Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 153 ff.

Reis (s. Tafel 167). 1. Allgemeines. 2. Botanisches. 3. Kultur. 4. Wichtigste Krankheiten und Schädlinge. 5. Anbau in den deutschen Kolonien. 6. Chemie. 7. Nebennutzungen.

1. Allgemeines. Der R., Oryza sativa, L. (Fam. der Gramineen), ist neben dem Weizen die wichtigste Feldfrucht der Erde. Er bildet die Hauptnahrung für etwa 640 Mill. Menschen, also für etwa 2 Fünftel der gesamten Menschheit. Die ältesten geschichtlichen Dokumente (vgl. Hehn, Stuhlmann, Bachmann) über die Kultur des R. stammen aus China (aus dem Jahr 2800 v. Chr.). Dort ist der R. zwar in wildem Zustande noch nicht gefunden worden; doch dürfte er auch in Südchina heimiseh sein, wie es für Britisch - Indien, Cochinchina und das tropische Nordaustralien, nachgewiesen ist. Wilder R. kommt auch am oberen Nil (Kordofan), im Nordwesten von Deutsch-Ostafrika, im zentralen Sudan, in Senegambien und den Tsadseeländern vor; es scheint sich bei der östlich vorkommenden Pflanze (O. punctata genannt) um den echten R. zu handeln, während die westliche (O. Barthii) eine eigene Art darstellen dürfte. Der wilde afrikanische R. wird von den Eingeborenen ebenfalls als Nahrungsmittel verwendet.

2. Botanisches. Der R. wird bis 1,5 m hoch; sein hohler, runder, kahler und glatter Halm trägt bis 30 cm lange und bis 2 cm breite Blätter, scharfrandig und oberseits, mit einzelnen Haaren besetzt. Der Blütenstand ist eine bald lockere, bald mehr gedrängte Rispe; die seitlich zusammengedrückten Ähichen umschließen nur eine Zwitterblüte. Zwei Paar Spelzen sind deutlich erkennbar, ein drittes Paar ist stets reduziert. Die ellipsoidische, einsamige Frucht ist mit ihren beiden Spelzen verwachsen. Von letzteren ("Reisspreu") wird sie durch den Drusch befreit; der gedroschene ("geschälte") Reis ist noch von Frucht- und Samen- umgeben, die besonders entfernt werden müssen. Sie liefern die sog. "Reiskleie". Der R. bildet zahlreiche Varietäten, die zunächst nach der Größe der Frucht und dem Fehlen bzw. Vorhandensein von Grannen, ferner nach der Farbe der Frucht und der Grannen unterschieden werden. Eine Unterart des gewöhnlichen R., der Kleb - R. (O. sativasubsp. glutinosa mit verschiedenen Var.) ist durch seinen Dextringehalt, den der gewöhnliche R. nicht besitzt, und die dadurch bedingte Eigenschaft ausgezeichnet, in gedämpftem Zustand klebrig zu werden. In den Schutzgebieten wird er bis jetzt nicht kultiviert. - Die in der älteren Literatur übliche Unterscheidung der R.varietäten in zwei verschiedene Arten: "Wasser - R." und "Berg -R." ist botanisch unhaltbar. Der R. ist von Hause aus, wie auch seine wilden Formen beweisen, eine Wasserpflanze; doch haben sich in der Kultur verschiedene Varietäten ("Standortsmodifikationen") herausgebildet, die an die Bodenfeuchtigkeit geringere Ansprüche stellen und unter sonst günstigeren Bedingungen auch ohne Bewässerung gedeihen. Diese Gruppe von Varietäten bezeichnet man vulgär besser als "Trockenreis" gegenüber der Gruppe des Wasserreises. Für letztere wird vielfach auch die Bezeichnung "Sumpfreis" angewendet, wodurch bei Laien die Vorstellung erweckt wird, als gedeihe der Reis am besten auf Sumpfboden. Diese Anschauung ist irrig; wenn sich auch der R. auf sumpfigem Gelände kultivieren läßt, so verdienen doch trockene Böden, die man systematisch bewässert, bei weitem den Vorzug.

3. Kultur. Die Anbauzone des R. umfaßt einmal den ganzen Tropengürtel und reicht andererseits in der nördlichen Hemisphäre bis weit in das gemäßigte Klima (in Japan bis 41°, in Turkestan bis 43°, in Italien bis 45° n. Br.). Er gedeiht sowohl im tropischen Tiefland und - da er bei künstlicher Bewässerung die höchsten Temperaturen gut verträgt - in den Oasen Turans, deren Sommertemperaturen die der Tropen noch übertreffen, als auch in den Gebirgen der Tropenländer bis etwa zu 1200 in Mh. und in der italienischen Po - Ebene. In der subtropischen Zone der südlichen Halbkugel sagen ihm die kühleren Sommer nicht zu. Er verlangt 2 - 3 Monate lang eine mittlere Temperatur von mehr als 20° C und (je nach Vegetationsdauer der betreffenden Varietät) 4 - 6 Monate Ausbleiben von Frösten. Der Wasserreis stellt, sofern er ausreichend bewässert wird, an die Niederschläge keine Ansprüche; nach Ausbildung der Ähren sind ihm dagegen heftige Regen und starke Winde schädlich. Dagegen ist der Trockenreis, der zwar ein geringeres Wärmebedürfnis besitzt, von Höhe und Verteilung der Niederschläge und der Luftfeuchtigkeit in hohem Grade abhängig. Die Erträge des Trockenreises richten sich nach der Gunst der Witterung und sind daher unsicher; im allgemeinen wird die Hälfte der Erträge des Wasserreises angenommen. Da die Kosten der Bewässerung fortfallen, gibt ersterer allerdings in guten Jahren eine höhere Bodenrente; doch ist sein Korn kleiner und im Handel wenig geschätzt. Der Trockenreis ist daher als eine Kultur für den örtlichen Bedarf, nicht aber für den Export anzusehen. Wo man in den Schutzgebieten die Reiskultur neu einführen will, sind alle diese Momente wohl zu beachten! - Anbau. Soweit nicht anderes vermerkt, beziehen sich die folgenden Angaben nur auf Wasserreis. Dieser verlangt einen durchlässigen Boden von hohem Absorptionsvermögen für die Pflanzennährstoffe. Hoher Eisen- und Humusgehalt wirken namentlich bei wenig durchlässigen Böden nachteilig (über sumpfige Gelände s.o.). Bei dauernd hohem Grundwasserstande muß dräniert werden. Zur Aussaat sollen nur gut entwickelte, reichfrüchtige Ähren mit schweren Samen benutzt werden. In neu für den Reisbau zu erschließenden Produktionsgebieten beschränke man sich nie auf eine Varietät allein, sondern mache zunächst vergleichende Anbauversuche mit mehreren hochwertigen Sorten aus verschiedenen Produktionsländern mit entsprechenden Vegetationsbedingungen. Auch die Vegetationsdauer ist zu beachten; man unterscheidet früh-, mittel- und spätreife Varietäten, deren Vegetationszeit vier, fünf und sechs Monate beträgt. Die Aussaat geschieht entweder direkt ins Feld oder aber in Saatfelder; letzteres Verfahren wird für die Tropen als vorteilhafter empfohlen. Bei direkter Aussaat wird entweder Drillsaat (Südkarolina) oder breitwürfige Saat (Italien) engewandt. Saatbedarf: bei direkter Aussaat in Karolina 160, in Italien 250 kg, in Japan und Java -beiderseits mit Vorkultur und Verpflanzen - 35 - 50 bzw. 33 1/4 kg pro ha. Über Herrichtung der Saatbeete und der Felder sowie Behandlung der Pflänzlinge und Verpflanzen, Düngung, Wasserzufuhr bei Fesca, Simon und de Bie. Auf die Unkrautreinigung und die Abmessung des Wassers ist besondere Aufmerksamkeit zu verwenden. Als Bewässerungssysteme kommen entweder Überstauung oder eine Kombination von Überstauung und Berieselung in Betracht. Häufige Trockenlegung der Felder ist notwendig. Ernte geschieht im Stadium der Gelbreife; Saatkorn wird zweckmäßig erst in der Vollreife geschnitten. Man mäht auf hohe Stoppel. Von nassen Ländereien muß der geschnittene R. sofort abgetragen werden. Für das Dreschen werden die amerikanischen Dreschmaschinen bevorzugt; das Schälen wird in besonderen Schälmühlen vorgenommen, deren es verschiedene Konstruktionen gibt, auch solche für Handbetrieb. Erträge. Eine gute Mittelernte von Wasser - R. in den Tropen wird zu 40 dz (geschälter R.) pro ha angenommen (Trocken - R. s.o.); Strohertrag. schwankt zwischen der gleichen und der doppelten Menge des Kornertrages. Fruchtwechsel. Eher als die meisten anderen Getreidearten kann man den R. auf sich selber, folgen lassen; doch setzt gehäufter R.bau eine gute Düngung voraus. In Westjava werden bei günstiger Bewässerung häufig in demselben Jahr zwei R.ernten nacheinander gewonnen. Oftmals legt man aber die R.felder nach einer Ernte trocken und baut Leguminosen oder Knollenfrüchte als Wechselfrüchte an, oder aber man läßt sie entsprechend lange brach liegen. In Ost- und Mitteljava werden vorzugsweise andere Getreide -Mais, Sorghum usw. - oder auch Tabak eingeschoben (s. Miehe). Im Mississippigebiet werden auch Zuckerrohr oder Baumwolle in die Fruchtfolge aufgenommen.

4. Wichtigste Krankheiten und Schädlinge. a) Tierische Parasiten: Sehr schädlich sind Feldmäuse, welche sowohl die keimenden Körner als auch die Pflanzen anfressen; die R.vögel werden der Ernte gefährlich; b) Pflanzliche Parasiten (Pilze): Piricularia Oryzae ruft die in Italien "brusone", in Nordamerika "blast" genannte Pilz krankheit, Tilletia horrida den echten, Ustilaginoidea virens den falschen R.brand, Sclerotium Oryzae die Sterilität der R.ähren hervor. Älchen (Tylenchus angustus und T. Oryzae) erzeugen die "Ufra" - Krankheit des R. in Britisch - Indien bzw. den "Omomentek" oder "Omobang" in Java; die Raupe der Motte Schoenobius punctellus frißt die wachsenden Halme innen aus; eine Schnabelkerfe Leptocorisa acuta sticht die halbreifen Körner an und saugt sie aus; im reifen geernteten R. nistet sich häufig der gefürchtete R.Käfer (s.d.) Calandra Oryzae, ein.

5. Anbau in den deutschen Kolonien. Deutsch-Ostafrika: Bedeutende Eingeborenenproduktion, namentlich am Rufiji und im Seengebiet. Einer Ausfuhr von 896 t im Jahre 1912 stand eine Einfuhr von 13 421 t gegenüber. Die Ausfuhr erfolgte lediglich über die Binnengrenze. Ein großer Teil der Produktion wird im Lande selbst verbraucht, wo er höher bewertet wird als der indische R., den er an Qualität übertrifft. Die Produktion ist im Steigen begriffen. Neuerdings haben sich auch europäische Pflanzer dem R. - Bau zugewandt (bebaute Fläche 1913: 466 ha). Aus den übrigen Kolonien findet eine Ausfuhr nicht statt. In Kamerun und Togo wird der R. - Bau namentlich in den nördlichen Landschaften betrieben, und zwar wird dort vorwiegend Trockenreis angebaut. In Deutsch-Neuguinea, wo die Verhältnisse dafür günstig liegen, sucht man neuerdings die Kultur einzuführen. In Kiautschou wird sowohl Wasser-, wie Trockenreis, beide in verschiedenen Sorten, kultiviert.

6. Chemie. R. - Körner enthalten 7,7 - 8,6% verdauliches Eiweiß, 72,1 - 73,5% Kohlenhydrate (im wesentlichen Stärke) und 1,9 bis 3% Fett. R. - Stroh: 2,7% verdauliches Eiweiß, 36,2 - 37,6% Kohlenhydrate (vornehmlich Zellulose) und 0,6 - 0,7% Fett.

7. Nebennutzungen. R. dient auch zur Stärkefabrikation, zur Arrakbereitung und in Japan und China zur Herstellung des Reisweins (Sake); R. - Stroh als Futtermittel, ferner zur Herstellung von Dächern und zur Papierfabrikation.

Literatur: Shimoyama, Beiträge zur Kenntnis des japanischen Klebreises, Mozigome, Inaug. Diss. Straßburg 1886. - Körnicke u. Wörner, Handbuch d. Getreidebaues, Bd. 2, 1885. - Bein, Japan, Bd. 2 (1886) S. 43 ff. - V. Hehn, Kulturpflanzen u. Haustiere, 6. AufZ., Berl. 1902. - K. Schumann in Englers Pflanzenwelt Ostafrikas, T. B. Berl. 1895. - Semler, Tropische Agrikultur, 2. Aufl., Bd. 3, 1903. K. Braun, Ber. üb. Land- u. Forstwirtsch. in Deutsch - Ostafrika III (1908) S. 167. - Fesca, Pflanzenbau in den Tropen und Subtropen, Bd. I, 1904. - Stuhlmann, Beiträge z. Kulturgeschickte Ostafrikas, Berl. 1909. - Bachmann, Der Reis, Geschichte, Kultur u. geographische Verbreitung um., Beihefte zum Tropenpflanzer 1912 Nr. 4 (mit ausführl. Literaturnachweisen!) - Hosseus, Reisbau in Siam, ebenda 1911 S. 308 ff. - de Bie, De Rijstplant, Mededeelingen van het Departement van Landbouw, Batavia 1911. - Miehe, Tabakbau in den Vorstenlanden, Tropenpflanzer 1911 Nr. 9 - 11. - Simon, Studien über den Reisbau auf Java, ebenda 1912 Nr. 9 - 12 (mit zahlr. Abb.). van der Stock in Fruhwirth, Züchtung d. landwirtschaftl. Kulturpflanzen, Bd. V, Bln. 1912. Krankheiten und Schädlinge: Breda de Haan, En Aaltjes - ziekte der Rijst. Mededeelingen uit's Lands Plantentuin, Batavia 1902. - Brizi, Ricerche sulla malattia del Riso detta "Brusone" (Annuario del Istit. Agrario, A. Ponti 1905. - Miyake, Studien über die Pilze der Reispflanze in Japan, Journ. Coll. of Agric. Imp. Univ. Tokyo II (1910) p. 237. - Butler, Diseases of Rice, Agricult. Research Institute Pu8a, Bull. Nr. 34, Calcutta 1913. Mit Literat.Nachweis u. Abb. -- Über Calandra Oryzae: Morstatt, Pflanzer 1911 Nr. 10.

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