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Religionen der Eingeborenen. 1. Psychologische Grundlage. 2. Zauberglaube,
Präanimismus. 3. Seelen- und Geisterglaube, Manismus, Animismus. 4.
Gottheiten. 5. Kultus. 6. Priestertum. 7. Orakelwesen. 8. Gesellschaftliche
Beziehungen der R.
1. Psychologische Grundlage. Vorstellungen, die über die Grenzen der
Persönlichkeit hinausgehen, und Handlungen, durch die der Mensch auf
außermenschliche Einflüsse antwortet, bilden das Gebiet der R. Beide Elemente
treten in logischen Formen auf, lassen aber den systematischen Aufbau, den die
Theologie den Buchreligionen gibt, vermissen. Auch die letzteren sind indessen
nicht plötzlich als fertige Gebilde erschienen und enthalten gelegentlich
Bestandteile, die sich zwanglos in den Vorstellungskreis der R. der Naturvölker
einfügen lassen, in denen philosophische Ideen fehlen, ethische Vorstellungen
nur in Rudimenten bestehen, dagegen eine Fülle von Gebräuchen auftritt. Ihre
Untersuchung führte zunächst zu der Annahme, daß dem Primitiven die ganze Welt
beseelt erscheint, und darauf gründet sich die Lehre vom Animismus (Anima =
Seele) als R. Ohne daß die Grenze immer
scharf zu ziehen wäre, unterscheidet man heute noch die Lehre vom Manismus
(manes = Seelen verstorbener Angehöriger) als besondere Form. Indessen ist die
Lehre das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung, die die Vorstellungen
der Naturvölker zu ordnen sucht, nicht aber eine Schöpfung des Eingeborenen
selbst, der nicht philosophische, sondern vorwiegend praktische Bedürfnisse hat.
Die Jagd oder der Fischfang sollen erfolgreich verlaufen, der rechtzeitige und
reichliche Regen soll die Bestellung ermöglichen,
das Vieh und die Familie sollen von Krankheit verschont bleiben. Die Sorge um
die eigene Existenz führt, zu dem Gefühl der Abhängigkeit, aber vor allem zu
Versuchen zur Beseitigung der Störung. So erscheint das Gefühl als Ausgangspunkt
der R. und diese selbst ursprünglich als Handlung, wobei es zunächst
gleichgültig ist, wogegen man sich wehrt, wenn nur die bedrängte Seele Ruhe
gewinnt und der Affekt gelöst wird. Erst allmählich und im Anschluß an die
Handlungen konnte die Phantasie Vorstellungen über das Wesen der
außermenschlichen Kräfte bilden, und die R. der den Animismus pflegenden Völker zeigen auch heute
Bräuche, die von ihm völlig unabhängig sind. Der Animismus (mit ihm der
Manismus) kann daher nicht wohl die einfachste R. sein. Im systematischen Sinne
ist vielmehr eine Vorstufe anzunehmen, die man vorläufig Präanimismus nennt,
doch muß dahingestellt bleiben, in welchem Umfange er tatsächlich eine Vorstufe
des Animismus bildete oder sich neben ihm ausbildete.
2. Zauberglaube, Präanimismus. Die Gesamtheit der Handlungen, die nicht
rational sind, ohne dabei von Göttern oder Geistern auszugehen,
bezeichnet
man als Zauberei. Der Zaubernde glaubt an die Wirksamkeit seines Tuns,
und sein Glaube ist um so fester, als seine Denkweise (s. Psychologie der Eingeborenen)
die mythologische, d. h. unkritische ist. Er überschätzt daher die
Tragweite
seiner Handlungen weit, aber die Vorstellung von der Größe seiner Kraft
befestigt sich noch durch die vielen scheinbaren Bestätigungen, die zum
Teil auf dem Vergessen des Mißlingens beruhen, zum Teil auf
begünstigenden
Momenten, wie etwa dem, daß der Regenzauber nur zu Beginn der Regenzeit
gemacht wird usw. - Aufgabe der Zauberei ist anfänglich die Abwehr
schädlicher
und die Aneignung vorteilhafter Einflüsse. Schädliches kann man
fernhalten,
wenn man drohende Bewegungen ausführt, lärmt (z.B. bei Sonnenoder
Mondfinsternissen)
oder Mittel anwendet, die dem schädlichen Wesen widerlich sind, so die
Amulette (s.d.), die den Träger dauernd schützen.
Man kann ferner vorhandene Schädlichkeiten (Krankheiten) ebenso
beseitigen,
wie Unreinlichkeiten, also durch Abspülen (Waschen), Abschütteln,
Abwischen,
Abstreifen (etwa mittels Durchkriechen zwischen Bäumen) oder durch
Übertragung
auf andere (Einpflöcken in Bäume, Knotenbinden, Übertragen auf Tiere
usw.).
Vorteilhafte Einflüsse verschafft man sich durch Einverleibung (Essen
von Menschen- oder Raubtierfleisch) oder Berührung (tritt der Galla auf
eine ihm begegnende Schildkröte, so glaubt er harte Sohlen zu bekommen).
Erst sehr allmählich dürften sich an diese den profanen analogen
Handlungen
auch Vorstellungen von zauberkräftigen Stoffen geknüpft haben, die man
beeinflussen kann. Diese wirksamen Substanzen erfüllen die Welt und
werden
auf einer entwickelteren Stufe Gegenstand des Nahe und Fernzaubers. Bei
ersterem wird eine in einem Dinge ruhende Kraft durch Berührung mit dem
Dinge übertragen, so die materiell gedachte Zauberkraft eines Steines,
Holzstücks usw.; da ferner Teile die Eigenschaft des Ganzen haben, so
kann die Zauberkraft der Lebewesen durch Berührung von Teilen übertragen
werden: Blut und Haare, ferner, worauf Preuß besonders hinwies, die
Ausscheidungen
des Körpers, wie Exkremente, Urin usw., aber vor allem auch der Atem
oder
der Hauch sind Träger einer Zaubersubstanz, so daß das Besprechen und
Besingen von Waffen usw. h ierher gehört. Alle diese Dinge kennt auch
der Animismus, und zwar als Träger der Seelensubstanz, aber sie sind es
nicht notwendig und können daher schon der Zauberei dienen. An den
Nahezauber
schließt sich der Fernzauber, bei dem an die Stelle der Berührung mit
dem Zauberträger dessen über beliebig weite Bäume ausstrahlende Wirkung
tritt. Man kann also die abgeschnittenen Haare oder einen Speiserest
bezaubern
und damit den Menschen treffen, dem die Haare einst gehörten oder der
die Speise genossen hat. Weiterhin dienen Nachbildungen als Ersatz für
das zu bezaubernde Wesen: Sticht man eine Nadel in ein Bild, so schädigt
man den unter dem Bilde gedachten Menschen. Endlich liegen
analogisierende
Zauberhandlungen vor, wenn man Wasser kocht oder schwitzt, um die
Regenwolken
herbeizuziehen, Tänze aufführt mit Masken, die ein Jagdtier darstellen,
um die Beute herbeizuführen, oder wenn (Togo) während eines Krieges die daheim gebliebenen
Frauen
als Männer gekleidet und mit Stöcken statt Gewehren bewaffnet durch die
Stadt ziehen, um die kämpfenden Männer zu stärken. Wie der Mensch, so
kann auch das Tier zaubern, das er als nahestehend empfindet. Ehe man
in Deutsch - Ostaftika einen im Dickicht umstellten Löwen
erlegt, schickt man ihm einen Knaben entgegen, der in der Hand ein
Zaubermittel
trägt, um dem Tier seine Kräfte zu nehmen (Meinhof). Die Zauberkraft des
Tieres kann man natürlich der eigenen hinzufügen, wenn man es nachahmt
oder tötet, wodurch die Zauberkraft, deren Behälter es ist, frei wird
(Preuß). Die Zauberkraft des Menschen kann auch nicht groß genug sein;
denn sie dient ihm nicht allein zur Sicherung
seiner Person, sondern muß auch bei allen Verrichtungen helfen, bei
denen
er des Erfolges nicht von vornherein sicher ist Krieg, Jagd, Fischfang,
die Landwirtschaft und Viehzucht, gewerbliche Tätigkeiten, wie vor allem
das Schmelzen und Schmieden des Eisens in Afrika oder der Boot- und
Hausbau
in Melanesien, das Gerichtsverfahren
(s. Eid bei Naturvölkern) und jeder Vertrag bedürfen der Zauberhilfe zum
günstigen Ausgang ebenso wie manche physiologische Vorgänge im Leben des
einzelnen (z. B. Schwangerschaft, Geburt) oder Reisen, Unternehmungen
irgendwelcher Art (z.B. auch Diebstahl)
usw. So ist das ganze Dasein des Eingeborenen von magischen Handlungen
erfüllt, und sie erreichen ihren Zweck, ohne daß dazu irgendwelche
Vorstellungen
über Gestalt und Art der Kräfte nötig wären, gegen die sie sich richten
oder die sie nutzbar machen. Auch eine Normierung der Handlungen ist
wohl
anfangs nicht erforderlich, und die Zahl der Zauberhandlungen ist so
überaus
groß, daß gerade die Zauberei als Werk der einzelnen Menschen erscheint,
die auf Grund individueller Erfahrung zu den verschiedensten
Zaubermethoden
gelangten. Wenn sie dennoch gemeinsame Züge besitzen, so beruht das
darauf,
daß der Zauberglaube eine bestimmte Denkweise voraussetzt; seine
Fortdauer
und Anpassung durch die verschiedensten R. hindurch und sein Vorkommen
bei den höchsten Kulturvölkern erklärt sich letzten Grundes daraus, daß
diese Denkweise, die bei Naturvölkern allen Individuen eigen ist, auch
bei den Kulturvölkern, wenigstens in gewissen Schichten, nicht fehlt.
3. Seelen- und
Geisterglaube,
Manismus, Animismus. Der Stufe des
Zauberglaubens
entsprechen allmählich entstandene Vorstellungen einer in konkreten und
abstrakten Dingen vorhandenen materiellen Zauberkraft, die der Mensch
handhaben kann. Um die Kluft zwischen dieser und der Vorstellung von
persönlichen
Seelen und Geistern zu überbrücken, nimmt Vierkandt eine zweite Stufe
an, die zeitlich nicht notwendig auf die erste folgen muß, sondern mit
ihr verbunden sein kann, die Stufe der analogisierenden Auffassung der
Natur: Der Mensch schreibt den ihm ferner stehenden Dingen seine eigenen
Beweggründe und Fähigkeiten zum Handeln zu oder sieht in sie
Bestandteile
seiner Umgebung hinein, die ihm besonders geläufig sind. Daher sind ihm
z.B. die Tiere so klug wie die Menschen und ursprünglich. auch mit deren
Kulturgütern versehen, die sie nur durch Zufälle verloren, und der
Buschmann
sieht in der Milchstraße die von einem Mädchen am Himmel ausgestreute
Asche. Von dieser Stufe aus ist der Weg zum Animismus nicht mehr weit,
der außermenschliche Personen annimmt. Dieser Vorstellungskreis wird auf
Erfahrungen zurückgeführt, die der einzelne Mensch im Traume machte: Der
Träumende legt weite Strecken zurück, verrichtet allerlei und sieht
entfernt
wohnende Bekannte oder Verstorbene gegenwärtig und handelnd.
Berücksichtigt
man das Erklärungsbedürfnis des heutigen Primitiven, so konnte in der
Tat der Traum zu der Vorstellung eines zweiten Ichs führen. Damit war
die Gegenüberstellung von Körper und Persönlichkeit oder Seele, wie wir
sie nennen, erreicht, zu der gleichen Auffassung konnte man durch den
Vergleich des Toten mit dem Lebenden gelangen. War einmal der Dualismus
für den Menschen gewonnen, so führte ein weiterer Schritt zu seiner
Ausdehnung
auf Tiere und Dinge, schließlich auch zur Annahme von Geistern mit
selbständiger
Existenz. Dem reinen Animismus ist daher der Seelenglaube
voranzustellen.
- Seelenvorstellungen. Die Menschenseele wird körperlich gedacht als
Dampf
oder Häutchen, sie ist "Schatten" oder "Atem" usw. Sie erfüllt den
Körper,
doch scheint oft das Herz als ihr Sitz angesehen zu werden, auch im Blut
ist sie enthalten. - Die Seele des Lebenden ist nicht dauernd an den
Körper
gebunden. Sie kann ihn verlassen und selbständige Erlebnisse haben,
Fremden
Rat erteilen, der gewissenhaft befolgt wird, an Jagden oder Festen
teilnehmen
usw. (der Mensch träumt Wanderungen usw.), während der Körper schläft
oder bewußtlos ist. Der Kundige, so das Mitglied eines Geheimbundes,
kann
seine Seele fortsenden und bei Fernen Unheil stiften lassen, vor allem
vermag dies der Zauberpriester, der überdies in Verzückung gerät oder
dessen Körper in Krämpfe verfällt, während seine Seele gegen die
Krankheit
seines Patienten kämpft. Er ist dann "außer sich". Die Seele verläßt
beim
Tode den Körper durch den Mund als Hauch. Hier und dort muß dieser
letzte
Hauch eines Häuptlings von seinem Sohne mit dem Munde aufgefangen
werden,
damit er die Nachfolge antreten kann. Erholt sich ein Sterbender, so
kehrt
die Seele zurück, die ihn schon verlassen hatte; mitunter kann man sie
wieder einfangen und den Sterbenden wieder zu sich bringen, wenn ein
Verwandter
den Rock des Kranken an einer Bambusstange zum Fenster hinaushält, und
ein Priester die Seele in den Rock
beschwört
(China). Ähnlich wird ein Scheintoter bei den Ewe
durch den Zauberer erweckt. - Die Seele des Toten kann das
Haus durch Fenster oder Tür verlassen, gewöhnlich aber bleibt sie
zunächst
wenigstens in der Nähe der Leiche, wenn sie auch beim Eintritt des Todes
abwesenden Verwandten in der Gestalt des Sterbenden erscheinen kann, um
den Tod anzuzeigen (Polynesien).
Überhaupt
hat die Seele des Verstorbenen, das Gespenst, der Regel nach menschliche
Gestalt; sie ist auch individualisiert, da sie etwaige Verstümmelungen des Verstorbenen zeigt,
und ein langes Krankenlager vor dem Tode macht auch das spätere Gespenst
mager und schwach. Diese Seelen können sprechen und handeln, man kann
ihre Fußspuren finden, sie schlagen, verletzen, vertreiben, der Zauberer
der Duala vermag sie zu Zauberzwecken
einzufangen.
Endlich sind die Gespenster zwar der
Beweis für ein Fortleben nach dem Tode, aber sie leben nicht ewig; sie
werden mit der Zeit schwach und klein und vergehen (Mpangwe)
(allmähliches Verschwinden der Verstorbenen aus dem Gedächtnis der
Lebenden?).
Seelen können aber auch getötet werden, und die Matambe - Witwe taucht
vor der Wiederverheiratung in einem Fluß oder Teich unter, um die etwa
an ihr haftende Seele des ersten Gatten zu ertränken. Nicht überall
besitzt
der Mensch eine Seele; anscheinend unter dem Einflusse der Vorstellungen
über Totenreich und Jenseits entstand die Mehrzahl der Seelen, die
verschiedene
Aufgaben haben. Die eine bleibt etwa auf Erden, die andere wandert ins
Totenreich. Daran kann sich eine Rangordnung der Seelen knüpfen. Diesen
höheren Vorstellungen gegenüber steht z. B. die der Schambala, bei denen
innere Unruhe als Folge des Streites der beiden Seelen aufgefaßt wird.
Bei anderen Völkern kennt man drei, auch vier verschiedene Seelen eines
Menschen. - Tier-, Pflanzen-, Gegenstandsseelen: Wie die Menschen, so
haben Tiere eine Seele, fehlt doch im Gedankenkreise des Primitiven das
Bewußtsein der Kluft zwischen Mensch und Tier völlig. Auch
Pflanzenseelen
kommen vor und schließlich Gegenstandsseelen: Das Gespenst das etwa
bewaffnet
gesehen wird, trägt natürlich keine wirklichen Waffen, sondern
gespenstische
usw. An diese Seelenvorstellungen knüpfen sich die Gebräuche bei der
Bestattung
(s. Bestattung der Toten), die Beigaben an Menschen, Tieren, Speisen, Geräten haben den Sinn, daß ihre Seelen
der Seele des Verstorbenen dienen sollen; auch die Opfer am Grabe
gehören
hierher oder die Tötung eines Menschen, damit er dem verstorbenen
Häuptling
Nachricht bringe. Auch der Totemismus
(s.d.) ist hier anzuknüpfen; das Totem,
mag es Tier, Pflanze oder Gegenstand sein, hat eine Seele, mit der der
Lebende genealogisch verbunden ist. Endlich gehört die Seelenwanderung hierher. Der Ewe hat neben
seiner irdischen oder niederen Seele eine zweite göttliche, die ihm bei
der Geburt aus dem Jenseits gesandt wurde, der er Opfer darbringt, und
die nach seinem Tode ins Jenseits zurückkehrt, um dann wieder in einen
neuen Menschen gesandt zu werden. In Melanesien und in Afrika wandert
die Seele in ein Tier oder einen Baum oder Berg usw., die darum heilig
gehalten werden; von hier vermag sie in die Körper der Nachkommen zu
wandern.
In Afrika muß der Jäger erkennen können, ob er ein wirkliches Tier jagt
oder ein gespenstisches mit der Seele eines Menschen. Das braucht nicht
einmal die Seele eines Verstorbenen zu sein, sie kann auch einem
zauberkräftigen
Lebenden gehören, so daß unserem Werwolf dort der Werlöwe usw.
entspricht.
Wieder ein anderer Gedankengang macht die Hyäne zum Seelentier. Bei den
Massai frißt sie die Verstorbenen, daher
ist sie mit Ehrfurcht zu behandeln. Verbreitet ist der Glaube, daß die
Schlange ein Seelentier ist; er entstand vielleicht durch die
Beobachtung,
daß Leichen von Würmern zerstört werden, von denen der Weg zu den Schlangen
führt, die anderseits auf der Erde und vor allem in Höhlen leben, also
dem unterirdischen Totenreich besonders nahe sind. - Geisterglaube: So
wahrscheinlich die Vorstellung von einer Seele der Ausgangspunkt für
eine
den reinen Zauberglauben überragende Religionsform ist, so schwierig ist
die Verfolgung der Formen selbst. Unserem Bedürfnis nach systematischer
Einsicht entspricht nichts weniger als die religiösen Vorstellungen der
Naturvölker, in denen überhaupt erst wenige Reihen klar zu liegen
scheinen,
die aber zusammenhanglos nebeneinander oder sich durchkreuzend verlaufen
und unvermittelt abbrechen. Ihre geschichtliche Entwicklung ist
unbekannt,
und wir können nur versuchen, ein vom Einfacheren fortschreitendes
System
aus theoretischen Gründen aufzustellen. Dazu kommt die dauernde
Schwierigkeit,
daß wir feste Begriffe brauchen und daher auch auf diesem Gebiet eine
Terminologie anwenden müssen, während ihre Berechtigung durchaus nicht
überall feststeht. So ist es schon bei den Tier- oder Pflanzenseelen
zweifelhaft,
ob die Seele die eigene Seele des Tiers oder der Pflanze ist oder die
eines Verstorbenen, die dort ihren Sitz hat. Die dritte Möglichkeit ist
die, daß ein Geist in ihnen wohnt. So geht der Seelenglaube (s.
Manismus)
in den Geisterglauben (s. Animismus) über, und der einzige Unterschied
scheint zunächst der zu sein, daß man sich bei der Seele eines
genealogischen
Zusammeithanges bewußt ist, bei dem Geist nicht. Einer der vielen
denkbaren
Übergänge wäre dann der, daß die Seelen längst Verstorbener als Geister
angesehen werden, indem wohl die Erinnerung an die etwa besonders
wohltätige
oder bösartige Seele, nicht aber das Bewußtsein der Verwandtschaft ihres
einstigen Trägers mit der lebenden Generation sich erhält. Einen anderen
Übergang bietet Afrika: Die Seelen gehen in den Wald, aber hier haust
nicht eine Anzahl Seelen, sondern ein Waldgeist, der als Sammelform der
Seelen aufzufassen wäre. Jedenfalls kennt die Vorstellung vieler Völker
Geister, die ihre Umwelt erfüllen und neben den Seelen vorhanden sind.
Der Geist, der im Walde seinen Sitz hat, ist auch in jedem Ast oder
Blatt
vorhanden, der Eulengeist ist in jeder Eule anwesend usw. Dabei ist die
Vorstellung von dem Geiste zunächst eine materielle und der von der
Seele
nachgebildet, gleich ihr wohnt er in Höhlen, Felsen, Bergen, Quellen,
Seen, Flüssen, Strudeln, Hainen, Wäldern usw. Die Geister entsprechen
ungefähr den Dryaden, Oreaden usw., den Elfen, Kobolden usw., die
neutral
als Dämonen, tendenziös als Teufel zusammengefaßt werden. Allein die
Geister
können auch zusammenfließen, statt der Einzelgeister mit immerhin
beschränktem
Wirkungskreis hat man es dann mit einem Kollektivgeist zu tun, der mit
einer gewaltigen Macht ausgestattet ist und sehr gefürchtet wird; er
erscheint
schlechthin als " Kraft". -Gemeinsam ist den Seelen und, Geistern die
Eigenschaft der Einkörperung. Die Seele oder eine der Seelen des
Verstorbenen
bleibt in der Nähe des Grabes und hat ihren Sitz in den körperlichen
Resten,
mag sie auch in den auf dem Grabe wachsenden Baum oder den umgebenden
Hain übergehen. Die Seele ist also in dem Schädel oder einem anderen
Knochen,
auch in dem der Leiche abgeschnittenen Haar, anwesend, d.h.
eingekörpert.
Der Geist ist es ebenso in dem Berg oder Felsen und in einem Stück, das
man davon abschlägt. Hinzukommt, daß der Geist seinen Sitz wählen kann;
er bevorzugt z.B. einen bestimmten Baum, der dann zur Stätte der
Verehrung
wird. Gleiches tut die Seele, wenn sie nicht ausschließlich bei den
Überresten
bleibt. Diese Einkörperung erhält ihre Bedeutung dadurch, daß der Mensch
mit dem Objekt auch das darin befindliche geistige Wesen in seinen
Besitz
bringen, daß er ihm auch einen Sitz anweisen kann. Das ist wichtig, weil
der Primitive die Seelen und Geister opportunistisch beurteilt; sie sind
in ihren Handlungen, deren Motive menschliche sind wie Anhänglichkeit
oder Haß, Wohlwollen oder Heimtücke, entweder gut oder böse. Zu den der
Regel nach guten gehören die Seelen der eigenen Familie, zu den bösen
die Seelen Nichtverwandter, gelegentlich ganz persönlich die Seele eines
Feindes. Gut oder böse sind auch die Geister; die guten haben die
Aufgabe,
den Menschen gegen die bösen zu schützen. Der alte Gedanke des
Abwehrzaubers
erscheint hier in Verbindung mit Persönlichkeiten, die Träger der Kräfte
und Fähigkeiten sind. Man ist des Schutzes sicher, wenn man stets ein
Objekt zur Hand hat, das einen guten Geist oder eine verwandte Seele
enthält.
Dazu dienen z.B. die Schädel Angehöriger, die man im Hause aufbewahrt,
ein kleiner Knochen von ihnen, den man an sich trägt oder ein Gürtel aus
ihrem Haar (s. Ahnenkultus), auch
die Masken haben zum Teil den gleichen Sinn (s. Masken der Eingeborenen,
Pubertätsfeste). Man kann auch ein Bildnis
machen aus Stein, Holz, Mark, Lehm usw., das der Seele als Sitz
angewiesen
wird; es wird am Körper, am Gerät, am Haus, am Boot usw. angebracht (Ahnenbilder). Man kann auch Seelen und Geister
in Idole (s.d.) einkörpern, die man dann im Haus, Hof, Garten, in der
Pflanzung, am Dorfeingang, an Wegen usw. aufstellt; man gibt ihnen dabei
mitunter (Bantu) eine drohende Haltung
oder
behängt sie noch mit den Abwehrmitteln, die der Zauberglaube kennt (s. oben). Man bedarf auch
reichlichen Schutzes. Mißwachs, Regenmangel, Schiffbruch, Viehseuchen, Krankheiten (s. Medizin der
Eingeborenen),
jedes Ungemach oder Unglück, das die Gesellschaft, die Familie oder den
Einzelnen betrifft, können, sofern sie nicht auf dein Zauber Lebender
beruhen, die Tat böser Seelen oder Geister sein, die sie unmittelbar
veranlaßten
oder herbeizauberten. Als Zauber ist wohl auch die Tätigkeit der in den
Idolen usw. eingekörperten Kräfte zu denken; denn der Seelen- und
Geisterglaube
ersetzt nicht den Zauberglauben, sondern verschmilzt mit ihm und bildet
ihn fort.
4. Gottheiten. Die Macht der Seelen und Geister ist bei den einzelnen
Völkern verschieden; das mag mit den Ansprüchen an die außermenschlichen
Kräfte zusammenhängen, also schließlich mit der Kulturstufe und den
geschichtlichen
Erlebnissen des Volkes. Aber auch bei dem gleichen Volke sind
Unterschiede
vorhanden, die auf Abstufungen des angeblich wahrgenommenen Nutzens oder
Schadens beruhen worden. Dann heben sich aus der Fülle der Seelen und
Geister einige heraus, die besonders beliebt oder gefürchtet sind, und
die Masse der außermenschlichen Wesen wird durch eine Rangordnung
gegliedert,
in der höhere über niedere herrschen, die ihre Anordnungen ausführen;
über Seelen und Geister, die fortbestehen, treten Gottheiten, die aber
dem menschlichen Vorbilde in ihrer Gestalt, ihren Motiven, profanen und
zauberischen Handlungen gleichen, so daß sie sich mehr durch Rang und
Ansehen als durch besondere Machtfülle von ihren Untergebenen abheben.
Ihre Herkunft ist überdies in rächt seltenen Fällen erkennbar. In Mikronesien und Polynesien führen die
Stammtafeln
der Häuptlingsgeschlechter auf göttliche Ahnen zurück. Die Mythe weiß
von ihnen Schöpfungen, die Einführung nützlicher Pflanzen usw., die Erfindung wichtiger Techniken
und anderer Kulturgaben zu berichten; sie werden wohl als Herden
bezeichnet.
Mythische Stammbäume verbinden sie
miteinander. Allein zweifellos sind ebenso oft Seelen zu Heroen, wie der
manistischen Stimmung des Volkes entsprechend Geister sekundär in
genealogische
Vorstellungen eingefügt worden, während sie anderwärts sich einfach zu
Gottheiten wandelten. Das gilt vor allem von den Geistern, die nicht mit
den Seelen zusammenhängen, sondern unmittelbar aus der Personifikation
von Naturkörpern, von Naturerscheinungen oder kulturellen Ereignissen
hervorgingen. Solche Dämonen sind in Tieren, Pflanzen, Felsen, Erde,
Wasser
usw. eingekörpert oder im Himmel, Regen, Donner, Blitz, Wind, Sonne,
Mond
usw. Manistische und animistische Vorstellungen durchkreuzen sich hier
in der mannigfaltigsten Weise. Indessen kommt den Dämonen gewöhnlich
wohl
nur eine Funktion zu, während die Gottheiten mehrere haben und eine
größere
Bewegungsfreiheit besitzen, so daß sie dem Menschen in sehr
verschiedener
Weise nützlich oder schädlich werden können. Die einen Gottheiten sind
an sich gut oder wohnen weit entfernt im Himmel; sie spielen im Leben
des Eingeborenen der Regel nach keine Rolle, man wendet sich nur in
besonderen
Fällen an sie, daher weiß man wenig von ihnen, vor allem haben sie
geringe
oder gar keine irdischen oder menschlichen Züge. Andere Gottheiten
erlangen
Bedeutung als Häuptlinge des Totenreiches, in das die Seelen eingehen.
In dauernden und lebendigen Beziehungen steht das Volk dagegen zu den
Wesen, die bestimmte Tätigkeiten haben und unmittelbar in das Leben
eingreifen,
wenn sie handeln oder eine Leistung unterlassen. Das trifft bereits für
bestimmte Geister zu, so die Spuk- und Krankheitsdämonen Afrikas, mehr
noch für die Gottheiten: Die Erde gibt Kindersegen und wird beim Eide
zur Zeugin der Unschuld angerufen (Togo), der Herr des Waldes bringt
Krankheiten
(Deutsch-Ostafrika), die Wassergottheit bringt Nebel und Mücken,
die Himmelsgottheit Regen (Massai), die Vegetationsgottheiten sorgen bei
den Hackbauern dafür, daß Saat und Ernte gelingen, sie begleiten den
Eingeborenen
und seine Arbeit durch das ganze Jahr als Kulturgottheiten, die Ewe
kennen
besondere Schutzgottheiten für den einzelnen und die Gesellschaft. Neben
Manismus und Animismus steht bei vielen Völkern eine Anzahl von
Obergottheiten,
denen niedere und außerdem die Geister und Seelen untergeordnet sind.
Auch eine Scheidung macht sich bemerkbar, insofern die höheren
Gottheiten
oft Himmelsgötter, die Dämonen meist irdische Wesen sind. Äußerlich
haben
die Endformen Ähnlichkeit mit dem Polytheismus
(Vielgötterei), aber es ist doch
durchaus zweifelhaft, ob man diesen auf dem klassischen Boden
entstandenen
Begriff auf afrikanische und ozeanische Gottheiten anwenden darf.
Ähnlich
steht es mit dem Begriff des Monotheismus,
wenn auch sicherlich auf manistischer oder animistischer Grundlage eine
höchste und mächtigste Gottheit vielfach vorhanden und damit eine
Vorstellung
gewonnen ist, die die Einschmelzung der übrigen ermöglichen würde.
Jedenfalls
ergeben Manismus wie Animismus zunächst eine Anzahl von
nebeneinanderstehenden
Gottheiten, die gleich den Menschen verschiedenen Rangstufen angehören
können. Erhebliche Unterschiede der Macht und des Wirkungskreises sind
damit aber nicht notwendig verbunden; wo Göttersysteme bestehen (Sudan)
oder weit, überragende Gottheiten (Deutsch - Ostafrika), ist ein Einfluß
höherer Religionen wahrscheinlich. Auch wenn man von diesen absieht,
bieten
die einheimischen R. ein nichts weniger als einheitliches Bild. Neben
den persönlichen Gottheiten und den Dämonen besteht der reine
Zauberglaube,
und ein besonders starkes Element bildet zumal der reine Manismus, der
in der Verehrung der eigenen Vorfahren als Pfleger der Familie gipfelt.
Wo die totemistische Verbindung von Mensch und Tier besteht, erscheint
er äußerlich als Tierdienst, der andererseits aus der Annahme einer
Tierseele
oder der Einkörperung einer Seele oder eines Geistes hervorgehen kann;
bei der großen Verbreitung der Vorstellungen hat sich für sie trotz
ihrer
verschiedenen Entstehung die Bezeichnung Animalismus eingeführt.
5. Kultus. Der Verkehr zwischen den Menschen und den außermenschlichen
Gewalten geht in festen Formeln vor sich. Abgesehen von den einfachsten
Handlungen ist schon die Zauberei nur wirksam, wenn bei der Ausführung
bestimmte
Regeln innegehalten werden, ebenso wird der Familienälteste, der die
Reste
seiner Vorfahren etwa zur Krankenheilung verwendet, ein hergebrachtes
Verfahren einhalten. Nun sind aber die guten Kräfte nicht unbedingt gut.
Wären sie es, so brauchte man sich nach der Logik der Afrikaner oder Ozeanier nicht um sie zu kümmern,
da sie ja sowieso dem Menschen nützen. Zunächst muß man bei der
Verwendung
der Schädel, Masken, Idole usw. bestimmte
Formeln beobachten, damit die Kräfte auch richtig wirken; sie erhalten
besonderen oder neuen Schmuck, man schlägt einen Nagel in das Idol
(Afrika)
usw. Aber auch ohne dies muß man Seelen und Geister bei wohlwollender
Stimmung erhalten, den bösen Elementen durch Gebet und Opfer die
dauernde
Ehrfurcht zu erkennen geben. Alle solche Handlungen bilden den Kultus,
und je nach dem Objekt der Einkörperung spricht man von Ahnen-, Tier-,
Schlangen-, Schädel-, Baum-, Wasser-, Bergkulten usw. Jedenfalls braucht
der Primitive der Regel nach ein sichtbares Objekt für den Kultus, und
hier liegt eine Brücke zum Fetischismus. Der gebildete Eingeborene weiß,
daß das Idol der Sitz des geistigen Wesens ist, an das er sich wendet,
der ungebildete erwartet von dem Idol selbst die Hilfe und verhüllt es
oder kehrt es um, damit es nicht sieht, was er etwa Unrechtes tut. - Der
religiöse Kultus umfaßt die Versuche, durch die die Seelen, Geister,
Gottheiten
beeinflußt werden sollen, um die Wünsche des Menschen zu erfüllen. I hre
Wirkung ist vor allen Dingen eine Beruhigung des inneren Menschen, durch
die er neue Zuversieht gewinnt; er verpflichtet in gewissem Sinne die
höheren Gewalten zum Beistand oder beschwichtigt ihren Zorn.
Die Mittel, die er anwendet, sind die gleichen, die er Mitmenschen
gegenüber
als wirksam erkannte: er verrichtet ein Gebet, d.h. er bittet und er
bringt
Opfer dar, d.h. er schenkt einen Gegenstand oder gibt sein Eigentum als Entschädigung für eine Kränkung oder
Schädigung her, auch legt er wohl ein Gelübde ab, durch das er sich
freiwillig
Entsagungen vorschreibt. Das Gebet hat dabei nicht bloß die Bitte zum
Inhalt, sondern auch eine Anrufung, ja ein Duala begann es mit einem
langen
Pfiff, damit die Gottheit aufmerke, und wiederholte ihn nach jedem Satz.
Anderseits hat die Gebetsformel die Bedeutung des Wortzaubers (s.o.);
seine Wirkung wird durch Wiederholung verstärkt, so daß man auf die
Gottheit
einen Zwang ausüben kann. Das Opfer kann die Bedeutung der
Stellvertretung
haben, wenn z.B. ein Kranker der Gottheit einen anderen Menschen als
Ersatz
für sich selber darbringt; freilich tritt gerade beim Menschenopfer
(s.d.) bald eine Abschwächung ein, so daß schließlich Nachbildungen
genügen
oder das Tieropfer das Menschenopfer ablöst, etwa weil auch das Tier ein
Lebewesen ist und dem Menschen ebenso gehört wie sein Haar oder sein
Finger,
die er sonst hergab. Dem Tieropfer verwandt ist das gewöhnliche Opfer
von Nahrungsmitteln, die die Gottheit verzehrt oder deren "Seele" sie
aufnimmt, auch Opfer von Gegenständen sind nicht selten. Sie sollen der
Ernährung und der Bequemlichkeit der Gottheit
dienen, berühren sich also andererseits mit dem Totenopfer, bei dem man
Menschen, Vieh und Habe dem Toten mitgibt aus Fürsorge, aber auch aus
Furcht vor seinem Zorn, als Bitte um seine Gunst und schließlich aus
Pietät.
Ursprünglich liegt dem Opfer jedenfalls der Gedanke von Leistung und
Gegenleistung,
d.h. einer Art von Vertrag (Handel?),
zugrunde;
man opfert, um eine Gegenleistung zu erbitten, aber auch um für eine
Leistung
zu danken. Die subjektive Wirkung der Kulthandlungen wird wesentlich
erhöht,
wenn sie vor dem Idol und an einem besonderen Platze stattfindet, der
Kultstätte. Sie befindet sich im Wohnraum oder innerhalb des Gehöftes
und des Dorfes, aber auch außerhalb der Siedlung, je nachdem es sich um
Manen und einfache Schutzgeister oder um Gottheiten der Gesamtheit und
höhere Geister handelt; sie enthält der Regel nach das Idol und ist
gegen
Unberufene oder Tiere durch Hecken, Zäune oder besondere Idole
geschützt.
- An den Verzicht auf den Genuß der als Opfer dargebrachten Speisen usw.
knüpft zum Teil die Askese (s.d.) und auch die Buße an auf Grund der
Vorstellung,
daß die Entsagung zur Erreichung des Zweckes notwendig, und der
weiteren,
daß sie der Gottheit wohlgefällig ist.
6. Priestertum. Gebet und Opfer nehmen naturgemäß bestimmte Formen an,
man verrichtet sie nach Vorschriften, deren genaue Befolgung die erste
Bedingung für den Erfolg ist. Zwar kann jeder zaubern, beten und opfern,
jeder Familienälteste den Ahnen huldigen und sie nutzbar machen, der
Häuptling
kann gleichzeitig Priester sein, aber nicht jeder kann die Fülle von
Geistern
und Gottheiten und die Besonderheiten ihrer Kulte beherrschen. Das führt
zur Spezialisierung, und einzelne Menschen übernehmen die Aufgabe, den
Kult der einen oder der anderen Gottheit zu leiten und zwischen ihr und
den Menschen zu vermitteln: Der Priester steht in einem besonderen
Vertrauensverhältnis
zur Gottheit. Er wird daher vielfach (Ozeanien)
der Träger der Mythen und Überlieferungen, die sich an die Taten der
Gottheit
knüpfen. Seine Beziehungen zu ihr sind dabei zauberische, und so fällt
ihm auch ein erheblicher Teil der Zauberhandlungen mit oder gegen
Menschen
zu. Er weiß Zaubermittel zu bereiten; gibt er im Sinne des Auftraggebers
wirksame Mittel und Gegenmittel her, so ist er der Zauberpriester, dem
man sich gerne anvertraut, schädigt er aber andere Menschen, so wird er
zum Hexenmeister, den man fürchtet. Der Priester wehrt Schaden ab,
vertreibt
Krankheitsgeister (s. Medizin der Eingeborenen), sorgt
für Regen usw., so daß er dem einzelnen und der Gesamtheit unentbehrlich
ist. Auch die Gesellschaft bedarf seiner; die Ereignisse des
Familienlebens,
wie Geburt, Mannbarkeit, Eheschließung, Tod, erfordern seine
Tätigkeit,
ebenso wie Vorgänge der inneren oder äußeren Politik; er wirkt bei
Rechtsfragen
mit, Eid (s. Eid bei Naturvölkern) und Gottesurteil Fallen in sein Bereich
(Westafrika). Seine Verbindung
mit den außermenschlichen Kräften und M ächten schafft ihm eine
besondere
soziale Stellung, die sich freilich nur dem. Volke gegenüber
gleichbleibt;
von der Macht des Häuptlings dagegen hängt es ab, ob er unter, neben
oder
über diesem steht. Auch eine räumliche Absonderung kommt vor. So gibt
es in Togo Dörfer, deren Kern eine Kultstätte
und die Priester mit ihrem Anhang als Bewohner bilden, als selbständige
Siedlungen; auf Ponape (s.d.) bestand
einst
die heilige Stadt aus der Königs- und der Priesterstadt. Dennoch ruht
das Priestertum nicht allein auf diesen Wurzeln, der Priester muß
gewöhnlich
auch zur Ekstase fähig sein, während der er augenscheinlich mit der
Gottheit
verkehrt und mit ihr zu verkehren glaubt, der er Botschaften überbringt
und deren Willen er dem Volke verkündet. Narkotische und andere Mittel
(Lärm, Tänze helfen ihm, den Zustand zu erzeugen, in dem er tobt, sich
in Krämpfen windet, halluziniert usw., aber die Grundlage bildet doch
eine psychische Disposition, die nicht jedem Menschen eignet. Wenn in
Togo z. B. die Gottheit ihren künftigen Priester einen Gegenstand auf
dem Wege finden läßt, der anderen Menschen nicht sichtbar ist, so liegt
hier deutlich die visionäre Befähigung als die Bedingung für die
priesterliche
Tätigkeit zutage. Jede Gottheit hat ihre eigenen Priester, die in hohem
Ansehen stehen und sich meist durch besonderen Schmuck oder Attribute
unterscheiden; von ihnen sondern sich die Zauberpriester ab, die
lediglich
Zauberei treiben, einen geringen Rang haben und in ihrer Existenz
ständig
durch Mißerfolge gefährdet sind. Das Priestertum scheint schließlich
auch
die Brücke zu bilden für die Verknüpfung der Religion mit der
Sittlichkeit,
die zunächst gar nichts mit religiösen Dingen zu tun hat. Das Verhalten
des einzelnen gegenüber den Mitmenschen oder der Gesamtheit regelt
allein
das Herkommen, und für das Wohlverhalten sorgt die Kritik der
öffentlichen
Meinung oder die drohende Rache der Geschädigten, zu denen natürlich
auch
Ahnen als Angehörige oder frühere Gesetzgeber ebenso gehören wie die
Geister
jeder Art. Das Priestertum der Häuptlinge
oder besonderer Personen stützt nun aber nicht allein das Herkommen,
sondern
wird das Mittel, um neue Sitten und Gebräuche dadurch einzuführen, daß
sie als Wille der Gottheit verkündet werden. Die der menschlichen
überlegene
Einsicht der Gottheit, die hierin zum Ausdruck kommt, ißt auch ein
wesentlicher
Grund dafür, daß dem Priester die Aufgabe zufällt, nicht nur dem
Kausalitätsbedürfnis
des Menschen durch Ermittlung der Ursachen oder richtiger Verursacher
eines Vorganges oder Ereignisses zu genügen, sondern vor allein ihm
einen
Blick in die Zukunft zu eröffnen.
7. Orakelwesen. Der Eingeborene verfügt über Erfahrungen, kennt
jedoch
keine innere Gesetzmäßigkeit des Geschehens. Wo er über die unmittelbare
Gegenwart hinaus Gewißheit haben will, bedarf er daher der Hilfe
außermenschlicher
Kräfte. Was er selbst nicht weiß, wissen wahrscheinlich sie, und man
kann
sie, mögen sie sonst den Menschen noch so weit überragen, durch einfache
menschliche Mittel veranlassen und selbst zwingen, ihr Wissen von der
Zukunft zu offenbaren. Die Anfänge des Orakelwesens stehen im
Zauberglauben.
Die Zauberkraft des einzelnen Menschen ermöglicht es ihm, z.B. aus dem
Verhalten der Tiere, die Antwort auf eine Frage zu erhalten. Dabei
scheint
ursprünglich das Tier einfach als zauberkräftiges Wesen empfunden zu
werden,
erst später als Bote oder Sitz einer Seele oder eines Geistes. Die
einfache
Form des Tierorakels, der Angang, ist weit verbreitet; ob ein Vogel
rechts
oder links fliegt, dieses oder jenes Tier dem Fragenden öder Zweifelnden
begegnet, zeigt den Ausgang des Unternehmens an. Das Benehmen der Tiere
wird beobachtet, die durch ihre Lebensweise Beziehungen zum Himmel, also
den Gottheiten (Vögel) oder zur Unterwelt, also den Seelen, zu haben
scheinen
(Schlangen und Eidechsen); in Westafrika ist das Verhalten der
Spinne, die mythologisch mit dem Himmel zusammenhängt, von
entscheidender
Bedeutung. Aus vielen Erfahrungen einzelner ergibt sich zwanglos eine
Reihe von Regeln, nach denen die Beobachtungen zu verwerten sind, um
richtige
Auskünfte zu erhalten. Allein man ist an den Willen der Tiere nicht
gebunden,
sondern hat eine sehr große Zahl, von Mitteln zur Verfügung, die
jederzeit
benutzt werden können. Los, Würfel, Stäbe, die man wirft, Sand, den man
mit Strichen versieht, die Gestirne, Wasser, Feuer usw. können die
Zukunft
enthüllen, wenn man nur die Regeln der Deutung kennt; auch das Tierorakel kehrt hier wieder, wenn man Haustiere
zur Eingeweideschau verwendet. Eine besondere Kunst ist die Deutung der
Träume. Endlich kann man auch die Seelen der Toten beschwören und Idole,
die Sitze von Geistern oder Gottheiten befragen. Wie beim Kultus, so werden auch beim Orakelwesen die Priester
notwendig, da sie allein die Technik einwandsfrei beherrschen und auch
gegen die Gefahren gefeit sind, die mit der Befragung einhergehen. Daher
werden zwar Angang, Loswerfen, Sandorakel, Tierbeobachtung usw. von
jedermann
ausgeführt, zumal, wenn es sich um die Aufklärung einfacher Dinge
handelt.
Sobald aber Seelen, Geister und Gottheiten in Frage kommen, wendet man
sich an den Priester, der den Verkehr mit ihnen zu erzwingen weiß. In
der Ekstase spricht der Wahrsager mit den Seelen und teilt ihre
Antworten
mit, oder der Geist spricht aus ihm, nachdem er in seinen Körper
vorübergehend
eingezogen ist, oder die Gottheit gibt ihre Anwesenheit und ihre Meinung
durch Geräusche Kund, die der Priester deutet usw. Damit sind dann die
Anfänge der Prophetie gegeben.
8. Gesellschaftliche Beziehungen der R. Eines kurzen Hinweises bedürfen
noch die gesellschaftlichen Beziehungen der Religion. Als kleinste
Einheit
in der Gesellschaft erscheint die Familie, in weitaus den meisten Fällen
die Sippe (s.d.). Ihre Angehörigen
verehren die Seelen der verstorbenen
Mitglieder und den totemistischen Vorfahr. Von diesen gehen alle der
Gemeinschaft
nützlichen Dinge und der Schutz gegen Schädlichkeiten aus. Daher fühlt
sieh der einzelne Mensch von vornherein als Glied einer aus den lebenden
und den vorangegangenen Generationen gebildeten Kette, bei den
Pubertätsweihen,
bei jedem Unglücks- oder Krankheitsfalle, beim Tode von Verwandten wird
ihm der Zusammenhang eindringlich zum Bewußtsein gebracht. Seine
Handlungen
werden wesentlich durch das Vorbild der Ahnen bestimmt, er handelt
richtig,
wenn er diesen Autoritäten folgt, und so wird der Manismus der Grund
eines
starken Konservatismus, der die ganze Gesellschaft erfüllt. Wo sich
dennoch
die unvermeidlichen Änderungen einstellen, sind es die Ahnen, die sie
dem träumenden Ältesten vorschrieben. Entstehen aus den Angehörigen der
Familien Bünde, die gesellschaftliche Bedeutung erlangen, so stehen sie
unter einem Geiste, und wohl jeder Geheimbund hat seinen, besonderen
Kult.
Zeigt dann eine andere Form der Gesellschaft neben den Familien und
Sippen die Gliederung in Stände oder die Absonderung
von Berufsgruppen, so haben die oberen Stände und Berufe religiöse
Beziehungen:
der Adel besitzt göttliche Stammväter; die
Feuerbereitung, die Schmiedekunst, das Tapaklopfen haben Heroen, Dämonen
usw. gelehrt, die entsprechend verehrt werden. Daß auch die Wirtschaft
religiöse Elemente mannigfaltigster Art hat, ist um so natürlicher, als
sie die wichtigste Grundlage der Gesellschaft bildet. Manen oder
Geister,
Dämonen oder Gottheiten sorgen für ihr Gedeihen. Neben allen diesen
Beziehungen,
die persönliche außerirdische Wesen zur Gesellschaft, zur Wirtschaft,
zur Technik usw. haben, steht dann überall noch die Zauberei, die alle
Handlungen und Erlebnisse des einzelnen beeinflussen kann. Religiöse
Vorstellungen
durchdringen alle Verhältnisse der Gesellschaft und erhalten sie; dem
kulturellen Fortschritt steht das auf außermenschliche Gewalten
gestützte
Herkommen entgegen, sofern sich nicht der Weg findet, auf dem er mit dem
Herkommen in scheinbaren oder tatsächlichen Einklang gebracht werden
kann.
Literatur: Comte G. d'Alviella, Croyances, Rites, Institutions, Paris
1911. - Frazer, The golden Bough, London 1911/12. - C. Meinhof, Afrikanische
Religionen, Berl. 1912. K.
Th. Preuß, Der Ursprung der Religion und Kunst, Globus Bd. 86/87, Braunschw.
1904/05. - E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur, Lpz. 1873 (Theorie des
Animismus). - A. Vierkandt, Die Anfänge der Religion und Zauberes, Globus Bd.
92, Braunschw. 1907 (Theorie d. Zauberei). - H. Visscher, Religion und soziales
Leben bei den Naturvölkern, Bonn 1911.
Thilenius.
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