Deutsches Kolonial- Lexikon(1920), Band III, S. 104 ff.

Protektorat, Schutzverhältnis eines Staates über ein nicht zum Staatsgebiet gehörendes Land, Man unterscheidet ein völkerrechtliches und ein staatsrechtliches P. Das völkerrechtliche P. zerfällt in das Schutzversprechen, das ein Staat einem anderen gibt, ohne seine Souveränität zu mindern (das eigentliche, immer seltenere P; Beispiele: die Republik Danzig, die sich im Jahre 1454 unter den Schutz des Königs von Polen stellte und ein zweites Mal als freie und unabhängige Republik im Vertrage zu Mit 1807 dem Schutze der Könige von Preußen und Sachsen anvertraut wurde; die Republik San Marino im Verhältnis zu Italien) und in den Oberherrschafts- (Souzeränitäts- oder Vasallitäts-)vertrag, kraft dessen sich ein bisher souveräner Staat (Unterstaat) eines Teils seiner Staatsgewalt, insbesondere des Rechts der diplomatischen Vertretung, der Kriegsführung und des Abschlusses politischer, Verträge zugunsten eines mächtigeren, des oberherrlichen Staates (Souzeräns) begibt. (Beispiele: Türkei und Ägypten; Frankreich und Tunis, Marokko; England und Sansibar; Rußland und Buchara, Chiwa.) Die Begründung der Oberherrschaft bedarf der Anerkennung dritter Mächte, denen ein Einspruchsrecht zusteht, soweit dadurch in ihre wohlerworbenen Rechte eingegriffen wird. Die Aufkündigung des Schutzverhältnisses durch den Unterstaat ist rechtlich nicht zulässig, vielmehr für den Oberstaat ein Grund zum Kriege. Das staatsrechtliche P. ist einmal die vielfach durch Abschluß von Schutz- und Freundschaftsverträgen mit eingeborenen Häuptlingen, Kapitänen oder Jumben (vgl. Art. 34 der Kongoakte vom 26. Febr. 1885 RGBl. 8. 215) eingeleitete Schutzgewalt, d.h. nach deutschem Kolonialrecht die volle Staatsgewalt des Reichs über die deutschen Schutzgebiete, zum andern die auf ein völkerrechtliches pactum de excludendo alterum gegründete, noch nicht zur vollen Staatsgewalt entwickelte Schirmherrschaft über eine Interessensphäre(s. d.). - Unter einem kolonialen P. wird nach Kolonialrecht die Schutzherrschaft eines Staates über ein Überseeland verstanden, die bei einer Reihe großbritannischer halbsouveräner Besitzungen ein völkerrechtliches, bei den deutschen Schutzgebieten ein staatsrechtliches P. ist.

Literatur: Heilborn, Das völkerrechtliche Protektorat, Berl. 1891. - v. Stengel, Die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete, Tübingen u. Lpz. 1901, 8. 2 ff, 9. - Gareis, Deutsches Kolanialrecht, Gießen 1902, 2. 1 ff. - Reinsch, Colonial Government, New- York 1905, S. 109 11. - Hausschild, Die Staatsangehörigkeit in den Kolonien, Tübingen 1906, S. 19 ff. - Samen, Die staatsrechtliche Natur der deutschen Schutzgebiete, Z. Kolr. 1906, 18. 594, 602 11. - Köbner, Einführung in die Kolonialpolitik, Jena 1908, S. 11 ff. - Ullmann, Völkerrecht, Tübingen 1908, 8.102 ff, 105 ff. - Edl. v. Hoffmann, La colonie, le protectorat et les protectorats allemands et anglais sur le continent africain, Bulletin de Colonisation comparée, Brüssel 1909, 8. 531 ff. - Gairal, Le protectorat international, Paris 1910. - Edl. v. Hoffmann, Einführung in das deutsche Kolonialrecht, Lpz. 1911, 8. 1/1. Laband, Das Staatsrecht des Deutschen Reichs, Bd. 2, Tübingen 1911, S. 278 ff. - v. Liszt, Das Völkerrecht, Berl. 1913, S. 56-60, 82.

R. Fischer.