Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 135

Rechtsanschauungen der Eingeborenen. Sitte und Brauch regeln das Verhalten der einzelnen in der Gesellschaft, die in kleinen Gemeinschaften schon in der öffentlichen Meinung ein wirksames Mittel besitzt, um den Anschauungen über Schicklichkeit und Benehmen ihre Geltung zu wahren. Aus dem Herkommen ergibt sich auch die Art, der Reaktion des einzelnen oder der Gesellschaft auf Verletzungen der Sitte. Sie beruht auf der Rache, die der einzelne nimmt, wenn er geschädigt wird, und auf dem Bestreben der Gesellschaft, unschädlich zu machen oder zu beseitigen, was ihr Gleichgewicht stört. Dabei wird die Rache des einzelnen als berechtigte Handlung angesehen, und das Recht der Wiedervergeltung (jus talionis), das weitverbreitet ist, stellt sich als geregelte Rache, d.h. als eine primitive Rechtsform dar. Wo der einzelne gegen die Sippe (s.d.) zurücktritt, übernimmt diese die Rache und ist auch für den Schaden, den eines ihrer Glieder anrichtet, verantwortlich. Das gilt besonders für die Blutrache, die im wesentlichen eine Form des Krieges ist, den ein Mord oder Totschlag hervorrief. Die Reaktion der Gesellschaft auf innere Störungen entspricht der Behandlung überflüssiger Kinder oder unbrauchbarer Greise, die man aussetzt. So wird, wer verdächtigt ist, einen anderen durch Zauberei getötet zu haben, umgebracht, aber auch der Regenmacher, der keinen Erfolg hatte, ist dafür verantwortlich. Es handelt sich in solchen Fällen zunächst gar nicht um wirkliche Schuld und Verantwortlichkeit, auch nicht um "Strafen", sondern um Unschädlichmachung und Beseitigung. Daß diese Reaktionen oft grausame Formen annehmen, liegt wohl darin, daß der Genuß der Grausamkeit gleichsam eine Entschädigung für das erlittene Ungemach darstellt. Diese primitiven Verhältnisse, die dem Kriege nicht fernstehen, ändern sich, wenn Unbeteiligte oder höhere Einheiten eingreifen, was absichtlich herbeigeführt werden kann. Bei den Jaunde (s.d.) in Kamerun bestahl in solcher Absicht ein schwacher Gläubiger den Häuptling, der die Sache nun zu der seinigen machte und den Schuldner zur Zahlung an den Gläubiger zwang, ohne sich selbst dabei zu vergessen. So entsteht auch die Möglichkeit, einen Totschlag durch Wergeld abzutragen, indem statt des Menschen ein Teil seines Besitzes hingegeben wird; ein Schaden, den etwa A dem B zufügte, worauf dieser dem unbeteiligten C etwas zerstörte, um sich zu rächen, C dem D und so fort, wird dann auf Anordnung etwa des Häuptlings durch Zahlung von Geld oder Werten von einem zum anderen beigelegt. In allen solchen Fällen muß erst ein Recht geschaffen werden. Es beruht auf Herkommen und früheren Entscheidungen und hat die Gestalt des Gewohnheitsrechtes, während ein Gesetzesrecht höchstens an einzelnen Orten in den Anfängen vorhanden ist. Auch das Gewohnheitsrecht ist kaum immer ein Recht zu nennen; denn wo ein mit despotischer Gewalt ausgerüsteter Häuptling regiert, ist sein Wille maßgebend. Neben den Richtern, der Ratsversammlung, die dem einzelnen sein Recht schaffen können, stehen andererseits die Geheimbünde (s.d.), deren Mitglieder entweder überhaupt die Ordnung aufrechterhalten oder ihr Recht selbst nehmen. In der Familie und der Sippe ist der Älteste Richter, oder die Entscheidung liegt bei der Versammlung der Ältesten. Ein Fortschritt gegenüber primitiven Zuständen ist die Forderung, den Schuldigen zu ermitteln. Der ganzen Denkweise liegt hier die Zauberei als Verfahren nahe und weiterhin die Anrufung außermenschlicher Gewalten, so daß man zu Gottesurteilen (s.d.) und dem Eide (s. Eid bei Naturvölkern) greift. Die Strafen, die verhängt werden, sind zunächst Körperstrafen, man tötet den Täter, um ihn unschädlich zu machen, oder verstümmelt ihn, um ihn zu quälen und zu zeichnen. Mit dem Privatbesitz treten daneben die Vermögensstrafen, durch die man Körperstrafen ablösen kann, mitunter nur, wenn der Geschädigte damit einverstanden ist; sie überwiegen bald weitaus, während Freiheits- und Ehrenstrafen selten sind. Für das Gerichtsverfahren finden sich in Afrika meist bestimmte Normen, so daß man von einem Prozeßrecht sprechen kann. Trotz dieser anscheinend hohen Stufe der Rechtspflege haftet dem Rechte selbst noch allerlei Ursprüngliches an. So wird Diebstahl hier kaum bestraft, dort droht dem Diebe der Tod; gleiche Gegensätze zeigen die Strafen für Ehebruch usw. Sind diese Rechtsauffassungen mit gesellschaftlichen und wirtschaftlich ein Zuständen in Zusammenhang zu bringen, die bald dem einen, bald dem anderen Verbrechen die größere Bedeutung geben, so wirken dieselben Zustände auch auf die Rechtsprechung selbst. Selten gibt es gleiches Recht für alle: Der Sklave oder Hörige hat minderes Recht als der Freie, der Häuptling als Richter steht vielfach außerhalb des Rechts. Der Häuptling ist aber oft auch der Empfänger der Gerichtskosten und eines Teiles der Vermögensbuße. Dann entsteht die Vorstellung, man könne Recht auch kaufen, denn der Richter wird für das Urteil bezahlt. Damit hängt zusammen, daß der Wohlhabende sich gewissermaßen das Urteil bestellen kann, und das führt wiederum dazu, daß dem Reichen wie dem Häuptling manches durchgeht, ohne daß er angeklagt würde, und er, falls es doch geschieht, milde davon kommt. S.a. Rechtsgeschäfte der Eingeborenen und Eingeborenenrecht.

Literatur: Dannert, Zum Recht der Herero, Berlin 1905. - Merker, Rechtsverhältnisse der Wadschagga, Gotha 1912. - Kohler in der Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaften 1897, 1900, 1902. - A. H. Post, Afrikanische Jurisprudenz, Oldenburg 1887. H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig 1900. - S.R. Steinmetz, Ethnologische Studien zur ersten Entwicklung der Strafe, 1894. - Ders., Rechtsverhältnisse von eingeborenen Völkern in Afrika und Ozeanien, Berlin 1903. - R. Thurnwald, Rechtsverhältnisse von eingeborenen Völkern in Afrika und Ozeanien, Beil. 1903.

Thilenius.