Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 114 ff.

Pubertätsfeste. Die Pubertät (s.d.) bezeichnet einen bedeutsamen Abschnitt im Leben des Einzelnen, und es ist begreiflich, daß er mit einer Festlichkeit verbunden wird, die jedoch, gleichgültig mit welchem Aufwand sie stattfindet, für beide Geschlechter eine verschiedene Bedeutung besitzt: Das Mädchen tritt in das heiratsfähige Alter und bereitet sich für das eheliche Leben in der Familie vor, der Jüngling erreicht neben der Zeugungsfähigkeit die Körperkraft, die ihn in kriegerischer oder friedlicher Betätigung für die Gemeinschaft wertvoll macht. Auch wo die P. der Mädchen unter allgemeiner Beteiligung der Gemeinschaft stattfinden, haben sie daher wesentlich privaten Charakter, während denen der Jünglinge eine öffentliche Bedeutung zukommt. Dementsprechend bleibt für das Mädchen der Zusammenhang mit der Familie erhalten, während der Jüngling sich von ihr zu trennen und mit seinesgleichen eine neue, oft politisch bedeutsame Gruppe zu bilden bestrebt ist. - Der Umfang der P. richtet sich im wesentlichen nach der Bedeutung dieser Gruppe, und die Einzelheiten des Verlaufs bieten eine Fülle von Verschiedenheiten, die von Stamm zu Stamm wechseln können. Dennoch sind gemeinsame Züge vorhanden, die den Sinn der P. erkennen lassen, auch wo einzelne von ihnen fehlen. - Gemeinsam ist den P. der Mädchen und Knaben die Tatsache, daß das eigentliche P. nur einen Teil, und zwar meistens den mehr oder weniger öffentlichen Abschluß einer Periode kennzeichnet, die Wochen, Monate und selbst Jahre dauern kann. Zunächst braucht das P. nicht alljährlich stattzufinden, sondern hängt von der Zahl der Mannbaren ab. Man wartet, bis eine genügende Zahl von Knaben oder Mädchen des entsprechenden Alters im Dorfe vorhanden ist und verknüpft das P. besonders gern mit der Mannbarkeit von Häuptlingskindern, da die mit ihnen geweihten Kinder aus dem Volke der Sitte nach ihre Gefolgschaft bilden sollen. Die P.zeit beginnt damit, daß die Mädchen oder Knaben ihren Familien genommen und abseits von der Siedelung je in einem besonderen Wohnraume vereinigt werden. Der Verkehr mit ihren Angehörigen ist meist verboten, ihre Nahrung, über deren Zusammensetzung bestimmte Vorschriften bestehen, erhalten sie durch Vermittlung besonderer Personen, ältere Männer oder Frauen führen die Aufsicht. Die Absicht ist dabei die Ausschaltung des Einflusses der Familie, zumal der Mutter, und die Herstellung völliger Abhängigkeit von den Aufsehern, die bis zum Ende des eigentlichen P. Elternstelle bei den Kindern vertreten und sie erziehen: Jünglinge und Mädchen lernen in dieser Zeit Gehorsam, die Selbstüberwindung, Ertragen von Schmerzen und Anstrengungen; drastische Mittel und harte Strafen, Fasten, Knebelungen (Geißelungen, Kotessen, Ameisentragen usw.) dienen zur Ausbildung der Charaktereigenschaften, die man von den Erwachsenen erwartet. Mit der Erziehung ist die Belehrung verbunden. Bei den Mädchen scheint sie sich im wesentlichen auf sexuelle Dinge zu beschränken, da sie mit dem der Frau zufallenden Teile der Wirtschaft schon von früh auf durch die Mutter bekannt gemacht sind, bei den Knaben überwiegen zum mindesten die Einführungen in das Recht und die Tradition des Volkes, die religiösen Pflichten und Aufgaben der Männer, die kriegerische Ausbildung, wenn auch hier sexuelle Tänze, Gesänge und Erzählungen nicht fehlen. Die Abschließung hat daher die Bedeutung der Schule; die Speisevorschriften, die ganze Behandlung der jungen Leute kann dabei ebenso in besonderen Absichten auch zauberischer Art liegen wie in dem einfachen Wunsche, den Abstand oder Gegensatz ihrer früheren gegen die jetzige Lebensführung besonders eindringlich zum Bewußtsein zu bringen. - Während dieser Periode werden Verstümmelungen vorgenommen. Dahin gehört die weitverbreitete Beschneidung (s.d.), deren Absicht die Vorbereitung oder Erleichterung des Geschlechtsverkehrs ist, ferner die Herrichtung des Körpers für die Abzeichen, die dem Stamme und dem Geschlecht eigentümlich sind: Durchbohren von Ohrläppchen, Nasenscheidewand, Nasenflügel, Ober- und Unterlippe für den Schmuck (Westafrika), Ausschlagen oder Zufeilen der Zähne (Ostafrika), Einschneiden der Stammesmarken im Gesicht, Narbenornamente des Körpers, Tatauierung (s.d.). Diese Verstümmelungen stellen an sich schon Mutproben dar, da sie nicht nur schmerzhaft sind, sondern auch zum Tode durch Blutvergiftung führen können (was z.B. den Samoanern im Zusammenhang mit ihrer umfangreichen, während mehrerer Wochen hergestellten Tatauierung wohl bekannt ist). - Als Mutprobe im engeren Sinne erscheint die dem Jüngling auferlegte Verpflichtung, seine Befähigung zur Aufnahme in die Gesellschaft der Erwachsenen durch die von ihm selbst erbeutete Trophäe nachzuweisen; bei Kopfjägern (z.B. Wangika in Ostafrika) wird die Tötung eines Menschen verlangt. - Wie groß die Bedeutung dieser Vorbereitungszeit für den Mann ist, erhellt am besten daraus, daß der Jüngling, der bei der Erziehung und den Mutproben versagt, die schwerwiegenden Folgen auf rechtlichem und gesellschaftlichem Gebiet sein Lebenlang zu tragen hat. Bei den Massai kann er seinen Vater nicht beerben, in Samoa kann der nicht Tatauierte gar, nicht oder doch nicht standesgemäß heiraten, in Westafrika gilt das Gleiche von dem Unbeschnittenen, an anderen Orten wird der Feige als Mädchen behandelt, überall begegnet er allgemeiner Mißachtung. Ähnliches gilt von den Mädchen, die sich der Herstellung der Narbenornamente, der Tatauierung oder den Verstümmelungen entzogen haben. - Die Aufnahme der Befähigten in die Reihe der Männer und die Erteilung der Abzeichen, die sie allein zu tragen berechtigt sind, ist ein wesentlicher Grundzug der P., aber nicht überall der einzige. Ebenso wichtig kann der Umstand sein, daß der Jüngling aus dem Hause der Familie ausscheidet und vor allem dem Einfluß der Mutter entzogen wird. Als Kennzeichen kann schon die Abschließung der Mannbaren angesehen werden, auf die später das Zusammenwohnen im Männerhause (s.d.) folgen kann. Weiter gehört hierher die während der Abschließung erteilte Lehre, daß die Jünglinge nun nicht mehr den Geboten der Frauen zu folgen haben, und die Hottentotten betonen ausdrücklich, daß sie der Mutter keinen Gehorsam mehr schuldig sind, sondern den Männern folgen müssen. Bedeutsam ist auch die bei den Herero übliche Bezeichnung der Neubeschnittenen als "nicht mehr Mädchen". Welche Bedeutung man dem Ausscheiden aus dem Hause und der Herrschaft der Mutter beimißt, erhellt zunächst daraus, daß z.B. bei den Bane in Kamerun dieser Gedanke bei der öffentlichen P. eindringlich zum Ausdruck gebracht wird: Die Jünglinge erscheinen auf dem Festplatz mit Bananenbüscheln um die Hüften, d.h. als Frauen; nachdem ihnen längs der Wirbelsäule die Stammesmarke eingebrannt ist, reißen ihnen die Frauen die Bananenbüschel vom Leibe. Kennzeichnend ist endlich in diesem Zusammenhange die Verbindung der P. mit dem Gedanken der Wiedergeburt. Bei den Jabim (Deutsch-Neuguinea) sind die Knaben, die in einer gemeinsamen Hütte eingeschlossen werden, von einem Geiste verschlungen worden, die der Bane erscheinen bei dem P. mit weißem Ton (also in der Totenfarbe!) bemalt, anderwärts ziehen sie teilnahmslos mit geschlossenen Augen langsam auf den Festplatz und erwachen erst nacheinander auf wiederholten Anruf eines Mannes. Die Jünglinge sterben, also für die Familie und werden gleichsam wiedergeboren in die Gesellschaft der Männer, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß sie jetzt neue Namen erhalten. - Selbstverständlich ist die Verknüpfung der P. mit der Religion. Abgesehen von dem Unterricht, der sich auf die Überlieferungen, Zauberhandlungen, Kulte usw. bezieht, ist sie schon in dem Gedanken der Wiedergeburt gegeben und in der verbreiteten Sitte, die Frauen und andere Unberufenen von dem Aufenthaltsort der Knaben durch den Ton der Schwirrhölzer fernzuhalten, die überall ein Geisterwerkzeug sind. Hiermit und mit der Vorstellung vom Tode der Knaben hängt wohl auch zusammen, daß man ihnen allerlei Unfug, auch die Erpressung von Nahrungsmitteln (Jaunde) erlaubt, da sie als Seelen angesehen werden, denen man die gleiche Tätigkeit nachsagt; der Gedanke, die Jugend sich noch einmal austoben zu lassen, mag freilich mitsprechen. Endlich ist auch das Maskenwesen mit den P. verknüpft. Zwar tragen nicht die Jünglinge die Masken, sondern ihre Erzieher, aber die Masken stellen die Ahnen oder Dämonen dar, zu denen der Stamm besondere Beziehungen hat, und die Vorführung gilt den Jünglingen, die dadurch mit den Geistern bekannt gemacht werden. - Die P. selbst finden auf einem besonders hergerichteten und oft unter Aufwand vielen Fleißes geschmückten Platze statt. Ein wesentlicher Teil des P. besteht in der Vorstellung der Jünglinge (die meist in besonderer Tracht erscheinen und Tänze aufzuführen haben u. a.) und in ihrer öffentlichen Anerkennung als Männer, was durch das Auftreten der Maskenträger, die Herstellung einer Verstümmelung, ev. in Verbindung mit einem Opfer, symbolische Handlungen usw. geschieht. Einen wenn auch unwesentlichen so doch zumal für die Zuschauer wichtigen Teil bilden Tänze der Priester und Zauberer und vor allem der Abschluß durch gemeinsame Tänze und Schmausereien. Die P. der Mädchen sind, auch wo sie äußerliche Bedeutung haben, Nachbildungen der der Jünglinge, und meist fehlen ihnen deren stark betonte religiöse Beziehungen. - Durch die P. sind die Knaben und Mädchen als Erwachsene anerkannt. Während aber die Mädchen meist einfach in das Haus der Familie zurückkehren und auch da kaum öffentliche Bedeutung erlangen, wo sie fortan gemeinsam im Mädchenhause wohnen, gewinnen die Jünglinge dauernde Beachtung. Zunächst gestattet ihnen die Sitte mitunter für einige Tage oder Wochen volle Ungebundenheit, in der sie Umzüge veranstalten und straflos allerlei Unfug und Schabernack treiben. Nach dieser Zeit erwartet man wie überall von ihnen männliches Benehmen und die Mitarbeit an allen Veranstaltungen der Männer; wo Männerhäuser (s.d.) bestehen, wohnen die Jünglinge dort und nehmen teil an den Pflichten und ausgedehnten Rechten der Junggesellen, zu denen auch der freie Geschlechtsverkehr gehört.

Literatur: H. Schurtz, Altersklassen u. Männerbünde. Berl. 1902.

Thilenius.