Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 156 ff.

Religionen der Eingeborenen. 1. Psychologische Grundlage. 2. Zauberglaube, Präanimismus. 3. Seelen- und Geisterglaube, Manismus, Animismus. 4. Gottheiten. 5. Kultus. 6. Priestertum. 7. Orakelwesen. 8. Gesellschaftliche Beziehungen der R.

1. Psychologische Grundlage. Vorstellungen, die über die Grenzen der Persönlichkeit hinausgehen, und Handlungen, durch die der Mensch auf außermenschliche Einflüsse antwortet, bilden das Gebiet der R. Beide Elemente treten in logischen Formen auf, lassen aber den systematischen Aufbau, den die Theologie den Buchreligionen gibt, vermissen. Auch die letzteren sind indessen nicht plötzlich als fertige Gebilde erschienen und enthalten gelegentlich Bestandteile, die sich zwanglos in den Vorstellungskreis der R. der Naturvölker einfügen lassen, in denen philosophische Ideen fehlen, ethische Vorstellungen nur in Rudimenten bestehen, dagegen eine Fülle von Gebräuchen auftritt. Ihre Untersuchung führte zunächst zu der Annahme, daß dem Primitiven die ganze Welt beseelt erscheint, und darauf gründet sich die Lehre vom Animismus (Anima = Seele) als R. Ohne daß die Grenze immer scharf zu ziehen wäre, unterscheidet man heute noch die Lehre vom Manismus (manes = Seelen verstorbener Angehöriger) als besondere Form. Indessen ist die Lehre das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung, die die Vorstellungen der Naturvölker zu ordnen sucht, nicht aber eine Schöpfung des Eingeborenen selbst, der nicht philosophische, sondern vorwiegend praktische Bedürfnisse hat. Die Jagd oder der Fischfang sollen erfolgreich verlaufen, der rechtzeitige und reichliche Regen soll die Bestellung ermöglichen, das Vieh und die Familie sollen von Krankheit verschont bleiben. Die Sorge um die eigene Existenz führt, zu dem Gefühl der Abhängigkeit, aber vor allem zu Versuchen zur Beseitigung der Störung. So erscheint das Gefühl als Ausgangspunkt der R. und diese selbst ursprünglich als Handlung, wobei es zunächst gleichgültig ist, wogegen man sich wehrt, wenn nur die bedrängte Seele Ruhe gewinnt und der Affekt gelöst wird. Erst allmählich und im Anschluß an die Handlungen konnte die Phantasie Vorstellungen über das Wesen der außermenschlichen Kräfte bilden, und die R. der den Animismus pflegenden Völker zeigen auch heute Bräuche, die von ihm völlig unabhängig sind. Der Animismus (mit ihm der Manismus) kann daher nicht wohl die einfachste R. sein. Im systematischen Sinne ist vielmehr eine Vorstufe anzunehmen, die man vorläufig Präanimismus nennt, doch muß dahingestellt bleiben, in welchem Umfange er tatsächlich eine Vorstufe des Animismus bildete oder sich neben ihm ausbildete.

2. Zauberglaube, Präanimismus. Die Gesamtheit der Handlungen, die nicht rational sind, ohne dabei von Göttern oder Geistern auszugehen, bezeichnet man als Zauberei. Der Zaubernde glaubt an die Wirksamkeit seines Tuns, und sein Glaube ist um so fester, als seine Denkweise (s. Psychologie der Eingeborenen) die mythologische, d. h. unkritische ist. Er überschätzt daher die Tragweite seiner Handlungen weit, aber die Vorstellung von der Größe seiner Kraft befestigt sich noch durch die vielen scheinbaren Bestätigungen, die zum Teil auf dem Vergessen des Mißlingens beruhen, zum Teil auf begünstigenden Momenten, wie etwa dem, daß der Regenzauber nur zu Beginn der Regenzeit gemacht wird usw. - Aufgabe der Zauberei ist anfänglich die Abwehr schädlicher und die Aneignung vorteilhafter Einflüsse. Schädliches kann man fernhalten, wenn man drohende Bewegungen ausführt, lärmt (z.B. bei Sonnenoder Mondfinsternissen) oder Mittel anwendet, die dem schädlichen Wesen widerlich sind, so die Amulette (s.d.), die den Träger dauernd schützen. Man kann ferner vorhandene Schädlichkeiten (Krankheiten) ebenso beseitigen, wie Unreinlichkeiten, also durch Abspülen (Waschen), Abschütteln, Abwischen, Abstreifen (etwa mittels Durchkriechen zwischen Bäumen) oder durch Übertragung auf andere (Einpflöcken in Bäume, Knotenbinden, Übertragen auf Tiere usw.). Vorteilhafte Einflüsse verschafft man sich durch Einverleibung (Essen von Menschen- oder Raubtierfleisch) oder Berührung (tritt der Galla auf eine ihm begegnende Schildkröte, so glaubt er harte Sohlen zu bekommen). Erst sehr allmählich dürften sich an diese den profanen analogen Handlungen auch Vorstellungen von zauberkräftigen Stoffen geknüpft haben, die man beeinflussen kann. Diese wirksamen Substanzen erfüllen die Welt und werden auf einer entwickelteren Stufe Gegenstand des Nahe und Fernzaubers. Bei ersterem wird eine in einem Dinge ruhende Kraft durch Berührung mit dem Dinge übertragen, so die materiell gedachte Zauberkraft eines Steines, Holzstücks usw.; da ferner Teile die Eigenschaft des Ganzen haben, so kann die Zauberkraft der Lebewesen durch Berührung von Teilen übertragen werden: Blut und Haare, ferner, worauf Preuß besonders hinwies, die Ausscheidungen des Körpers, wie Exkremente, Urin usw., aber vor allem auch der Atem oder der Hauch sind Träger einer Zaubersubstanz, so daß das Besprechen und Besingen von Waffen usw. h ierher gehört. Alle diese Dinge kennt auch der Animismus, und zwar als Träger der Seelensubstanz, aber sie sind es nicht notwendig und können daher schon der Zauberei dienen. An den Nahezauber schließt sich der Fernzauber, bei dem an die Stelle der Berührung mit dem Zauberträger dessen über beliebig weite Bäume ausstrahlende Wirkung tritt. Man kann also die abgeschnittenen Haare oder einen Speiserest bezaubern und damit den Menschen treffen, dem die Haare einst gehörten oder der die Speise genossen hat. Weiterhin dienen Nachbildungen als Ersatz für das zu bezaubernde Wesen: Sticht man eine Nadel in ein Bild, so schädigt man den unter dem Bilde gedachten Menschen. Endlich liegen analogisierende Zauberhandlungen vor, wenn man Wasser kocht oder schwitzt, um die Regenwolken herbeizuziehen, Tänze aufführt mit Masken, die ein Jagdtier darstellen, um die Beute herbeizuführen, oder wenn (Togo) während eines Krieges die daheim gebliebenen Frauen als Männer gekleidet und mit Stöcken statt Gewehren bewaffnet durch die Stadt ziehen, um die kämpfenden Männer zu stärken. Wie der Mensch, so kann auch das Tier zaubern, das er als nahestehend empfindet. Ehe man in Deutsch - Ostaftika einen im Dickicht umstellten Löwen erlegt, schickt man ihm einen Knaben entgegen, der in der Hand ein Zaubermittel trägt, um dem Tier seine Kräfte zu nehmen (Meinhof). Die Zauberkraft des Tieres kann man natürlich der eigenen hinzufügen, wenn man es nachahmt oder tötet, wodurch die Zauberkraft, deren Behälter es ist, frei wird (Preuß). Die Zauberkraft des Menschen kann auch nicht groß genug sein; denn sie dient ihm nicht allein zur Sicherung seiner Person, sondern muß auch bei allen Verrichtungen helfen, bei denen er des Erfolges nicht von vornherein sicher ist Krieg, Jagd, Fischfang, die Landwirtschaft und Viehzucht, gewerbliche Tätigkeiten, wie vor allem das Schmelzen und Schmieden des Eisens in Afrika oder der Boot- und Hausbau in Melanesien, das Gerichtsverfahren (s. Eid bei Naturvölkern) und jeder Vertrag bedürfen der Zauberhilfe zum günstigen Ausgang ebenso wie manche physiologische Vorgänge im Leben des einzelnen (z. B. Schwangerschaft, Geburt) oder Reisen, Unternehmungen irgendwelcher Art (z.B. auch Diebstahl) usw. So ist das ganze Dasein des Eingeborenen von magischen Handlungen erfüllt, und sie erreichen ihren Zweck, ohne daß dazu irgendwelche Vorstellungen über Gestalt und Art der Kräfte nötig wären, gegen die sie sich richten oder die sie nutzbar machen. Auch eine Normierung der Handlungen ist wohl anfangs nicht erforderlich, und die Zahl der Zauberhandlungen ist so überaus groß, daß gerade die Zauberei als Werk der einzelnen Menschen erscheint, die auf Grund individueller Erfahrung zu den verschiedensten Zaubermethoden gelangten. Wenn sie dennoch gemeinsame Züge besitzen, so beruht das darauf, daß der Zauberglaube eine bestimmte Denkweise voraussetzt; seine Fortdauer und Anpassung durch die verschiedensten R. hindurch und sein Vorkommen bei den höchsten Kulturvölkern erklärt sich letzten Grundes daraus, daß diese Denkweise, die bei Naturvölkern allen Individuen eigen ist, auch bei den Kulturvölkern, wenigstens in gewissen Schichten, nicht fehlt.

3. Seelen- und Geisterglaube, Manismus, Animismus. Der Stufe des Zauberglaubens entsprechen allmählich entstandene Vorstellungen einer in konkreten und abstrakten Dingen vorhandenen materiellen Zauberkraft, die der Mensch handhaben kann. Um die Kluft zwischen dieser und der Vorstellung von persönlichen Seelen und Geistern zu überbrücken, nimmt Vierkandt eine zweite Stufe an, die zeitlich nicht notwendig auf die erste folgen muß, sondern mit ihr verbunden sein kann, die Stufe der analogisierenden Auffassung der Natur: Der Mensch schreibt den ihm ferner stehenden Dingen seine eigenen Beweggründe und Fähigkeiten zum Handeln zu oder sieht in sie Bestandteile seiner Umgebung hinein, die ihm besonders geläufig sind. Daher sind ihm z.B. die Tiere so klug wie die Menschen und ursprünglich. auch mit deren Kulturgütern versehen, die sie nur durch Zufälle verloren, und der Buschmann sieht in der Milchstraße die von einem Mädchen am Himmel ausgestreute Asche. Von dieser Stufe aus ist der Weg zum Animismus nicht mehr weit, der außermenschliche Personen annimmt. Dieser Vorstellungskreis wird auf Erfahrungen zurückgeführt, die der einzelne Mensch im Traume machte: Der Träumende legt weite Strecken zurück, verrichtet allerlei und sieht entfernt wohnende Bekannte oder Verstorbene gegenwärtig und handelnd. Berücksichtigt man das Erklärungsbedürfnis des heutigen Primitiven, so konnte in der Tat der Traum zu der Vorstellung eines zweiten Ichs führen. Damit war die Gegenüberstellung von Körper und Persönlichkeit oder Seele, wie wir sie nennen, erreicht, zu der gleichen Auffassung konnte man durch den Vergleich des Toten mit dem Lebenden gelangen. War einmal der Dualismus für den Menschen gewonnen, so führte ein weiterer Schritt zu seiner Ausdehnung auf Tiere und Dinge, schließlich auch zur Annahme von Geistern mit selbständiger Existenz. Dem reinen Animismus ist daher der Seelenglaube voranzustellen. - Seelenvorstellungen. Die Menschenseele wird körperlich gedacht als Dampf oder Häutchen, sie ist "Schatten" oder "Atem" usw. Sie erfüllt den Körper, doch scheint oft das Herz als ihr Sitz angesehen zu werden, auch im Blut ist sie enthalten. - Die Seele des Lebenden ist nicht dauernd an den Körper gebunden. Sie kann ihn verlassen und selbständige Erlebnisse haben, Fremden Rat erteilen, der gewissenhaft befolgt wird, an Jagden oder Festen teilnehmen usw. (der Mensch träumt Wanderungen usw.), während der Körper schläft oder bewußtlos ist. Der Kundige, so das Mitglied eines Geheimbundes, kann seine Seele fortsenden und bei Fernen Unheil stiften lassen, vor allem vermag dies der Zauberpriester, der überdies in Verzückung gerät oder dessen Körper in Krämpfe verfällt, während seine Seele gegen die Krankheit seines Patienten kämpft. Er ist dann "außer sich". Die Seele verläßt beim Tode den Körper durch den Mund als Hauch. Hier und dort muß dieser letzte Hauch eines Häuptlings von seinem Sohne mit dem Munde aufgefangen werden, damit er die Nachfolge antreten kann. Erholt sich ein Sterbender, so kehrt die Seele zurück, die ihn schon verlassen hatte; mitunter kann man sie wieder einfangen und den Sterbenden wieder zu sich bringen, wenn ein Verwandter den Rock des Kranken an einer Bambusstange zum Fenster hinaushält, und ein Priester die Seele in den Rock beschwört (China). Ähnlich wird ein Scheintoter bei den Ewe durch den Zauberer erweckt. - Die Seele des Toten kann das Haus durch Fenster oder Tür verlassen, gewöhnlich aber bleibt sie zunächst wenigstens in der Nähe der Leiche, wenn sie auch beim Eintritt des Todes abwesenden Verwandten in der Gestalt des Sterbenden erscheinen kann, um den Tod anzuzeigen (Polynesien). Überhaupt hat die Seele des Verstorbenen, das Gespenst, der Regel nach menschliche Gestalt; sie ist auch individualisiert, da sie etwaige Verstümmelungen des Verstorbenen zeigt, und ein langes Krankenlager vor dem Tode macht auch das spätere Gespenst mager und schwach. Diese Seelen können sprechen und handeln, man kann ihre Fußspuren finden, sie schlagen, verletzen, vertreiben, der Zauberer der Duala vermag sie zu Zauberzwecken einzufangen. Endlich sind die Gespenster zwar der Beweis für ein Fortleben nach dem Tode, aber sie leben nicht ewig; sie werden mit der Zeit schwach und klein und vergehen (Mpangwe) (allmähliches Verschwinden der Verstorbenen aus dem Gedächtnis der Lebenden?). Seelen können aber auch getötet werden, und die Matambe - Witwe taucht vor der Wiederverheiratung in einem Fluß oder Teich unter, um die etwa an ihr haftende Seele des ersten Gatten zu ertränken. Nicht überall besitzt der Mensch eine Seele; anscheinend unter dem Einflusse der Vorstellungen über Totenreich und Jenseits entstand die Mehrzahl der Seelen, die verschiedene Aufgaben haben. Die eine bleibt etwa auf Erden, die andere wandert ins Totenreich. Daran kann sich eine Rangordnung der Seelen knüpfen. Diesen höheren Vorstellungen gegenüber steht z. B. die der Schambala, bei denen innere Unruhe als Folge des Streites der beiden Seelen aufgefaßt wird. Bei anderen Völkern kennt man drei, auch vier verschiedene Seelen eines Menschen. - Tier-, Pflanzen-, Gegenstandsseelen: Wie die Menschen, so haben Tiere eine Seele, fehlt doch im Gedankenkreise des Primitiven das Bewußtsein der Kluft zwischen Mensch und Tier völlig. Auch Pflanzenseelen kommen vor und schließlich Gegenstandsseelen: Das Gespenst das etwa bewaffnet gesehen wird, trägt natürlich keine wirklichen Waffen, sondern gespenstische usw. An diese Seelenvorstellungen knüpfen sich die Gebräuche bei der Bestattung (s. Bestattung der Toten), die Beigaben an Menschen, Tieren, Speisen, Geräten haben den Sinn, daß ihre Seelen der Seele des Verstorbenen dienen sollen; auch die Opfer am Grabe gehören hierher oder die Tötung eines Menschen, damit er dem verstorbenen Häuptling Nachricht bringe. Auch der Totemismus (s.d.) ist hier anzuknüpfen; das Totem, mag es Tier, Pflanze oder Gegenstand sein, hat eine Seele, mit der der Lebende genealogisch verbunden ist. Endlich gehört die Seelenwanderung hierher. Der Ewe hat neben seiner irdischen oder niederen Seele eine zweite göttliche, die ihm bei der Geburt aus dem Jenseits gesandt wurde, der er Opfer darbringt, und die nach seinem Tode ins Jenseits zurückkehrt, um dann wieder in einen neuen Menschen gesandt zu werden. In Melanesien und in Afrika wandert die Seele in ein Tier oder einen Baum oder Berg usw., die darum heilig gehalten werden; von hier vermag sie in die Körper der Nachkommen zu wandern. In Afrika muß der Jäger erkennen können, ob er ein wirkliches Tier jagt oder ein gespenstisches mit der Seele eines Menschen. Das braucht nicht einmal die Seele eines Verstorbenen zu sein, sie kann auch einem zauberkräftigen Lebenden gehören, so daß unserem Werwolf dort der Werlöwe usw. entspricht. Wieder ein anderer Gedankengang macht die Hyäne zum Seelentier. Bei den Massai frißt sie die Verstorbenen, daher ist sie mit Ehrfurcht zu behandeln. Verbreitet ist der Glaube, daß die Schlange ein Seelentier ist; er entstand vielleicht durch die Beobachtung, daß Leichen von Würmern zerstört werden, von denen der Weg zu den Schlangen führt, die anderseits auf der Erde und vor allem in Höhlen leben, also dem unterirdischen Totenreich besonders nahe sind. - Geisterglaube: So wahrscheinlich die Vorstellung von einer Seele der Ausgangspunkt für eine den reinen Zauberglauben überragende Religionsform ist, so schwierig ist die Verfolgung der Formen selbst. Unserem Bedürfnis nach systematischer Einsicht entspricht nichts weniger als die religiösen Vorstellungen der Naturvölker, in denen überhaupt erst wenige Reihen klar zu liegen scheinen, die aber zusammenhanglos nebeneinander oder sich durchkreuzend verlaufen und unvermittelt abbrechen. Ihre geschichtliche Entwicklung ist unbekannt, und wir können nur versuchen, ein vom Einfacheren fortschreitendes System aus theoretischen Gründen aufzustellen. Dazu kommt die dauernde Schwierigkeit, daß wir feste Begriffe brauchen und daher auch auf diesem Gebiet eine Terminologie anwenden müssen, während ihre Berechtigung durchaus nicht überall feststeht. So ist es schon bei den Tier- oder Pflanzenseelen zweifelhaft, ob die Seele die eigene Seele des Tiers oder der Pflanze ist oder die eines Verstorbenen, die dort ihren Sitz hat. Die dritte Möglichkeit ist die, daß ein Geist in ihnen wohnt. So geht der Seelenglaube (s. Manismus) in den Geisterglauben (s. Animismus) über, und der einzige Unterschied scheint zunächst der zu sein, daß man sich bei der Seele eines genealogischen Zusammeithanges bewußt ist, bei dem Geist nicht. Einer der vielen denkbaren Übergänge wäre dann der, daß die Seelen längst Verstorbener als Geister angesehen werden, indem wohl die Erinnerung an die etwa besonders wohltätige oder bösartige Seele, nicht aber das Bewußtsein der Verwandtschaft ihres einstigen Trägers mit der lebenden Generation sich erhält. Einen anderen Übergang bietet Afrika: Die Seelen gehen in den Wald, aber hier haust nicht eine Anzahl Seelen, sondern ein Waldgeist, der als Sammelform der Seelen aufzufassen wäre. Jedenfalls kennt die Vorstellung vieler Völker Geister, die ihre Umwelt erfüllen und neben den Seelen vorhanden sind. Der Geist, der im Walde seinen Sitz hat, ist auch in jedem Ast oder Blatt vorhanden, der Eulengeist ist in jeder Eule anwesend usw. Dabei ist die Vorstellung von dem Geiste zunächst eine materielle und der von der Seele nachgebildet, gleich ihr wohnt er in Höhlen, Felsen, Bergen, Quellen, Seen, Flüssen, Strudeln, Hainen, Wäldern usw. Die Geister entsprechen ungefähr den Dryaden, Oreaden usw., den Elfen, Kobolden usw., die neutral als Dämonen, tendenziös als Teufel zusammengefaßt werden. Allein die Geister können auch zusammenfließen, statt der Einzelgeister mit immerhin beschränktem Wirkungskreis hat man es dann mit einem Kollektivgeist zu tun, der mit einer gewaltigen Macht ausgestattet ist und sehr gefürchtet wird; er erscheint schlechthin als " Kraft". -Gemeinsam ist den Seelen und, Geistern die Eigenschaft der Einkörperung. Die Seele oder eine der Seelen des Verstorbenen bleibt in der Nähe des Grabes und hat ihren Sitz in den körperlichen Resten, mag sie auch in den auf dem Grabe wachsenden Baum oder den umgebenden Hain übergehen. Die Seele ist also in dem Schädel oder einem anderen Knochen, auch in dem der Leiche abgeschnittenen Haar, anwesend, d.h. eingekörpert. Der Geist ist es ebenso in dem Berg oder Felsen und in einem Stück, das man davon abschlägt. Hinzukommt, daß der Geist seinen Sitz wählen kann; er bevorzugt z.B. einen bestimmten Baum, der dann zur Stätte der Verehrung wird. Gleiches tut die Seele, wenn sie nicht ausschließlich bei den Überresten bleibt. Diese Einkörperung erhält ihre Bedeutung dadurch, daß der Mensch mit dem Objekt auch das darin befindliche geistige Wesen in seinen Besitz bringen, daß er ihm auch einen Sitz anweisen kann. Das ist wichtig, weil der Primitive die Seelen und Geister opportunistisch beurteilt; sie sind in ihren Handlungen, deren Motive menschliche sind wie Anhänglichkeit oder Haß, Wohlwollen oder Heimtücke, entweder gut oder böse. Zu den der Regel nach guten gehören die Seelen der eigenen Familie, zu den bösen die Seelen Nichtverwandter, gelegentlich ganz persönlich die Seele eines Feindes. Gut oder böse sind auch die Geister; die guten haben die Aufgabe, den Menschen gegen die bösen zu schützen. Der alte Gedanke des Abwehrzaubers erscheint hier in Verbindung mit Persönlichkeiten, die Träger der Kräfte und Fähigkeiten sind. Man ist des Schutzes sicher, wenn man stets ein Objekt zur Hand hat, das einen guten Geist oder eine verwandte Seele enthält. Dazu dienen z.B. die Schädel Angehöriger, die man im Hause aufbewahrt, ein kleiner Knochen von ihnen, den man an sich trägt oder ein Gürtel aus ihrem Haar (s. Ahnenkultus), auch die Masken haben zum Teil den gleichen Sinn (s. Masken der Eingeborenen, Pubertätsfeste). Man kann auch ein Bildnis machen aus Stein, Holz, Mark, Lehm usw., das der Seele als Sitz angewiesen wird; es wird am Körper, am Gerät, am Haus, am Boot usw. angebracht (Ahnenbilder). Man kann auch Seelen und Geister in Idole (s.d.) einkörpern, die man dann im Haus, Hof, Garten, in der Pflanzung, am Dorfeingang, an Wegen usw. aufstellt; man gibt ihnen dabei mitunter (Bantu) eine drohende Haltung oder behängt sie noch mit den Abwehrmitteln, die der Zauberglaube kennt (s. oben). Man bedarf auch reichlichen Schutzes. Mißwachs, Regenmangel, Schiffbruch, Viehseuchen, Krankheiten (s. Medizin der Eingeborenen), jedes Ungemach oder Unglück, das die Gesellschaft, die Familie oder den Einzelnen betrifft, können, sofern sie nicht auf dein Zauber Lebender beruhen, die Tat böser Seelen oder Geister sein, die sie unmittelbar veranlaßten oder herbeizauberten. Als Zauber ist wohl auch die Tätigkeit der in den Idolen usw. eingekörperten Kräfte zu denken; denn der Seelen- und Geisterglaube ersetzt nicht den Zauberglauben, sondern verschmilzt mit ihm und bildet ihn fort.

4. Gottheiten. Die Macht der Seelen und Geister ist bei den einzelnen Völkern verschieden; das mag mit den Ansprüchen an die außermenschlichen Kräfte zusammenhängen, also schließlich mit der Kulturstufe und den geschichtlichen Erlebnissen des Volkes. Aber auch bei dem gleichen Volke sind Unterschiede vorhanden, die auf Abstufungen des angeblich wahrgenommenen Nutzens oder Schadens beruhen worden. Dann heben sich aus der Fülle der Seelen und Geister einige heraus, die besonders beliebt oder gefürchtet sind, und die Masse der außermenschlichen Wesen wird durch eine Rangordnung gegliedert, in der höhere über niedere herrschen, die ihre Anordnungen ausführen; über Seelen und Geister, die fortbestehen, treten Gottheiten, die aber dem menschlichen Vorbilde in ihrer Gestalt, ihren Motiven, profanen und zauberischen Handlungen gleichen, so daß sie sich mehr durch Rang und Ansehen als durch besondere Machtfülle von ihren Untergebenen abheben. Ihre Herkunft ist überdies in rächt seltenen Fällen erkennbar. In Mikronesien und Polynesien führen die Stammtafeln der Häuptlingsgeschlechter auf göttliche Ahnen zurück. Die Mythe weiß von ihnen Schöpfungen, die Einführung nützlicher Pflanzen usw., die Erfindung wichtiger Techniken und anderer Kulturgaben zu berichten; sie werden wohl als Herden bezeichnet. Mythische Stammbäume verbinden sie miteinander. Allein zweifellos sind ebenso oft Seelen zu Heroen, wie der manistischen Stimmung des Volkes entsprechend Geister sekundär in genealogische Vorstellungen eingefügt worden, während sie anderwärts sich einfach zu Gottheiten wandelten. Das gilt vor allem von den Geistern, die nicht mit den Seelen zusammenhängen, sondern unmittelbar aus der Personifikation von Naturkörpern, von Naturerscheinungen oder kulturellen Ereignissen hervorgingen. Solche Dämonen sind in Tieren, Pflanzen, Felsen, Erde, Wasser usw. eingekörpert oder im Himmel, Regen, Donner, Blitz, Wind, Sonne, Mond usw. Manistische und animistische Vorstellungen durchkreuzen sich hier in der mannigfaltigsten Weise. Indessen kommt den Dämonen gewöhnlich wohl nur eine Funktion zu, während die Gottheiten mehrere haben und eine größere Bewegungsfreiheit besitzen, so daß sie dem Menschen in sehr verschiedener Weise nützlich oder schädlich werden können. Die einen Gottheiten sind an sich gut oder wohnen weit entfernt im Himmel; sie spielen im Leben des Eingeborenen der Regel nach keine Rolle, man wendet sich nur in besonderen Fällen an sie, daher weiß man wenig von ihnen, vor allem haben sie geringe oder gar keine irdischen oder menschlichen Züge. Andere Gottheiten erlangen Bedeutung als Häuptlinge des Totenreiches, in das die Seelen eingehen. In dauernden und lebendigen Beziehungen steht das Volk dagegen zu den Wesen, die bestimmte Tätigkeiten haben und unmittelbar in das Leben eingreifen, wenn sie handeln oder eine Leistung unterlassen. Das trifft bereits für bestimmte Geister zu, so die Spuk- und Krankheitsdämonen Afrikas, mehr noch für die Gottheiten: Die Erde gibt Kindersegen und wird beim Eide zur Zeugin der Unschuld angerufen (Togo), der Herr des Waldes bringt Krankheiten (Deutsch-Ostafrika), die Wassergottheit bringt Nebel und Mücken, die Himmelsgottheit Regen (Massai), die Vegetationsgottheiten sorgen bei den Hackbauern dafür, daß Saat und Ernte gelingen, sie begleiten den Eingeborenen und seine Arbeit durch das ganze Jahr als Kulturgottheiten, die Ewe kennen besondere Schutzgottheiten für den einzelnen und die Gesellschaft. Neben Manismus und Animismus steht bei vielen Völkern eine Anzahl von Obergottheiten, denen niedere und außerdem die Geister und Seelen untergeordnet sind. Auch eine Scheidung macht sich bemerkbar, insofern die höheren Gottheiten oft Himmelsgötter, die Dämonen meist irdische Wesen sind. Äußerlich haben die Endformen Ähnlichkeit mit dem Polytheismus (Vielgötterei), aber es ist doch durchaus zweifelhaft, ob man diesen auf dem klassischen Boden entstandenen Begriff auf afrikanische und ozeanische Gottheiten anwenden darf. Ähnlich steht es mit dem Begriff des Monotheismus, wenn auch sicherlich auf manistischer oder animistischer Grundlage eine höchste und mächtigste Gottheit vielfach vorhanden und damit eine Vorstellung gewonnen ist, die die Einschmelzung der übrigen ermöglichen würde. Jedenfalls ergeben Manismus wie Animismus zunächst eine Anzahl von nebeneinanderstehenden Gottheiten, die gleich den Menschen verschiedenen Rangstufen angehören können. Erhebliche Unterschiede der Macht und des Wirkungskreises sind damit aber nicht notwendig verbunden; wo Göttersysteme bestehen (Sudan) oder weit, überragende Gottheiten (Deutsch - Ostafrika), ist ein Einfluß höherer Religionen wahrscheinlich. Auch wenn man von diesen absieht, bieten die einheimischen R. ein nichts weniger als einheitliches Bild. Neben den persönlichen Gottheiten und den Dämonen besteht der reine Zauberglaube, und ein besonders starkes Element bildet zumal der reine Manismus, der in der Verehrung der eigenen Vorfahren als Pfleger der Familie gipfelt. Wo die totemistische Verbindung von Mensch und Tier besteht, erscheint er äußerlich als Tierdienst, der andererseits aus der Annahme einer Tierseele oder der Einkörperung einer Seele oder eines Geistes hervorgehen kann; bei der großen Verbreitung der Vorstellungen hat sich für sie trotz ihrer verschiedenen Entstehung die Bezeichnung Animalismus eingeführt.

5. Kultus. Der Verkehr zwischen den Menschen und den außermenschlichen Gewalten geht in festen Formeln vor sich. Abgesehen von den einfachsten Handlungen ist schon die Zauberei nur wirksam, wenn bei der Ausführung bestimmte Regeln innegehalten werden, ebenso wird der Familienälteste, der die Reste seiner Vorfahren etwa zur Krankenheilung verwendet, ein hergebrachtes Verfahren einhalten. Nun sind aber die guten Kräfte nicht unbedingt gut. Wären sie es, so brauchte man sich nach der Logik der Afrikaner oder Ozeanier nicht um sie zu kümmern, da sie ja sowieso dem Menschen nützen. Zunächst muß man bei der Verwendung der Schädel, Masken, Idole usw. bestimmte Formeln beobachten, damit die Kräfte auch richtig wirken; sie erhalten besonderen oder neuen Schmuck, man schlägt einen Nagel in das Idol (Afrika) usw. Aber auch ohne dies muß man Seelen und Geister bei wohlwollender Stimmung erhalten, den bösen Elementen durch Gebet und Opfer die dauernde Ehrfurcht zu erkennen geben. Alle solche Handlungen bilden den Kultus, und je nach dem Objekt der Einkörperung spricht man von Ahnen-, Tier-, Schlangen-, Schädel-, Baum-, Wasser-, Bergkulten usw. Jedenfalls braucht der Primitive der Regel nach ein sichtbares Objekt für den Kultus, und hier liegt eine Brücke zum Fetischismus. Der gebildete Eingeborene weiß, daß das Idol der Sitz des geistigen Wesens ist, an das er sich wendet, der ungebildete erwartet von dem Idol selbst die Hilfe und verhüllt es oder kehrt es um, damit es nicht sieht, was er etwa Unrechtes tut. - Der religiöse Kultus umfaßt die Versuche, durch die die Seelen, Geister, Gottheiten beeinflußt werden sollen, um die Wünsche des Menschen zu erfüllen. I hre Wirkung ist vor allen Dingen eine Beruhigung des inneren Menschen, durch die er neue Zuversieht gewinnt; er verpflichtet in gewissem Sinne die höheren Gewalten zum Beistand oder beschwichtigt ihren Zorn. Die Mittel, die er anwendet, sind die gleichen, die er Mitmenschen gegenüber als wirksam erkannte: er verrichtet ein Gebet, d.h. er bittet und er bringt Opfer dar, d.h. er schenkt einen Gegenstand oder gibt sein Eigentum als Entschädigung für eine Kränkung oder Schädigung her, auch legt er wohl ein Gelübde ab, durch das er sich freiwillig Entsagungen vorschreibt. Das Gebet hat dabei nicht bloß die Bitte zum Inhalt, sondern auch eine Anrufung, ja ein Duala begann es mit einem langen Pfiff, damit die Gottheit aufmerke, und wiederholte ihn nach jedem Satz. Anderseits hat die Gebetsformel die Bedeutung des Wortzaubers (s.o.); seine Wirkung wird durch Wiederholung verstärkt, so daß man auf die Gottheit einen Zwang ausüben kann. Das Opfer kann die Bedeutung der Stellvertretung haben, wenn z.B. ein Kranker der Gottheit einen anderen Menschen als Ersatz für sich selber darbringt; freilich tritt gerade beim Menschenopfer (s.d.) bald eine Abschwächung ein, so daß schließlich Nachbildungen genügen oder das Tieropfer das Menschenopfer ablöst, etwa weil auch das Tier ein Lebewesen ist und dem Menschen ebenso gehört wie sein Haar oder sein Finger, die er sonst hergab. Dem Tieropfer verwandt ist das gewöhnliche Opfer von Nahrungsmitteln, die die Gottheit verzehrt oder deren "Seele" sie aufnimmt, auch Opfer von Gegenständen sind nicht selten. Sie sollen der Ernährung und der Bequemlichkeit der Gottheit dienen, berühren sich also andererseits mit dem Totenopfer, bei dem man Menschen, Vieh und Habe dem Toten mitgibt aus Fürsorge, aber auch aus Furcht vor seinem Zorn, als Bitte um seine Gunst und schließlich aus Pietät. Ursprünglich liegt dem Opfer jedenfalls der Gedanke von Leistung und Gegenleistung, d.h. einer Art von Vertrag (Handel?), zugrunde; man opfert, um eine Gegenleistung zu erbitten, aber auch um für eine Leistung zu danken. Die subjektive Wirkung der Kulthandlungen wird wesentlich erhöht, wenn sie vor dem Idol und an einem besonderen Platze stattfindet, der Kultstätte. Sie befindet sich im Wohnraum oder innerhalb des Gehöftes und des Dorfes, aber auch außerhalb der Siedlung, je nachdem es sich um Manen und einfache Schutzgeister oder um Gottheiten der Gesamtheit und höhere Geister handelt; sie enthält der Regel nach das Idol und ist gegen Unberufene oder Tiere durch Hecken, Zäune oder besondere Idole geschützt. - An den Verzicht auf den Genuß der als Opfer dargebrachten Speisen usw. knüpft zum Teil die Askese (s.d.) und auch die Buße an auf Grund der Vorstellung, daß die Entsagung zur Erreichung des Zweckes notwendig, und der weiteren, daß sie der Gottheit wohlgefällig ist.

6. Priestertum. Gebet und Opfer nehmen naturgemäß bestimmte Formen an, man verrichtet sie nach Vorschriften, deren genaue Befolgung die erste Bedingung für den Erfolg ist. Zwar kann jeder zaubern, beten und opfern, jeder Familienälteste den Ahnen huldigen und sie nutzbar machen, der Häuptling kann gleichzeitig Priester sein, aber nicht jeder kann die Fülle von Geistern und Gottheiten und die Besonderheiten ihrer Kulte beherrschen. Das führt zur Spezialisierung, und einzelne Menschen übernehmen die Aufgabe, den Kult der einen oder der anderen Gottheit zu leiten und zwischen ihr und den Menschen zu vermitteln: Der Priester steht in einem besonderen Vertrauensverhältnis zur Gottheit. Er wird daher vielfach (Ozeanien) der Träger der Mythen und Überlieferungen, die sich an die Taten der Gottheit knüpfen. Seine Beziehungen zu ihr sind dabei zauberische, und so fällt ihm auch ein erheblicher Teil der Zauberhandlungen mit oder gegen Menschen zu. Er weiß Zaubermittel zu bereiten; gibt er im Sinne des Auftraggebers wirksame Mittel und Gegenmittel her, so ist er der Zauberpriester, dem man sich gerne anvertraut, schädigt er aber andere Menschen, so wird er zum Hexenmeister, den man fürchtet. Der Priester wehrt Schaden ab, vertreibt Krankheitsgeister (s. Medizin der Eingeborenen), sorgt für Regen usw., so daß er dem einzelnen und der Gesamtheit unentbehrlich ist. Auch die Gesellschaft bedarf seiner; die Ereignisse des Familienlebens, wie Geburt, Mannbarkeit, Eheschließung, Tod, erfordern seine Tätigkeit, ebenso wie Vorgänge der inneren oder äußeren Politik; er wirkt bei Rechtsfragen mit, Eid (s. Eid bei Naturvölkern) und Gottesurteil Fallen in sein Bereich (Westafrika). Seine Verbindung mit den außermenschlichen Kräften und M ächten schafft ihm eine besondere soziale Stellung, die sich freilich nur dem. Volke gegenüber gleichbleibt; von der Macht des Häuptlings dagegen hängt es ab, ob er unter, neben oder über diesem steht. Auch eine räumliche Absonderung kommt vor. So gibt es in Togo Dörfer, deren Kern eine Kultstätte und die Priester mit ihrem Anhang als Bewohner bilden, als selbständige Siedlungen; auf Ponape (s.d.) bestand einst die heilige Stadt aus der Königs- und der Priesterstadt. Dennoch ruht das Priestertum nicht allein auf diesen Wurzeln, der Priester muß gewöhnlich auch zur Ekstase fähig sein, während der er augenscheinlich mit der Gottheit verkehrt und mit ihr zu verkehren glaubt, der er Botschaften überbringt und deren Willen er dem Volke verkündet. Narkotische und andere Mittel (Lärm, Tänze helfen ihm, den Zustand zu erzeugen, in dem er tobt, sich in Krämpfen windet, halluziniert usw., aber die Grundlage bildet doch eine psychische Disposition, die nicht jedem Menschen eignet. Wenn in Togo z. B. die Gottheit ihren künftigen Priester einen Gegenstand auf dem Wege finden läßt, der anderen Menschen nicht sichtbar ist, so liegt hier deutlich die visionäre Befähigung als die Bedingung für die priesterliche Tätigkeit zutage. Jede Gottheit hat ihre eigenen Priester, die in hohem Ansehen stehen und sich meist durch besonderen Schmuck oder Attribute unterscheiden; von ihnen sondern sich die Zauberpriester ab, die lediglich Zauberei treiben, einen geringen Rang haben und in ihrer Existenz ständig durch Mißerfolge gefährdet sind. Das Priestertum scheint schließlich auch die Brücke zu bilden für die Verknüpfung der Religion mit der Sittlichkeit, die zunächst gar nichts mit religiösen Dingen zu tun hat. Das Verhalten des einzelnen gegenüber den Mitmenschen oder der Gesamtheit regelt allein das Herkommen, und für das Wohlverhalten sorgt die Kritik der öffentlichen Meinung oder die drohende Rache der Geschädigten, zu denen natürlich auch Ahnen als Angehörige oder frühere Gesetzgeber ebenso gehören wie die Geister jeder Art. Das Priestertum der Häuptlinge oder besonderer Personen stützt nun aber nicht allein das Herkommen, sondern wird das Mittel, um neue Sitten und Gebräuche dadurch einzuführen, daß sie als Wille der Gottheit verkündet werden. Die der menschlichen überlegene Einsicht der Gottheit, die hierin zum Ausdruck kommt, ißt auch ein wesentlicher Grund dafür, daß dem Priester die Aufgabe zufällt, nicht nur dem Kausalitätsbedürfnis des Menschen durch Ermittlung der Ursachen oder richtiger Verursacher eines Vorganges oder Ereignisses zu genügen, sondern vor allein ihm einen Blick in die Zukunft zu eröffnen.

7. Orakelwesen. Der Eingeborene verfügt über Erfahrungen, kennt jedoch keine innere Gesetzmäßigkeit des Geschehens. Wo er über die unmittelbare Gegenwart hinaus Gewißheit haben will, bedarf er daher der Hilfe außermenschlicher Kräfte. Was er selbst nicht weiß, wissen wahrscheinlich sie, und man kann sie, mögen sie sonst den Menschen noch so weit überragen, durch einfache menschliche Mittel veranlassen und selbst zwingen, ihr Wissen von der Zukunft zu offenbaren. Die Anfänge des Orakelwesens stehen im Zauberglauben. Die Zauberkraft des einzelnen Menschen ermöglicht es ihm, z.B. aus dem Verhalten der Tiere, die Antwort auf eine Frage zu erhalten. Dabei scheint ursprünglich das Tier einfach als zauberkräftiges Wesen empfunden zu werden, erst später als Bote oder Sitz einer Seele oder eines Geistes. Die einfache Form des Tierorakels, der Angang, ist weit verbreitet; ob ein Vogel rechts oder links fliegt, dieses oder jenes Tier dem Fragenden öder Zweifelnden begegnet, zeigt den Ausgang des Unternehmens an. Das Benehmen der Tiere wird beobachtet, die durch ihre Lebensweise Beziehungen zum Himmel, also den Gottheiten (Vögel) oder zur Unterwelt, also den Seelen, zu haben scheinen (Schlangen und Eidechsen); in Westafrika ist das Verhalten der Spinne, die mythologisch mit dem Himmel zusammenhängt, von entscheidender Bedeutung. Aus vielen Erfahrungen einzelner ergibt sich zwanglos eine Reihe von Regeln, nach denen die Beobachtungen zu verwerten sind, um richtige Auskünfte zu erhalten. Allein man ist an den Willen der Tiere nicht gebunden, sondern hat eine sehr große Zahl, von Mitteln zur Verfügung, die jederzeit benutzt werden können. Los, Würfel, Stäbe, die man wirft, Sand, den man mit Strichen versieht, die Gestirne, Wasser, Feuer usw. können die Zukunft enthüllen, wenn man nur die Regeln der Deutung kennt; auch das Tierorakel kehrt hier wieder, wenn man Haustiere zur Eingeweideschau verwendet. Eine besondere Kunst ist die Deutung der Träume. Endlich kann man auch die Seelen der Toten beschwören und Idole, die Sitze von Geistern oder Gottheiten befragen. Wie beim Kultus, so werden auch beim Orakelwesen die Priester notwendig, da sie allein die Technik einwandsfrei beherrschen und auch gegen die Gefahren gefeit sind, die mit der Befragung einhergehen. Daher werden zwar Angang, Loswerfen, Sandorakel, Tierbeobachtung usw. von jedermann ausgeführt, zumal, wenn es sich um die Aufklärung einfacher Dinge handelt. Sobald aber Seelen, Geister und Gottheiten in Frage kommen, wendet man sich an den Priester, der den Verkehr mit ihnen zu erzwingen weiß. In der Ekstase spricht der Wahrsager mit den Seelen und teilt ihre Antworten mit, oder der Geist spricht aus ihm, nachdem er in seinen Körper vorübergehend eingezogen ist, oder die Gottheit gibt ihre Anwesenheit und ihre Meinung durch Geräusche Kund, die der Priester deutet usw. Damit sind dann die Anfänge der Prophetie gegeben.

8. Gesellschaftliche Beziehungen der R. Eines kurzen Hinweises bedürfen noch die gesellschaftlichen Beziehungen der Religion. Als kleinste Einheit in der Gesellschaft erscheint die Familie, in weitaus den meisten Fällen die Sippe (s.d.). Ihre Angehörigen verehren die Seelen der verstorbenen Mitglieder und den totemistischen Vorfahr. Von diesen gehen alle der Gemeinschaft nützlichen Dinge und der Schutz gegen Schädlichkeiten aus. Daher fühlt sieh der einzelne Mensch von vornherein als Glied einer aus den lebenden und den vorangegangenen Generationen gebildeten Kette, bei den Pubertätsweihen, bei jedem Unglücks- oder Krankheitsfalle, beim Tode von Verwandten wird ihm der Zusammenhang eindringlich zum Bewußtsein gebracht. Seine Handlungen werden wesentlich durch das Vorbild der Ahnen bestimmt, er handelt richtig, wenn er diesen Autoritäten folgt, und so wird der Manismus der Grund eines starken Konservatismus, der die ganze Gesellschaft erfüllt. Wo sich dennoch die unvermeidlichen Änderungen einstellen, sind es die Ahnen, die sie dem träumenden Ältesten vorschrieben. Entstehen aus den Angehörigen der Familien Bünde, die gesellschaftliche Bedeutung erlangen, so stehen sie unter einem Geiste, und wohl jeder Geheimbund hat seinen, besonderen Kult. Zeigt dann eine andere Form der Gesellschaft neben den Familien und Sippen die Gliederung in Stände oder die Absonderung von Berufsgruppen, so haben die oberen Stände und Berufe religiöse Beziehungen: der Adel besitzt göttliche Stammväter; die Feuerbereitung, die Schmiedekunst, das Tapaklopfen haben Heroen, Dämonen usw. gelehrt, die entsprechend verehrt werden. Daß auch die Wirtschaft religiöse Elemente mannigfaltigster Art hat, ist um so natürlicher, als sie die wichtigste Grundlage der Gesellschaft bildet. Manen oder Geister, Dämonen oder Gottheiten sorgen für ihr Gedeihen. Neben allen diesen Beziehungen, die persönliche außerirdische Wesen zur Gesellschaft, zur Wirtschaft, zur Technik usw. haben, steht dann überall noch die Zauberei, die alle Handlungen und Erlebnisse des einzelnen beeinflussen kann. Religiöse Vorstellungen durchdringen alle Verhältnisse der Gesellschaft und erhalten sie; dem kulturellen Fortschritt steht das auf außermenschliche Gewalten gestützte Herkommen entgegen, sofern sich nicht der Weg findet, auf dem er mit dem Herkommen in scheinbaren oder tatsächlichen Einklang gebracht werden kann.

Literatur: Comte G. d'Alviella, Croyances, Rites, Institutions, Paris 1911. - Frazer, The golden Bough, London 1911/12. - C. Meinhof, Afrikanische Religionen, Berl. 1912. K. Th. Preuß, Der Ursprung der Religion und Kunst, Globus Bd. 86/87, Braunschw. 1904/05. - E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur, Lpz. 1873 (Theorie des Animismus). - A. Vierkandt, Die Anfänge der Religion und Zauberes, Globus Bd. 92, Braunschw. 1907 (Theorie d. Zauberei). - H. Visscher, Religion und soziales Leben bei den Naturvölkern, Bonn 1911.

Thilenius.