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Ramie, Rhea oder Chinagras, Boehmeria
nivea, ist
eine seit altersher in Ostindien,
China und im Malaiischen Archipel kultivierte
Faserpflanze. Sie gehört in die Familie der
Nesselgewächse, Urticacee, aus der auch die
gewöhnliche Brennessel in früheren Zeiten sehr
leine Fasern zur Herstellung von sog. Kesseltüchern
lieferte. Heute bestehen die Nesseltücher meist aus
Flachs und Baumwolle oder
anderen Fasern. Die R.pflanze, ist eine
ausdauernde, krautige Staude mit geringer
Verzweigung, dickem, etwas fleischigem, leicht
behaartem Stengel, breiten, eiförmig
zugespitzten,
gesägten, oben grünen, unten weißfilzigen
Blättern. Die kleinen, gedrängten Blütenstände
sind denen unserer Brennessel nicht unähnlich.
Je nach dem Kulturgebiet unterscheidet man
verschiedene Formen, die auch von manchen
als, besondere Arten (B. tenacissima, B. Candicans
und B. utilis) angesehen werden. Im
wesentlichen scheint es sich um zwei Rassen
zu
handeln, von denen der einen ein tropisches
Klima, der anderen mehr die Wachstumsbedingungen
der Subtropen zusagen. Die tropischen Wuchsformen zeigen kräftigere Entwicklung
und meist unterseits grüne Blätter. Die R. verlangt ein möglichst gleichmäßiges,
feuchtwarmes Klima, einen tiefgründigen, durchlässigen Boden aus sandigem Lehm,
reichlich Regen und keine starken
Temperaturschwankungen. Die Pflanze gedeiht zwar noch in den milderen Teilen der
gemäßigten Zone, gibt aber weder in bezug auf Menge noch auf Güte ausreichende
Fasern. Man zieht die Pflanzen entweder aus
Samen, Stecklingen oder Wurzelstöcken. Die Aussaat der Samen erfolgt meist im
Saatbeet, das ev. vor dem Auspflanzen noch einmal ausgedünnt wird. Am
endgültigen Standort stehen die Pflanzen in Reihen von 90 cm Abstand und in
diesen. Reihen mit 10 bis 25 cm Zwischenraum. In Bengalen gibt man den Pflanzen
30 cm bis 1 m Pflanzweite nach allen Seiten. Der Boden muß gut von Unkraut frei
gehalten werden und wird für jede Reihe gehäufelt, so daß Furchen entstehen, die
in trockenen Zeiten zur Bewässerung benutzt werden können. Von Zeit zu Zeit
müssen die Furchen ausgetieft werden. Erntereife Stengel erhält man in den
Tropen etwa nach einem Jahre, in den Subtropen
frühestens nach zwei Jahren, häufig noch später. Die Ernte erfolgt kurz nach der
Blütezeit wenn die Stengel am Grunde anfangen gelb zu werden und die unteren
Blätter abfallen. Für die Gewinnung einer guten Faser ist trockenes, sonniges
Erntewetter erforderlich. In den Tropen gestattet die R. mehrere Schnitte im
Jahr, in den Subtropen meist nur 1 - 2. Da in der Rinde der R.pflanze
gummiartige Stoffe vorhanden sind, so bietet die Gewinnung der Faser große
Schwierigkeiten. Die Bastschicht ist daher möglichst innerhalb 24 Stunden nach
der Ernte vom Stengel zu trennen. Zu diesem Zwecke werden die Stengel auf kurze
Zeit in Wasser gelegt und dann, ohne die Binde zu verletzen, an mehreren Stellen
gebrochen. Dann lassen sich die Rindenstreifen leicht herunterziehen. Sie werden
darauf über der scharfen Kante einer Kokosnußschale oder eines anderen passenden
Instruments hin und her gezogen, um so die Oberhaut des Stengels und einen Teil
der klebrigen Stoffe zu entfernen. Es entstehen breite, gelbliche Striemen, die
die Rohware dar stellen. Um aus diesen spinnbare Fasern zu erhalten, werden sie
mit verdünnten Laugen oder ähnlich wirkenden, anderen Stoffen gekocht. Dabei
werden die Bastbündel nicht nur aus den Gummistoffen frei, sondern zugleich in
ihre einzelnen Zellelemente zerlegt. Man erhält auf diesem Wege weiße,
seidenglänzende Fäden von wenigen bis etwa 15 cm Länge, die der Baumwolle nicht
unähnlich aussehen. - Man bezeichnet daher die so aufbereitete R. auch als
kotonisiert. Neuerdings sind für die Gewinnung der Striemen Maschinen erfunden,
die Dekortikateur, Defibreur und auch Entholzer genannt werden. Die deutsche
Firma Hubert Boeken & Co. in Düren bringt eine solche Maschine unter dem Namen
Aquiles in den Handel. Auch chemische Verfahren
sind für die Gewinnung der R.fasern patentiert worden. Die R.fabriken ziehen
aber zurzeit noch den Bezug der R. in Striemen vor, um durch eigene Verfahren
das Cotonisieren selbst vornehmen und dabei die Faser möglichst schonen zu
können, um so eine wertvolle Spinnfaser zu gewinnen. Die Anfänge einer
R.industrie in Europa gehen in das Jahr 1853 zurück. Die ersten Versuche waren
aber nicht ermutigend. Erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts gibt es eine
Reihe von Fabriken in Frankreich, England, Belgien, der Schweiz und Deutschland
(Emmendingen i. B.), die entweder ausschließlich oder in beträchtlichen Mengen
R. verarbeiten. Heute wird die R. als Ersatz von Leinen und Baumwolle zu den
verschiedensten Garnen und Geweben verarbeitet. Außerdem dient sie zur
Herstellung von Grundgeweben für die Glühstrumpffabrikation und soll in letzter
Zeit auch für die Papierindustrie Interesse gefunden haben. Deutschland
importierte 1912 4000 t R. im Werte von 3,7 Mill. M last ausschließlich aus
China, Hamburg 1913 563 t R. im Werte von etwa 500 000 M. Wenn auch die
Ramiekultur in vielen Gegenden der Tropen und
Subtropen möglich ist und eine große Zahl von Anbauversuchen vorliegt, so stammt
die Handelsware doch heute noch in erster Linie aus China. - Da in neuerer Zeit
für R. größere Verwendungsmöglichkeiten erhofft werden, so sind Anregungen zur
Aufnahme dieser, Kultur zum Teil recht häufig.
Literatur: A. Schulte im Hofe, Die Ramiefaser und die wirtschaftliche
Bedeutung der Ramiekultur für die deutschen Kolonien. 50 S. Berl. 1898. - H. A.
Carter, Ramie
(Rhea) China Grass, The new textile fibre. 140 S.
London, Technical publishing Co., 1910. - H. J. Boeken, Ramie, Tropenpflanzer
1906, Beiheft 2, S. 81/88. -
S. außerdem die allgemeine Literatur unter Pflanzenfasern. Voigt.
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