 1907. - Thilenius, Ethnologische Ergebnisse aus Melanesien I. Halle 1902/3. - Sarfert in den Ergebnissen der Südsee - Expedition der Hamburger Wissenschaftlichen Stiftung.

Thilenius,Hambruch

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