Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 80 f.

Polynesische Sprachen

1.Geschichte ihrer Erforschung. 2. Kurze Charakterisierung.

1. Geschichte ihrer Erforschung. Für den deutschen Kolonialbesitz in der Südsee sind die polynesischen Sprachen deshalb nicht von solcher Bedeutung, weil, von den kleinen polynesischen Enklaven (s. Polynesische Exklaven) im melanesischen Sprachgebiet abgesehen, nur der deutsche Teil von Samoa zum polynesischen Sprachgebiet gehört. Es wird deshalb im Folgenden nur eine kurze Skizze von ihnen gegeben werden, um so mehr, da manches sie Betreffende in den beiden Artikeln: Austronesische Sprachen und Melanesische Sprachen enthalten ist. - Die ersten kurzen Darlegungen der Zusammengehörigkeit der polynesischen Sprachen zueinander und zu den indonesischen Sprachen wurden bereits von R. Forster und Anderson gemacht, den beiden Begleitern Cooks auf seiner ersten und dritten Reise. Noch klarer und deutlicher bewies diesen Zusammenhang der Jesuit Lorenzo Hervas in seinem "Catálogo de las Lenguas" 1800. Er stand mit W ilhelm v. Humboldt (s.d.) in Korrespondenz, und diesem war es beschieden in seinem großen Kawi - Werk (1836) in gründlicher Untersuchung des ganzen Sprachaufbaus diesen Zusammenhang wissenschaftlich festzulegen; J. C. E. Buschmann führte diese Untersuchung im selben Sinne fort (1839). Trotz des Widerspruches von J. Crawfurd (1842) fanden Humboldts Ergebnisse immer allgemeinere Annahme. Sie wurde definitiv, als Fr. Müller (s.d.) in seiner Bearbeitung der linguistischen Materialien, welche die "Novara" auf ihrer Weltumsegelung auch in Polynesien gesammelt, diese Auffassung zu der seinigen machte (1867) und sie auch später in seinem "Grundriß der Sprachwissensobaft" (1882) wieder vortrug. Müllers Arbeit ist die letzte umfassende Darstellung der polynesischen Sprachen gewesen. Eine gründlichere Behandlung konnte erst in dem Maße einsetzen, als nicht nur das Verhältnis der später entdeckten melanesisehen Sprachen zu den polynesischen und indonesischen näher untersucht war, sondern auch die indonesischen als der erste Ausgangspunkt der beiden Gruppen erkannt und in sich selbst nach fester Laut- und Formgesetzlichkeit bestimmt wurden. Die erstere Aufgabe, in deren Verfolg zunächst die Müllersche Irrlehre von der Priorität des Polynesischen zu überwinden war, wurde durch H. Kern (s.d.), R. H. Codrington (s.d.) und W. Schmidt (s. d.) in dem Sinne gelöst, daß die polynesischen Sprachen als das End- und Zerfallsprodukt einer fortschreitenden analytischen Entwicklung bestimmt wurden (s. melanesische Sprachen). Die zweite Aufgabe, die gründliche Erforschung der indonesischen Sprachen, ist noch immer nicht in dem Grade gelöst, als es wünschenswert wäre, um der Erforschung der so abgeschliffenen und darum so unsicher zu erfassenden polynesischen Formen die nötige sichere Grundlage zu liefern. Die Arbeiten H. Kerns über das Altjavanische und die von Brandstetter über die indonesischen Sprachen überhaupt werden aber diesen Mangel immer mehr beheben. Unterdessen sind für die Lösung gegenwärtig möglicher Aufgaben auf dem Felde vergleichender Forschung der polynosischen Sprachen zu erwähnen E. Tregear und N. Finck.

2. Kurze Charakterisierung. In lautlicher Hinsicht ist die weitgehende Konsonantenarmut hervorzuheben. Die sämtlichen Auslautkonsonanten sind durch die ausnahmslose Regel des vokalischen Auslauts gefallen. Die Reihe der tönenden Explosiven ist mit der der tonlosen in eine zusammengefallen. Die beiden Liquiden l und r sind in eine zusammengeflossen, die im Fakaafo, Samoa, Tonga, Hawaii l, sonst überall r ist. Ursprüngliches s ist nur im Fakaafo und Samoa erhalten, sonst überall in h oder ' übergegangen. - In der Grammatik ist die vollständige Erstarrung der organischen Infix und fast aller Prä- und Suffixbildungen zu verzeichnen, deren Funktion durch eine Menge loser Partikeln übernommen wurde. Beim Pronomen personale dient der alte Trial als Plural, der alte unbestimmte Plural ist abhanden gekommen. Das Possessivverhältnis wird bei allen Substantiven durch mittelbare Suffigierung (s.o.) ausgedrückt. Beim Substantivum wird der Genetiv dem zu bestimmenden Wort nachgesetzt. Doch könnten Bildungen wie Samoa Lo le Ali'i fale "das des Häuptlings Haus (neben le fale o le ali'i) an eine Voranstellung des Genetivs denken lassen; indes kann der Genetiv le ali'i auch als abhängig und nachgestellt zu lo = "der" aufgefaßt werden. Der Wortschatz wie die Grammatik der polynesischen Sprachen ist, trotz der starken Zersplitterung über eine noch weiter ausgedehnte Inselwelt als die der melanesischen Sprachen, von sehr bedeutender Einheitlichkeit. Das läßt sich wohl nur erklären, wenn man annimmt, daß die Abwanderung der verschiedenen Einzelgruppen auf ihre Inseln noch nicht so sehr lange zurückliegt. Wie W. Schmidt gezeigt, ist als der letzte vorpolynesische Ausgangspunkt der polynesischen Sprachen das Sprachgebiet der südlichen Salomoninseln zu bezeichnen, mit dem sie sowohl im Wortschatz als in mehreren Punkten der Grammatik durch wichtige Gemeinsamkeiten verbunden sind. Eine Gruppierung der polynesischen Sprachen stellt F. N. Finck auf (1909), indem er eine West- und eine Ostgruppe unterscheidet, zu deren letzterer er Mangareva, Raparua, Neu-Marquesas-I., Rarotonga- Mangea, Tupuai, Hawaii und bis zu einem gewissen Grade Maori rechnet, während er das Fakaafo, Fatuna, Samoa, Tonga, Uvea und Niue der westlichen Gruppe zuweist.

Literatur: (Nur Werke, welche die Vergleichung sämtlicher polynesischer Sprachen oder bedeutender Teile derselben bezwecken, sind hier aufgenommen; die übrige Literatur bis 1888 ist verzeichnet bei Robert Needham Cust, Les Races et les Langues de l'Océanie, traduit par A. L. Pinart. Paris 1888): W. von Humboldt, Über die Kawisprache auf der Insel Java (Abhandlungen der Kön. Akad. d. Wiss. zu Berlin a. d. Jahre 1832, 2-4. Teil, 1836 bis 1839). Bd. 2 u. 3, bearbeitet, und herausgegeben von J. C. E. Buschmann. - J. Crawfurd, On the Malayan and Polynesian Languages and Races. Journal of the Ethnological Society. London I. - H. Hule, United States Exploring Expedition during the years 18381842, Philadelphia 1846. vol.. VI Philology. - Fr. Müller, Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857, 1858, 1859. Linguistischer Teil. Wien 1867. 1 V. Abt.: Malaio - Polynesische Sprachen, 267-357. - Derselbe, Grundriß der Sprachwissenschaft II. Wien 1882. 1-50. - G. Turner, Samoa. London 1884. Vergleichendes Wörterverzeichnis am Schluß, 354 bis 375. - H. Kern, De Fidjitaal. Amsterdam 1881. Besonders über Samoa und Maori. - E.Tregear, The Naori - Polynesian Comparative Dictionary. Wellington 1891. Eine sehr umfassende, aber ohne Herausarbeitung und Beachtung fester Lautgesetze angestellte Vergleichung des Wortschatzes, die deshalb manche Unmöglichkeiten enthält.- Rev. J. Ella, Dialect Changes in the Polynesian Languages (eine kurze vergleichende Übersicht der Grammatik und ein vergleichendes Wörterverzeichnis). Journal of the Antkropological Institute, XXIX (1899), 154180. - W. Schmidt, Über das Verhältnis der melanesischen, Sprachen zu den polynesischen und untereinander. Wien 1899. F. N. Finck, Die samoanischen Personal- und Possessivpronomina. Sitzgsber. d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wiss., phil. - hist. Kl. 1907. XXXVII. - Derselbe, Die Wanderungen der Polynesier nach dem Zeugnis ihrer Sprachen. Nachrichten der Kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Phil. - hist. Kl., 1909, 308-350. - G. Senart, Vocabulaire des termes, d'histoire naturelle en maléo-polynesien (in den Sprachen von Tahiti, Tuamotu, Mangareva und Marquesas). Revue de Linguistique XXXIX (1906), 121-136, 153 bis 163. -F. Soulier, Introduction à l'étude des langues polynésiennes. Rev. de, Ling. XXXIX (1906), 183-191. - Derselbe, Sur la Bibliographie des langues polynésiennes. Rev. de Ling. XL (1907), 24-30. -Derselbe, Etude comparée des langues polynésiennes. I. Le Maori de Nouvelle XXX Zélande, d'après la Grammaire de W. L. Williams. Rev. de Ling. XL (1907), 100-120, XLII (1909), 63-80, XLIV (1911), 261-276, XLV (1912), 41 bis 49. Von einer wissenschaftlichen Vergleichung ist in diesen Werken Souliers keine Rede, sowohl die "Introduction" wie die "Bibliographie" genügen nicht den bescheidensten Ansprüchen. - W. Churchill, The Polynesian Wanderings. Washington 1911. - S. H. Ray, Polynesian Linguistics, Journal of the Polenesian Society XXI (1913) 65 bis 76, 164 bis 172 ff., beabsichtigt, sich besonders mit den Sprachen der polynesischen Kolonien innerhalb des melanesischen Sprachgebietes zu beschäftigen.

Schmidt.