Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 111 ff.

Psychologie der Eingeborenen.

1. Empfindung, Gefühl. 2. Wille. 3. Affekt. 4. Intellekt. 5. Sittlichkeit.

1. Empfindung, Gefühl. Die spärlichen Beobachtungen über die Empfindungen bei Naturvölkern lassen den Schluß nicht zu, daß erhebliche Unterschiede in den Sinneswahrnehmungen gegenüber den Kulturvölkern bestehen; wo die Leistungen von Auge und Ohr eines Farbigen die des Weißen übertreffen, dürfte es sich um die Folge einer von frühester Jugend begonnenen Übung im Beobachten handeln. Auch auf dem Gebiete der Gefühle ist ein grundsätzlicher Unterschied nicht anzunehmen, und die P. der Naturvölker kann von der der Kulturvölker nur als dem Grade nach verschieden bezeichnet werden. Bestimmte psychische Erscheinungsformen sind bald bei der einen bald bei der anderen Gruppe überwiegend vorhanden, und zwischen beiden vermitteln einerseits geistig hochstehende Farbige, andererseits niedrigstehende Weiße den Übergang. Erziehung und systematische Schulung haben bei Indianern und Negern in Amerika, bei Indern und Malaien, bei Polynesiern und Mikronesiern im Laufe weniger Generationen den Gegensatz verwischt, der zunächst zwischen dem gebildeten Weißen und dem von der Europäisierung unberührten Farbigen hervortritt, der aber ähnlich einst zwischen den Germanen und Römern bestanden haben dürfte und auch heute innerhalb ein und desselben Kulturvolkes nicht verschwunden ist.

2. Wille. Vierkandt, der die eben berührten, Unterschiede dargestellt hat, geht von den Formen des Willens aus. Während dem Weißen die auf kritischer Abwägung der Willensmotive beruhende Wahlhandlung geläufig, aber auch die unkritische Triebhandlung nicht fremd ist, überwiegt letztere stark bei dem Farbigen, der von dem äußeren Reiz abhängiger und ihm ohne Überlegung zu folgen geneigter ist. Mit dem Aufhören des Reizes endet dann auch die Reaktion; die Willensäußerung des Farbigen ist daher nicht nachhaltig, sondern unstetig. Er verausgabt seine seelische Energie unwirtschaftlich und spielend. Das Vorwiegen der Triebhandlung führt zur Sorglosigkeit gegenüber der Zukunft, da eine geregelte Fürsorge außer nachhaltigem Willen auch die Wahl augenblicklich unbequemer Mittel und ein Abwägen der Zukunft erfordert. Auch die von dem oberflächlich beobachtenden Europäer einseitig als Trägheit bezeichnete zwanglose Tätigkeit, die bei dem Naturvolk die geregelte Arbeit ersetzt, ist auf den gleichen Ursprung zurückzuführen. Wo dauernder Fleiß auf eine Tätigkeit verwandt wird, liegt ein besonderer Grund vor; bei der Herstellung und Verzierung von Gerät und Waffen z. B. ist die Arbeit mit Selbstgenuß verbunden, der Zweck ein unmittelbarer; auch die Eitelkeit kommt in Frage, die, verbunden mit der Aussicht auf Bewunderung, Fleiß auf die Tracht verwenden läßt. Die größte Wichtigkeit für die Erzielung von Arbeit hat indessen die Sitte, die z. B. für den Totenkult sehr erhebliche Leistungen zustande bringt. Geregelte Arbeit im europäischen Sinne ist daher nicht von vornherein zu erwarten, sondern nur auf derselben Grundlage zu erreichen wie der Fleiß bei der zwanglosen Tätigkeit. Mittel hierzu sind neben einem notwendigen Zwange, wie ihn die Sitte ausübt, die Nähe des unmittelbaren Erfolges, z.B. Lohn, über den der Arbeiter frei verfügen kann, der Reiz der Eitelkeit, der in äußerlichen Abzeichen, Auszeichnungen usw. liegt; man wird auch an die verbreitete Sitte denken müssen, eine an sich monotone Arbeit zu mechanisieren und die mit ihr verbundene Unlust zu überwinden durch rhythmische Gestaltung, Begleitung von Gesang und Musik (Kornstampfen, Rindenklopfen usw.), da dem Arbeitslied eine erzieherische, die Ermüdung überwindende Wirkung zukommt.

3. Affekt. Die nahen Beziehungen zwischen dem Willen und dem Affekt treten hier als parallele Erscheinungen auf. Stärke Gefühle, Neigung zu plötzlichen und heftigen Entladungen, wie sie bei Tänzen, Gelagen, religiösen Veranstaltungen vorkommen, brechen oft unvermittelt ab oder schlagen um. Sie sind aber andererseits auch mit heiterer Lebensstimmung verbunden, die in dem größeren sinnlichen Reiz des Lebens, dem Fehlen der an Opfern und Selbstentäußerung reichen, planmäßigen Arbeit und der sorglosen Beschränkung der Gedanken auf die Gegenwart begründet ist.

4. Intellekt. Auf dem Gebiete des Intellekts fehlt den Naturvölkern so wenig wie den Kulturvölkern die Logik oder das Kausalitätsbedürfnis. Der durchgreifende Unterschied liegt lediglich in der Verknüpfung der Ideen und Vorstellungen, die bei den ersteren unwissenschaftlich, unkritisch erfolgt. Diese "mythologische Denkweise" beruht subjektiv auf dem Haftenbleiben des Bewußtseins an dem sinnlich Gegebenen und der Verknüpfung der Gedanken nach äußeren Gesichtspunkten (räumliche und zeitliche Zusammenhänge werden ursächlich aufgefaßt) , während sie objektiv etwa die folgenden wesentlichsten Kennzeichen hat: 1. Neigung, leblose Dinge nach der Analogie des eigenen Ichs als belebt zu betrachten; 2. materielle Auffassung des Geistigen (Essen des Feindesherzens, um den Mut des Getöteten zu übertragen); 3. Behandlung von Vorgängen als Dinge (Krankheits- "Stoff", Lösbarkeit von Verträgen durch Körperwaschung); 4. Aufsuchung von Ursachen außerhalb des von dem Vorgang Betroffenen (Tod = Wirkung böser Geister oder Zauberer); 5. Annahme ähnlicher Eigenschaften bei ähnlichen Dingen (Tabakwolken führen Regenwolken herbei); 6. Ursprünglich zusammenhängende Teile behalten auch nach der Trennung ihren Zusammenhang (Bezauberung eines Feindes unter Verwendung einiger von ihm abgeschnittener Haare) u. a. Unter den Fähigkeiten des Intellekts steht die Rezeptivität obenan. Äußere Eindrücke werden mit photographischer Treue bewahrt, Sinne und Gedächtnis sind erstaunlich entwickelt, sicheres Orientierungsvermögen, gute Nachahmung und rege Aufmerksamkeit sind den Naturvölkern eigen. Solange es sich in den Schulen lediglich um die rezeptive Tätigkeit des Lernens handelt, sind daher farbige Kinder den europäischen gleich und nicht selten überlegen. Die Produktivität ist dagegen schwach entwickelt, die Fähigkeit zur Zusammenfassung und Abstraktion fehlt. Begriffliches Denken strengt unverhältnismäßig an, was z. B. jeder Neuling erfährt, der etwa versucht, einem Eingeborenen Zahlwörter oder Deklinationen abzufragen. Typisch ist auch die epische Breite aller Darstellungen; der Stoff erscheint gleichsam Stück für Stück in der Reihenfolge wieder, in der er aufgenommen wurde, und eine zuverlässige Angabe über einen unterwegs beobachteten Vorgang oder eine einzelne technische Verrichtung erfordert den Bericht über den ganzen Weg oder die ganze Arbeit. Mit dieser eigentümlichen Form des Intellekts hängt endlich das Gefühl der Abhängigkeit von unberechenbaren launischen Gewalten zusammen, die Energielosigkeit gegenüber Mühen und Gefahren, die wesentlich auf Furcht beruhende Religionsform, das Verhältnis zur Tierwelt, der sich der Eingeborene verwandt fühlt, usw.

5. Sittlichkeit. Von den die Sittlichkeit bestimmenden individuellen Beweggründen erscheinen bei den Naturvölkern die Herrschaft augenblicklicher Antriebe, das Übergewicht der Affekte und der Mangel an Überlegung, das Fehlen der Selbstüberwindung und der Grundsätze. Der oft berichtete Hang zum Lügen kann z.B. ebenso auf ein Durchgehen der Phantasie, die Neigung zur Rhetorik und Eitelkeit wie auf Gefälligkeit für den Fragenden oder auf Eigennutz zurückgeführt werden. Diese egoistischen, nach europäischen Gesichtspunkten unerwünschten Beweggründe, denen ein individuelles "Gewissen" nicht hemmend entgegentritt, haben indessen geringe Bedeutung gegenüber den sozialen Faktoren, die die Sittlichkeit bestimmen. Sitte und Brauch geben dem Individuum die Ausdauer, die es von sich aus nicht besitzt, erzwingen die Befolgung von Vorschriften und vermitteln den Übergang vom Egoismus zur sittlichen Gebundenheit und der Hingabe an Interessen der Gesamtheit. Hinzu kommt der Einfluß der öffentlichen Meinung, der um so größer ist, als sie durch Achtung und Lob oder Mißachtung und Tadel wirkt. Endlich ist hierher das Ansehen der außermenschlichen Gewalten zu rechnen. In ihrem Namen werden Gebote und Verbote erlassen, sie schützen die Sitte, und neue Anordnungen können jederzeit in ihrem Namen ergehen etwa auf Grund eines Traumes oder einer Halluzination. Das unbedingte Abhängigkeitsgefühl unterstützt die Macht der Gottheit; das Tabu (s.d.) hat wirtschaftliche Wirkung, die Askese (s.d.) erzeugt Selbstbeherrschung. Die außerordentliche Bedeutung der sozialen Faktoren beruht darauf, daß sie sittliches Handeln schon zu einer Zeit erzwingen, in der das Individuum subjektiv noch außerstande ist, willkürlich sittlich zu handeln. Sie wirken den die Handlungen in hohem Maße bestimmenden Trieben entgegen, erreichen willige Unterordnung unter höhere Nächte und Ehrfurcht. Die Zerstörung der Sitten usw. bedeutet daher oft die Zerstörung der einzigen wirklichen Autorität und die bösen Wirkungen der Europäisierung hängen mit dem Verfall oder der Zerstörung alter Einrichtungen zusammen, während eine neue Autorität, noch nicht vorhanden oder stark genug ist, um den alten Zwang auszuüben (s. Kulturwandel).

Literatur: A. Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker. Lpz. 1896. - Ders., Die Stetigkeit im Kulturwandel. Lpz. 1908.

Thilenius.