Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 117 f.

Pygmäen. Das Merkmal eines weit unter dem Durchschnitt der Männer (150 - 180 cm) bleibenden Wuchses verbindet die zwergenhaften Individuen kleiner bis großer Völker mit den normalen, in ihrer Gesamtheit unter 150 cm bleibenden Völkern. Während man daher früher von Zwergen und Zwergvölkern sprach, unterscheidet man heute die mehr oder weniger pathologischen Zwerge (s.d.) von den physio logischen P. P. sind trotz ihrer geringen Individuenzahl weit verbreitet, wenn auch über die Zuteilung einzelner Völker zu dieser Gruppe noch Meinungsverschiedenheiten bestehen, was zum Teil auf ungenügender Kenntnis, zum Teil darauf beruht, daß manche Völker aus der Vermischung von P. und größeren Völkern hervorgegangen zu sein scheinen, die bald als Pygmoide den P. gegenübergestellt, bald mit ihnen vereinigt werden. In Amerika scheinen P. in Brasilien vorzukommen; in Europa werden die Lappen zu ihnen gerechnet (Virchow); in Asien sind die Negritos der Philippinen, die Minkopie der Andamanen, die Semang der malaiischen Halbinsel zu den P., die Weddah von Ceylon, die Toala von Celebes, die Senoi auf Malakka zu den Pygmoiden (Schmidt) zu rechnen; auf Neuguinea kommt ein weiteres P.volk hinzu; in Afrika endlich ist außer den Buschleuten eine ganze Anzahl von P. vorhanden, so in der Gegend des Kiwusees und in Urundi (s. Batua), die Wakindiga (s.d.) im abf lußlosen Gebiet Deutsch- Ostafrikas, die Bagielli (s.d.) in Südkamerun und zahlreiche kleine Stämme in dem Gebiete des großen Waldes; südlich von Abessinien sollen die Doko zu den P. gehören. Auch ethnographisch treten gemeinsame Züge der P. hervor: Sie leben in kleinen etwa eine Familie umfassenden Horden, wirtschaftlich sind sie Sammler und Jäger, ihr ärmlicher materieller Kulturbesitz ist zu einem erheblichen Teile anderen Völkern entlehnt. Hierher gehört die Töpferei der Batwa, die Annahme des Hackbaus durch P. im Kiwugebiet, Trommel und Speer der Bagielli u. a. Als linguistisch zusammengehörig sind wohl die afrikanischen P. zu betrachten, da sie, soweit bisher die Sprachen überhaupt untersucht werden konnten, die eigentümlichen, von den Buschmännern bekannten Schnalzlaute besitzen. Auf der anderen Seite treten erhebliche Unterschiede hervor. Da die zum Landbau übergegangenen Lappen infolge der besseren Ernährung die Körperlänge ihrer größeren Verwandten erreichen, erscheint ihr kleiner Wuchs als Folge der Verkümmerung, und die gleiche Erklärung dürfte bei den noch nicht sicher bestimmten P. Südamerikas möglich sein, zumal die Variationsbreite der Amerikaner überhaupt groß ist. Diese beiden Gruppen können daher als sekundäre P. gelten, denen die übrigen so lange als primäre gegenüberzustellen sind, als ihre Kleinheit nicht mit auf Wirkungen der Umwelt zurückgeführt werden kann. Anthropologisch stehen den rundköpfigen asiatischen und zum Teil afrikanischen P. andre, z.B. die Buschmänner (s.d.) gegenüber, die langköpfig sind; die Hautfarbe ist bei den asiatischen P. braun, bei den P. im Osten des afrikanischen Waldes heller als die der Neger, während z.B. die Buschmänner und Bagielli eine hellgelbe ("schweinslederartige") Hautfarbe besitzen. Das Kopfhaar ist bei allen kraus und dunkel, doch haben die zentralafrikanisehen P. eine sehr eigentümliche, flaumige, helle Behaarung des ganzen Körpers, die den asiatischen P. und den Buschmännern fehlt; die Bagielli haben starken Bartwuchs und krauses Körperhaar. Diesen Merkmalen reihen sich andere an, die die Form der Stirn, der Nase, der Ohrmuschel, der Augenhöhle, die schnauzenartige Bildung des Mundes u.a. betreffen und vielfach kindlichen Charakter haben, aber doch nicht übereinstimmend von allen P. berichtet werden. Bei dieser unzureichenden Kenntnis der P. stehen sich verschiedene Auffassungen, über ihre systematische Zugehörigkeit gegenüber. Kollmann nimmt für jede Menschenrasse an, daß sie sich aus einer ihr vorangegangenen P.form entwickelte; danach wären die P. zum Teil voneinander unabhängige, überlebende Urformen anderer Rassen. Schwalbe sieht in den P. Kümmerformen, lokale Größenvarietäten, deren Kleinheit auf der Wirkung der Umwelt beruht. Schmidt will alle P. zu einer einheitlichen, von den übrigen unabhängigen Urrasse zusammenfassen, wobei mancherlei Verschiedenheiten durch Vermischung mit Nachbarstämmen zu erklären sind. Einigermaßen gesichert erscheint heute die Annahme, daß die P. zu den ältesten Menschenformen gehören und für Afrika wenigstens als die frühesten Bewohner anzusehen sind, da auch ihre Verbreitung früher eine größere war und ihre heutigen Wohnsitze als Folge der Verdrängung durch Bantu und Hamiten erscheinen. 'Die Verwertung ihres Kulturbesitzes für die Fragen nach dem Alter und der Zusammengehörigkeit der P. setzt die Ausscheidung des Lehngutes, voraus und die Entscheidung darüber, ob der dann verbleibende Rest als Überbleibsel aus frühesten Zeiten und damit als Urbesitz mindestens eines erheblichen Teils der Menschheit anzusehen ist oder in, seiner Einfachheit und Ärmlichkeit auf die heutige Lebensweise und die Umwelt der P. zurückgeführt werden muß.

Literatur: J. Kollmann, Neue Gedanken über d. alte Problem v. d. Abstammung d. Menschen, Globus 1905. - G. Schwalbe, Zur Frage der Abstammung des Menschen, ebenda 1905. W. Schmidt, Die Stellung der Pygmäenvölker in der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Stuttgart 1901.

Thilenius.